Ein Anfang zu sein

Ein bisschen wie der kleine Prinz von Saint-Exupéry komm ich mir vor. Täglich jätet der kleine Kerl seinen kleinen Planeten, damit das Unkraut nicht überhandnimmt. Täglich befreit er seine Rose von den gefräßigen Raupen, damit sie sein Ein-und-alles nicht zu Grunde richten. Und täglich verschont er ein paar Raupen – um der Schmetterlinge willen. So hab ich es im Kopf. So ähnlich jedenfalls. Falls mir das Buch beim Einrichten des Bücherregals in die Finger kommt, will ich es wieder lesen. Eins meiner ewigen Lieblinge. Längst zerfleddert, aber heiß geliebt.
An den kleinen Kerl denke ich, wie ich meinen Laptop auf starte, um auf dem Irgendlink-Live-Kunst-Reise-Blog auf Raupensuche zu gehen. Auf der iPhonetastatur schleichen sich nämlich ganz schön schnell Tippfehler ein. Damit diese nicht allzu störend beim Lesen sind, mach ich die meisten weg. Nicht alle. Nur jene, die sinnverfremdend sind. Aus heite mach ich heute. So Sachen halt. Die andern lass ich – um der Schmetterlinge willen.
Zum täglichen Ritual, das ich bereits nicht mehr entbehren möchte, gehört das Illustrieren der von ihm zurückgelegten täglichen Reiseroute mittels Guuglmäps und das Downloaden von Irgendlinks Texte und Bilder in ein Textdokument. Das neue Buch im A5-Format hat bereits jetzt – samt der verkleinerten Bilder und dem Vorspann – um die siebzig Seiten. Nach nur einer Woche. Könnte also sein, dass da ein dicker Reiseschunken entsteht. Möge sich ein toller Verlag dafür finden. Obwohl die ganze Liveatmosphäre halt schon was ganz und gar einzigartiges hat. Etwas süchtigmachendes.
Ich lese im neuen SPUREN-Heft (103, Thema Neubeginn) einen genialen Artikel. Es ist ein Buchauszug aus einem Buch von Dirk Grosser namens Selbst ein Anfang sein. Es geht darin um die Möglichkeiten, die wir haben und allzuoft verstreichen lassen.
Ich zitiere:

Warum sollten wir alle das gleiche Gebet sprechen? Woher kommt dieses Misstrauen dem eigenen Erleben gegenüber? Unsere Einzigartigkeit ist das Wertvollste, was wir besitzen – niemand kann unseren Platz in dieser Welt einnehmen. Niemand kann der Welt das geben, was gerade wir geben können. Unsere Talente, unsere spezielle Wahrnehmung, unser Ausdruck, unsere Liebe … Wäre es nicht tragisch, aus Rücksichtnahme auf ein System, welches gar nicht das unsrige ist, darauf zu verzichten? Warum nicht selbst der Anfang von etwas Neuem sein? (…) Alle (diese) vorgefertigten Wege wollen uns zu „Etwas“ machen. Doch „etwas sein“ bedeutet immer eine Grenze ziehen und somit „etwas anderes“ nicht sein. So schränken wir uns selbst und die Vielfalt des Kosmos ein.

(Quelle: siehe oben)
So ähnlich erlebe ich meinen Neubeginn hier in der Schweiz. Mal misstraue ich meinem Erleben, meiner Wahrnehmung, meine, dass ich zu wenig tue. Tun, was von mir erwartet wird. Doch wer sagt, was ich tun soll? Als wäre tun der Schlüssel zu allem.
Dann wieder kann ich einfach sein. Doch einfach so sein ist so einfach nicht.

0 Kommentare zu „Ein Anfang zu sein“

  1. Sage etwas, das selbstverständlich ist, zum 1. Mal , und du wirst in die Geschichte eingehen.“ Das habe ich auch nur so halb und halb im Kopf, ist mir gerade eingefallen. Gutes Einleben im windischen Ort! und gute Ostertage!

  2. Im großen und Ganzen war dies das heutige Gespräch zwischen meinem Sohn (32) und mir (55) – sich selbst sein und eben diese eigene seele leben, mal wild, mal zurückgezogen, mal gesellig, mal eremitsch, aber immer sich selber folgend… der zitierte text bringt es auf den punkt, bei all dem was bei der wahl eines solchen lebens auch nicht einfach ist. schon brecht fragte: wer hat uns eigentlich gesagt, dass das leben einfach sei?“
    danke dir für diesen text und dabei schoss mir durch den kopf: uuuh das neue spurenheft liegt auch noch ungelesen auf meinem küchentisch… danke für die erinnerung und herzlieb gegrüßt
    ulli

  3. Ja. Der eigene Weg. Manchmal dauert das ganze Gemäandernde sehr lange. Bis man den Weg gefunden hat. Träume können da wegweisend sein.
    Euer Projekt ist wunderbar. In seiner Haut möchte ich aber dennoch nicht stecken, dazu bin ich viel zu verwöhnt, was Komfort und vor allem Wärme angeht….
    Er radelt sich und sein Mäanderleben warm. Heiß manchmal. Mit Deinem Liebeswind im Rücken.
    Gruß von Sonja

  4. zum glück hat er heute mal wieder ein weiches bett, liebe sonja (liebeswind ist schööön) 🙂
    und du, irgend, ja, genau. immer wieder neu. weil jeder und jede alles anders erlebt.
    das macht das leben auch so spannend.
    herzgrüße, soso

  5. Was bedeutet „Sein“ eigentlich? Ist man nicht schon, wenn man atmet? Oder ist man nicht schon, wenn man lange nicht mehr im Leben weilt, aber man noch an uns denkt? Und was ist „Ich“ und „Selbst“? Sind es auch nicht die vielen Situationen und Anforderungen im Leben, die uns flexibel und vielseitig machen und uns erfahren lassen, was in uns steckt? Ist die Interaktion mit anderen und manchmal auch die Anpassung an gewisse Situationen nicht auch mal das, was unser Ich entwickelt? Aber ist das nicht genau das, was dann wieder Unfreiheit und Un-Ichheit genannt wird? Je mehr ich frage, desto klarer wird mir, dass es das Ich alleine für sich nicht geben kann, denn auf irgendetwas reagieren wir immer – und sei es auch nur auf Darmtätigkeiten oder Herzklopfen.
    Gute Nacht, Soso. Wünsche Irgendlink auch ein warmes Bett …

    1. „sein“ und „haben“ sind die häufigst verwendeten (hilfs)verben. was uns das wohl sagen will?
      danke für die lieben wünsche! (ja, heute hat irgendlink auch ein warmes bett!)
      herzgrüße, soso

  6. „… meine, dass ich zu wenig tue. Tun, was von mir erwartet wird. Doch wer sagt, was ich tun soll? Als wäre tun der Schlüssel zu allem.“
    Ich versteh dich so gut. Als wäre „Etwas-tun“ die einzige Daseinsberechtigung. Ist es nicht, wir wissen es alle, aber das zu leben und die dummen Gedanken auszuschalten, die doch immer mahnen, endlich etwas „Vernünftiges“ zu tun – es ist manchmal gar nicht möglich. Hat man uns etwas Falsches mit auf den Lebensweg gegeben?
    Bin gedanklich bei dir, auch wenn ich keine Antwort weiß.

  7. ach ja, liebe anhora, diese innere koordinierung gehört zu einem system, mit dem ich mich kaum identifiziere, es aber doch in den grundzügen verinnerlicht habe. was sollen auch die leute denken?
    ätzend und giftig so zöix und verhindert eigenes wachsen zuweilen.
    danke fürs an mich denken
    liebe grüsse
    soso

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert