Öresund, hier sind wir wieder

Spontane Planänderung, während wir Richtung Norddänemark fahren und keine Aussicht auf Sonne besteht.
Wie wär’s mit Malmö? Heute?, überlegen wir. Und tun’s. An Odense vorbei (= Bodensee minus BErn) nach Kopenhagen und, schwupps: Öresund! Und nochmals zwinkern, schon hat uns Schweden wieder.
Die Suche nach einer trockenen und zahlbaren Unterkunft erspare ich euch. Das geniale Frühstück – will heißen der Lunch, da wir das Frühstück verschlafen haben – entschädigt für die gestrigen Strapazen und den Übernachtungspreis. In einem Golfhotel vor Hörby – huhu, Axel und Herby 🙂 – hängen wir im WiFi und schon bald geht’s weiter …

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verschlafen!

Verschlafen! Ich erwache, als J. um viertel nach zehn aufs Klo muss. Nicht mal auf dem einsamen Gehöft ist es sonntagmorgens so still. Bei offenem Fenster!
Wir konsultieren Wettervoraussichten auf unseren iPhones und schmieden den Plan, das Nordende von Dänemark zu finden und in den nâchsten Tagen von Fredrikshavn nach Göteborg per Fähre überzusetzen.
Unser Kinonachbar meinte gestern zwar, dass das Tiefdruckgebiet das gleiche Ziel wie wir habe: Schweden. Hm. Ab Mittwoch zeichnet sich angeblich eine Wetterbesserung ab und J. hat gestern geunkt, dass wir in einer Woche schon nicht mehr glauben können, dass wir heute mit drei bis vier Kleiderschichten herumlaufen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Apropos sterben: Im Internet wollte ich die Fortsetzung des Osloer Anschlages von Freitag erfahren. Und was muss ich da lesen? Ein Amoklauf auf einer norwegischen Insel, dem unzähligen junge linke PolitikerInnen zum Opfer gefallen sind, füllt die Schlagzeilen. Ich bin buchstäblich zutiefst erschüttert.
Ich habe überlebt, weil ich mich totgestellt habe!, wird eine Überlebende zitiert. Szenen von den Kämpfen um Hogwarts – aus dem letzten Film von Harry Potter, den wir uns gestern in 3D angeschaut haben – drängen in mein Bewusstsein. Gewalt und Machtdemonstration – was für eine Welt!
Bedaure nicht die Toten, bedaure eher jene, die leben, ohne geliebt zu werden!, sagt der verstorbene Dumbledore zu Harry, als dieser eine unfreiwillige Reise ins Jenseits unternimmt.
In meinen Träumen bin ich die halbe Nacht in Hogwarts gewesen und beim Erwachen wusste ich zuerst kaum, wo ich jetzt bin. Immer bei mir, aber wo?
Und wo wir wohl heute Abend sein werden? Na, wenn das unsere größte Sorge ist, wohl denn!

In Rendsburg – die Bilder

Nachmittags unterwegs auf der blauen Linie, kreuz und quer durch die Stadt.
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Wir unterqueren den Nord-Ostsee-Kanal dank der längsten Rolltreppe der Welt. Und ja, auch die längste Bank der Welt besitzen wir, jedenfalls kurz, eine Pause lang.
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Nach dem Kino – Harry Potter 7/2 in 3D! – schlendern wir durch das Städtchen und finden einen witzigen Brunnen und diesen aufschlussreichen Wegweiser hier:
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In Rendsburg

So gut habe ich schon lange nicht mehr geschlafen! Kein Wunder nach neuneinhalb Stunden Fahrzeit.
Wir haben uns entschieden, wie zuhause schon angedacht, eine zweite Nacht hierzubleiben und den Tag in Rendsburg zu verbringen, uns die Stadt anzuschauen, Geocaches zu finden und dem schlechten Wetter mit guter Laune eine lange Nase uu drehen.
Mein Kopf ist seltsam leer. Mir vorzustellen, dass wir morgen Abend vielleicht schon in Schweden oder Dänemark sind, wo der Wetterbericht deutlich besser ist als in (Nord-)Deutschland, fällt mir schwer. Die aktuelle Regenperiode lässt beinahe vergessen, dass es irgendwo eine Sonne gibt. Die für alle scheint, wenn sie es denn tut. Und tut sie es, verbrennt sie womöglich den einen die Ernte und anderen nimmt sie mit ihrer Hitze das Leben. Während wir hier in der gemütlichen Frühstücksküche der „Pension“ sitzen und Kaffee und Tee trinkend bloggen. Gleichzeitig. Da las die Nachrichtensprecherin, gestern im Auto, im einen Atemzug über die ostafrikanische Hungersnot und den Spendenaufruf vor, nur um im nächten Satz die positive Börsenentwicklung zu loben. Ich schlucke leer. Beim sechsten Mal höre ich schon nicht mehr richtig hin und weiß wieder, warum ich nicht nur keine Staumeldungen hören mag. Radio kocht weich. Je weicher desto manipulierbarer.
Schnitt.
Wir kommen ja nie mehr aus dem Haus, sagt mein Liebster.Wir müssen ständig gegenseitig lesen, was wir gebloggt haben!

losgefahren …

Kaum sind wir losgefahren, legt sich eine Ruhe über mich, die ich mir eine Stunde vorher kaum hätte vorstellen können. Wie ein nervöses Huhn war ich durch die Wohnung geflattert und hatte da und dort allerletzte Dinge erledigt. Letzte Mails geschrieben, Daten gesichert, den Kühlschrank geplündert …
Über die Sickinger Höhe schweben wir durch dichten Regen. Es kann ja nur besser werden!, denke ich. Oder gleichbleiben, natürlich. Doch das verdränge ich erfolgreich.
Das erste Viertel unseres Weges nach Rendsburg bei Kiel fährt sich wie durch Butter. Wenig Verkehr, angenehmes Dahinfließen. Zu schön um wahr zu sein, jedenfalls längerfristig. Und kaum haben wir unsere Sitzplätze getauscht, fängt es an mit Staus. Vom ewigen Kuppeln tut mir bald schon das linke Knie weh.
Irgendlink hört sich im Halbstundentakt die Staumeldungen an.
Nur noch drei Kilometer!, sagt er in der Absicht, mir Mut zu machen.
Doch der ganz große Stau, jener vor und in Hamburg, wo sich heute Abend „Take That“ die Ehre geben und der um fünf Uhr auf vierzehn Kilometer geschätzt wird, steht uns noch bevor. Es ist kurz nach acht, als wir auf der Tafel die Staumitteilung „11 Kilometer Stau“ lesen.
Was tun? Augen zu und durch, selbst wenn wir erst um zwölf am Ziel ankommen? Unterwegs ausscheren und eine andere Unterkunft suchen? Wir wägen Worst Case-Szenarien gegeneinander ab, während wir stetig Richtung Norden rollen.
Hey, sagt J., da ist ja schon der Elbtunnel! Und das nannte sich Stau? War ja kaum der Rede wert!
Deshalb hör ich mir ja auch nie Staumeldungen an, Liebster, es kommt ja doch immer anders.
Unsere größten Ängste bauen wir uns im Kopf aus kleinen schlimmen Erfahrungen sowie den Berichten anderer zu hässlichen Gespenstern auf. Alsdann düngen wir sie mit viel Phantasie, damit sie uns, wenn wir nicht achtsam sind, die Lebensfreude versauen, MasochistInnen wir!
Zum Glück können wir weder Dänisch noch Schwedisch. Jippie, keine Staumeldungen!
Und ach wie schön es doch in der PizzaBlitz-Pension ist, gute Nacht!

Tag Null

Was es heute noch alles zu tun gibt! Neben Packen stehen leider noch ein paar andere Stichworte auf dem Zettel. Ölwechel zum Beispiel. Kann nun zum Glück bereits abgehakt werden. „Focus“ ist bereit für die Reise. Eine letzte Wäsche dreht ihre Runde in der Maschine. Faserpelze. Falls es kalt ist unterwegs. Nicht auszuschließen, wenn ich mir den Wetterbericht so angucke.
Doch überall – sogar in Stockholm – ist es wärmer hier. Also bloß weg! Und wer weiß, vielleicht laufen wir ja irgendwo dem Sommer über den Weg? Weil es hier regnet, hängt eine lange Wäscheleine quer durch meine Wohnung. Riecht irgendwie gut und aussehen tut’s auch witzig. So what?
Meine Vorfreude wächst, seit wir gestern beim Frühstück beschlossen haben, doch nordwärts zu fahren. Was Entscheidungen doch an Kräften freizusetzen vermögen! Seit wir in der Pension in Rendsburg bei Kiel ab morgen Abend zwei Übernachtungen gebucht haben, wird die abstrakte Reiseidee plötzlich konkrekt. Danke, Andrea, für den Tipp!
Im Urlaub kann ich einfach einmal nur das tun und lassen, was ich will, sagte J.s Mutter, bevor sie neulich weggefahren sind. Ich muss mich einmal um nichts sorgen. Außer um mich.
Ja, und das ist es genau, was ich jetzt auch brauche. Und Abstand zum Alltag. „Uf u drvo“ nennt sich dieses Lebensgefühl gut Berndeutsch, „auf und davon“.
Noch sind aber ein paar letzte Dinge zu erledigen. Im Garten ebenso wie im Haus gilt es Ordnung zu schaffen. Ach, und die Qual der Wahl steht mir auch noch bevor: Welches Buch soll ich bloß mitnehmen? Ob ich wohl überhaupt zum Lesen kommen werde?

Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 5: auswärts essen

Ich begrüße euch herzlich zur Lektion fünf des Integrationskurses „Alltag in Deutschland“ und mache euch darauf aufmerksam, dass alle bisherigen, aktuellen und zukünftigen Kursinhalte dieser Reihe ohne jegliche Gewähr vermittelt wurden und werden. Sie beruhen auf persönlichen Erfahrungswerten. Augenzwinkern und Ironiemodus inklusive. Jegliche Risiken gehen zu Lasten der Teilnehmenden.
Eine grundsätzliche Feststellung sei mir erlaubt: Integration, so weiß ich jetzt, ist Schwerarbeit. Selbst ich, die ich von bilateralen Freizügigkeitsabkommen mit meinem „neuen“ Land profitiere und aus einem Deutschland doch recht ähnlichen Land komme, selbst ich, die ich nicht wirklich eine neue Sprache lernen muss – abgesehen vielleicht vom ß, dass es in der Schweiz nicht gibt –, stelle fest, dass das Kennenlernen einer neuen Kultur, einer neuen Geografie, geringfügig oder deutlich anderer Umgangsformen, unausgesprochenen Regeln und Verhaltenskodexen eine große Herausforderung ist. Das gesunde Maß an Anpassung muss individuell gefunden werden. Mich verlieren und mir eine fremde Haut überziehen geht nicht. Will ich auch nicht. Wie viel schwerer muss es einem Menschen fallen, in der Fremde Wurzeln zu schlagen, der unter anderen als erfreulichen Umständen hier – oder in der Schweiz – gestrandet ist?!
Kommen wir – nichtsdestotrotz – zum heutigen Thema: „Essen in deutschen Restaurants“. Okay, ich gestehe, dass ich in Wirtschaftskunde noch nicht sattelfest bin und es wohl auch nie sein werde. Das war auch in der Schweiz nicht anders, denn ich bin nicht wirklich die Auswärtsesserin. Lieber koche oder grille ich mit meinem Liebsten oder mit lieben Leuten zusammen etwas, wo ich dann auch sicher weiß, dass keine Tiere – und keine tierischen Nebenprodukte wie Gelatine – drin sind.
Während es in der Schweiz kaum mehr ein Restaurant gibt, dass nicht mindestens ein Vegimenü auf der Karte hat – auch wenn es irgendwas phantasieloses mit Käse ist, da die meisten keine Ahnung von abwechslungsreicher, genußvoller Vegikost haben –, wird hierzulande schon mal mit gerunzelter Stirn zur Kenntnis genommen, dass ich Vegi bin. Dass es Vegis gibt. So was exotisches aber auch! Immerhin nicht in unserem nahen Umfeld. Zum Glück! Dennoch musste ich mich hier schon fragen lassen, was ich denn sonst esse. Sonst? Hallo?
Willst du als Vegi in Deutschland auswärts essen, findet sich beim Italiener immer eine Vegi-Option. Das gilt weltweit. Auch indisch essen kann ich überall vegetarisch. Aber was, wenn weit und breit kein Italiener und keine Inderin kochen? Wie steht es denn mit der gutbürgerlichen Küche wie jener in der Dorfkneipe, in die Irgendlink und ich neulich nach einer Wanderung eingekehrt sind?
Schon vor dem Eintreten hatte ich beschlossen, einfach zu nehmen, was es gibt. Salat und irgendeine Beilage. Spaghetti vielleicht. Die Karte vor dem Restaurant hatte nämlich nur Fleischmenüs gelistet.
Kaum saßen wir an unserem Platz, wurden wir auch schon von der Wirtin aufs Freundlichste begrüßt und nach unseren Wünschen gefragt. Mein Liebster erkundigte sich sogleich, was sie Vegis zu bieten habe.
Was halten Sie von Schupfnudeln mit Gemüsepfanne? Steht zwar nicht auf der Karte, aber ich hätte alles im Vorrat, sagte die Dame.
Ich nicke, sage Ja, gerne! und freue mich auf ein feines Essen. J. bestellt die auf der Wanderung visualisierten Pommes und Fleisch. Und Salat.
Wir müssen nicht lange mit knurrendem Magen warten, als die Dame uns auch schon letzteren serviert. Ohne Brot, was mich befremdet.
Das ist in Deutschland so üblich, sagte J. Egal. Hauptsache es schmeckt.
Auch der Hauptgang ist sehr fein, mit Pilzen und meinen Lieblingsgemüsen. Liebevoll angerichtet sogar. Als die Rechnung kommt, schlucke ich leer. Positiv überrascht.
Für den Preis hätte in der Schweiz nur eine Person gegessen, nicht gleich zwei!, sagte ich zu J..
Merke: Ungewohntes muss nicht schlechter sein.
(verfasst am 11. Juli 11)
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Weiterführende Artikel:
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 1: Einkaufen
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 3: Der Ausweis
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank ? Teil 1

da draußen

Wenn ich dieser Tage durch den Garten spaziere, wird mir – neben einer riesigen Dankbarkeit – angst und bang’. Die vielen Äpfel, Birnen und Pflaumen an den Bäumen! Die vielen Kohlköpfe, Karotten, Lauch, Kartoffeln, Tomaten, Maigold in den übervollen Beeten … wer soll dies bloß alles ernten, haltbar machen und essen?
Schnitt.
Am Anfang war Erde. Krümelige, braune Erde. Da und dort haben wir erste Samen ausgestreut. Karotten, Lauch und Dill. Setzlinge, ein paar wenige, da und dort. Dann immer mehr. Fülle.
Unaufhaltsam sind sie gewachsen, die einst winzigen Pflänzchen, der Ernte entgegen. Unaufhaltsam haben sie den ihnen innewohnenden Plan erfüllt.
Als wir säten, wusste niemand von uns, was werden würde.

stolpern, aber nicht stürzen

Zum Glück gibt es Internet. Googleseidank gibt es Suchmaschinen. Hast du ein Problem –  irgendeins! – bist du damit bestimmt nicht allein. Auf jede Frage kennt das weltweite Netz eine Antwort. Noch besser: Für jedes Thema gibt es ein Forum. Von Abort bis Zeckenbiss ist alles dabei. Immer gibt es Menschen, die das gleiche erlebt haben, ähnliches zumindest, schlimmeres gar. Kompetent oder nicht – doch mitgeteilt muss es werden.
Wie tröstlich, dass ich damit nicht alleine bin!, denke ich, während ich die Beiträge meiner Leidensgenossinnen lese. Der hat das geholfen, jener dieses. Ich spüre unglaublich viel Menschlichkeit in den Zeilen und glaube beinahe, diese Frauen hier persönlich zu kennen.
Dennoch: meine Erfahrungen kann nur ich selbst machen. Niemand, nicht einmal mein Liebster, kann sie mir ersparen. Nicht den Krankenhausaufenthalt, nicht meine Achterbahn fahrenden Gefühle. Doch ob ich diese mit anderen teilen will, kann nur ich selbst entscheiden.
Der Grat zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre ist im Zeitalter von Internet sehr schmal geworden. Pseudonyme verhüllen oft nur, gleich einem dünnen Umhang, das allernötigste. Deshalb werde ich hier auch nicht weiter über die intensiven Erlebnisse der letzten Wochen berichten. Höchstens indirekt.
Schnitt.
Unseren Urlaub haben wir aus diversen Gründen verschieben müssen, doch wie es aussieht, wird Irgendlink seinen Großauftrag bereits morgen oder am Mittwoch abschließen können und danach steht einer Reise mit dem Zelt nichts mehr im Weg. Ich freue mich auf das Abenteuer.
Wir planen, wieder live zu berichten. 🙂

instant sterben

Ein bisschen wie Quicklunch ist es, das heutige Leben. Gieß heißes Wasser darüber, lass es kurz stehen, rühre ein bisschen und genieße es. Sterben geht ähnlich. Und tut kaum mehr weh bei so viel Chemie, habe ich mir sagen lassen.
Apropos sterben: Da bekam ich doch gestern eine Mail von einer meiner vielen Schwestern. Tante L., sei gestorben, schreibt sie, und dass ich auf der Website xyz Todesanzeige und eine Link zum Kondolenzbuch fände.
Ich klicke auf die blaue Zeile und finde tatsächlich, was V. angekündigt hat. Der Tod im Netz. Mit Bild. Voll krass, denke ich noch, bevor ich sofort ein paar mitfühlende Zeilen eintippe. Auf dem iPhone natürlich. Dekadent! Wo führt das hin?
Das schlechte Gewissen lässt sich innert Minuten wegtippen und immerhin werde ich, da ich in Deutschland lebe, nicht zur heutigen Abdankung erwartet. Zumal ich Tante L. kaum wirklich kannte. Siebenundachtzig Jahre hatte sie auf dem Buckel, die Gute.
Die Generation meiner Eltern ist in meiner Verwandtschaft auf beiden Seiten – bis auf eine letzte Tante, die zwar sterben will, aber nicht kann – ausgestorben. Wir rücken in die erste Reihe vor, meine Geschwister, Cousinen und Cousins. Wir sind die Nächsten. Die Nächsten, die den Löffel abgeben werden. Vielleicht nicht heute, aber Punkt-Punkt-Punkt. Sogar mit Internetanzeige und allem Pipapo. Falls wir das wollen.
Während J. heute Morgen seine Lunchbrote schmiert, übertrumpfen wir uns mit Geschichten über unsere jeweiligen buckligen Verwandten. Über deren Ticks, Verrücktheiten und Vorlieben. In einer Ecke meiner Phantasie höre ich gleichzeitig meinen Nichten und Neffen zu, wie sie später einmal ihren Kindern und Kindeskindern von der seligen Tante Sofasophia erzählen, die sich dazumal als Künstlerin versucht hatte. Je nachdem, was ich noch vor mir habe, kann die Geschichte nun so oder so weitergehen. Eine Geschichte, die erst noch fertig geschrieben werden muss. Den Schreibstift, sprich die Tastatur, habe ich noch in der Hand. Den Löffel ebenfalls. Ich brauche ihn schließlich, um umzurühren! Heißes Wasser bitte!