Der Anfang vom Ende – Akt 1

Neeeeinnnnn … , ertönt es vielstimmig. Mehr als dreißig Kinderaugen starren mich an. Eine Mischung aus Enttäuschung und Unglauben.
Dann komm ich auch nicht mehr hierher!,
sagt der elfjährige M., nachdem sich das kollektive Nein wieder gelegt hat. Das können Sie mir doch nicht antun!
Und wenn ich mich nun umbringe?,
sagt der zwölfjährige F.. Und später: Das war doch eben nur ein schlechter Witz, Frau M., nicht wahr. Ich meine, dass Sie gehen?
Wenn Ihnen Ihre neue Stelle nicht gefällt, kommen Sie dann wieder zu uns zurück?, fragt H., eine vorwitzige Elfjährige, die mich schon beinahe an den Rand des Wahnsinns getrieben hat.
Wieso gehen Sie denn überhaupt?, fragt der neunmalkluge, zehnjährige L. Ich druckse herum. Dass sich das schwer erklären lässt. Will nicht, dass die Kinder meinen, dass ich wegen ihnen gehe. Denn das ist es nicht. Ich gehe mir zuliebe. Weil ich etwas anderes brauche.
P., die Gruppenleiterin, die ich bereits heute Morgen per Telefon mit meinem bevorstehenden Rücktritt schockiert habe, drückt mich fest an ihr Herz. So, das musste jetzt einfach sein, sagt sie, nachdem wir uns kurz im Team – bevor die Kinder kamen – ausgesprochen haben. War hart, mein Rücktrittsgeständnis, härter als gedacht. Wie traurig meine Kolleginnen reagiert haben, ging mir echt unter die Haut. Umso schöner, von ihnen allen auch viel Verständnis zu spüren.
Noch zwei Wochen. Ich werde es schon schaffen und ich erlaube mir, die Rosinen meiner Arbeit zu genießen. Heute hat die Arbeit mit den Kindern nämlich richtig Spaß gemacht. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich kann ganz offen sein. Muss niemandem mehr etwas beweisen, am wenigsten mir selbst. Muss nicht mehr müssen. Darf dürfen.
So müsste es sein. So dürfte es sein, meine ich natürlich 🙂

0 Kommentare zu „Der Anfang vom Ende – Akt 1“

  1. wenn wir doch eine neue arbeit genauso beginnen könnten, wie wir sie beenden: nichts beweisen zu müssen, niemanden es recht machen zu wollen… würde es uns dann leichter fallen einmal auszuharren?
    so berührend die reaktionen der kinder, habe gerade pipi in den augen!

  2. „würde es uns dann leichter fallen einmal auszuharren?“ – gute frage. ausharren hat bei mir einen leicht negativen touch. erstarren ist da ganz nahe … und schon spüre ich nackenstarre …
    grundsätzlich sehe ich es aber schon auch so: am anfang wollen wir halt möglichst gut dastehen. was heisst da am anfang? wollen wir das nicht immer? hm … es niemandem recht machen zu wollen scheint mir grad ein ziemlich gutes projekt. 🙂

  3. Ronny Rentner lässt kommentieren, dass es auch sein Projekt sei, es niemandem recht und richtig machen zu wollen. Als Rentner allerdings falle ihm dieses Projekt sehr leicht. Er bewundere daher alle, die es im Rahmen dieses Projektes mit Dornen und Disteln zu tun haben.
    Der Moderator

  4. bitte richten sie rentner ronny meinen herzlichen dank für seinen kommentar aus. sagen sie ihm bitte, dass ich ihn ein wenig um diese freiheit beneide, die er heute hat. natürlich gönne ich sie ihm herzlich. bestimmt hatte er es ja früher auch oft mit dornen und disteln zu tun.
    die bloggerin herself 🙂

  5. Beim Verabschieden fällt einem immer ins Auge, was doch auch gut war und welches Gute man womöglich übersehen hatte. Diese Wärme und Leichtigkeit gab es vorher aber nichts, sonst würde man sich ja nicht verabschieden. Glückwunsch zu deinem Mut, auf deinen Bauch zu hören!

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