Schatten, Träume und die Wirklichkeit

Aktuell zeige ich auf Sofasophia appt die Welt grad eine kleine Serie zum Thema Schatten und Träume. Guck mal: Wie wirklich ist die Wirklichkeit wirklich?
Passt irgendwie ganz gut zum Buch, das ich aktuell lese: Andreas Eschbach, Ein König für Deutschland. Eschbach erzählt in seinem Politthriller von der Gutgläubigkeit der Stimmbürgerinnen und -bürger in den USA und in Deutschland und wie dank eines manipulierten Programms, das in Wahlcomputern eingebaut worden ist, Deutschland von heute auf morgen wieder zur Monarchie wird.
Zu den ziemlich schrägen Protagonistinnen und Protagonisten gehört eine Gruppe Computerfreaks, des Hackens kundig, die sich mit der Entwicklung und Vermarktung von Phantasyspielen, Onlinegames, Role Playing Games und so weiter beschäftigen. So klischeehaft, dass sie schon wieder glaubwürdig sind. 🙂

Simon betrachtete die Bilder auf dem Schirm, die grob konstruierte Krieger zeigen, angetan mit klobigen Rüstungen, ungeheure Schlagwaffen in den muskulösen Armen.
‚Da wächst eine Generation in einer Periode des Friedens auf, die in der Geschichte ohne Beispiel ist‘, sagt er, ‚und dann haben diese Menschen nichts Besseres zu tun, als sich in eine fiktive Welt zu begeben, in der unablässiger Krieg herrscht. Schon seltsam.‘
‚Das ist nur ein Spiel, Simon‘, sagte Bernd. ‚Fantasie. Den Leuten ist die Realität einfach zu langweilig geworden‘. (Zitat)

Simon Königs unehelicher Sohn Vincent lebt in den USA. Er hat das Programm für den ersten manipulierten Wahlcomputer geschrieben, wenn auch im naiven Glauben es handle sich um einen Prototypen, der die Machbarkeit von Manipulation demonstrieren soll. Alles verselbständigt sich. Die „Bösen“ klauen das Programm und setzen es erfolgreich in Hessen zur Wahlergebnisfälschung ein. Daraufhin wollen die „Guten“ den Schwindel – die Machbarkeit solcher Manipulation – aufdecken. Sie gründen eine monarchistische Partei. Vincents Vater, Professor für Geschichte an einem Gymnasium, soll, wenn alles klappt, der neue König von Deutschland werden. Aber natürlich nur zu Demonstrationsszwecken, wie gesagt.
Was ist Wirklichkeit? Das ist in diesem Buch ein wiederkehrendes Thema. Saugut geschrieben. Wenn man Thriller mit politischen Aspekten und einen Einblick in die Computerwelt mag, ist dieses Buch genau das richtige für lange Winterabende.
Lange Winterabende kann man aber auch in Bern verbringen. Auch Nachmittage. Und auch auf Bahnhöfen. Lesend wartete ich gestern Nacht auf dem Bahnhof Bern auf meinen Zug, der zehn Minuten Verspätung hatte. Weil es zu kalt zum Sitzen oder Stehen war, wandelte ich – wie damals die Nonnen im Kreuzgang ihrer Klöster – mit meinem Buch auf und ab. Las, schielte über den Buchrand um niemanden zu rammen und reiste in der Phantasie nach Stuttgart, wo die Geschichte zurzeit spielt.
Sieben auf einen Streich hatte ich geschlagen. Zuerst ein Besuch auf dem Friedhof. So viel Schnee war hier noch nie. Nicht in den letzten zehn Jahren jedenfalls, seit ich regelmäßig hier zu Gast bin. Nur noch die Kreuze und Steinspitzen schauten heraus, alles andere weiß. Farblos. Trüb.
Mit dem Bus zurück in die Stadt. Ein paar Kleinigkeiten kaufen. Tolle Verkäuferin im Bürohandel, die mir die neue Mine gleich in den Stift einlegt. Tolle Apothekerin, die mir nicht nur Indischen Blasentee abfüllt, sondern ein paar Tipps mitliefert. Wie solche Leute mir doch immer wieder ein Lächeln in die Augen zaubern können!
Am Loebegge treffe ich C. (1), meine ehemalige Hoffrisörin. Was für ein schönes Wiedersehen! Wie wir uns gegenseitig aus unserem aktuellen Leben erzählen, dabei heiße Schokolade schlürfen, lachen und scherzen, begreife ich: Wir kannten unsere Gesichter bisher vor allem über das Spiegelbild. Und das schon viele Jahre.
Später mit meinem Ex-Scheff im Domino. Was für ein tolles Gespräch! Wir brauchen keine fünf Minuten, um die alte Vertrautheit – nach fast zwei Jahren Abstinenz (von einigen Mails abgesehen) – wiederherzustellen. Lachen, mitfühlen, nachfragen, zuhören, erzählen …
Schließlich fahre ich mit dem Tram Richtung Burgernziel und treffe meine Schreibgruppe im Punto. Zwar sind wir heute nur zu dritt, doch die Gespräche sind deswegen nicht weniger spannend. Auch die Arbeit an den Texten macht Spaß. Wir sprudeln förmlich über.
Wie ich Stunden später meine Wohnung aufschließe, ist mir, als wäre ich mindestens zwei Tage weggewesen. Die Zeit, die Zeit … wie wirklich ist sie wirklich?

0 Kommentare zu „Schatten, Träume und die Wirklichkeit“

  1. Liebe Soso,
    Deine Gedanken zur „Wirklichkeit“ gefallen mir sehr, und ich glaube, sie gut nachvollziehen zu können. Wie schön es sein kann, in ein altes, einmal gelebtes Leben wieder einzutauchen und sich dabei wohl und willkommen und gut zu fühlen. Das kann auch ganz anders aussehen und ausgehen. Ich freue mich mit Dir, dass Du diese Stunden für Dich hattest und sie wohl genießen konntest.
    Die „Zeit“ zu empfinden und über sie nachzudenken, sich von ihr überraschen lassen, sie zu berücksichtigen oder links liegen zu lassen … Gedanken zur Zeit und ihrer Wirklichkeit entdecke und schätze ich immer wieder!
    Danke!
    Herzlich, mb

    1. liebe mb
      kennst du martin suters „die zeit, die zeit“? könnte dir gefallen. da geht es auch um das phänomen zeit, chronologie und wirklichkeit – wenn auch anders als bei eschbach.
      danke für deine zeilen!
      herzlich, soso

  2. Das klingt wieder nach einem besonders spannenden Buch. Andreas Eschbach sagte mir zuerst gar nichts, aber dann … Das Jesus-Video habe ich gelesen (und auch gesehen) und fand es total genial.
    Und die Fragen nach der Zeit, die stelle ich mir auch immer wieder, besonders seit ich das Gefühl habe sie rennt immer schneller. 🙁 Aber ich denke, wir sind es, die sich immer schneller und hektischer bewegen und für fast nichts mehr Geduld aufbringen wollen. Egal, ob das im Supermarkt an der Kasse ist oder sonstwo …
    Liebe Grüße, Szintilla

    1. umso schöner, liebe szintilla, ist es dann, wenn wir so schöne erlebnisse haben dürfen wie eine verkäuferin, die berät und sich zeit nimmt.
      zeit verschenken – gibt es etwas schöneres? (zeit verschenken ist liebe schenken … irgendwie jedenfalls).
      liebe grüsse, soso

    1. dieser stift ist ein zwitter: hinten ein touchscreenstift, der mir auf dem iphonedisplay beim feinen bildbearbeiten hilft, und vorne ist ein fineliner – der allzeitdabei-geocachelogstift …
      handschrift ist ziemlich rar bei mir – leider?
      herzlich, soso

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