weniger sei mehr

Eine Gleichung, die unsere Mittelstufenlehrerin, Frölein S., gerne zum Besten gab. Zum Beispiel, wenn ich – weil schon früher als die anderen mit dem Aufsatz fertig – noch ein paar Sätze anfügte oder im Text Korrekturen anbrachte, die falsch waren. Verschlimmbesserungen – auch dieses Wort hörte ich das erste Mal aus ihrem Mund. So viel zu meiner Grundschulzeit. Dass weniger mehr sei, glaube ich inzwischen selbst. Unsere Sucht nach mehr, mehr, mehr, schneller, schneller, schneller, größer, größer, größer ist ja echt nicht mehr normal.

Apropos normal: In der Monatszeitschrift meiner Krankenkasse las ich gestern einen informativen und gutrecherchierten Artikel über Zwänge. Händewaschen, Putzen, Herdplatten- und Schlüssel-Kontrollieren und dergleichen mehr. Ich fragte mich, ob so Dinge wie iFöun und Blog mit der ihnen innewohnenden Eigenmacht nicht vielleicht auch zu den Zwang-Förderern gehören. Mein iFöun, ich gebe es zu, besitzt eine Macht über mich, der ich mich nur schlecht entziehen kann. Wache ich am Morgen auf, schalte ich das Teil an und gucke, ob ich Mails oder sonst welche Infos aus der Welt das draußen erhalten habe. Ich bin nicht allein. Die Mailsucht, der Mailzwang – wer kennt ihn nicht? Ein lieber Freund von mir, K., hat neulich alle seine Mailadressen zugemacht und will nun wieder ohne Internet kommunizieren. Was er mir (und vermutlich allen seinen Freunden und Freundinnen) per Postkarte mitgeteilt hat. Back To The Roots. Die Karte. Der Brief. Bin ich normal, wenn ich als erstes am Morgen … Ist normal, was alle tun, selbst wenn es krank ist?

Nein, ganz zurück will ich nicht. Nur wieder mehr in den Langsammodus einklinken. Mich mit meiner inneren Kraft, die im Grunde so gar nicht mit dieser Dauerhektik kompatibel ist, verlinken. Ooops, dieser Wortschatz! Ja, ich bin ein Kind dieser Zeit. Ja, ich liebe Technik. Ja, ich liebe Internet und alle seine Möglichkeiten.

Ich liebe es, Möglichkeiten zu haben. Aaaber … Ja, das große ABER muss hier folgen. Kein moralisches, nein, ein inhaltliches. Wenn schon Technik, dann muss sie auch funktionieren. Und sie soll nicht zu viel und nicht zu wenig Möglichkeiten beinhalten. Wer sagt, wann genug ist und ich bin weißgöttin ja nicht das Maß aller Dinge. Wie habe ich gestern mitgelitten, als sich Irgendlink wegen des im vorigen Artikel (unten) erwähnten Updates der WordPress-Blog-App um seine zukünftigen Möglichkeiten als LiveReiseBlogger betrogen sah. Natürlich hoffe ich, dass die EntwicklerInnen bald ein besseres Update bauen. Rechtzeitig vor der geplanten Pilgerreise.

Irgendwann gestern Nachmittag, nachdem ich unser Tessiner Rustico gebucht hatte, wollte ich – zwecks zu erwartender Geocaching-Wanderungen – die Koordinaten des Ferienortes auf meiner neuen, echt tollen GPS-App, die mein in Schweden verlorenes GPS-Gerät würdig ersetzt hatte, eingeben. Ooops, was ist denn da los? Neues Layout? Da muss ich wohl irgendwann – ohne darüber nachzudenken – neulich ein Update geladen haben! Merde. Was für ein Sch…Layout! Doch damit nicht genug: auch der Aufbau ist gänzlich neu. Dazu ein neues Handling und neue Ordner – neu gibt es nun pro Tag einen Ordner statt nur einen pro Thema wie bisher. Unübersichtlich! Unbrauchbar! Wer sich wohl sowas ausgedacht und gewünscht haben mag? Auch das Markieren von Wegpunkten ist nun nicht mehr intuitiv machbar. Ich jedenfalls begreife das Handling nicht. Merde und nochmals merde (nein, dieses Wort übersetze ich besser nicht, liebe nicht französisch verstehende Lesende).

Was ich sagen will: Wieso kann etwas nicht einfach mal so bleiben, wie es ist – gut. Wieso immer dieser Wettbewerb – schneller, besser, größer, moderner – dieser Vergleich, dieser Modernisierungsstress? Arbeitsbeschaffung – und wie werden eigentlich Gratis-Apps finanziert? Wer hat was davon und wie wird der große App-Kuchen verteilt?

Als ich gestern Abend, müde und fiebrig wie ich war, noch immer auf dem Sofa saß und nicht hochkam, und darum auf meinem iFöun herum tippte, fand ich mich plötzlich im App-Store wieder. Gopf. Da habe ich bisher ja tatsächlich etwas verpasst, da tat sich mir eine große Glitzerwelt auf, von der ich bisher nicht mal geträumt habe.

Das Gerücht stimmt also tatsächlich: Es gibt für alles eine App. Okay, den Rasierer, den sich J. so sehr gewünscht hat, damals in Spanien, den habe ich auf die Schnelle nicht gefunden. Auch die Abwasch-App nicht. Aber das kommt gewiss bald. Falls sich jemand von Bartstoppeln und Dreckgeschirr Gewinn verspricht, meine ich. Aus purem Altruismus ist wohl noch keine App gebaut worden. Doch zurück zum Zubehörladen auf dem Telefon. Da habe ich mir also in den virtuellen Regalen besonders die Gratisangebote angeguckt. Die meistgewählten zuoberst gelistet, logisch. Nein, eigentlich war ich nicht wirklich überrascht. Wer wissen will, was die Menschheit interessiert, muss einfach da hingehen und sich das angucken. Am spannendsten ist es bei den Büchern. Da wechseln sich 6 und Religion im Gleichtakt ab. Und die Erde dreht sich doch.

Später im Bett, wen wundert’s, habe ich, bevor ich mein Smartphone ausgeschaltet habe, nochmals die Mails gecheckt. Normal?

bald

Die Würfel sind gefallen. Wir fahren im November ins Tessin. Acht Tage im Rustico. Erschwinglicher Preis. Schöne, ruhige Gegend in einer Ecke der Südschweiz, die ich noch nicht kenne. Wanderungen durch die Herbstwälder, geocachen, tagsüber schöne Bilder machen, abends vor dem offenen Kamin lesen und philosophieren …

Ja, Vorfreude ist in der Tat eine schöne Freude. Nur live erleben ist besser!

(… dieses Bild könnte zwar aus dem Tessin stammen, tut es aber nicht. Ich war schon sooo lange nicht mehr dort …)

In eigener blogtechnischer Sache: Dies hier ist auch gleich noch ein am Laptop nachbearbeitetes Testblog mit Bild per Mail. So habe ich drei Wochen in Skandinavien gebloggt, allerdings ohne die Möglichkeit zur Nachbearbeitung. Grund für mein Experiment: Die bis dahin gute iFöun-Blog-Applikation von WordPress wurde dummerweise in den letzten Tagen arg verschlimmbessert und funktioniert seither mehrheitlich eher zufällig, schluckt Posts, verzerrt Bilder, kennt die Zeit nicht. Besonders bei Bildern versagt sie gar zu oft und wenn sich keine andere Lösung findet, wird Irgendlink auf seiner Pilgerreise im November/Dezember per Mail, so wie ich jetzt hier, bloggen müssen, oder – wie auf seiner Andorra-Reise im Frühling – wieder eine Blogbasis (Alpha I genannt) benötigen, an die er seine Mails und Bilder hinschicken kann. Auf dass die Basis (myself) das Material dann einköchele. Was allerdings dem Konzept vom unabhängigen Reisebloggen zuwider laufen würde. Und zukünftige gemeinsame Reisen verunmöglichen. Tja …

Über Verschlimmbesserungen folgt anschließend ein kleiner kritischer Artikel.