Sputnik Sweetheart

Den ganzen Morgen über, im Büro, wollte ich – ganz kurz nur! – meine Ideen für diesen Blogartikel, den ich jetzt endlich schreibe, runter tippen. Keine Chance! Tausend Kleinigkeiten, ein ständig klingelndes Telefon, ein neuerlicher Konferenz-PC-Testlauf, den ich betreuen musste und der Versand der aktuellen Kursprogramme standen Schlange. Zum Glück gibt’s (herzige!) Velokuriere, die uns wenigstens ein paar Gänge abnehmen. Samt Fahrradanhänger und tausend Briefumschlägen machte sich unser Bote an meiner Stelle auf den Weg zur Post am Eigerplatz.

Ein Uhr. Endlich Feierabend. Endlich Wochenende. Erschöpft ließ ich mich auf meinen Bürosessel fallen. Im angrenzenden Entrée und Pausenraum saß G., meine Bürokollegin, und knabberte Zeitung lesend an ihrem Sandwich, derweil mein Magen knurrte, wann immer ich an die Couscous-Resten in meinem Kühlschrank dachte. Während ich die letzten Handgriffe vor dem Weekend verrichtete, den elektronischen Arbeitsrapport ausfüllen zum Beispiel, begannen wir über die Arbeitsauslastung und -verteilung innerhalb des Teams zu diskutieren. Ein Wort rief dem nächsten, Gedankenfetzen drängten sich in unser Blickfeld, Ideen wurden geboren und schließlich ließ ich mich beinahe dazu überreden, mein Pensum nächstes Jahr um zehn Prozent zu erhöhen. Denken und spinnen lässt sich sowas alleweil. Ziemlich schnell sogar. Doch in Tat und Wahrheit hieße das für mich, einen halben Tag mehr im Büro zu sitzen! Es hieße auch, neue Arbeitsgebiete kennen zu lernen und noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Und es hieße, mehr Geld zu verdienen.

Doch vor allem hieße es eins: Weniger freie Zeit für mich! Und das, gopf, das ist die alles entscheidende Frage. Die ich vor einem Jahr mit Nein beantwortet habe. Will ich mich wirklich mehr und mehr auf Arbeit-außer-Haus einlassen und dabei mein Ding, die Schreiberei und all das, was mir in meiner freien Zeit so wichtig ist, runter dimmen? War es nicht immer schon mein Heiliges Prinzip, dass mir Zeit wichtiger sei als Geld?

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Nein, nein, Halt! Das ist alles nicht wirklich dasjenige, worüber ich bloggen wollte!
Worüber denn dann?
Was war das gleich nochmal?
Ja! Jetzt fällt es mir wieder ein! Über ein Buch von J., das ich eben lese, wollte ich schreiben!

Sputnik Sweetheart.

Nun ja, der Titel sagt nicht wirklich viel. Aber vielleicht der Name des Autors? Haruki Murakami. Dieser begabte Japaner verwebt eine komplexe Liebesgeschichte, Poesie und Krimistränge zu einem genialen Ganzen, verwebt menschliche Sehnsüchte mit philosophischen Tauchgängen und Höhenflügen und bezaubert mich, wann immer ich zum Weiterlesen dieses zweihundertzweiundzwanzig Seiten dicken Buches komme, von Neuem.

Sumire, eine junge Frau, die Schriftstellerin werden will, verliebt sich in ihre zukünftige Arbeitsgeberin Miu. Was ihr Verehrer, der Ich-Erzähler zwar bedauert, ihr aber die schöne platonische Freundschaft deswegen nicht kündigt. Als Sumire mit ihrer neuen Chefin Miu nach einer Geschäftsreise ein paar Tage Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel macht, verschwindet sie über Nacht spurlos. Ihr Freund fliegt von Japan nach Griechenland und hilft der verzweifelten Miu bei der Suche. Eine faszinierende Suche sowohl im Außen als auch nach innen. Dem Erzähler gelingt es schließlich, Sumires Powerbook zu öffnen.

„Meine vorläufige These lautet wie folgt: Durch das Schreiben schaffe ich mir einen zusätzlichen Raum, in dem ich mich im Alltag vergewissere, wer ich bin,“ schreibt die junge Schriftstellerin.

Warum kommt mir das bloß so bekannt vor?

Miu erzählt ihrem Gast über die Art der Beziehung zu ihrer jungen Freundin, der sie – da nicht homosexuell veranlagt – nicht das sein konnte, was diese sich gewünscht hätte:

„Wir waren zwar großartige Reisegefährten, aber letztlich doch nur zwei einsame Klumpen Metall auf getrennten Umlaufbahnen, die aus der Ferne wie wunderschöne Sternschnuppen aussehen, in Wirklichkeit aber nichts als Gefangene ihrer jeweiligen Umlaufbahn sind, aus der es keinen Ausweg gibt. Und wenn unsere Bahnen sich zufällig kreuzen, dann können wir vielleicht für einen kurzen Augenglick unser Herz füreinander öffnen, doch schon im nächsten Augenblick sind wir wieder zwei einsame Satelliten in der Weite des Weltalls. Bis wir irgendwann verglühen und zu Nichts werden.“

aus dem Netz gefallen …

… oder der Supergau der Bürogummis

Nix geht mehr. Keine Mails raus, keine Mails rein. Ab- und Zufluss verstopft. Selbst die elektronische Agenda im gleichen System spottet über die vermeintlichen Pendenzen, die ich ihr aufbürden will und versagt mir ihren Dienst. Gerade hatte ich in einer Hilf-mir-bitte!-Mail gelesen, dass einer meiner Arbeitskolleginnen das Gleiche passiert ist. Und nun traf es mich. Eiskalt.

Als IT-Superuserin musste ich dringend handeln. Per Mail verfasste ich – wie in solchen Fällen immer – einen Auftrag, um diese an die Hotliner unsere IT-Abteilung in Z. zu schicken. Ooops! Ich kann ja gar nicht mailen, fällt mir auf einmal ein. Mist! Ich versuche es mit dem Mut der Verzweifelten doch.

Und offenbar ist die Mail sogar angekommen, denn P., der IT-Scheff himself, rief zwei Minuten später an. Wir palaverten eine Weile über unser Mailsystem, derweil er mit seiner Maus per Fernwartung auf meinem Bildschirm herumfummelte. Echt schräg! Daran werde ich mich wohl nie gewöhnen können. So was von irritierend.

Obwohl ich doch der Meinung war, den Warnungen des Mailsystems vor zwei Wochen und seither täglich Folge geleistet und viele überflüssige Mails und ihre fetten Anhänge gelöscht zu haben, war offenbar noch irgendwo der Wurm drin. Meinte er. Und er hatte recht, denn er ortete im virtuellen Nirwana eine unsichtbare Warteschlange mit noch mehr fetten Anhängen. Dateien, an die Normalsterbliche wie ich nicht rankamen und von deren Existenz wir nicht im Traum wissen konnten! Er machte sie unschädlich. Alle!

Ich sah ihn buchstäblich vor mir, diesen Djungel aus Bildern, Dateien, Präsentationen und ZIP-Ordnern, den ich irgendwann virtuell angelegt hatte. Und ich sah P. vor mir, nur mit einer virtuellen Machete bewaffnet, wie er eine um die andere Datei heldenhaft erschlug. Wusch! Und wusch! Und du auch: Fort mit dir

So saß ich also am Bildschirm  und schaute der umher flitzenden Maus zu. Plopp. Das Zeitloch virtueller Träume der fünften Art, wo alles möglich ist – es tat sich auf. Fraß mich. Sog mich in die Tiefen der Netzlosigkeit. Löschte mich weg.

Wo es sich befindet? Dort vermutlich, wo nun all meine Dateileichen vor sich hin modern und von virtuellen Würmern gefressen werden. Und von wo aus ich irgendwann irgendwie doch wieder aufgetaucht bin …  P.seidank!

Hallo, Sofasophia? Noch da? Dein Netz ist geflickt!

dicht – oder nicht.

Längst ist
vergangen
was
war.
Was
wahr
war.
Ob es noch
wahr ist?

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Superlativ:

… dicht,
dichter,
Dichterin.

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Quer zum Himmel
punktiert sie sich
rückwärts
vorwärts
vielleicht
malt Glück
tüpfelt Lust
strichelt Übermut
kringelt Kreise
ohne Ende

keine Ahnung

Das Dokument, das ich Anfang November in Sachen Novemberschreiben eröffnet habe, heißt ja, wie ich neulich schrieb, „Keine Ahnung“.
Ganze 4041 Wörter umfasst es inzwischen. Darin befinden sich massenhaft
Bruchstücke.
Satzsplitter.
Gedankenscherben.
Lyrische Gedankensprünge.
Buchstabenrülpser.
Wenn ich so weiter mache, werde ich diesen November nie und nimmer fünfzigtausend oder fünfundzwanzigtausend Wörter schreiben.
Egal!

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Ich wäre ein
Pixel. Eins von eineinhalb
Millionen. Oder
mehr. Oder auch
weniger. Im Bild.
Rot vielleicht.

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Worte sind die
Fesseln, die den
Ballon, der
Liebe
heißt, festhalten. Wie
gerne er fliegen würde!
Ich übe
schweigen.

Wochenmitter-Text(ili)e(n)-Thema

Für unseren nächsten literarischen Wochenmitter wünsche ich mir von Euch Texte, die sich mit dem Thema 

Netz

beschäftigen. Auch diesmal dürfen Eure Texte alles mögliche und unmögliche sein: Assoziativ oder verspielt, lyrisch oder prosaisch. Tiefschürfend ebenso wie banal, sinnlich, traurig und fröhlich. Oder Absichtslos. Vielleicht auch zielstrebig oder absurd? Auch kleine Geschichten sind erwünscht!

Mailt mir doch Eure Texte bis Mittwoch um 17 Uhr an sofasophia ((at)) lebenswertvoll.ch.
Ich werde am Mittwochabend einen Blogartikel daraus weben.
Herzlichen Dank!

auf dem Sofa

Lass uns
die Liebe neu
erfinden.
Und das Leben auch. Als hätten wir
noch keine Erfahrungen gesammelt. Keine
schalen Erinnerungen, sollen uns behindern. Keine
leeren Wortkapseln. Auch keine
Vorurteile – weder über jene
Zauberworte
noch über uns. Keine
vorgefassten Vorstellungen, wie
wir uns in dieser oder jener Situation
verhalten könnten, sollen uns
bremsen.

Lass uns jeden Tag neu
erfinden, wie Leben, wie
Lieben geht. Wie
wir
miteinander
wirklich
sein können,
wir Menschen.

Promis gesucht

N.
rück grat!
Wer sonst?
Oben. Unten.
Eindeutig klar!
G.s Hingabe galt der Diagonale
schon immer.
Schiefe Ebene,
weich.
Wem D. gefällt,
gefällt auch mir.
Liegt braun
und erdig da.
Gehört allen.
A., wen suchst du?
Sind alle schon weg!
Das heißt:
Ganz hinten steht noch einer,
durch den heute keiner mehr will.
Doch die alten Römerinnen mochten A..
Wozu auch immer.
Oder wodurch?
Weil er die Antworten kannte womöglich.

Und du?

Kennst du die vier oder gar fünf namentlich hier abgekürzten Gesellen? Hast du sie womöglich heute schon gesehen?
Antworten bitte unter Kommentare.

werden … Wochenmitter zum Thema Übergänge

Gleich viel
schwarz
und
gleich viel
weiß.

Gleich viel
Tag
und
gleich viel
Nacht.

Mische grau.
Mische Dämmerung.
Wie viel
ist
gleich viel?

© by Sofasophia (dm)

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Veränderung

„Du hast dich verändert – das steht dir gut.“
„Ja“, lächelt sie, „Liebe macht Mut.“

© by Donna

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Hier hell
dunkel dort
dunkel hier
dort hell
ohne Übergang
ohne Dämmerung
oder mit
weil du zwinkerst
wegblinzelst
was nicht ist
blinzelnd ausgrenzst
den Ton der Trommel
überhörst du
dafür die Vögel
im Strauch drüben
tschilpen
und die Feder
abgeschüttelt beim Spiel
fallen
hörst du
zur Erde segeln
in den Himmel hinab
sinken
gewundert
nicht gehabt
gewesen stattdessen
zwischen hell und dunkel
irgendwo
nirgends
gelandet

© by Sofasophia (dm)

ausgraben

Empathie, so hatte ich neulich behauptet, Empathie und Respekt, angereichert mit Menschenverstand, seien die Basis glücklicher Gesellschaften. Ob das genügt? Reicht dieses simple Rezept, um die Pflanze namens Mensch gedeihen zu lassen? Wirklich gedeihen, üppig und blühend? Nicht einfach bloß dastehen soll sie, wie eine Stoffpflanze aus dem Großverteiler. Ihr wisst schon: So eine, die kein Wasser braucht und trotzdem schön tut. So eine, die einfach da ist, ohne zu wissen weshalb. Nein, das reicht wohl nicht.

Was weiter unten steckt, muss raus. Jener Dünger, den wir alle brauchen. Hingabe ans Leben. Diese Worte aus Glas. Verletzlich. Zerbrechlich. Und noch tiefer unten: das andere Wort. Nein, mehr als ein Wort. Mehr als ein paar Buchstaben. Alles. Das verbotene Wort, das alle kennen und niemand versteht. Four-letter-word. Will heißen fünf, wenn wir deutsch fühlen. Noch zerbrechlicher, drum gut verpackt. Unter der Wurzel. Im Erdreich.

Ausgraben, mit bloßen Händen, will ich es. Mich hingeben. Dem Leben.

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Übe die Kunst des Vergessens!, sagte er. Übe diese Kunst solange, bist du vergessen hast, dass sie eine Kunst ist. Bist du vergessen hast, dass Wissen angeblich nützlich ist. Bis du vergessen hast, dass du bist.

Wie kann ich denn wissen, wann ich mich genug vergessen habe?, fragte sie.

Keine Ahnung!, sagte er, das habe ich längst vergessen.

Worauf sie vergaß zu fragen, warum. Und ohne zu wissen, weshalb.