Tatort mutiert zum Psychothriller. Ab und zu jedenfalls. Jener neulich aus Saarbrücken zum Beispiel und auch jener gestern aus Frankfurt.
Der Plot ist simpel und ganz und gar nicht neu im Psychothrillerbereich: Sexuell frustrierter, von der Schöpfung ästhetisch arg benachteiligter und deshalb (?) von der Gesellschaft und der bösen Mutter geplagter Mann bringt Frauen um. Immer nach dem gleichen Muster. In diesem Fall sind es vier Sexarbeiterinnen, die mit dem Leben bezahlen. Die Mordserie stoppt erst, nachdem der den Zuschauenden bekannte Täter von seiner sehr dominanten Partnerin verlassen wird und nach einem missglückten Suizidversuch in der Psychiatrie landet. Zwar stand er bereits unter dringendem Mordverdacht, durfte aber mangels Beweisen nicht länger festgehalten werden und ermordete danach eine weitere Frau.
Das Leben eines zweiten Tatverdächtigen wird ganz nebenbei ruiniert, weil dessen Doppelleben auffliegt. Obwohl verheirateter Familienvater, besuchte er regelmäßig Prostituierten, war davon geradezu besessen. Unter Tatverdacht geriet er, weil alle vier Frauen kurz nach seinen Besuchen ermordet aufgefunden wurden. Seine Frau verlässt ihn, während er vernommen wird, Hals über Kopf. Der Mörder, der im gleichen Haus lebt, beschattete seinen Nachbarn schon eine Weile. Nach dessen Besuchen suchte er hinterher die gleichen Frauen auf. Von Kopf bis Fuß in Haushaltfolie eingewickelt, um keine Spuren zu hinterlassen und weil sich so – so interpretiere ich – seine Hässlichkeit verbergen lässt und es ihn anturnt, tötete er seine Opfer. Er übertötet sie sogar, denn nachdem sie längst tot sind, schneidet er ihnen den Kehlkopf durch. Den Sitz der Stimme, wie er in der Fast-Schlussszene gesteht. Diese böse weibliche Stimme, die ihn immer drangsaliert und überfordert hat.
Der Plot, die Täter-Opfer-Story, ist, wie ich schon sagte, simpel gestrickt. Eine weitere Missbrauchsgeschichte mit ihren vielen Gesichtern. Nein, simpel ist so eine Geschichte trotzdem nicht. Nie. Zumal diese Geschichte auf wahren Begebenheiten basiert.
Die eigentliche Geschichte baut sich um die junge, ehrgeizige Hauptkommissarin und Ermittlungsleiterin Conny Mey auf, die die Leitung des Falls beinahe einem erfahreneren Kollegen, Seidel, abtreten muss, der, nach einem beruflichen Unterbruch, in den Dienst zurückgekehrt ist und den sie verabscheut. Sie kämpft darum, die Untersuchungsleitung zu behalten und kniet sich in den Fall rein, als ginge es um ihr Leben.
Im Laufe der Geschichte kann sich die attraktive Kommissarin – Typ groß gewachsenes Superwoman mit Cowboystiefelchen, die trotz Dekolleté und viel Sexappeal recht machohafte Züge zeigt – jedoch immer weniger abgrenzen und wird deshalb vom Fall abgezogen, kurze Zeit sogar krankgeschrieben und in den Bereitschaftsdienst um geteilt. Dort überführt sie mit ihrem neuen Kollegen einen Frauenschänder aus der Oberklasse, den sie in ihrer Wut über seine Brutalität zu Boden tritt. Seine Frau habe ihn eben provoziert, hatte der Mann als Ausrede für seine Prügel gesagt. Paralysiert sitzt sie danach im Polizeiauto, unfähig ihren vorherigen Wutausbruch zu verstehen. Immer wieder wird in eingeblendeten Sequenzen die innere Qual der Kommissarin veranschaulicht.
Unterdessen ist die Mordserie aus erwähnten Gründen abgebrochen. Die Untersuchungen des Falls sind stagniert, der mutmassliche Mörder verschwunden. Im Gespräch mit dem ehemaligen Fahndungskollegen Steier, dem dritten im Team, einem netten älteren Kommissar, der für das Täterprofil zuständig war, denkt die Kommissarin über den Verbleib des Tatverdächtigen nach. Einer Intuition folgend finden ihn die beiden, endlich geständig, in der Psychiatrie.
Ich bleibe ratlos auf dem Sofa sitzen. Was war das jetzt? Die schauspielerischen Leistungen, besonders der Kommissarin und des Psychopathen, fand ich beachtlich. Echt stark fand ich Kamera, Schnitt und Drehbuch, speziell all die Einstellungen, die das Innenleben besonders dieser beiden Figuren sichtbar machten. Glaubwürdige Dialoge. Beklemmend nah an der Realität. Beklemmend auch jene Szene, wo die Kommissarin unerlaubt im Heimbüro eines Klatschjournalisten herumstöbert und entsetzt die Bilder an der Wand betrachtet – Zeitungsausrisse von verstümmelten Frauenleichen. Ohnmacht in ihren Augen, aber nur kurz. Dann Entsetzen. Schließlich Unverständnis und Wut.
Trotz allem ist dieser Film auch nur eine weitere gesellschaftliche Momentaufnahme. Nicht das Ganze, nur ein Ausschnitt – wie alles.
Ein schales Gefühl bleibt zurück. Immer wieder und beinahe überall findet dieser sinnlose Krieg zwischen Frau und Mann statt (Krieg ist notabene immer sinnlos). Im Film hier sind es starke Frauen und schwache Männer. Ehemalige Opfer können TäterInnen werden. Nichts neues. Nein, nichts neues. Deswegen nicht weniger schlimm. Und deswegen auch keine Ausrede.
Finden wir wohl den Weg zurück ins Miteinander?
wunderbar geschrieben, das ist das eine und nicht unbedingt neue… neu ist auch nicht die hoffnung und der wunsch, dass männer und frauen doch bitte wieder zueiander finden mögen… was braucht es dazu? zunächst einmal eine überarbeitung der mannsbilder und weibsbilder in unseren köpfen (siehe dazu auch meinen heutigen artikel… http://cafeweltenall.wordpress.com/2012/04/23/eins-ergibt-das-andere/ ) schöne synchronizitäten mit doch ganz anderen ausgangslagen
herzliche grüße u.
Die Lösung dieser Frage verlangt von beiden Seiten verdammt viel …
@ li ssi: hab ich auch gemerkt, vorhin, als ich bei dir blog-café trinken war … 🙂
@ emil: kommt halt darauf an, ob wir dazu bereit sind … und wenn nein, was noch fehlt …
tja …
liebgrüß euch beide, soso
Schön, dass wir den gleichen Film gesehen haben! Das ist ja nicht selbstverständlich …. 😉
Du beschreibst den gestern ausgestrahlten Tatort unglaublich dicht, und es sind ähnliche Eindrücke, die Dich, wie uns, erreicht haben. Tatsächlich war das Schauspiel des Täters und der Kommissarin bemerkenswert gut. Das Bild der misshandelten Anwaltsfrau werden wir kaum los.Wir könnten noch viel mehr dazu schreiben, aber immer wieder kommt uns etwas ganz anderes, aber sehr ähnliches dazwischen: erst am Samstag haben wir in der WDR-Mediathek einen Beitrag von „Menschen hautnah“ vom 02.02.2012 gesehen, in dem über ein Jahr eine Frau gefilmt wird, die versucht, den Ausstieg aus dem Sexgeschäft mit Hilfe ihres Partners, den sie als Freier im Bordell kennengelernt hat, hinzubekommen. Man mag darüber, auch über diese beiden Menschen und ihre Beziehung denken, was man mag: aber wir hatten den Eindruck, dass sich hier Mann und Frau mit viel Respekt, Zuneigung und Verständnis und auch inneren Kämpfen der jeweils anderen Erlebniswelt zu nähern versuchen.
Danke Dir, dm und mb
das klingt in der tat nach einer sehr grossen, aber nicht unmöglichen herausforderung. ich hoffe, dass es gelingt. das ist ja echtes leben, nicht film, wie hier (selbst wenn es auf einer wahren geschichte beruht).
danke für die rückmeldung und herzliche grüße zurück
soso
Ich schaue lieber kein Tatort, finde aber, dass du hier sehr gut und spannend geschrieben hast. Die Frage, die du am Ende stellst, ist nicht leicht zu beantworten und würde von mir mehrere Seiten fordern. Aber eine Sache möchte ich loswerden. Ich wehre mich nicht dagegen, zu sagen, dass Frauen schlimm sein können und ihre Macken haben. Aber ich wehre mich dagegen, so zu tun, als seien Männer wie Frauen gleich schlecht oder gut oder gewalttätig oder friedlich. Die größte Gewalt geht definitiv von Männern aus. Und die geschriebenen und unbeschriebenen Gesetze sind sogar noch hier in Deutschland eher zu Gunsten der Männer. {Außer, was die Sorgerechtsgeschichten angehen.} Und ich sag das gerade auch nicht zu dir, denn ich weiß, wie sensibilisiert du auf das Thema bist. Ich wollte nur ganz klar Stellung beziehen. Was ich den Frauen „vorwerfe“ ist eher, dass sie selbst heute noch diese patriarchalischen Strukturen nicht sehen wollen und dabei helfen, sie aufrechtzuerhalten.
„lieber“ = „leider“ iPhone meinte leider wieder einmal, besser zu wissen, was ich eigentlich sagen wollte.
danke für deine stellungsnahme. was du am schluss sagst, kann ich unterschreiben: wir können viel mehr erreichen, wir frauen. nicht mal zu ungunsten auch der männer.
und das mit der grössern gewaltbereitschaft ist genauso, wie du schreibst. leider, nicht lieber.
dafür liebe grüsse, gerne, nicht leider 😉
soso
ps: das rechtschreibeprogramm beim ifon kann frau übrigens unter einstellungen ausmachen. 🙂
Ich weiß, dass man es deaktivieren kann. Aber dafür ist es eben doch noch zu nützlich. {Also mehr nützlich als nervig.}
Das ist so.
Der obige Kommentar sollte eigentlich unter dem von Sherry um oo:56 Uhr stehen.
@ sherry: für mich ist es mehr nervig als nützlich 🙂 weil ich oft auch schweizerdeutsch schreibe und damit ist das ding total überfordert 🙂
@ hausundhirschblogteam: genau 🙂
Das letzte Drittel des Films hab ich auch gesehen und war entsetzt wie sprachlos, was Menschen einander anzutun imstande sind.Und auch immer wieder das Thema Häusliche Gewalt. Wie krank das manchmal alles ist – und wahrscheinlich zu allen Zeiten schon war. Immer geht es um Macht, um Unterwerfung, im Kleinen wie im Großen. Es steckt soviel böses Potential in uns Menschen, daß es schaudern macht. Solange es Filme gibt, war auch das immer ein Thema. Ich denk da beispielsweise an „M“ von Fritz Lang(um 1928), wo eine ganze Stadt einen KinderMörder sucht. Auch das war eine Momentaufnahme der Gesellschaft, die wohl auch bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Das war auch filmisch ganz große Kunst, verglichen mit den heutigen, oft blutrönstigen Filmen, deren Handlungen so flach sind wie die neuzeitlichen Fernsehgeräte. Auch dieser Tatort ist leider von diesem Trend nicht frei, auch wenn er besser gemacht ist als vieles auf dem Gebiet.
Nachdenkliche Grüße aus der regennassen Stadt am regennassen Meer vom Wolfgang.
hallo wolfgang und willkommen hier
ja, die bisweilige oberflächlichkeit bei filmen mit gewaltthemen find ich auch erschreckend. es hat wohl auch mit übersättigung zu tun.
ich hab ja kein tv. um diesert übersättigung zuvorzukommen. ich guck nur hin und wieder livesstream. verdauen braucht seine zeit nach solchen filmen.
danke für deinen input
liebgrüß soso