Ich will noch nicht nach Hause gehen | #Zitatgeschichten

Alle Tische sind abgeräumt, der Tresen glänzt und die Stühle auf den Tischen geben den Boden frei. Ein paar Bierdeckel und Fritten dekorieren den Boden. Nur Olga sitzt noch da. Wie immer ist sie die Letzte. Und wie immer diskutiert sie mit der Wirtin um weitere Minuten im schummrigen Licht.

Viel hat sie nicht getrunken. Ein Bier reicht viele Stunden. Sie nuschelt. Müde vom Leben. Und vielleicht weil sie sich so sehr daran gewöhnt hat, die Silben zu verschlucken, weil ihr ja eh nie jemand mehr wirklich zuhört.

Sie ist eine der Abgesägten. Eine der Verbrannten. Nach viele Jahren und vielen Jobs gleichzeitig.

Drei Kinder hat sie großgezogen. Schließlich der Unfall. Wegen Übermüdung und Unachtsamkeit. Selbst schuld, aber der Rücken ist für immer kaputt. Kündigung. Sozialamt.

Und daheim wartet schon lange niemand mehr.

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Die Aufgabe:
Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt.

Kleine Momentaufnahmen. Fiktiv oder real, alltägliches Geschreibsel, Verspieltes, Trauriges, Menschliches … ohne allzu viel nachzudenken.

Den heutigen Satz habe ich bei Sybille Lengauer aufgeschnappt.

Mitmachen erlaubt.

5 Kommentare zu „Ich will noch nicht nach Hause gehen | #Zitatgeschichten“

  1. Es gibt Wirtinnen und Wirte, die nicht gut zu sprechen sind auf die Gäste, die sehr lange mit sehr wenigen Getränken dasitzen. Als ich noch die Gartenkneipe machte, setzte ich mich manchmal dazu und sprach mit ihnen (wenn wirklich Zeit und Gelegenheit dazu war). Ich hörte zumeist traurige Geschichten …

    1. Kann ich mir so gut vorstellen … Olga war plötzlich da. (Ich kenne sie nicht, vielleicht wird sie mir noch mehr Geschichten erzählen.)

    2. Erinnert mich an Nighthawks von Hopper – der Psychologe nennt es passives Sozialisieren.
      Zuhause wartet oft die Stille, das Grübeln oder das Gefühl der Isolation. Die Kneipe bietet eine kontrollierte Umgebung, die vom eigenen Kopfkino ablenk

      1. Ha, stimmt, das Bild passt irgendwie. Obwohl mein Bild eher eine schmuddelige Kneipe zeigte. Ja, vielleicht bietet diese Umgebung die kontrollierbare Ablenkung.

        Bilder als Vorlage für Geschichten ist auch eine gute Idee. Vielleicht versuche ich das mal.

      2. Ich habe mich gerade auf deiner Webseite umgeschaut … Deinen Text unter Über-mich, den über das Anders-Sein, mag ich sehr. Der spricht mir zutiefst aus dem Herzen.

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