Monokultur und.

Wie gerne würde ich unsere Gespräche manchmal aufzeichnen, sie konservieren für die Ewigkeit. Na gut, für den Rest meines Lebens würde mir schon reichen. Ich will ja nicht so unbescheiden sein. Meine Gespräch mit Irgendlink sind oft das Saatgut zu allerlei Projekten.
Am Anfang ist die Idee. Nein, noch vorher, bei Minus eins, steht immer ein Auslöser – innen oder außen – irgendein Umstand, der reibt, oft sogar ein Ärgernis, ein Missstand. Etwas, das sich verbessern ließe. Das Etwas führt zur Idee. Die Idee zum Gedanken, dieser zum Gespräch und das wiederum zur Geschichte, zum Blogartikel, zum Bild, zum Projekt. Das Gespräch ist die Pfanne auf dem Herd. Ideen schwimmen fettaugengleich an der Oberfläche. Die farbenfrohen Zutaten werden weichgekocht und in nahrhaftes Seelen-, Herz- und Augenfutter transformiert.
Eins der vielen Etwasse, die immer mal wieder zu reden geben, heißt Angst. Heute die Angst vor der Enttrohnung (des ersten Kindes) und die Angst vor dem Zukurzkommen (des jüngsten Kindes). Wir reden über das Vertrauen zum Leben – vorhandenes, fehlendes. Über die Macht und Nachhaltigkeit, die Ängste über uns haben können. Ängste vor Verlusten, vor dem Tod, vor der Endlichkeit des Lebens.
Gegenwärtigkeit!, sagt Irgendlink, während er sich ein Brot schmiert. Nur mit Gegenwärtigkeit halte ich es aus. Denke ich vorwärts, denke ich über die Zukunft nach, stoße ich an und hänge fest. Doch bin ich gegenwärtig, geht es mir gut.
Die Endlichkeit ist nur der Bilderrahmen, sage ich, doch das Bild ist entscheidend. Es ist die Gegenwart. Jetzt! Wenn du dir nur den Bilderrahmen anguckst, nur diese Grenze, diese Einschränkung, die sich nicht verändern lässt, dann ist das Leben der pure Krampf. Schaust du aber auf das Bild, auf die vielen Farben, immer wieder andere, vergisst du den Rahmen. Du vergisst, dass es nur drei Grundfarben gibt. Du vergisst, dass du in den Augen der Gesellschaft arm bist. Und du vergisst sogar, dass die ManipulatorInnen der Gesellschaft auf stromlinienförmige Menschen hinarbeiten.
Schnitt.
Gestern Nachmittag. Wir sitzen auf Hockern im Kunstraum P. in Z. und trinken Tee und Kaffee. Irgendlink hat Hütedienst. Weil ich mir endlich die Ausstellung anschauen wollte, habe ich ihn begleitet. Eine ältere Dame und ein älterer Herr haben sich eingehend die Bilder der neun sehr unterschiedlichen ausgestellten Künstlerinnen und Künstler angeschaut und trinken nun mit uns Kaffee. Ich beteilige mich kaum am Gespräch, höre jedoch fasziniert dem Wortwechsel zwischen Künstler P. und der ganz offensichtlich naturwissenschaftlich gebildeten und in Ökologie kompetenten Frau B. zu. Sie reiht Argument an Argument, um P. davon zu überzeugen, wie schädlich das Verhalten der heutigen Menschheit für die Welt sei. P. hält mit Argumenten dagegen, dass es schon immer Schädlinge auf der Welt gab, redet von Gesunddezimierung und dass die Erde sich eines Tages wieder erholen werde. Das Thema ist zum einen äußerst brisant und zum anderen aber das ganze Gespräch so absurd, dass es beinahe eines Monty Phytons würdig ist. Als sich auch Künstler A. und Künstler W. ins Gespräch einklinken, wird es immer grotesker. Weniger wegen der Themen als ihrer Offensichtlichkeiten.
Die heutigen Kinder lernen in der Schule nichts mehr mit den Händen. Sie sitzen nur noch über ihren Büchern und Computern und lernen weder malen noch hämmern, können nicht mehr nähen, nicht mehr stricken und nicht mehr stopfen, sagt sie. Wozu auch? Täglich wird Neues in Massen auf den Markt geworfen. Ihre Mutter habe ihr seinerzeit noch beigebracht, mit dem Fingerhut zu nähen und Löcher zu stopfen. Das könne heute kaum mehr jemand, sagt Frau B.
Nein, das kann ich wirklich nicht, sage ich, aber immerhin ohne Fingerhut.
Schnitt.
Monokultur!, sage ich. Wir fahren nach Hause. Müde. Hungrig. Der Kopf brummt. Frau B. hat recht, wenn sie sagt, dass heute so vieles an Wissen verloren gegangen ist. Wir leben in einer Gesellschaft zunehmender Monokultur. Damals schon, wie der Fingerhut zeigt, nur anders. Der Fingerhut ist nur ein Bild, eins, das für vieles stehen kann. Frau B.s Mutter hat ihrer Tochter den Fingerhut so sehr aufgedrückt, dass Frau B. nachher nicht mehr anders konnte als nur noch mit ihm zu nähen. Und auch nichts anderes mehr wollte. Der Tunnelblick der Finger.
Der Fingerhut steht für aufgedrückte Denkmuster, sage ich zu Irgendlink. Der Fingerhut ist der Hut, den ich auf meinem Hirn trage. Fingerhüte und Monokulturen laugen uns aus. Das Land ebenso wie die Menschen. Wir aber brauchen Biodiversität. Vielfalt. Farben. Menschen, die gegenwärtig leben und Fährten für eine lebenswerte Zukunft legen.