Grün und wild. Büropause-Raum und Aufenthaltsraum für warme Tage. Das war er, unser wildüberwachsener Innenhof. Doch kaum war in diesem Frühling der letzte Schnee geschmolzen, hatten die ersten Handwerker Gerüste an den Hausfassaden der umliegenden Häuser hochgezogen. Den Innenhof hatten sie verwüstet, indem sie alles, was ihnen im Weg stand, rodeten. Das eine oder andere Kraut blieb standhaft, die eine oder andere Staude ließ sich nicht auf diese Powergames ein. Noch nicht. Doch bereits war Morast, wo früher Gras gewachsen war, vom Regen mehr und mehr aufgeweicht, so dass wir nicht mehr draußen unsere Stühle aufstellen konnten. Machte eh keinen Spaß mehr, denn dazu war es draußen eh viel zu laut. Ringsum wurde geschliffen, gemalt und gehämmert, dass es einem Angst und Bange wurde und jede und jeder von uns musste ab und zu einen Anruf unterbrechen. Obwohl die Fenster und Türen geschlossen waren. Ich kann Sie nicht verstehen, einen Moment bitte!
Nachdem das Haus frischgestrichen, die Gerüste wieder entfernt und die Fensterläden samt neuen Lärmschutzfenstern montiert waren, ging es unserem wilden Chaos-Garten erst richtig an den Kragen. Wortwörtlich. Die Nachbarin mit dem Pferdeschwanz litt jeden Tag mehr. Noch im Frühling hatte sie, wider besseres Wissen, eigenmächtig neue Stauden gesetzt. Wie jedes Jahr. Da und dort hatte sie Töpfe aufgestellt und sich um die Rosen gekümmert, die sich wild an der Teppichstange hochgewunden hatten.
Nun wurde alles ausgerissen. Alle Bäume wurden gefällt. Der ganze Innenhof wurde wortwörtlich dem Erdboden gleich gemacht. Hätte eine Bombe eingeschlagen, hätte es kaum schlimmer aussehen können. Wenn schon mein Herz blutete, wie sehr muss es ihr wehgetan haben, der Frau mit dem Pferdeschwanz, die doch alles mit ihrem grünen Daumen und ihrer Hingabe gehegt und gepflegt hatte. Sie war oft draußen gewesen, ihr Anblick machte sie mir vertraut, auch wenn ich sie – bis auf die täglichen Grüße – nicht näher kennen gelernt habe. Eine zeitlose Frau. Vielleicht arbeitslos. Vielleicht ohne Aufgabe, ohne Herausforderung. Außer jener, die Umwelt, in der sie lebt, mitzugestalten. Und nun wurde alles, was ihr lieb war, dem Erdboden gleich gemacht. Erdboden? Unter der kaum einen halben Meter tiefen Erdschicht liegen Tiefgaragen. Unten ist oben. Der Erdboden ist das Dach der Garagen. Es gibt immer ein noch tiefer unten. Und ein noch weiter oben.
Auch die Oberlichter wurden erneuert und der Boden – oder das Dach? – frisch betoniert, abgedichtet, was weiß ich … Alles neu und Hauptsache Lärm schien das Motto dieser Gesamterneuerung. Letzte Woche nun kam die Gartencrew und füllte den Erdboden mit herbei gekarrter Erde auf. Wie den Sandhaufen eines Riesen. Die Erde wurde mit schweren Planierrollen plattgewalzt auf dass es dem englischen Rasen, der darauf gesät wurde, an nichts fehle.
Wir werden Schmetterlingsblumen säen!, beschlossen meine Büronachbarin A. und ich. Ja, das tun wir, nachts. Subversiver Akt. Stadtguerilla.
Heute sah ich sie wieder, die Frau mit dem Pferdeschwanz. Sie grüßte mich nicht. Nicht weil sie mich nicht sah, sondern weil sie nicht mehr hinsehen konnte. Den Kopf hatte sie zu Boden gesenkt. Waren das Tränen in ihren Augen? Dann sah sie doch auf und schaute sich um, schaute sich die neuen, akkurat gepflanzten, jungen Bäume und Designerstauden an. Ein kaum merkliches Kopfschütteln. Ungläubig. Artige Parklandschaft statt wie früher Lebensraum. Keine Biotope mehr, weder für Menschen noch für Tiere.
Die Frau mit dem Pferdeschwanz habe, sagte M. in der Pause, Rosen setzen wollen, auf eigene Kosten, auf eigene Faust. Sie habe von der Liegenschaftsverwaltung eine Kündigungsandrohung erhalten.