Darf ein Mensch, so frage ich mich, darf ein Mensch einen anderen Menschen ungefragt als Aufgabe in sein Leben einsetzen – wie eine Schachfigur – als Platzhalter für die eigene Leere? Anders gefragt: Tun wir das nicht alle irgendwie und legitimisiert diese Tatsache das Ganze? Was aber ist, wenn dieser Mensch, der uns eine neue Lebensaufgabe gibt, ein Kind ist, eins dazu, das eben seine ganze Familie – Mutter, Vater, Schwester, Bruder – verloren hat? Und ist es, so frage ich weiter, ist es schlimm, wenn ein Mensch sich im eigenen Leben verirrt hat und an Ort tritt? Erneut drehe ich meine Frage um: Tun wir das denn nicht alle irgendwie – hin und wieder zumindest? Müßige Fragen. Ob ethisch korrekt oder nicht – Elianes Verhalten ist menschlich. So egoistisch und so empathisch wie Menschen nun mal sind. Nachvollziehbar. Den ersten Stein werfe ich zuletzt.
Sie ist mir ans Herz gewachsen, Eliane, die Psychologin. Und mit ihr auch ihre zwei flüggen Töchter. Eliane, die Koryphäe in Sachen Trauma, entwickelt unprofessionelle Gefühle, Muttergefühle genauer, als sie spätnachts ihren neuen Fall, den achtjährigen Yves kennenlernt. Wer kann es ihr verdenken? Gibt es denn etwas mehr Mitgefühl erweckenderes als ein Kind, das soeben alle und alles verloren hat?
Im Laufe der Erzählung vergesse ich, dass ein Mann dieses Buch geschrieben hat, so authentisch erzählt er die Geschichte von Eliane und ihren beiden Töchtern. Und von Yves, dem Waisenkind. Da sind auch Melanie, Elianes Freundin aus dem Krankenhaus und Madlen, Yves‘ verstorbene Mutter. Dann die Nonna und Vera, die ehemalige Nachbarin. Viele Frauen. Adrian, einer der wenigen Männer steht gleichsam als Platzhalter da, ein Stellvertreter für vergangenes, unwiederbringliches … vorerst eine Projektionsfläche, entwickelt er Eigendynamik und initiiert den einen und anderen Neuanfang. Jede Figur steht mir deutlich vor Augen, zeichnet sich wie ein Schattenriss unverwechselbar neben den anderen Figuren ab. Doch jede Figur ist zugleich auch durchlässig und so flexibel, dass immer wieder leise Wandlungen Platz finden. So kann die zickige Pubertierende unerwartet zärtliche Geschwistergefühle zeigen und intuitiv das Richtige tun.
Eine aufwühlende Geschichte, die ich fast am Stück gelesen habe. Rühmenswert besonders, dass es Lukas Hartmann gelungen ist, die Geschichte bis zum Ende wertfrei zu erzählen. Immer wieder wechsle ich als Zuschauerin meine Perspektive. Was ich über das Ganze denke, bleibt mir selbst überlassen. Schuldige auszumachen ist hier so müßig wie im realen Leben. Weder um Schuldige im großen Drama des tödlichen Autounfalls geht es, noch um Schuldige, die den alles verändernden Unfall möglicherweise herbeigeführt haben könnten. Es gibt sie nicht.
Ein starkes Buch, das mich bis zum Schluss auf seine leise Art packt und bis zur letzten Seite für Überraschungen sorgt. Sensibel geschrieben, in einer Sprache, die mich berührt.
