11.11. Eine Sternschnuppe. Schnapszahlen und sich wiederholende Zahlen wie 12:12 zum Beispiel, waren ihre Sucht. Schon lange. Angefangen hatte es am Feuer. Vor bald fünfzehn Jahren. In Frankreich. Martina und sie hatten gleichzeitig zum Himmel hochgeschaut und die gleiche Sternschnuppe gesehen, als Beni, der stattdessen – ohne vom Himmelsphänomen etwas mitbekommen zu haben – auf die Uhr geschaut hatte, sagte: Es ist 22:22. Seither waren Schnaps- und Doppelzahlen für Martina und Annika ebenfalls Himmelsbotinnen. Sie tüftelten das Gesetz aus, dass man sich, wie bei Sternschnuppen am Himmel, etwas wünschen dürfe. Natürlich. Im Moment, wo aus der 22 eine 23 würde, PLING, müsse der Wunsch allerdings fertig gedacht worden sein und damit er sich erfüllen konnte, musste die oder der Wünschende den Sprung der einen Zahl zur nächsten mit eigenen Augen gesehen haben. So weit so gut. Natürlich glaubten die Freundinnen nicht wirklich an diesen am Feuer einer Herbstnacht erdachten Blödsinn. Dennoch kann Annika seither nicht umhin, hinzustarren, wenn sie irgendwo eine Doppelzahl sieht.
Hinstarren auf den Wecker. Auf den Bildschirm des Computer. Auf das Handy. Hinstarren, bis die Zahl, PLING, wechselt und der Zauber sich wieder auflöst. Und sich dabei etwas wünschen. Kann denn ein Mensch so viele Wünsche haben und wünscht sie sich überhaupt etwas? Jedes Mal? Wünscht sie sich nicht vielmehr, dass sie den Wechsel miterlebt? Ist sie gar nur süchtig nach dem Wechsel geworden. Nach der Sternschnuppe selber?
Schnitt.
Annika sitzt im Büro, saugt sich irgendwelche klugen Sätze aus den Fingern um die Präsentation einigermaßen verständlich zu machen, um dem ganzen theoretischen Gesülze ein verständliches Kleid überzuziehen, doch eigentlich ist sie in Gedanken ganz woanders. Sie träumt sich ans Meer. Nein, in den Wald. An die Sonne. In die Natur. Jetzt draußen sein. Im Gras liegen. Oder spazieren. Wandern. Radfahren. Einfach weg aus dieser Enge. Sie schaut auf die Uhr und stellt fest, dass sie noch drei Stunden und fünfunddreißig Minuten hier ausharren muss. Ausharren? Das kann es nicht sein! Nein, nicht so. Du kannst doch nicht ständig subtrahieren, Annika, du kannst deine Lebenszeit doch nicht damit verbringen, Zeit totzuschlagen! Mit Ausharren. Mit Hinstarren.
Sie schaut auf die Uhr. 14:14. Was wünsche ich mir?. Mich hier wegwünschen geht nicht! Dass ich gerne machen, was ich tue, jetzt, das wünsch ich mir. Spaß haben an der Arbeit, das wünsche ich mir. Hier sein als gut sein, als richtig sein akzeptieren. Ja, auch das wünsche ich mir. PLING 14:15.
Schnitt.
Abend. Wie schnell es auf einmal Abend geworden ist. Auf dem Heimweg summt Annika vor sich hin, lacht die Leute an, denen sie beim Fussgängerinnenstreifen den Vortritt lässt, grinst über eine besonders gelungene Werbung und fühlt sich für einmal gar nicht ausgelaugt wie nach anderen Arbeitstagen.
Schnitt.
Stillstand. Ganz ruhig ist es in ihr drin.
