Mit gemischten Gefühlen fahre ich nach O., wo der heute beginnende Yogakurs der örtlichen Volkshochschule stattfindet. Aus einem Angebot von sage und schreibe ganzen drei Kursen auf dem Platz Z. habe ich mich für diesen einen Kurs entschieden. Meinem Rücken Gutes tun, ist Motivation eins. Neue, ähnlich gesinnte Menschen kennenzulernen die zweite. Und drittes, viertens und fünftens spielt auch die Neugier mir: Wie wird in meinem Gastland Yoga praktiziert?
Ich finde den gesuchten Ort auf Anhieb, finde sogar einen kostenlosen Parkplatz gleich auf der anderen Straßenseite und treffe vor dem Haus eine Frau, die ebenfalls nach einer Yogini aussieht, einer Frau, die Yoga praktiziert. Wir finden gemeinsam den Eingang und gehen, mangels Beschilderung, einfach mal treppauf. Wir hatten den richtigen Riecher, doch ich reibe mir die Augen, als ich den hässlichen Gymnastikraum betrete. Mit Schuhen. Die könne ich mit herein nehmen, sagt die Lehrerin, als ich Anstalten mache, sie draußen auszuziehen. Wie bitte? Einen Yoga-Raum mit Schuhen betreten?, denke ich und schlucke lee. Ich werde – wie schon von der anderen Frau, die mit mir geparkt hat – von der Lehrerin mit Sie und Nachnamen begrüßt. Wieder schlucke ich leer. Bin ich hier auf der Arbeit oder was?
Schrilles Licht, lautes Geplapper, keinerlei Atmosphäre, die Entspannung verheißt. Immerhin ist in der Mitte des Raumes ein Arrangement aus Tüchern und Teelichtern. Noch ohne Licht allerdings. Die Lehrerin geht von Frau zu Frau – Männer sind keine im Kurs – und legt uns ein zu unterschreibendes Blatt vor, das aussagt, dass wir eigenverantwortlich hier sind. Ich unterschreibe.
Das Gefühl, mich in einen Sportverein verirrt zu haben, breitet sich in mir aus. Ich schaue mich um. Geht es anderen auch so? Ich lege mich hin, wie ich das zu Anfang einer Yogastunde – müßig zu sagen, dass ich eine Yogastunde in der Schweiz meine – gewohnt bin. Entspannung geht aber nicht. Zu viel Unruhe im Raum. Zu hell das Licht. Zu viel Lärm. Lärm umgibt mich, seit ich zu arbeiten angefangen habe, auf Schritt und Tritt. In der Schule ganz besonders. Und jetzt sogar hier: da gehe ich extra ins Yoga, um mich zu entspannen und was finde ich dort? Lärm. Geplapper. Gekicher.
Noch mehr als das Geplapper selbst stört mich jedoch die Unsensibilität der Anwesenden. „Hier komme ich!“, ist das deutsche Lebensgefühl schlechthin, habe ich neulich definiert. Und vielleicht ist es genau das, was uns Schweizerinnen und Schweizer zuweilen eine leichte kollektive Antipathie für unsere deutschen Nachbarinnen und Nachbarn empfinden lässt.
Sorry, ich will hier nicht lästern. Und ich sollte nicht vergleichen, ich weiß, denn zugegeben, die einzelnen Menschen – die Kinder in der Schule ebenso wie die Menschen, die ich hier kennengelernt habe und kennenlerne – sind alle, für sich genommen, liebenswert. Doch alle auf einem Haufen sind sie doch recht – sagen wir mal – gewöhnungsbedürftig, selbst für eine wie mich, die aus einem nahen Nachbarsland kommt.
Die Stunde fängt an. Die Lehrerin entzündet die Kerzen. Sie stellt sich kurz vor und sagt etwas über die Bedeutung und Herkunft von Yoga, was sie im Laufe der Stunde durch eingestreute Inputs vertieft. Offenbar sind ein Teil der Anwesenden schon das zweite Halbjahr dabei, während andere neu im Kurs, doch yogageübt und noch andere gänzlich Yogaanfängerinnen sind. Eine große Herausforderung also, die die Lehrerin allerdings gut bewältigt. Sie ist mir sehr sympathisch, ganz besonders als sie sagt, dass wir im Raum ruhig sein und nicht reden sollen. Ob das was bringt? Wir werden sehen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, um eine Floskel an den Haaren herbeizuziehen. Oder gleich zwei.
Da ich doch schon eine rechte Zahl verschiedene Yogalehrerinnen erlebt habe, masse ich mir an, die Qualität der Anleitung einer Yogastunde beurteilen zu können. Die Lady hier macht es wirklich gut. Einzig schwierig ist für mich, da ich ja nicht so gut höre, dass sie sich während der Anfangsübungen, die wir liegend ausführen, im Raum bewegt und manchmal so weit von mir entfernt ist, dass ich sie schlecht verstehen kann. Ansonsten fand ich die Lektion inklusive Schlussentspannung sehr schön und sogar – jaaaa! – sehr ähnlich, wie ich es mir von meiner Lieblingsyogalehrerin Ch. in Bern gewöhnt bin.
Peinlicherweise klatschen ein paar Frauen nach dem leider viel zu kurzen, abschließenden Om-Singen und dem anschließenden Namasté-Abschiedsdankgruß. Klatschen? Also echt! Und schon geht das Geschwätz wieder los. Und da wird nicht etwa nur leise geredet, nein, so laut wie auf der Straße oder in der Kneipe gegenüber. Meine Idee, hier Leute kennenzulernen, ist vielleicht nicht umsetzbar, denn ich kann nur schleunigst die Flucht ergreifen. Insbesondere, da uns die Lehrerin geraten hat, den Abend still zu vollenden.
Im Auto grüble ich vor mich hin: Wie lernbereit für etwas neues sind wir alle – noch? Wie intolerant bin ich selbst? Muss wirklich alles wie „zuhause in der Schweiz“ sein?
Nein, natürlich nicht. Dennoch. Hm. Verbesserungen anzuregen ist erlaubt. Und genau das werde ich vermutlich das nächste Mal tun … Mal sehen.
Tag: 23. August 2011
verloren
Hier könntest du jetzt jenen Artikel lesen über … ooops, worüber wollte ich doch gleich schreiben? … na ja, ist ja egal, jedenfalls fändest du jetzt hier genau diesen ungeschrieben Artikel. Genau hier. Und darunter jener andere, den ich ebenfalls nur im Kopf geschrieben habe. Dort aber sehr gründlich. Und ebenso gründlich habe ich ihn wieder vergessen. Noch weiter unten fändest du den nächsten. Und so weiter. Das Tal des Vergessens – täglich durchfahre ich es auf dem Weg zur Arbeit. Doch schon am Morgen fängt es an. Mit der Treppe des Vergessens. Nur schon vom oberen Stock runter in die Küche zu gehen reicht. Was wollte ich doch gleich schreiben? Eben wusste ich es doch noch! Und es war sogar ziemlich clever … Nein, an Ideen mangelt es mir wirklich nicht. Arbeit und Freizeit sind voller bunter Impulse. Wie Schmetterlinge. Wie flüchtige Schatten.
Umsetzung. Zeit. Disziplin. Motivation. Der innerer Schweinehund. Pflichten aller Schattierungen tun so als wären sie wichtiger als Schreiben. Alle zerren sie an mir. Alle. Und ich – ich schaue hilflos zu, wie sich das Rad der Zeit dreht und ich immer mehr das Gefühl habe, den fahrenden Zug verpasst zu haben.
Okay, ich kenne dieses gehetzte Gefühl auch aus der Schweiz, oft sogar, doch mich dünkt, hier drehe es noch schneller. Noch lauter auf jeden Fall. Da draußen jedenfalls. Unten im Tal.
Hier oben auf dem Berg geht es.
Hier oben auf dem Berg wird es bald ganz viel Kultur geben.
– In zehn Tagen das alljährliche Mainzer Kunstzwerg-Festival (2.-4.9.2011). Diesmal hier in unserem kleinen großen Garten Eden. Guckt hier für mehr Infos: KUnSTzWERG
– Zwei Wochen später, am 17. und 18.9.2011, findet Offenes Atelier statt. iRgendlink und iSophien (meine Wenigkeit) zeigen iPhoneArt auf Papier und Aludibond. Guckt hier für mehr: RInCKEnHoF und hier ebenfalls: Offene Ateliers Rheinland-Pfalz
Hinkommen!