Alles, was wir sind, beruht eigentlich auf einem Irrtum. Das ganze heutige Menschsein. Einem unabsichtlich geplanten Irrtum sozusagen. Gott hatte – müsst ihr wissen – vor langer Zeit, was auch immer das eigentlich ist, den vermutlich genialen Plan, die menschliche Gerade, will heißen die menschliche Evolution, genau nullkommasiebenfünf Grad entlang einer vorgängig genau ausgeklügelten und definierten Basislinie, der Linie Null, der Gottlinie, laufen zu lassen. Aber weil er beim Umsetzen dieses Planes einen ausnahmsweise übermütigen Tag hatte, nahm er es nicht so genau wie geplant. Ob das Gerücht mit dem Wein stimmt, kann ich leider nicht bestätigen. Jedenfalls sind es nachweisbare nullkommaacht Grad, die die menschliche Gerade von Linie Null abdriftet.
Natürlich fragen wir uns nun, da wir dies erfahren haben, warum die menschliche Linie denn nicht parallel zur Gottlinie verläuft. Gute Frage. Eine der vielen, auf die es keine Antworten gibt. Immerhin ist nullkommasiebenfünf daneben ist ja nicht viel. Und der Unterschied von der geplanten zur tatsächlichen Linie, also nullkommanullfünf noch weniger. Kaum der Rede wert. Doch in den paar tausend Jahren, die seither vergangen sind, wurden daraus viele Kilometer. Die besagte Abweichung vom ursprünglichen Plan, dem Paradiesplan sozusagen. Wie es heute hier wohl wäre, wenn?
Tatsache ist, dass sich diese Abweichung überall bemerkbar macht und alle sind wir seither damit beschäftigt, diese globale und persönliche Abweichung vom Plan irgendwie zu kompensieren. Alle suchen wir seither irgendwie einen Weg, dieses grausame Leben zu ertragen. Zum Beispiel lenken wir uns vom lebendigen Leben ab und spezialisieren uns aufs konsumieren. Dazu schauen wir uns Dinge wie Fußballspiele an. Beispielsweise. Oder wir gehen arbeiten. Fahren Auto. Essen. Trinken. Schlafen. Schlagen Stunden tot. Drehen Däumchen und Grillspieße. Lesen Bücher und Blogs. Schreiben Nonsens und Klugscheiß. Und schauen noch mehr Fußballspiele.
Dabei wäre alles ganz einfach, denn …
(Schlusssatz-Variante Nummer eins)
… irgendwo ist eine Schatzkiste oder etwas in der Art versteckt auf dem die Urkoordinaten der menschlichen Spezies festgehalten sind. Nullkommasiebenfünf ist nur ein Platzhalter. Den Schatz finden würde alle Probleme schlagartig lösen. Der heilige Gral?
(Schlusssatz-Variante Nummer zwei)
… nun haben wir endlich den Beweis: Gott ist nicht unfehlbar. Aber ob das Ganze überhaupt ein Fehler war? Ob Leben parallel zur Gottlinie überhaupt menschenmöglich wäre?
(Schlusssatz-Variante Nummer drei)
… Göttin wäre sowas kaum passiert. Die hätte von vornherein mindestens Nullkommaneun Grad Abweichung eingeplant oder gar nicht erst mit Geraden herumgespielt. Hyperbeln und Parabeln, Kreise und Spiralen sind einfach viel schöner.
