Bleiben oder gehen

Uskavigården ist ein Platz, der einem die Weiterreise nicht leicht macht. Nach meinem körperlichen Tiefpunkt heute Morgen geht es mir wieder besser. Trotzdem sind wir hier geblieben, haben geschwatzt, gelacht, geplant, an der milden Schwedensonne gefaulenzt und Minigolf gespielt. Mein vielleicht fünftes Mal. So langsam verstehe ich, was andern daran gefällt.

Du musst eins werden mit dem Ball, sagt Irgendlink. Es gelingt nicht schlecht. Und die zweite Runde gewinne ich sogar, nach der ersten unentschiedenen.

Auch mit der Reise muss man eins werden. Mit allem, das uns umgibt muss man eins werden. Sonst ist es unerträglich. Vielleicht muss man sogar mit den  neuen Zeltnachbarn eins werden?

Jeden Tag ändert sich das Bild auf dem Campingplatz. Jeden Tag ein neues Luftbild wäre sicherlich spannend – zum Zeitraffer-Filmchen montiert sicher witzig.

Heute morgen waren nur noch wir und die Familie am gegenüberliegenden Ende der großen Zelte-Wiese da. Herrlich weit der Platz. So mag ich es. Enge widerstrebt mir.

An Abend, als wir von unseren Streifzügen auf den Platz zurückkommen, hat sich das Bild total verändert. Hinten links, aber in sicherem Abstand zu unser kleinen Insel, bestehend aus Rad und Zelt und Tisch, stehen etwa acht neue Igluzelte. Ein paar Autos darum herum und ein Menschengewusel. Alles aber weit genug weg, um nicht zu hören, in welcher Sprache diese Menschen sprechen. Nun ja, sollen sie doch. Solange sie uns nicht zu nahe kommen.

Schlimm, diese meine ‚Unser Boot ist voll‘-Haltung, sage ich noch zu Irgendlink – es ist halb neun oder so, wir haben eben fertig gekocht – als ein weiterer Wagen, ein Kombi mit Gepäcksarg oben drauf – auf den Zeltplatz einfährt. Der Wagen parkt zwischen uns und dem nächstnäheren Zelt der Achtergruppe. Nun ja, eigentlich eher näher bei uns, ziemlich nahe bei uns, um genau zu sein. Wir essen unser Gericht und ich kommentiere kicherend wie der Zeltbau vorangeht, weil Irgendlink es nicht sehen kann. Und ich, nun ja, ich sehe eigentlich auch nicht, was mich je länger je mehr befremdet: wie nahe nämlich die drei Männer, ein älterer, ein junger und ein Bub, sich bei unserm Zelt niedergelassen haben. Kein weiteres Zelt hätte zwischen dem Zelt des jungen Mannes uns unserem mehr Platz.

Schlimm ist das eigentlich nicht. Nun ja, schlimm wäre das eigentlich nicht, wenn es nicht vorne auf der Wiesen noch riesig viel Platz gehabt hätte. Für mindestens acht Zelte mehr. Ohne dass die drei uns so sehr auf die Pelle hätten rücken müssen.

Auf unserem Abendspaziergang am Waldrand und am Seeufer entlang – ein Sonnenuntergang vom feinsten! – überlegen wir, warum uns das so beschäftigt. Und was genau es ist, was uns an dieser Nähe nicht behagt.
Nun gut, wir sind zwei Menschen, die unabhängig voneinander einen recht hohen Grad an Freiraum mögen. Respekt vor dem eigenen Raum und den Grenzen anderer ist uns beiden sehr wichtig. Ein bisschen eigen und eigenbrödlerisch sind wir ebenfalls beide, obwohl wir mit lieben, uns vertrauten Menschen Nähe gut und gerne teilen mögen. Aber eben: Rücken uns nicht bekannte, uns nicht vertraute Menschen zu nahe auf den Leib, wird es uns schnell einmal eng, zu eng. Unbehaglich fühlt sich das an. Und ich kann dann schon mal ein bisschen – wie ein kleiner giftiger Hund – bellen. Noch eher aber ist es so, dass ich nichts sage, mich aber zurückziehe.

Wir könnten, sage ich darum, als wir fertig gegessen und die drei ihre beiden Zelte fertig aufgebaut haben, wir könnten ja unser Zelt auf die andere Seite des Tisches verschieben.

Beim Spaziergang sagt Irgendlink, wie sehr es ihn immer wieder erstaunt, wie unterschiedlich Menschen Nähe und Intimsphäre wahrnehmen und wertschätzen oder überhaupt keinen Sensor für solcherlei haben.

Die stammen vielleicht aus einer Großstadt, wohnen in beengten Verhältnissen und kennen vielleicht nichts anderes als Lücken aufzufüllen, mutmaße ich, während wir beide, als Landeier groß geworden, den Raum drumrum kennen und schätzen.

Ich denke darüber nach, dass ich mit meiner Haltung im Grunde auch etwas wie Angst ausdrücke. Kommt mir bloß nicht zu nahe!, signalisiere ich und weiß jetzt auch, warum ich durchaus gernen wild campiere. Nein, es ist keine rassistisch motivierte Abgrenzung, im Gegenteil bin ich Menschen aus anderen Kulturen gegenüber fast toleranter als SchweizerInnen, weil ich mir bewusst bin, dass jene anders funktionieren. Aber von Menschen aus meinem Kulturkreis möchte ich eben besonders gerne, dass sie meine Grenzen respektieren.

Hoffentlich schnarchen sie nicht, sage ich und bringe es damit vor mir selbst auf den Punkt. Ich mag vor allem den Lärm nicht, den andere Menschen produzieren. Ich möchte nicht in die Geräuschewelt anderer mir unbekannter Menschen eintreten müssen; nicht nachts und nicht ungefragt.

Manche Leute vertragen gewissen Lebensmittel und gewisse Pollen nicht, ich vertrage Geräuschemmissionen nicht. Gehörverschmutzung bekommt mir nicht.

Ich liebe es, wenn es keine Geräusche hat, außer jener, die die Natur selbst erschafft. Hier Blätterrauschen, Wasserwellen auf dem Sandstrand, Vogelgezwitscher. Oder wie vorhin am See: Auf einmal das Stelldichein der Möwen direkt vor uns über dem See. Zuerst eine, dann zwei, drei, dann ganz viele – kreischend ziehen sie ihre Bahnen, im Kreis, auf, ab, immer wieder … dann zerstreuen sie sich, zwei setzen sich aufs Wasser, wie Entchen, dort drüben noch zwei … Und schon ist es wieder ruhig.

Ob wir wohl für die Tiere ein ebenso unverständliches  Rudelverhalten an den Tag legen?

Ob wir Uskavigården morgen oder erst übermorgen verlassen werden – gehen oder bleiben? – entscheiden wir morgen. Ludvika, unser nächstes Ziel, lockt ebenfalls mit See und Campingplatz, aber ob der so schön ist wie der hier?

Leisten, funktionieren und/oder Nichtstun

Da habe ich doch vorhin, noch im Zelt, einen Artikel in die Tasten gehackt, direkt in die WordPress-App, wie früher oft, und nun ist er weg. Einfach weg. Die ‚Entwurf im Offline-Modus‘-Funktion gibt es offenbar seit dem neuen App-Update nicht mehr. So doof. Seid gewarnt, ihr da draußen!

Zum Glück habe ich aber eine schlichte Schreib-App und da bin ich jetzt drin, werde klassisch mittels Copy-Paste bloggen und keine Risiken mit upgedateden Apps mehr eingehen. Der Einstieg ins Thema war zwar anders gedacht gewesen, doch eigentlich passt das hier auch irgendwie. Gehören nicht alle Erfahrungen irgendwie zusammen?

Wie wir gestern frühstücken, frage ich den Liebsten, ob für ihn diese Tage hier ebenfalls zur Tour zählen – oder doch eher nicht. Weil er ja streckenmäßig kaum vorankomme, pausiere, innehalte, sage ich – kurz und gut, da er ja im Toursinne weniger leiste. Und, nun ja, ich will halt auch wissen, ob er sich von mir und von unserer Ferienzeit ausgebremst fühle.

Ich trenne nicht. Das gehört alles zusammen. Das ist alles ein Ganzes, sagt er später, als wir Richtung Nährmutter ICA wandern.

Der nächte Laden, so haben wir an der Rezeption des Campingplatzes erfragt, sei zehn Minuten entfernt, links vom Kreisvortritt Richtung Norden. Zehn Autominuten – vermuten wir, machen den nächsten Weiler aus und peilen ihn als mutmaßlichen Einkaufsort an. Dahin gibt es sogar einen Wanderweg. Und was für einen! Schon bald stellt sich Ruhe ein, die Stille des Waldes umschließt uns, erinnert an die Pilgerwanderung vor einem Jahr. Ich fühle mich trotz allem auch sehr  müde – stelle fest, dass ich echt erholungsbedürfig bin. Die letzten strengen Monate bei der Arbeit melden sich aus allen Zellen. Ich keuche den Hügel hinauf und bin froh, in meinem eigenen gemächlichen Tempo gehen zu können. Was für ein Wald! Dafür hat sich die weite Reise aber gelohnt!, sage ich. Unser Bonmot, an dem wir vor Jahren auf der Reise an den Polarkreis an jeder schönen Ecke gemeißelt haben.

Im nächsten Weiler angelangt, erfahren wir, dass der Laden noch mindestens sechs Kilometer entfernt sei. Oh neiiin!, jammern wir theatralisch. Weil … hier gibts wohl keinen Waldweg und diese Straße hier ist befahrener als die andere und wir beide hassen Straßentippelei.
Lass uns trampen, schlage ich vor. Oder, sagt Irgendlink, wir wandern zurück und ich gehe später mit dem Fahrrad dahin?

Fünf Minuten – lass es uns fünf Minuten probieren, sage ich. Das letztmögliche Auto hält an. Ein Volvo. Der Fahrer kommt aus Leksand, wo wir vor Jahren das tolle Glockengebimmel und den Markt genossen haben. Er mag die Hitze, von der wir erzählen. Dass es heute um die vierzig Grad sei in der Schweiz, sagte ich. Er wolle, wenn er pensioniert sei, in Spanien ein Winterhaus kaufen.

Schließlich lädt er uns an einer Konsuminsel aus, bestehend aus ICA, Café, Pizzeria, Tankstelle und Busstation. ICA, du Nährmutter du! Wir schlendern durch die Regale, uns bewusst, dass wir alles nachher schleppen müssen, was wir kaufen. Reis, sage ich, ist eine gute Pastaalternative. Brot. Milch. Und Goodies, natürlich. Das muss einfach. Mindestens einmal pro Skandinavienaufenthalt. Dreißig, was sage ich? fünfzig!, Sorten Schleckzeug – von Gummidingern über Schockonussstückchen – stehen zur Auswahl. Tüten und Schäufelchen wie in alten Krämerläden. Nur halt in Selbstbedienung. Wir schlagen zu. Hauen rein. In der Tankstelle bekommen wir Rödsprit, wunderbar.
Siesta auf einer der Picnicbank-Inseln im Gelände. Muffin- resp. Donut-Pause. Er ist der Donuttyp, ich die Muffin. Was das wohl über uns aussagt?

Es gibt einen Bus, eine halbe Stunde später, der dahin fährt, wo wir in den Volvo gestiegen sind, findet Irgendlink heraus. Wir versuchen es dennoch zuerst mit trampen, haben aber diesmal kein Glück. Der Bus bringt uns zur Weggabelung und wir wandern den gleichen Weg durch den Wald zurück.

Was gut tut nach diesem kleinen bunten Konsumrausch eben.
Das Auf und Ab geht echt ganz schön in die Beine, merke ich. Die Wanderroutine ist noch nicht wieder da. Macht nichts. Wir haben es ja nicht eilig.

Auf dem Campingplatz ist es kurz vor Cafeteria-Schließung und wir schaffen es grad noch, eine Tasse Kaffee und eine Tasse Tee zu bekommen.

Glitzerlicht über dem See. Gewitterwolken. Märchenstimmung. Eigentlich wollten wir ja baden, doch es geht ein kühler Wind. Das Wasser ist vom gestrigen Regen auch wieder ein oder zwei Grad kühler … nun ja … später, nach einem Nickerchen machen wir einen auf Helden, schlüpfen in die Badeklamotten und gehen in den See. Ich nur ganz kurz, der Liebste, der sich ja abhärten muss fürs Nordkap, schwimmt eine kleine Runde. Zähneklappernd dusche ich heiß, froh über diese Möglichkeit hier.

Nach dem Abendessen (ja, richtig, keine Pasta!), heute gibt es Reis – dazu gebratenen Feta mit dreierlei Gemüse – suchen wir ein paar Geocaches, finden aber nur die Hälfte, dafür aber einen Ausschnitt des Bergslagsleden, eines 280 Kilometer langen Wanderweges, den wir irgendwann mal wandern wollen.

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Unterwegs sagt Irgendlink: Lass uns noch einen Tag länger hierbleiben. Einfach mal nichts tun. Nichtstun. Gar nicht so einfach, denn Bloggen ist ja auch nicht nichtstun. Und Bilder bearbeiten, Karten gestalten auch nicht.

Die -Tour ist ja eine Kombination aus dem allem, und darum ist auch ein scheinbarer, zumindest örtlicher Stillstand kein Stillstand. Ich bin eine Kunstmaschine, ich kann nicht nicht kunsten, sagte Irgendlink einst. Künstler haben nie Pause, ist auch so ein Satz aus seinem Mund. Stimmt.

Darum zählen auch diese Tage hier und auf dem Weg nach Falun, sogar die Tage in Falun dazu. Sie nähren die Kunstmaschine, damit sie nachher wieder frisch gestärkt ans Nordkap radeln kann. Ähm, er natürlich, er, der Mensch, der Künstler, eine Maschine ist er nämlich nicht. Eine Maschine hat kein Herz.

2300 Kilometer seien es, auf dem Sverigeleden, und wenn er jeden Tag – ohne Pause – so um die siebzig bis achzig Kilometer fahre, könne er es bis Ende August schaffen bis ans Kap, denkt er laut.

Und wenn auch nicht – es ist, wie es ist. Und das ist gut so.