Neue Wörter braucht das Land

Die besten Dinge passieren nebenbei, absichtslos, unauffällig … Die besten Ideen kommen, wenn wir nicht denken, wenn wir nicht grübeln. Auf einmal sind sie da. Ganz logisch passen sie in den Zusammenhang. Serendipität, ihr wisst schon.

Möglich, dass auch die Linkschreibung, ursprünglich als Wortspiel „passiert“, so eine Sache ist … Die Rechtschreibung mit ihren vielen Regeln ist gut und recht. Doch zugegeben ziemlich stur, unkreativ und beschränkt. Was wir wirklich brauchen, ist Raum. Raum für Ideen, für Gedankenspiele, für Höhenflüge, für Tiefschürfungen … Jedes Ding auf dieser Erde definiert sich über sein Gegenüber, über einen Gegenpol. Auch machen Kontraste ja das Leben erst farbig.

Doch was soll denn der Gegenpol zur Rechtschreibung und ihren Regeln sein? Eine Sprache ohne Regeln? Ja. Das heißt, nein, denn auch die Linkschreibung braucht möglicherweise ein paar Leitplanken. Ohne jedoch durch deren Festlegung elitär werden zu wollen.Leitplanken, die es erst noch zu definieren, zu ergänzen und mit Leben und neuen Wörtern zu erfüllen gilt. Und auszuweiten. Denn Raum braucht Weite. Neue Wörter braucht das Land. Oder bestehende Wörter – in neuen Kontexten. Oder oder oder …

Ich freue mich auf eure Inputs, Verlinkungen, Inspirationen …

Erste Leitplanken der neuen deutschen Linkschreibung sind:

1.) politisch unkorrekte Sprachanwendung
2.) anarchistische Anti-Regeln
3.) intuitive Un- und Umregeln
4.) neue Wortkreationen
5.) sinnleere Wörter
6.) sub- und adversive Sprachneuschöpfungen
7.) rot-grün klingende Wortmelodien
8.) mehrwortige Begrifflichkeiten
9.) Vergegenteilungen/Verwandlungen/Erweiterungen einzelner Wortteile
10.) …

Beispiele (in Klammer die Nummer der Leitplanke):

Weiber (1) (nur von echten Weibern anwendbar)
ManöverInnen und -außen (2) (by sofasophia)
Hailait, pl. Hailaiz (für Highlight/s) (3) (by sofasophia)
Liebstöckelschuhe (4) (by irgendlink)
fremdstören (4) (by irgendlink)
Brummland (5) (by irgendlink)
Lachland (5) (by sofasophia)
Rechthabmensch (6) (by irgendlink)
Linkloslasstier (6) (by sofasophia)
Langzeitherrscher in der Schlucht des Vergessens (8) (by irgendlink)
anderverständlich (9) ( > selbstverständlich) (by irgendlink)
Sinrad (9) ( > Konrad) (by irgendlink)
Ichden (10) ( > Duden) (by irgendlink)
Sieden (10) ( > Duden) (by irgendlink)
zurechtschlimmen (10) (by sofasophia)

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Gerade noch rechtzeitig vor dem historischen Moment des Publizierens dieses Artikels kommt per irgendlinkscher Mail der Titel unseres neuen Buchprojekts rein:

SIEDEN – neue deutsche Linkschreibung (Assoziationen, äh, Dissoziationen zum Standardwerk, äh, Sitzdardwerk der deutschen Sprache).
2. Erweiterte Auflage mit iPhone Fipptehler Standards

Spiegelimspiegelimspiegel

Du meinst also, du weißt, wie ich ticke. Schließlich bist du Stammleserin, Stammleser. Stimmt’s?
Du kennst mich
a.) sogar persönlich
c.) zwar nicht direkt persönlich, aber dafür meine Schreibe.
Jedenfalls glaubst du zu wissen, wer ich bin. Dein Bild ist gemacht. Du denkst: Sofasophia ist so, denkt so, macht so … möglicherweise liegst du mit der einen oder anderen Annahme sogar goldrichtig.
Aber …

Und ich? Ich meine, zu wissen, wie du tickst. Ich kenne schließlich dein Blog/deine Mails/dich schon lange. Ich habe dich
a.) zwar noch nicht
b.) sogar schon einmal
c.) schon oft persönlich getroffen.
Jedenfalls glaube ich zu wissen, wer du bist. Mein Bild von dir ist gemacht. Ich denke, XY ist so, denkt so, macht so und möglicherweise liege ich mit dem einen oder anderen Gedanken sogar goldrichtig.
Aber …

… was wir voneinander sehen, sind Ausschnittchen. Selbstdarstellung kleiner Ausschnitte meiner Welt, deiner Welt. Von dir ausgewählt, von mir rausgepickt. Rosinen. Misthaufen. Zurecht geschönt, zurecht geschlimmt. Zoom. Das Spiegelbild im Spiegelbild im Spiegelbild. Immer kleiner und kleiner wird es, je genauer wir hinschauen. Immer unklarer, unschärfer.

Selbst wenn ich alle deine Blogtexte, alle deine Bilder, alle deine Mails oder alle unsere Gespräche verinnerlicht hätte, sie immer und immer wieder gelesen und betrachtet und erforscht hätte, oder du meine Schreibe, meine Bilder oder meine Aussagen bis ins Detail studiert hättest – wer ich bin, kannst du nur ahnen, wer du bist, kann ich nur ahnen. Eine Illusion, jemanden wirklich verstehen zu wollen, ganz verstehen zu können.

Ich will dich immer wieder überraschen. Und
ich will mich von dir immer wieder überraschen lassen.
Ich will dir und mir Raum geben für Veränderungen.
Ich will querdenken und rückwärtstaumeln dürfen, aber
ich will mir auch erlauben, für einmal ohne Umwege von A nach B zu gehen und Ziele erreichen zu können.
Ich will mir erlauben, es mir grundlos gut gehen zu lassen.
Ich will meine Prinzipien, falls ich denn welche habe, immer mal wieder fallen lassen und ihnen untreu werden, wenn es der Sache dient, der Entwicklung meines Lebens.
Ich will mich immer wieder neu begreifen und vor allem
will ich mir immer in die Augen schauen können.

Adrenalin

Morgen. Männer. Warnwesten. Orange. Polizei in schwarzen Buchstaben. Aufgenäht vermutlich. Autos im Schritttempo. Adrenalin im Blut der Fahrerinnen und Fahrer. Von unsern Bürofenstern aus schauen Kollegin A., der Scheff und ich zu, wie die einen angehalten, die andern durch gewunken werden. Mächtige Buchstaben auf den Westen machen Motoren langsam. Mächtige Farbe, dieses Orange.

Reize. Eindrücke. Forderungen. Sophia, kannst du bitte …? Meinst du, dass du das bis Mittag schaffen kannst? Telefongeklingel. Der Versuch, meine Notizen von der gestrigen Sitzung in einen Zusammenhang zu bringen, der andern sinnvoll erscheint. A. telefoniert nun schon bald eine Stunde. Laut. Der Scheff nebenan auch. Auch laut. Da sitze ich, eingeklemmt in die Stimmen, und versuche zu denken. Reize. Überflutung. Lärm. Der Drucker. Mittendrin ein paar stimmungsaufhellende SMS vom Liebsten. Weiterarbeit.

Mittagspause. Heimradeln. Musik im Ohr. Noch so ein Reiz. Ein wohltuender allerdings. Alleweil besser als der Lärm der Autos. Hören. Und hingucken. Augen auf. Knapp die Fußgängerin verfehlt, die ohne Fußgängerinnenstreifen die Straßenseite wechselt und mich nicht gehört hat. Die nicht geguckt hat. Muss ich denn für alle mit gucken?, grummle ich vor mich hin.

Reizüberflutung. Nachmittags noch ein paar Könntest du bitte?, die eigentlich schon keine Bitten mehr sondern Hilfeschreie sind. Um fünf fahre ich meinen Rechner runter. Genug! Im Großverteiler mit dem großen M im Namen, mit dessen Budget-Klopapier ich mir am liebsten den Po putze, hat es so viele Leute wie vor Weihnachten. Mit meinem Korb ecke ich überall an. Die andern ebenfalls. Sorry hier, sorry da. An der Kasse beichte ich, dass ich das Klopapier nicht gefunden habe, dieses ganze bestimmte. Die Schlange hinter mir wächst, ich spüre nicht sehr liebe Blicke, ignoriere sie ohne mich lächelnd dafür zu entschuldigen, dass ich Klopapier brauche. Die nette Kassiererin geht im Lager nachschauen, kommt zurück, sagt, nein, es hat keins mehr und tippt weiter, während ich, der Schlange zum Trotz, das zweitbeste hole. Ich spüre, wie gleichgültig mir die Warteschlange ist. Ausnahmsweise. Kein Adrenalin mehr. Ich kann mich nicht fremdstören. Heute nicht. Zu müde.

Mich fremdstören – Wortkreation aus dem Hause Irgendlink, letztes Wochenende.
Stört es dich eigentlich, dass mich XYZ stört?, hatte ich ihn gefragt.
Ich gestehe, sagt er, dass ich mich zuweilen fremdstöre. Für dich.
Nett irgendwie,
sage ich, aber ist nicht nötig. Kann ich ganz allein, wenns sein muss.

Leute, vergesst das gute alte Fremdschämen, österreichisches Wort des Jahres 2010. Fremdstören ist das Wort – was sage ich? –, das Gebot der Stunde! Ob du ebenfalls fremdgestört bist, erkennst du daran, dass du einen Umstand verbesserst oder zumindest verbessern oder verändern willst, von dem du denkst, dass sich jemand irgendwann daran stören könnte. Konjunktiv. Prophylaxe. Tun wir oft. Frauen mehr als Männer vermutlich. Jetzt, wo ich einen geschärften Blick dafür habe, sehe ich es überall. Wie ich mich fremdstöre. Wie sich andere fremdstören. Wir sind eine Gesellschaft voller Fremdstörenden, voller Fremdgestörten. An der Kasse, heute, war es mir egal. Ich lasse mich nicht stressen. Adrenalin-Depot leer. Punkt. Und stören können sich die anderen eh ganz allein. Wenns denn sein muss.

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(((Notiz an mich: (Warum) kann ich bloß erst, wenn ich völlig erschöpft bin, gesunde Egoistin sein?)))

Hailaiz

Okay, das müsste natürlich Highlights heißen, aber Hailaiz ist kürzer und schreibt sich leichter. Und überhaupt, wir könnten so viel Zeit sparen, wenn wir die Rechtschreibung vereinfachen würden. Nein. Darüber will ich jetzt nicht schwadronieren. Weder über Zeit und Geld und Sparen noch über Recht- und Linkschreibung (die noch erfunden werden wird. Irgendwann).

Heute will ich tun, was im Hochglanzheft stand, dass ich bei meiner Hof-Friseuse gelesen habe. Über das Glücklichsein im Alltag, um dem phösen Stress ein Schnippchen zu schlagen. Zehn Tipps. Einer davon hat, wen wunderts, mit Dankbarkeit zu tun. Sich jeden Abend an die Hailaiz des Tages erinnern, solle mensch, und für all die guten Dinge dankbar sein.

Tu ich jetzt. Und für die von gestern auch gleich. Weil … eigentlich hat ein Hailait von heute schon gestern Abend angefangen. Weil ich an der Kasse warten musste. Das hier:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=433nDJyV1Cg]

Gestern nämlich, im genossenschaftlichen Großverteiler mit den vier orangen Kleinbuchstaben, wartete ich – wie gesagt  – an der Kasse, ließ meine Augen herumspazieren und entdeckte auf dem rot getitelten Boulevardblättchen oben rechts ein Bild meines Lieblingsrockmusikers … Zusammen mit Sina. Muss ich googlen, zuhause, notierte ich im Geist. Tat ich auch, eine Stunde später, und fand obiges Video. Keine Ahnung, wie oft ich es heute schon auf meinem iPhone gehört habe … 🙂

„… müesst gränne vor Glück …“ Gopf, wie romantisch ich drauf komme, wenn das Stück läuft!

Draußen vor der Tür – noch immer auf dem Heimweg, noch immer bei besagtem Großverteiler – erwartet mich mein Stahlesel. Verdutzt betrachte ich die Frau, die ihre Einkäufe in meinen Fahrradkorb gestellt hat und nach ihrem Fahrradschlüssel kramt. Versteckte Kamera?

Öhm, sorry, darf ich bitte mein Rad wieder haben?, sage ich lächelnd. Nun ist sie verdutzt und stammelt im schönsten Walliser Deutsch – was mich natürlich an Sina erinnert und daran, dass ich zuhause Sina und Büne googlen muss – dass sie das falsche Rad angepeilt habe. Weil … sie habe sich heute dasjenige ihrer Nachbarin ausgeliehen. Kenne es nicht gut. Es sei eben auch silbrig wie meins. Sie schaut sich um und deutet auf einen schnittigen Bergler. Ob ich tauschen soll? Na ja, einen Korb kannst du auf dem Mounty nur schwer montieren …, denke ich. Da bleib ich doch lieber meinem Göpel treu. Lachend wünschen wir uns einen guten Abend. Ich grinse noch, als ich Minuten später mein Treppenhaus hochsteige.

Heute Morgen. Auf dem Weg zur Arbeit. Effingerstraße stadteinwärts. Rechterhand alte Stadthäuser. Im ersten Stock treten im gleichen Augenblick – in schönster Spontanchoreographie, die nur das gelebte Leben schreiben kann – eine ältere Frau und ein älterer Mann auf ihre Balkons und schauen auf die Straße herunter. Die Frau sieht sich um und entdeckt ihren Nachbarn. In harmonischer Symmetrie winken sie sich einen Guten-Morgen-Gruß zu. Wie jeden Tag?

Am frühen Mittag bei C., meiner Hof-Friseuse. Ich atme ihr Glück ein während ich sie zur Begrüßung küsse.
Frisch verliebt?
Jaaaa … und wie! (Stammleserinnen erinnern sich.)
Ich freue mich so für dich! Noch ein Hailait! Ein weiteres ist ihre Haarwäsche. Und der Austausch mit ihr. Tolle C.!
Ich werde dich vermissen, sagt sie.
Ich dich auch. Und das meine ich so. Ich werde mir dich nicht mehr leisten können, wenn ich nicht mehr hier wohne, sage ich theatralisch.
Aber wir sehen uns trotzdem ab und zu!?
Und wir schreiben uns, gäll!?
Bestimmt!

Gopf, so viele liebe Menschen kenne ich hier. So viele Erlebnisse, Erfahrungen, Erinnerungen habe ich hier gemacht. Nein, es wird mir nicht leicht fallen, von hier wegzuziehen. Dankbarkeit erfüllt mich, während ich am Abend, nach einer Marathonsitzung, endlich nach Hause radle, die Wohnung betrete, Badwasser einlaufen lasse und dabei in Gedanken diesen Artikel hier kreiere.

Später dankbar all die tollen und ermutigenden Kommentare lesen, die meine BlogbesucherInnen hier hinterlassen. Faule Bloggerin ich, die nicht mal Kommentare beantwortet! Lesen tu ich alle. Immer. Dankbar.

Vielleicht Bestandsaufnahme

Mein heutiger Blogartikel würde Bestandsaufnahme heißen. Wenn ich denn einen schreiben würde. Und darin käme mein Schreibtisch im Büro vor. Nein, Stopp! Besser nicht. Besser nur der Schreibtisch zuhause, das reicht. All die Papierberge überall machen mich eh ganz nervös. Überall Baustellen. Nein, das ist definitiv nicht mein Ding. Zum Glück ist es absehbar. Da muss ich einfach durch. Dennoch graut mir.

Im Gästezimmer stapeln sich die heute Abend aus dem Keller geholten leeren Kisten. Gar nicht mal so wenige. Brauchen tu ich dennoch mehr. Die Jagd nach Packmaterial geht los. Doch vor allem müssen jene gefüllten Kisten, die im Keller vor sich hin motten und in denen mein ganzer alter Krempel schläft – alte Liebesbriefe, Fotoalben, Schulhefte sogar –, gesichtet werden. Jedes Ding will betrachtet und entweder neu verpackt oder endgültig entsorgt zu werden.
Lumpensammler sind wir,
sagte E., J.s Schwester am Samstag, als wir über unsere Unfähigkeit Dinge, an denen Erinnerungen kleben, loslassen zu können, philosophierten.
Es sind ja gar nicht die Dinge, es sind die Erinnerungen, sagte ich. Der Wert eines Gegenstandes wird einzig definiert durch die Hingabe, mit der wir einen Gegenstand hüten. Wir als Individuum im speziellen und wir als Gesellschaft im generellen, wir werten alles. Schrot. Geld. Kunst. Technik. Blech.

Weiter würde ich wohl den Lärm der Sirene in meinem heutigen Blogartikel erwähnen, wenn ich heute denn bloggen würde. Jener Sirenenlärm, der gestern, als ich um halb elf Uhr nachts, todmüde von der dreieinhalbstündigen Nonstop-Fahrt in Bern angekommen war, das ganze Haus erfüllte. Aus dem Keller kam er, wie ich nach kurzem Spurenlauschen herausfand. Im Heizungsraum an der Schaltzentrale leuchtete der Alarmknopf. Rot. Nur eine kleine arretierende Metallschnur hat mich daran gehindert, den Lärmknopf umzukippen. Erst versuchte ich Hauswart und Pikettzentrale zu erreichen. Irgendwann, nachdem ich alle möglichen Comboxen besprochen und eine lange SMS an den Hauswart abgeschickt hatte, stiegen meine beste Schere und ich nochmals in die Abgründe des Heizungsraumes herab. Es ging ums Überleben – sie oder ich! Also zerschnitt ich sie, die kleine Metallschnur, und kippte den Tonschalter. Stille. Endlich. Wieso nur hat das vor mir niemand getan? Bin ich die einzige, die bei diesem Lärm fast durchdreht? Können die anderen gar so schlafen?

Erst heute Morgen erfuhr ich, dass gar nicht die Heizungsmaschine zickt, sondern bloß das Frühwarnsystem. Es schlage zu früh Alarm, ohne Anlass. So sei es schon das ganze Weekend gegangen. Mensch gewöhnt sich offenbar sehr schnell an einen unerträglichen Lärmpegel. Tja. Wieso dann erst recht niemand hingeht und den Zauberschalter kippt? Nein, das Mysterium Mensch habe ich noch längst nicht verstanden.

Soll diese Story in meinem heutigen Blog wirklich vorkommen? Wenn ja, wieso? Zählt grundlos als Grund oder hat sie gar einen wenn auch geringen Unterhaltungswert, was ein halbgarer Grund wäre? Oder hat sie gar eine Lehre, eine klitzekleine? Oder vielleicht taugt sie zur Metapher, wenn ich an ihr herum feile. Wozu ich definitiv zu müde bin.

So gähne ich besser erst mal eine Runde. Nein, auch das hat keinen wirklichen Unterhaltungswert. Immerhin bin ich ja bloß wegen dieses Vorfalls zu spät ins Bett gegangen und habe schlecht und zu wenig geschlafen. Könnte das ein Grund sein, sich eine Erwähnung in einem Blogartikel zu erschleichen?

Müsste ich da nicht viel mehr von den heutigen Pausengesprächen, die sich um die horriblen Abstimmungsresultate dieses Wochenendes drehten, erzählen? Oder über den Satz meines Scheffs, dem unser Menetekeln über Atommüll auf einmal zu perspektivlos wurde: Lasst uns doch mal über erfreuliches reden!

(((Schalter kippen. Und nun alle miteinander: Cheese. Geht doch ganz einfach und tut ja auch kaum weh.))) 

Just in dem Moment, wo ich nebenbei im auf dem Pausentisch liegenden Tagi-Magazin Michèle Rothens ausnahmsweise lesenswerte Kolumne über das Phänomen Facebook überfliege, sagt er das. Über die Sucht, glücklich zu erscheinen, schreibt sie, die Rothen. Über die Glückexhibitionalität: Mir geht’s gut, seht her. Ich habe so und so viele Freunde, schaut nur und beneidet mich. Und dass sie, die Kolumnistin, eben deshalb Facebook meide und gar an der Kreation eines Gegenbuchs herum denke, wo jede und jeder seine traurigsten Erlebnisse und seine misslungensten Bilder reinstellen dürfe. Je unattraktiver und unglücklicher desto besser. Inklusive Button Gefällt mir natürlich. Ihr wisst schon.

Lasst uns doch mal über erfreuliches reden!

Nö, ich glaube, heute gibt’s echt nichts zu bloggen, sorry, Leute.

Das Haus im Haus und die Katze auf der Maus

Rätsel über Rätsel …Warum die Mietz ausgerechnet jetzt, wo ich meinen alten Laptop, den Kollege D. neulich repariert hat und den ich nun mit Updates ab externer Festplatte füttere, warum also die Mietz ausgerechnet jetzt dicht neben mir auf dem großen Sofa sitzen will, ist mir wirklich ein Rätsel. Ich mutmaße, dass sie Elektrosmog mag. Irgendlink vermutet eher, dass sie mich mag. Auch möglich, gut und schön, doch meine Hand- sprich Mausfreiheit ist massiv eingeschränkt. Mehr als einmal versuche ich es mit netten Worten, mehr als einmal setze ich sie auf den Boden, am häufigsten jedoch schubse ich sie einfach ein bisschen weg. Nein, keine falschen Rückschlüsse bitte! Ich mag sie – ziemlich jedenfalls. Und alle Katzen und anderen Tiere dieser Welt ebenfalls. Aber wenn ich vor lauter Katze einen Maus-Arm (analog dem weltberühmten Tennis-Arm) bekomme, finde ich das weniger lustig. Lustiger ist es dafür, wenn mir – wie eben – die Maus vom Laptop herunterfällt, auf den ich sie aus Platzmangel gelegt habe, und die Katze vor Schreck für eine halbe Minute das Weite sucht.

Doch eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben.

Da stehe ich also heute Nachmittag in Irgendlinks Scheune, die in absehbarer Zeit eine glänzende Zukunft vor sich hat. Ich sehe es vor mir, irgendwann wird sie ein großer Galerieraum sein. Sie soll die Bilder und Kunststraßeninstallationen der von Irgendlink bereisten Länder sichtbar machen. Doch jetzt, heute, ist sie nichts anderes als der doppelte Boden, die zweite Ebene, der leere Raum unter dem Dach – einen Stock höher gelegen als die bereits aktive Galerie.

Latten, Dämmmaterial aus Glasfaser und Steinwolle, ein Arbeitstisch mit viel Werkzeug, Sägeböcke und ein alter Schrank stehen herum. Nichts überflüssiges mehr. Im letzten Herbst haben wir ausgemistet. Viel ist nicht geblieben. Baumaterial. Ich trage zwei weitere Rigips-Platten ins neue Haus gleich nebenan. Ins neue Haus im Haus, wie ich nenne, was hier wächst, denn von der Scheune aus, sieht das, was wir bauen, genauso aus . Unter dem zehn Meter hohen, unisolierten Dach hat J. neulich eine erste neue Wand gezogen um seinen Wohnraum zu erweitern. Wände und ein Dach, so wenig braucht es im Grunde, um ein neues Haus zu bauen. Bodenfläche mal vorausgesetzt. Vor zwei Wochen haben wir zusammen die Decke gedämmt die J. seither getäfert hat. Nun wollen wir jene Außenwand des neuen Hauses dämmen, die an die kalte Scheune grenzt.

Während der neue, unbeheizte Raum fünf Grad warm ist, hat die Scheune immer Außentemperatur, die Ritzen lassen jeden Windzug durch. In der Künstlerbude nebenan sind es mollige holzbeheizte zwanzig Grad. So wechseln wir bei der Arbeit ständig die Klimazonen. Mit schmalen Balken strukturieren wir die Wand in rigipsplatten-große Felder, um nach dem Anbringen des Dämmmaterials diese Dinger befestigen zu können. Schon bald wir es hier ein gemütliches Stilles Örtchen und eine neue Küche geben. Schritt für Schritt gehen wir diesem Ziel entgegen. Während ich die Balken ausmesse und mit der Stichsäge zusäge, wird mit wieder mal klar, dass es keinen anderen Weg gibt, als kleine Schritte zu tun, wenn ich vorankommen will. Abkürzungen gibt es keine. Gefahren viele und Geling-Garantien vergisst du eh am besten gleich. Hauptsache, du machst dich auf deinen Weg.

Ein paar Sätze nur

Vertrauen ist gut – vernichten ist besser
(gelesen im Büro in einer Werbung für Schredder)

Irre! Wir behandeln die Falschen – unser Problem sind die Normalen
„Um die Normalen zu verstehen, muss man erst die Verrückten studiert haben.“
(gelesen in einer Buchbesprechung zu gleichnamigem Buch)

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Ach ja, so Sätze. Überall lauern sie und warten darauf gesehen zu werden. Kein schlechtes Blogthema: Ich lese was, was du nicht liest. Und ja, auch über meine Delete-Taste könnte ich bloggen. Über die Macht einer kaputten Delete-Taste auf ihren Menschen. Was frau erst so richtig merkt, wenn das Kunststoffteilchen fehlt, das diese Taste bis dahin behütet hatte. Bis neulich ein Buch auf den Laptop gefallen ist. Über die Wichtigkeit des Löschvorganges … Ja, darüber könnte ich bloggen. Könnte. Aber eigentlich bin ich zu müde. Muss außerdem noch packen, für morgen, fürs Pfalzweekend. Und Tagebuchschreiben will ich auch endlich mal wieder. Die Atemlosigkeit der letzten Tage – sie lässt mich nach Luft schnappen, heißt mich inne halten, heißt mich, in mich zu gehen, heißt mich Tagebuch schreiben wollen. Und heißt vor allem, mich innerlich zu entschleunigen. Rückblicken. Stillstehen. Anlauf holen fürs nächste Stück. Leben fühlt sich im Moment sehr prall, sehr schnell, sehr lebendig, sehr farbig an.

So farbig wie die letzte Viertelstunde heute kurz vor Feierabend. Kollegin A.s Gäste trudeln ein, Programmteilnehmende. Aus Afrika, aus Sri Lanka, aus Palästina sind sie gekommen. Nicht heute, früher irgendwann, mit kaum mehr als dem, was sie auf dem Leibe trugen. Da ich noch im Büro bin, begrüße ich die teils bekannten, teils unbekannten Menschen. Frage V., ob er in sechseinhalb Wochen Zeit und Lust hat, mir beim Umzug zu helfen, beim Laden. Eben aus Indien zurückgekehrt, wo er, vermutlich ein letztes Mal, seine sterbende Mutter besucht hat, ist er nun froh um jeden noch so kleinen Job, der ihm hilft, sein privates Darlehen für die Flugkosten zurückzuzahlen. Seine Frau J., über deren leuchtende Augen ich bereits an anderer Stelle gebloggt habe, freut sich, dass sie mir Ende März beim Putzen meiner Wohnung helfen und einen Batzen dazuverdienen kann. Bald werde ich ebenfalls Ausländerin sein, denke ich, als ich auf dem Rad nach Hause fahre und mich freue, dass es um halb sechs noch hell ist.

Zuhause – auf meinem Crosstrainer den übervollen Tag und den Kater vom gestrigen weinseligen Abend mit G. und S. abschüttelnd – denke ich seltsam dankbar über meine kleinen Probleme nach. Über kaputte Delete-tasten uns so Sachen.

Häppchen nur

Mit Stairway To Heaven im Ohr zur Post gefahren. Glücklich pfeifend das Postfach geleert. Im Büro relativ lustvoll das Lektorat eines Jahresberichtes angepackt und sonst ein paar nützliche Dinge erledigt. In der Mittagspause an den vom Liebsten gedeckten Tisch gelotst worden, der für eine Stunde mit mir extra seine heutige Strassen-von-Bern-Fotoarbeit unterbrochen hat. Danach die zweite Hälfte des Nachmittags frei gefeiert, denn Irgendlink und ich hatten uns in der Lorraine verabredet, um noch mehr Bilder zu sammeln.

Ach, könnte ich doch jedes Ding, das mir gefällt, einfach ablichten, seufze ich später auf dem Heimweg. Es ist blue hour und ich bin eigentlich ganz froh, dass das nicht geht. Diese ganz speziellen Schlagschatten eines Wegweiserkreuzes, von der Abendsonne an die Wand gemalt, auch J. hat sie gesehen. Andere laufen achtlos an ihnen vorbei, an diesen Alltagskunstwerken, die sich genau so wie jetzt und hier niemals mehr zeigen. Spinnerin ich, sehe überall Perlen, wohin ich auch blicke!

Wieso fotografiere ich?, frage ich vorhin, während wir beide an unseren Notebooks sitzen und die Bilder des Tages auf unsere Speichermedien laden.
Weil es dir Spaß macht,
sagt Irgendlink und klickt weiter, baut Panoramen und sortiert die Bilder des Tages.
Hm, ja, schon …, sage ich, aaaber … da ist mehr. Es ist wie mit dem Schreiben. Es ist dieser Wunsch, die große weite Welt ein klein bisschen besser zu verstehen, in dem ich sie fasse, s
ie zu zähmen versuche. Als großes Ganzes ist sie unerträglich. In kleinen Portionen wunderbar.

Hier ein paar Häppchen von gestern und heute … allesamt mit dem iPhone aufgenommen. Für die Sichtung der Nikon-Bilder ist der Feierabend zu kurz … 🙂

Bild oben: Gestern, bei der Großen Schanze …

Heute im Lorrainequartier …

Gleich um die Ecke vom Eisbärchen, auf der Eisenbahnüberführung …

Im Breitenrain, gegenüber der Johanneskirche …

Ali und die Tannenbäume

Wenn ich mit dir unterwegs bin, erlebe ich ständig irgendwelche schrägen Sachen!, hatte ich neulich mal zu Irgendlink gesagt. Und kaum hatten wir heute Nachmittag das Haus verlassen, ging es auch schon wieder los.

Bereits im Treppenhaus hatte ich eine laute Stimme gehört. Woher sie kam, wurde mir allerdings erst klar, als ich das Haus verließ. Ein junger Mann telefonierte unmittelbar neben dem Fahrradabstellplatz bei unsern Rädern. Lautstark und in gebrochenem Deutsch. J. stand neben seinem Fahrrad, das er nur unter Verrenkungen hatte aufschliessen können, da der junge Typ keinen Zentimeter Platz gemacht habe, sagte er später. Nun erzählte der junge Mann seiner Gesprächspartnerin, was er für ein toller Hecht sei, wie trinkfest und gegenüber Schlägereien geradezu immun. Nein, nein, alles sei in Ordnung. Während ich mein Fahrradschloss öffnete, hielt er J. sein Handy ans Ohr. Ohne zu zögern improvisierte mein Liebster und parlierte mit der Lady am anderen Ende der Welt. Sagte, dass er ein Passant sei und dass er Ali, so hatte sich der junge Mann vorgestellt, nicht kenne. Und tschüss. Schon plauderte Ali weiter und weiter, halb ins Telefon, halb mit uns, und begleitete uns sogar bis zur Straße. Er pries J. seine Schwester an – die Frau am anderen Ende? –, die mindestens ebenso gutaussehend sei wie er. Sie suche einen gute Mann. Hier mischte ich mich doch endlich ins Männergespräch ein und klärte Ali darüber auf, dass Irgendlink doch schon eine Partnerin habe. Von ihm nur ein resigniertes Schulterzucken …

Noch immer grinsend durchquerten wir zehn Minuten später das Länggassquartier. Was ist denn das? Wandelnde Tannenbäume, die die Straße überqueren? Aber hallo, was haben wir denn heute gefrühstückt? Wir reiben uns die Augen. Tannenbäume auf Beinen? Was haben bitte sehr Tannenbäume im Februar mitten in der Stadt verloren?

Vor dem Hallerbistro nahmen sie schließlich Stellung auf, die Tannenbäume, samt Beinen und Köpfen darunter und dahinter. Mit Gitarren- und Bassgeigebegleitung wurde nun gar ein ziemlich schräges Liedlein dargeboten, das eine junge Frau hingebungsvoll dirigierte. Eine auf der gegenüberliegenden Straße aufgebaute Kamera nahm die kleine Performance auf. Samt unserm Applaus.

Lachend. Kopfschüttelnd. Grinsend … So fuhren wir weiter. Das Ziel unserer Radtour war klar: Neue Eindrücke von Bern und weitere Bilder für Irgendlinks Bern-Kunstprojekt „Die Straßen von Bern“ sammeln. Auf der Großen Schanze wer-weißten wir, ob wir heute nochmals in die Lorraine oder einfach drauflos fahren sollten. Wir beschlossen, uns laufend, bei jeder Gabelung, neu zu entscheiden. Rechts, links, mittendurch. So ließen wir uns treiben und ich entdeckte einmal mehr in meiner vertrauten Stadt unbekannte Ecken und ein noch nie begangenes Stück Aareweg. Wir blieben auf der linken Aareseite und stiegen Richtung Rossfeld auf um über die Felsenau, den Seftausteg und die Neubrügg schließlich wieder in bekanntere Gefilde, den Bremgartenwald, einzutauchen.

Ach, was haben wir für tolle Bilder gemacht! Vielleicht zeige ich demnächst ein paar …
Für heute erst einmal ein paar wandelnde Tannenbäume …

Draufklick macht das Bild groß.

Zu Irgendlinks Artikel: hier klicken!

Einmal Himmel retour, bitteschön …

Nach einem Besuch in Lenzburg lockt die Sonne Irgendlink und mich auf den nahen Berg Hügel … In den Himmel, besser gesagt, wir wollen ja nicht untertreiben. … doch zuerst gilt es, auf der Erde ein Stück voranzukommen. Hierlang:

Nein, wirklich … das ist alles gaaanz anders, als du es dir denkst!

Da hoch zu steigen ist fast ein bisschen wie nach Santiago pilgern …

… und so ist die Sicht vom selbsternannten Himmel aus … (gegenüber das Schloss Lenzburg …)
(mit der HDR-App auf dem iPhone fotografiert …)

Schade nur, dass wir den Himmel wieder verlassen mussten … Nein, die haben uns nicht rausgeschmissen da oben, wir sind selbst geflüchtet. Die Kälte drängte uns zum Abstieg. Und zu essen gab es auch nichts. Was für ein Himmel aber auch …!

Tipp: Bilder werden durch Anklick groß.