In Båstads Bookshop erstanden. Liest sich gut 🙂
Monat: Juli 2011
Unterwegs
Båstad again
Die Idee, nach Findung eines offenen Internetzes an den Båstader Strand oder an einen kleinen Badesee zu radeln besteht noch immer.
Aber nach einem Abstecher ins Turistbyro das weder WiFi noch einen Gäste-PC hat, uns dafür aber den Wetterbericht von hier und von Schweden verrät, finden wir mitten im Ort ein offenes Netz. Dort habe ich vorhin den gestrigen Artikel hochgeladen. Nun, auf einer Parkbank sitzend, sind wir wieder im städtischen Bibliotheksnetz. Ob Bloggen diesmal geht, wird sich noch zeigen.
Das Wetter bleibt wie es ist. Meist sonnig, ab und zu Schauer, Wolken, Gewitter. Gut! Wir werden wohl an der Westküste Südschwedens bleiben. Mal schauen. Morgen weiterfahren ist so der aktuelle Plan.
Faszinierend dieses Tourinest hier. Menschen überall. Rausgeputzte Geschäfte. Hübsche, saubere Straßen, liebevoll gebaute Häuser mit Vorgärten. Bilderbuchschweden so weit das Auge sieht. Doch wichtiger als Wetter und schöne Umgebung ist mir, mit meinem Lieblingsmenschen unterwegs zu sein. 🙂
Abkürzungen und Umwege
Samstagabend im Zelt. J. ist unter der Dusche. Nachher werden wir kochen. Karottencurry zu Basmatireis. Aus Karotten, die wir am Wegrand gekauft haben.
Müde hänge ich im Zelt. Die heutige Tour war zwar „nur“ achtzehn Kilometer lang, doch auch heute, wie gestern, haben wir einige Höhenmeter – auf und ab – bewältigt.
Zum Glück kennen wir die Konsequenzen unserer Entscheidungen nicht im Voraus, denke ich irgendwann auf dem Rückweg.
Nach den ersten vier Kilometern (fünf davon bergauf!) konsultierten wir die Karte unserer Urlaubsregion. Sollen wir nach Torekov radeln und von dort per Fähre auf eine kleine Insel, wie beim Frühstück angedacht – dabei vielleicht mit vielen Leuten mit dem gleichen Ziel auf die Fähre gepfercht? Oder aber Richtung Meer und von dort am Ufer entlang Richtung Zeltplatz radeln? Wegen der eher langen Route nach Torekov entscheiden wir uns für den etwas kürzeren Küstenweg, der zur Wanderstrecke mit dem schönen Namen Skåneleden gehört.
Direkt am Meer halten wir Siesta. Picknick. Ich bade meine Füße und fühle mich sehr ruhig. Die Sonne zeigt sich, herrliche Wolkengebilde bedecken sie zeitweilig, ein stetiger Wind treibt unten wie oben Schabernack.
Hier, am Ende der Welt, komme ich zur Ruhe.
Später radeln wir in westlicher Richtung den Wanderweg entlang, was mal besser, mal schlechter geht. Zumindest bis mein Sattel die Fassung verliert und hintenab kippt, was das Fahren ziemlich mühsam macht. Wir müssen jedoch eh die meiste Zeit zu Fuß voran, da der Weg eben primär für Wandernde angelegt ist. Entsprechend steil und steinig ist er, rot-weiß wäre er in der Schweiz markiet, als Bergweg.
Wie im Berner Oberland!, sage ich denn auch. Einmal mehr. Seit unserer letzjährigen Reise an den Polarkreis, der Küste Norwegens entlang, ist dies unser runing gag. Ein Synonym gleichsam für die Schönheit einer Landschaft. Hier stört eigentlich nur das endlose Meer unsere oberländische Illusion. Stell dir einfach vor, das da wäre der Thunersee, meint J. aufs Meer zu unserer Rechten deutend. Naaa ja … 🙂
Vor uns taucht ein Ausflugsrestaurant mit Hotel auf. Pause. Ich frage an der Rezeption nach Imbusschlüsseln. Minuten später repariert J. meinen geknickten Sattel. Glücklich bringe ich das Schlüsselset zurück an die Theke.
It works!, sage ich, worauf die junge Dame am Tresen mein Lächeln herzlichst erwidert und Yeah! sagt. Daumen hoch! Freude, die über die nötige Professionalität hinaus geht und mich herzlich berührt.
Nach Danish Nougat-Eis verlassen wir diese Erholungsinsel, um das Abenteuer des Jahres zu bestehen. Was wir allerdings da noch nicht einmal ahnen.
Wären wir wohl wieder die Bergstraße vom Morgen zurückgeradelt, wenn wir gewusst hätten, was uns erwartet? Auch um dieser Steigung zu entrinnen, hatten wir uns nämlich als Rückweg für diese vermeintliche Abkürzung am Meer entlang entschieden. Müßige Frage. Klares Nein. Auch nach den Strapazen, Dramen und Gefahren unseres Rückweges sind wir irgendwie froh, dass wir uns so und nicht anders entschieden haben. Wie oft im Leben ziehe ich den Umweg vor.
Zuerst eine krasse Aufwärtssteigung von ungefähr dreißig Grad, bei der sich mein mit Korb und Rucksack bestücktes Rad zwischen Steinen verkeilt und ich nicht mehr ohne J.s Hilfe freikomme. Später ein immer schmaler werdender Waldweg. Dann taucht der Engel (oder ein Teufel?) in Person eines älteren Einheimischen aus dem Nichts auf und empfiehlt uns, bei einer Verzweigung, an der wir rechts aufwärts weitergewandert sind, dringend, nicht diesen, also den oberen Weg zu gehen, da dieser immer schmaler werde und mit dem Rad später kaum begehbar sei.
Der untere Weg sei zwar auch sehr gefährlich, aber immerhin schöner. Wir sollen gut aufpassen, es gehe sehr steil bergab. Unten sei ein Steinstrand und später fänden wir einen radgängigen Weg bis zur Landstraße.
Wir bedanken uns und steigen langsam und vorsichtig den schmalen, dornigen und steinigen Pfad abwärts. Meine Beine werden zerkratzt und ich fühle mich im Urwald. J. hat mit mir mein schweres Rad gegen sein leichteres getauscht. Es wird noch steiler und steiniger, sobald wir den Wald verlassen. Die Rutschgefahr ist groß, das Gefälle ebenfalls. Ich schliddere sogar ohne Rad, während J. auf der gefährlichsten Strecke beide Räder nacheinander hangabwärts transferiert. Was für ein Geschenk, dass er das für mich tut! Unten angekommen verschlägt es uns die Sprache.
Der Lohn für unsere Mühen: wunderschöne wilde Felsformationen. Sonne zwischen Wolkentürmen. Meerrauschen. Ja, wahrhaftig, dieser Weg ist wirklich schön. Wunderschön. Schöner als die von Autos befahrene Bergstrecke auf jeden Fall.
Bleibt die Frage, wie gefährlich und wie schön der obere Weg gewesen wäre! Unser Guide hatte auf den schmalen Pfad zu unseren Füßen gezeigt und gemeint das dieser, gegen die Fortsetzung, die uns bald erwarte, falls wir diesen Weg wählen würden, geradezu ein gediegener Highway sei. Na ja, der Abstieg ans Meer war ja auch nicht eben ein Zuckerschlecken.
Eins steht fest: Ohne die Wegbeschreibung unseres Guides wären wir gewiss nicht den Berg beruntergeklettert, nicht mit den Rädern jedenfalls. Wir wären umgekehrt und hätten das schönste Stück verpasst. Und die Moral? Tja … Die hat mit Unmöglichem zu tun, das irgendwie machbar wird, wenn wir es wagen. Oder etwas in der Art.
verfasst am 30.7.11, ca. 19:30
Vom Golfspielen und dem Leben
Da radeln wir heute bei bestem Wetter von Norrviken über Båstad landeinwärts und bergan. Heiß ist es. Im T-Shirt steigen wir Hügel um Hügel süd- und aufwärts. Ich frage mich, wie ich meine Meinung gebildet habe, Schweden sei flach. Okay, im Norden vielleicht und verglichen mit der Schweiz doch schon eher, aber – echt wahr! – die Steigungen hier sind nicht ohne. Zuweilen schiebt uns der Wind vorwärts, andernorts bremst er uns. Mal sehen wir Meer, mal weniger. Mal Wald, mal weite Felder. Alles ganz nahe beieinander, nur unterbrochen von roten Farbklecksen. Gehöfte in der Pampa.
Diese Gefühle von Weite und Wo-bin-ich-überhaupt? kenne ich seit meiner Kindheit. Mich in der Größe und Weite zugleich klein und unbedeutend und zugleich geborgen und sicher zu fühlen, ist mir vertraut. Wo immer ich bin, bin ich nicht mehr als ein kleiner Punkt im Universum. Die Welt wird um mich her mit mir zusammen klein und gegenwärtig, reduziert sich auf das, was ich hier und jetzt sehen und erfahren kann. Mein ganz persönlicher Lenbenskartenausschnitt.
Ist das Autofahren durch Schweden – eine eindrückliche Erfahrung ohne Frage! – mit einer Weitwinkelaufnahme vergleichbar, gleicht das Radfahren der Zoomeinstellung. Ich sehe radelnd mehr vom Land, bin näher dran, meine Welt wird größer – bei kleinerem Maßstab, bei kleinerem Ausschnitt. Ich nehme die Farben und Gerüche anders, intensiver wahr. Egal eigentlich wo ich – absolut gesprochen – in diesem Moment bin. Ach, und Wandern entspräche schließlich in dieser Analogie der Makrofotografie.
Eben haben wir eine Steigung erklommen und beschlossen, hier oben unsere kleine Futterpause einzuschalten. Was wir nicht wissen: die Bank, die wir im Aufstieg gesehen haben, steht inmitten eines Golfareal. Und von diesem sehen wir vorerst nur einen kleinen Ausschnitt.
Kleine Gruppen defilieren an uns vobei. Paare um die fünfzig vorwiegend. Die Männer fangen immer oben, gleich neben unserer Bank, zu spielen an, die Frauen erst bei der zweiten Abschlagstelle. Da ich von diesem Sport außer ein paar Klischees kaum etwas weiß, kommt mir dieses Prozedere beinahe mysteriös vor. Wird den Frauen hier weniger zugetraut? Oder wird ihnen gentlemanlike eine Schwierigkeit erlassen? Vielleicht hat es auch mit dem Grad des Handicaps zu tun, was – wenn ich meines Liebsten Erklärungen richtig verstanden habe – so viel bedeutet, das Golfspielende je nach Fähigkeitslevel einen bestimmten Schwierigkeitsgrad bewältigen müssen. Damit Schwächere und Stärkere zusammen spielen können.
Egal. Mein Ökoherz schlägt zuallererst immer ein wenig schräg, wenn ich inmitten schönster Wild- und Waldgebiete künstlich hochgezüchtete Rasenflächen fürs Golfen sehe. Und wenn – wie zum Beispiel in Spaniens Süden – das wenige, kostbare Wasser der Alpujarras, das eigentlich der im Gebirge lebende Bevölkerung zum Leben dient, zur Wässerung von riesigen Golfanlagen in Luxushotels abgezweigt wird. Dann. Na ja.
Wir sitzen auf einer Anhöhe. Der Wind pfeift uns kühl um die Ohren, doch wir verfolgen zunehmend fasziniert, wie die Leute ihre Bälle setzen und ihren Ritualen gemäß die Bälle abschlagen. Wo die Bälle landen, können wir kaum ausmachen. Die Gruppen kommen und gehen. Heitere Menschen grüßen uns allesamt mit freundlichen Hej, hej! und fast alle sagen noch etwas zu Wetter, Lage oder Golf. Nettes Volk hier.
Ich würde nicht mal die Kugel treffen!, sage ich, nachdem ich fast losgeprustet habe, als ein attraktiver, sportlich auftretender Mann in unserm Alter seinen Ball im angrenzenden Wald versenkt. Es ist zu hoffen, dass er kein Kaninchen getroffen hat. Er stöhnt laut auf und legt eine neue Kugel auf die Erde, die dann offenbar besser landet. Mein Lachen verkneife ich mir, ich könnte es nicht besser. An Ambitionen Golf zu spielen fehlt es mir. Ein Mangel, der zum Glück nicht weh tut. Dennoch faszinierend, den Menschen hier zuzuschauen, mit welchem Ernst sie bei der Sache sind. Wie fernsehen, sage ich. Und das tun wir wortwörtlich mit angestrengtem Blick, um die Dinger landen zu sehen. Like Television!, sagt einer der vorüberziehenden Männer grinsend.
Alles, was wir mit Hingabe und Leidenschaft tun, ist wahrer Gottesdienst, sagte einst ein weiser Mensch. Habe ich jedenfalls irgendwo einmal gelesen oder gehört. Geträumt vielleicht?
Golf spielen ist wie Leben, sage ich später zu J., als wir uns wegen eines kurzen Schauers in einem Wartehäuschen unterstellen. Oder ist Leben wie Golfspielen? Die einen haben die Begabung dazu. Sie kennen die Regeln, haben die Bewegungen verinnerlicht. Andere üben, mühen sich ab, kommen nicht weiter. Wieder andere verlieren den Ball … Diese Mischung aus Glück und Können, Windstärke und Physik und dem Zusammentreffen von Kraft auf Materie. Wie im richtigen Leben …
Schnitt.
Die einzelnen Blogsequenzen eines Livereiseblogs sind für sich gesehen quasi wertlose Schnipsel. Erst zusammengehängt vermögen sie eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Jeder Ausschnitt ist quasi nur der isolierte Blick aus einem einzelnen Fenster eines Hauses. Ich bekomme damit kein umfassendes Bild meiner Umgebung. Erst zusammen mit den andern Aussichten aus dem gleichen Haus wird das Bild der Umgebung unfassend und vollständig. Doch selbst dann ist die sogenannte Vollständigkeit eine Illusion.
verfasst am Freitag, 29. Juli
Båstad
In der Båstader Bibliothek haben wir kostenloses Internet gefunden. Leider stürzt die Verbindung draußen immer mal wieder ab, aber dank der neuerdings fast störungsfrei funktionierenden WordPress-App kann ich ja erst offline schreiben und hinterher hochladen.
Der Ort hat mit seinem Hafen und der Strandpromenade etwas beinahe südländisch-martimes. Internationale Beschriftungen da und dort. Dazu REA, Ausverkauf. Sommerlich gekleidete Menschen. Sonne. Gewusel.
Vor dem ICA, in welchem J. unsern Lunch einkauft, während ich die Räder hüte, beobachte ich Menschen. Da der ältere Mann mit dem Rollator, der zur Parkbank schlurft. Das eine Auge abgedeckt. Was mich an den Thriller „Begraben“ von Elena Sender erinnert, den ich dieser Tage verschlinge. Hätte ich bloß mehr Bücher mitgenommen! Dort die alte Frau, die kaum mehr mit ihrer schwangeren Tochter Schritt halten kann.
Schnitt.
Heute Morgen nach dem Aufstehen waren beide Klos unseres Servicehauses besetzt, weshalb ich mir schon mal an den Außenspültrögen das Gesicht und die Hände wusch, um mir die Wartezeit zu verkürzen. Wie aus dem Nichts stand eine alte rüstige Frau neben mir und sagte auf Englisch, dass das hier nicht erlaubt sei, nur Geschirrspülen. Händewaschen aber nicht. Und Gesichtwaschen auch nicht! Und Zähneputzen schon gar nicht. Ooops, die muss mich gestern gesehen haben! Hilfe, die überwacht mich! Ich bin zu schlaftrunken und zu perplex um auch nur ein einziges Wort sagen zu können. Menschen, die ihre Zeit mit Überwachung totschlagen, tun mir irgendwie leid.
Später, beim Frühstück am Holztisch, der zu unserm Platz dazugehört, fachsimpeln Irgendlink und ich über den individuellen und irrationalen Ekelpegel. Während ich mich NICHT davor ekle, dass jemand im gleichen Becken Hände UND Geschirr wäscht, graust es mir vor Verpackungen im Zusammenhang mit rohen Lebensmitteln. Dafür kann ich im Wald problemlos ein heruntergefallenes Stück Käse aufheben, abputzen und essen.
Irrationalitäten bestimmen unser Leben. Warum mich laute Erwachsene mehr nerven als zapplige Kinder, ist auch so ein Rätsel. Prägungen, Mitbringsel aus der Vergangenheit. Erinnerungen sind die unbekannten Dateien unserer biologischen Festplatte.
Der Tee ist getrunken, wir brechen bald auf. Wir haben eine Weiterfahrt quer über die Landzunge geplant. Das Wetter meint es gut mit uns.
In eigener Sache: Ich freue mich immer sehr über eure Kommentare, erlaube mir aber ausnshmsweise, sie nur punktuell zu beantworten. Je nach Zeit und Verbindung. Danke fürs Mitreisen!
Tag 7
Regentropfen klingen im Zelt immer heftiger als sie in Wirklichkeit sind. Ich wüsste es längst. Und Regentropfen an einem Abreisetag sind einfach nur doof. Ein Zelt nass abbauen macht nicht wirklich Spaß. Und mit Kopfweh aufwachen auch nicht. Entsprechend übel war ich gelaunt heute Morgen.
Zum Glück ist J. wenig empfänglich für solche Störsender, so verdampfte meine schlechte Stimmung schon bald und der Regen war, ohne Zelt über dem Kopf, auch nicht wirklich der Rede wert.
Das Innen- vor dem Außenzelt abzubauen ging zum Glück problemlos und schon bald fuhren wir in nordwestlicher Richtung ab. Den Campingführer auf dem Schoß lotste ich meinen Liebsten auf einem gemeinsam ausgewählten Campingplatz bei Båstad. Was für ein Tourinest und so viel Verkehr! Aus unerfindlichen Gründen verpassten oder übersahen wir denn auch den Campingplatz-Wegweiser.
Weiterfahren? Umdrehen? Weiterfahren! Am Ende der Welt, will heißen der Landzunge, fanden wir einen weiteren Zeltplatz. Und Warteschlangen vor der Anmeldung. Dazu Preise im oberen Segment. Vier Sterne. Und Massen von Leuten. Mondäne Atmosphäre.
Nein, darauf hatten wir beide keine Lust. Also weiter, zurück, wieder landeinwärts …
Ich entdecke ein weiteres Campingzeichen auf der Karte und gebe, um auf Nummer sicher zu gehen, schon mal die im Führer angegebenen Koordinaten im iPhone ein, auf dass uns das GPS-Kit richtig leite.
Plötzlich öffnet sich der Wald. Wieder das Meer unter uns, nur schöner noch als zuvor am Ende der Zunge. Eine atemberaubende Aussicht vom Hügel aus, den wir überqueren. Meterhohe Wellen. Eine Wolkenstimmung vom feinsten. Allmählich nähern wir uns dem Camping, dürfen dort einen Platz auswählen und bauen unser Zelt in unmittelbarer Nähe zum Kattegat, dieser Meerenge zwischen dem Südwesten Schwedens und Norddänemark.
Nach einer Lesesiesta packt uns am frühen Abend die Abenteuerlust. Wir wandern ans Meer und von dort Richtung Båstad. Herrlich diese Steine! Das Rauschen des Meeres. Die Gerüche und die Farben des Himmels. Was für ein toller Platz!
Morgen wollen wir mit den Rädern nach Båstad – bilateral in Bagdad oder Bastard umbenannt – und in der dortigen TouristInneninformation versuchen, einen Internet-PC zu finden um Geocaches zu laden. Für WiFi müssten wir hier auf dem Platz ziemlich viel zahlen.
Das nahe Meer wird uns bald schon in den Schlaf säuseln. Es hat aufgeklart. Daumendrücken für gutes Wetter ist erlaubt!
Unterwegs nach Ignaberga
Eine ziemlich unruhige Nacht. Als wir gestern von unserm Abend- und Blogspaziergang zurück zu unserm Zelt kamen, bauten eben unsere neuen Nachbarn ihr Zelt auf. Im Halbdunkel. Wir erkannten bloß drei Schatten. Das Aufblasen der Luftmatratzen war von ständigem dümmlichem Gekicher begleitet und ich begann mich ob des Lärmpegels zu nerven.
Wir hatten es uns im Zelt gemütlich gemacht und verschlangen unsere Thriller. Elf Uhr vorbei. Ganz ausblenden konnte ich das laute Geplapper von nebenan leider nicht. Halb zwölf. Meine Müdigkeit machte einem genervten Grundgefühl Platz und ich begriff, dass ich mich grad eben wie in einem Massenlager fühlte. Mit dem Unterschied, dass uns ein paar Schichten Zeltmaterial von unseren lauten Nächsten trennte.
Och, lass sie doch, sagte mein Liebster, der sich zwar auch ein bisschen nervte und es, wie ich, ziemlich rücksichtslos fand, wie laut die Leute nebenan redeten und lachten. Die sind heute bestimmt weit gereist und aufgekratzt. In einer halben Stunde sind die still.
Was tatsächlich stimmte. Bis auf das Schnarchen wenigstens. Beide mussten wir deshalb nochmals aufstehen, um im Auto nach unseren Ohrstöpseln zu suchen. Nein, es war nicht das Schnarchen und Reden und Kichern und Lachen an sich, dass mich am meisten genervt hatte, es war eher meine Unfähigkeit zur Gelassenheit. Oder der Unfähigkeit, meine eigenen Bedürfnisse nach Ruhe ernst zu nehmen und nach nebenan zu kommunizieren. Kurz ein unausgewogenes, zerrissenes Grundgefühl, dass sich nicht eben entspannungsfördernd auswirkte.
Das Wort zum Tag, das am heutigen Yogitee-Beutelchen hing, passte einmal mehr perfekt:
Kritisiere nicht und du wirst sofort intuitiv! Ich streckte es J. hin, der – da ohne Brille – vorlas:
Knistere nicht und du wirst sofort hungrig!
Wir tranken grinsend unsere Aufwachgetränke, während sich die Nachbarn nebenan bereits an den Abbau ihres Zeltes machten und sich als Menschen wie du und ich entpuppten. Eine ganz normale Familie im Urlaub. Dennoch weinte ich ihnen keine Tränen nach. Ich hatte gar kurz überlegt, ob ich ihnen den Tipp geben sollte, bei zukünftigen Übernachtungen das Zelt mit mehr Abstand zu den NachbarInnen aufzubauen. Und generell mehr Rücksicht zu nehmen.
Ich ließ es bleiben. Was will ich Menschen nacherziehen, wo ich doch selbst oft genug in anderen Bereichen total unsensibel bin?
Nach einer gemütlichen Herumhänge- und Lesezeit nach dem Frühstück radelten wir bei strahlendem Sonnenschein los, um die Grotten in Ignaberga zu besuchen, von denen uns die deutsche Familie auf der anderen Seite unseres Zeltes vorgeschwärmt hatte.
Leider sind die Grotten jedoch aus Sicherheitsgründen letztes Jahr von der Feuerwehr geschlossen worden. Schade! Doch immerhin hatten wir nette Gesellschaft (Bild).

Das kleine Kaff hatte außer zwei Kirchen leider nichts für uns zwei Hungrige zu bieten, sodass wir uns auf den zehn Kilometer langen Rückweg machten und das ICA am Ort plünderten.
Im gleichen Park wie gestern Abend sitzen wir nun und surfen frisch gestärkt im offenen Internet. Der Wetterbericht für hier ist nicht so toll, jener an der Südwestküste Schwedens schon besser. Mal schauen, wohin es uns morgen verschlägt.
Zweites Bild: Heute unterwegs …

Vinslöv – Tag 1
Auf einem Abendspaziergang bei Sonnenlicht- und Wolkenstimmung aus der die iPhoneografInnen-Träume sind, haben wir in der Nähe der Schule ein offenes WiFi gefunden. Jenes auf dem Campingplatz hat sich leider heute Vormittag in Luft aufgelöst. Offenes WiFi heißt für uns Livebloggende kostenloses Bloggen und Bilderhochladen. Ein Artikel ohne Bilder kostet immerhin sonst siebzehn bis vierunddreißig Cents.
Und einunddreißig Kilometer zeigte J.s Fahhradtacho heute Abend nach unserer Radtour an. Wie gut, dass wir die Räder mitgenommen haben!
Sind wir heute Richtung Osten geradelt, wollen wir morgen nach Westen, zum Beispiel nach Hässelholm oder zu einem See in der Nähe. Das Wetter soll morgen auch wieder gut sein, sagen die InternetwetterprophetInnen. Bis übermorgen haben wir für den Zeltplatz bezahlt. Der Ort ist so gut oder besser als manch anderer – warum also nicht bleiben?
Die Sonne und die wunderbaren Wolkenbilder des heutigen Tages waren Balsam für mich. Und schon lange haben wir beide nicht mehr so viele Bilder gemacht wie heute. Und so viel gelacht auch nicht.
Erstes Bild: Eisenzeitliche Grabsteine. Den Cache dort haben wir leider nicht gefunden.

Zweites Bild: Abendspaziergang in Vinslöv.
In Schonen
Ich schwitze. Im T-Shirt sitze ich auf dem Klappstuhl unter einer Birke. Auf dem Campingplatz Vinslöv. Irgenwo in der Nähe von Hässleholm in Skåne, besser bekannt als Schonen, Südschweden.
Gestern, in einem Waldstück zu Fuß unterwegs, habe ich gespürt, wie sich in mir ein Schalter umgelegt hat. Wie sehr ich dieses Schalterkippen mit dem Wetter verbinden kann, weiß ich noch nicht. Ein Schalterkippen wie ein Modusbefehl war es. Wie von Modus Kursivschrift zu Modus Normalschrift zum Beispiel. Mein Hirn hat eben seine eigene Programmiersprache, die mir allzuoft unverständlich ist.
Fakt ist, dass ich dort im Wald, der mit seinen moosbewachsenen Felsen etwas sehr magisches hatte, auf einmal wieder tief durchatmen konnte. Als ob die Schwere der letzten Wochen sich allmählich verabschieden ließe. Zwar noch keine Sonne in Sicht, doch den ganzen Nachmittag waren wir bei trockenem Wetter unterwegs. Ist doch auch was! Wir werden bescheiden.
Auf der Suche nach einem Geocache hatten wir die E22 Richtung Kristianstad verlassen. Wir fuhren querlandein immer nordwärts Richtung Hässleholm, das wir letztes Jahr auf dem Rückweg durchquert hatten. Schöne Landschaft, flach, Wälder. Grün so weit das Auge reicht, sozusagen.
Mein Herz entspannt sich und ich fühle mich wohl. Nach der Erschöpfungsphase von vorgestern Abend ist einfach nur Erleichterung in mir. Den Geocache lassen wir schlussendlich links liegen und folgen der E31 nordwärts, da sich uns diese Straße einfach so in den Weg legt und ein bisschen Schicksal spielt.
Auf einmal ein Campingplatz-Symbol mit Pfeil rechts ab. Ohne zu zögern blinkt J., während ich zeitgleich nach rechts deute. Eine synchron getroffene Entscheidung – eine wie schon viele zuvor.
Auf dem Campingplatz werden wir von einer älteren Dame herzlich willkommen geheißen. Schon bald steht das Zelt, doch die eingespielte Routine fehlt noch ein bisschen. Sie wird sich wieder einstellen, da bin ich sicher.
Ein Cache-Spaziergang durch den Ort tut gut. Zumal wir den Microcache auf Anhieb finden. Ich fühle mich wohl hier. Und auch schlafen lässt es sich hier gut. Wir bleiben eine zweite Nacht, beschließen wir beim Frühstück, denn das Preisleistungsverhältnis ist spitze. Elf Euro sind kaum schlagbar. Und das Stück blauer Himmel über uns ist schon beinahe unglaublich!


