Jedem Tag seinen Genuss erlauben!, denke ich beim Erwachen. Jedem Tag die Möglichkeit geben, sich mir von seiner schönsten Seite zu zeigen. Auch dem Regen. Jetzt sein. Jetzt genießen. Die Dusche zum Beispiel. Meinen Sonnengruß Richtung Regenschauer. Eine Feige knabbern. Saft trinken. Auf dem Rad Musik genießen. Pfeifend den im Regen stehenden Menschen an der Bushaltestelle ein Lächeln schenken. Mich an der Kreuzung übers Rotlicht zu freuen, über diese kleine Pause vor der Weiterfahrt. Nicht an die überübernächste Kreuzung denken. Sie kommt eh. Nicht eher und nicht weniger bald, als wenn ich jetzt schon grüble, ob ich den Weg links oder jenen rechts nehmen soll. Nein, sie kommt nicht. Ich komme. Ich gehe auf sie zu. Vorwärts.
Im Büro endlich mal wieder das Gefühl, nicht nur Feuer zu löschen, sondern Liegengebliebenes und Aktuelles gleichermaßen bearbeiten zu können. Und endlich mal wieder das Gefühl von rechtzeitig statt zu spät etwas tun können. Da schreit Kollegin G. um Hilfe und IT-Superuser Sophia rennt in deren Büro. Alle Mails von G. sind weg und die Leute unserer Hotline nicht erreichbar. Ich muss entscheiden, schließe das Programm, starte neu auf. Hokuspokus und die Mails sind wieder da. Datenverlust – ein Schreckensgespenst der modernen Menschen! Wir sind ihm einmal mehr durch die Maschen gehüpft. Glück gehabt.
Auf dem Heimweg wieder die Kreuzung samt Ampel. Ampeln Plural. Vier. Und alle vier zeigen rot. Ungefährdet radle ich an der Autoschlange vorbei und biege – das rote Verbot missachtend – rechts ab, weil ich zur Post muss. Noch immer rot. Noch immer warten alle Autos. Warten gemeinsam auf grün. Hundert Meter weiter, im Rückspiegel, stehen sie noch immer. Alle. Wie lange noch?