Das erste Mal

Wie habe ich mich bis jetzt geziert. Im Uskavi war ich ja nur kurz auf der Treppe im Wasser, nur bis zum Hals und schnell wieder raus. Kalt. Zu kalt. Während ich aus der Schweiz und aus Deutschland von neuen Hitzerekorden lese, klappere ich beim Gedanken an das kühle Seewasser mit den Zähnen.

Heute wecken mich Blase und Sonne gleichzeitig. Irgendlink und ich schlafen bei offener Zimmertüre und haben so direkten Ostblick. Um sechs guckt die Sonne bereits zum Dachfensterchen hinein und blinzelt vorwitzig. Blauer Himmel, sagt sie. Kommt raus.

Erst zwei Stunden später bin ich wach und mutig genug, ihrem Locken zu gehorchen.

Im Badeanzug gehe ich zum nahen Steg am See beim Haus. Das Sommerlicht, skandinavisch blaugrünhellweißunbeschreiblich, küsst meine Augen. Idylle pur. Ich möchte die Welt umarmen, aus den Angeln heben, jubeln. So ein Morgen ist das! Ein Glücksmorgen.

Das Wasser ist kalt. Ich gehe barfuß ein paar Schritte. Gehe wieder zurück. Auf den Steg. Das Holz ist bereits aufgewärmt. Die Sonne tänzelt und lächelt und lockt mich ins Wasser. Wärm du mich erst mal richtig auf!, sage ich. Dann komme ich. Vielleicht.

Dann sitze ich da. Bin. Einfach da. Wasser. Stille. Das Ufer dort drüben. Die Insel da. Grüner Waldstreifen. Schweden. Ja. Das ist mein kleines großes Glück. So. Obwohl … würde ich immer hier wohnen, wäre es bestimmt anders. Unterwegs seiend bin ich gerne hier zuhause, temporär. Aber immer?

Ich bin. Jetzt. Hier.

Und irgendwann siegt der Mut und siegen Lust und Übermut. Ich lege mich zum Angewöhnen schnell ins kühle Uferwasser, klappere ein bisschen mit den Zähnen und dann, dann, dann … ja … dann wate ich hinein. Mit jedem Zug wird das Wasser wärmer und ich sehe den Himmel über mir und lege mich aufs Wasser wie auf eine Matte und lasse mich tragen und weiß mich eins mit dem über und dem unter mir. Der Tiefe, der Weite, dem Blau und dem Herz, das in mir schlägt. Die Kälte ist vergessen.

Da sind nur noch das Waser und ich. Und der Himmel.

Später, im Haus, nach einer heißen Kurzdusche um des Saunaeffekts willen, fühle ich mich ganz und gar neu. Dieses Neu, das mich am Leben immer wieder so verblüfft. Dass es das auch mit 50 immer noch gibt. Erste Male. Obwohl es schon oft so war und immer wieder so sein wird. „Like the first morning …“, singt Cat Stevens auf einmal in meinem Kopf. So fühlt sich Glück an. Manchmal.