Im Lift

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne ein paar große Blumentöpfe mit Stauden und Gemüsepflanzen. Als Bühnenbild – hinten – Chiffontücher in verschiedenen Grüntönen. Ich trage eine grüne Schürze über der Alltagskleidung und gehe mit einer Gießkanne zwischen den Pflanzen umher. Gieße hin und wieder und zupfe da und dort ein paar dürre Blätter ab. Zwischendurch wende ich mein Gesicht der Sonne entgegen. Alles um mich herum vergessend. Ganz offensichtlich bin ich glücklich.

Von hinten links nähert sich eine Person, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Nur die Stimme verrät ihr Geschlecht. Doch ganz eindeutig ist es nicht. Der Eindringling hüstelt – Warnung oder Ankündigung? – und bleibt ein paar Schritte neben mir stehen. Schaut mir zu.

Ich lasse mir nicht anmerken, dass ich sie bemerkt habe. Hoffe, die Type, die ich für mich XeNö nenne, verziehe sich wieder und lasse mich in Ruhe. Keine Chance.

Ich (mit einem Tonfall, der deutlich machen soll, wie sehr ich mich belästigt fühle): Suchst du etwas?

XeNö: Nö.

Ich: Was … öhm … machst du denn sonst hier?

XeNö: Na. Dir zuschauen. Dir dreinreden.

Ich:

XeNö: Und dir ein paar Fragen stellen.

Ich (verdrehe die Augen)

XeNö: Na … ?! Hat es dir die Sprache verschlagen?

Ich: Du hast mir gerade noch gefehlt!

XeNö (grinst): Gut zu wissen!

Ich (verdrehe die Augen in die andere Richtung. Sage nichts)

XeNö: Erste Frage: Was soll das Ganze?

Ich:

XeNö: Na? Komm schon!

Ich: Das Ganze?

XeNö: Bravo. Richtige Rückfrage. Braves Kind.

Ich (frage mich, wie ich diesen aufdringlichen Menschen, der meine Zeit verschwendet, endlich loswerden könnte …)

XeNö: Na? Deine Bloggerei! Diese Zeitverschwendung. Selbstdarstellung. Theater. Vorstellung. Diese ganze Selbstbeweihräucherung, du weißt schon. Dieser Seelenstrip … diese …

Ich: Haaalt! Ich wüsste nicht, was DICH das angeht!

XeNö: Werd nicht frech, Kleine!

Ich (richte mich zu meiner vollen Größe auf. Hundertachtundsechzig Zentimeter Sofasophia): Wenn hier jemand frech ist, dann du! Kreuzest hier unaufgefordert auf und stellst unbequeme Fragen! Außerdem brauchst du mein Blog ja überhaupt nicht zu lesen!

XeNö: Weiß ich doch …

Ich: … aber natürlich gibst du nicht locker! Leute wie dich kenn ich doch!

XeNö: Ach ja?

Ich: Ja! Also. Hör jetzt genau hin, denn ich habe nicht vor, mich zu wiederholen. Wenn du wissen willst, warum ich blogge, bleibt dir nix anderes übrig als meine Texte zu lesen. Da steht es drin. Immer wieder. Eine andere Antwort bekommst du nicht. Nicht du!

XeNö: Nun schnapp doch nicht gleich ein. Man wird doch noch nett fragen dürfen.

Ich (verdrehe erneut die Augen, flüstere): Nett … (Flüstermodus aus) … wenn man die Antwort nicht scheut!

XeNö (wendet sich von mir ab. Geht durch den Garten, schaut da und dort hin, hebt Steine auf, scheint etwas zu suchen …)

Ich (Flüstermodus) Ich habe meine Zeit schon dümmer verbracht. Außerdem ist Bloggen weder sinnlos noch dumm. Materiell gesehen schaut zwar nichts ‚bei ‚raus, aber für mich zählen andere Dinge. Die Freude am Schreiben und der Austausch mit den anderen. Zum Beispiel. Und der Ausgleich zu meinem Alltag. Mentale Verdauung. Bisschen spinnen hin und wieder.

XeNö: Sorry, was hast du gesagt?

Ich: Nichts, das dich interessieren müsste.

XeNö: Du und deine ewigen Monologe! Überall führst du sie: Im Kopf. Auf Papier. Im Blog. Gehst immerzu im Kreis herum.

Ich: Deine Meinung.

XeNö: Ich frage mich doch bloß, wie ich dir helfen könnte!

Ich (beiße auf die Unterlippe, um ein Lachen zu unterdrücken): Seh ich so aus? Brauchst du vielleicht ’ne Brille?

XeNö: Ich könnte dich doch hin und wieder besuchen. Deinen Blog aufmischen.

Ich: Du hast mir gerade noch gefehlt!

XeNö: Siehst du. Im Kreis. Du wiederholst dich. Und deine Augen brauchst du auch nicht ständig zu verdrehen!

Ich: Das ganze Leben ist ein Kreis. Nicht gemerkt? Wir fahren bloß ein bisschen Lift. Paternoster. Sind mal oben. Mal unten. Steigen aus. Wieder ein. Gegen den Drehwurm hilft nur schreib … Ooops. (flüsternd, zu mir selber) Was sag ich da?

XeNö (verschwindet grinsend vorne rechts) Auf Wiedersehen!

Ich (knie mich vor eine der Pflanzen und flüstere): War das jetzt alles echt?

Amnesie und Alchemie

Kurz nach dem Aufstehen. Aus dem Spiegel blickt mir eine Unbekannte entgegen. Eine uralte Schwester. So werde ich also später mal aussehen, denke ich kurz. Na ja, schlafen tu ich zurzeit einfach zu wenig. Und ich sehne mich jeden Morgen von neuem nach einer Welt ohne Wecker. Und ohne Uhren, wenn ich schon am Wünschen bin.

Gopf, war das peinlich gestern Abend. Ich saß gemütlich an meinem Tisch und las Zeitung. Viertel nach sieben oder so. Ich war eben aus dem Wald zurückgekehrt, löffelte ein Joghurt und freute mich auf einen Leseabend, als mein Handy bimmelte. Auf dem Display steht „S.“
Ist heute Dienstag?, denke ich. Siedendheiße Erinnerung an einen Eintrag in meiner Agenda.
Na? Kommst du? Ich habe langsam Hunger!,
sagt sie. Na ja. Um sechs Uhr hatten wir abgemacht. Eigentlich. Bei ihr. Zum Abendessen. Und ich hatte mich, riesiges Ehrenwort!, total gefreut. Denn ich mag meine Freundin S. sehr.
Aber ja doch!,
sagte ich. Verzeih. Hab’s vergessen. Minuten später saß ich auf dem Fahrrad und flitzte nach Bümpliz. Und eine Viertelstunde später konnte ich mit S. bereits über mein Versäumnis lachen … Und auf das Leben und unsere Freundschaft anstoßen. Wir genossen den milden Abend bei Kerzenlicht auf der windgeschützten Veranda und freuten uns darüber, dass es uns beide und diesen Abend gab. Einfach weil wir da waren und nicht an Morgen dachten. Der würde eh kommen. Früh genug. Er kommt immer.

Freundinnen und Freunde sind wahrhaftig die beste Erfindung seit es Menschen gibt. Menschen, die mich selbst dann noch umarmen, wenn ich sie vergessen habe und anderthalb Stunden zu spät komme. Und darüber lachen können. Wie S. Oder sie sagen Sachen wie: Mit dir kann frau einfach über alles reden! Wie meine Freundin C., ihres Zeichens Hof-Frisöse, gestern Nachmittag. Oder sie lesen mir die Leviten: Bist du verrückt, Sofasophia? (Worauf ich eifrig nicke. Natürlich. Aber ich nehme ihre Levitenlesung trotzdem ernst.) Manchmal klagen sie mir auch ihr Leid, meine Freundinnen. Freunde mitgemeint. Oder ich ihnen meins.

Gleicher Tag. Stunden später. Nachmittag. Sofasophia im Büro. Noch immer müde. Chaos – will heißen zehn handgekritzeltes Protokollseiten mit Pfeilen und Fußnoten (und Fußnoten von Fußnoten) und dergleichen mehr – auf dem Schreibtisch. Das Telefon irgendwo darunter. Die Sonne stößt sich den Kopf an den Scheiben meines Terrariums. Unbarmherzig ist sie – für alle da. Aus der Büroküche nebenan der Geruch von Kaffee.

Der Donnerstag (unser Synonym für Wochenende) kommt bald!, sagt Kollegin K. zu mir.
Er kommt immer. Sage ich. Und ich glaube daran. Aus langjähriger Erfahrung. Und merke, dass ich mich wiederhole. Endlosschlaufe. Warteschlaufe. Worauf?

Papierkram. Tastatur. Ich kaue an Reizwörtern wie Strategie. Deadline und Event. Und an einem Projekt, das wir gut verkaufen sollen. Würge an Arbeits- und Zielgruppen. Nage an Floskeln wie generieren, akquirieren und aufgleisen. Stelle fest, dass ich bei der frühmorgendlichen Sitzung auf Autopilotin protokolliert habe. Hieroglyphen.

Ich frage mich, was ich hier mache und wieso ich immer so schnell – meistens nach einem Jahr – die Freude an der Herausforderung einer neuen Arbeitsstelle verliere. Obwohl es mir ja ausgesprochen wohl hier ist. Paradox. Meine bisher längste Anstellung dauerte bloß zweieinviertel Jahre. Nein, gekündigt wurde mir noch nie. Von jener pauschalen Team-Kündigung wegen der Schliessung eines Flüchtlingszentrums mal abgesehen.

Leide ich, wie meine Freundin und Leidensgenossin Cs. und ich vor einer Weile analysiert und diagnostiziert haben, an einer Art Arbeitsinsuffizienz? Denn arbeite ich erst eine Weile am selben Ort, fangen jene uralten Sinnfragen von vorne an: Was tue ich hier? Was hat das alles mit mir zu tun?

Ich erinnere mich an sterbenslangweilige Französisch-Stunden. Aus dem Fenster blickend, bekam ich nichts mit. Außer dem Wechsel der Jahreszeiten in den Bäumen vor dem Schulhaus. Schluckte dabei schwer an der alles entscheidenden Frage: Was tue ich hier? Was hat das alles mit mir zu tun? Und so weiter. In jedem Job.

Mein Refrain?

Obwohl ich doch schon jahrelang behaupte, dass es nicht auf den Inhalt meines Tuns ankomme, sondern auf Haltung und Hingabe gegenüber diesem Tun! Will heißen, ich könnte als glückliche Putze gehen, würde meine innere Haltung stimmen. Bin wohl dazu einfach nicht erleuchtet genug. Na ja, ich will einfach nicht bloß für Kohle arbeiten, sondern ich will mich mit meinem Tun identifizieren. Siehe „Das Wesen der KünstlerInnenseele“.

Dabei gehört alles, was ich tue, zu mir. Hat mit mir zu tun. Die französische Sprache ebenso wie das Bearbeiten der Materie, die sich über meinen Bürotisch schiebt. Hauptthema und roter Faden meiner beruflichen Tätigkeit: Integration. Immer wieder. Und eigentlich eine gute Sache. Woher also der Widerstand? Sind es das Involviertsein in Dinge, das Nachdenken über Vorgänge, das Grübeln über Prozesse,  kurz gesagt: die Abstrahierung des Lebens auf Abläufe, die mir zuwider laufen? Müsste ich wieder zurückkehren in den sozialen Kuchen, zurück an die Basis, zurück zu den Menschen? Denn natürlich sind es die Menschen, die mich am meisten faszinieren. Menschen und Buchstaben. Metaphern. Analogien. Gegenteile. Geschichten. Wie ich es doch liebe, tagzuträumen. Zu denken und zu spinnen. Und zu schreiben.

Später. Noch immer im Büro. Noch eine Stunde bis Feierabend. Vorsatz: Will heute früh ins Bett. Mit Fledermausmann. Jo Nesbøs Erstling.

Doch nun zapp ich mich ins Protokoll zurück.

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Später. Zuhause. Ich gestehe, dass mir das Protokollieren gegen Feierabend plötzlich wieder Spass gemacht hat.
Vielleicht, weil ich zwischendrin diesen Text gewoben habe?

Der Rätsels Lösung?
Alchemie: Auf die richtige Mischung kommt es an.

Einer dieser Tage I

05:13. Ohne Wecker erwacht. Geweckt von Kreisen, die in meinem Kopf kreisen. Ichen könnten man sozusagen dazu sagen. Sie formieren sich. Kongruenzen bilden sich. Einige berühren sich nur am Rand. Andere gar nicht. Am meisten hat es von jenen, die eine gemeinsame Schnittmenge haben.

Und. Oder. Nicht. – Wahr. Nicht wahr. – Konjunktionen. Disjunktionen. Negationen.
Weiße Kreide. Gänsehaut an den Ellbogen. Schwarze Tafel. Jimmy, der Algebra-Lehrer. R.I.P. Erinnerungen. Echos. Geruch von nassem Wandtafelschwamm.

In der gemeinsamen Kreis-Schnittfläche das Wort Füttern gelesen. Oder Futtern. Nein, Hunger habe ich nicht.

Wir leben nur, wenn uns jemand füttert. – Wahr?
Wir leben nur, weil uns jemand füttert. – Auch wahr? Nicht wahr?
Wir leben, um zu füttern? – Wahrer?
Wir leben, weil wir füttern? – Noch wahrer?
Wir leben, um gefüttert zu werden. – Kaum wahr? Oder doch?
Füttern wir überhaupt? …
Oder habe ich da gar statt leben lieben gemeint? Meine Nachtschrift ist noch schwieriger zu entziffern als die tageslichte.

Wo solche Träume, wo solche Sätze wohl waren, bevor sie sich in meinen Kopfkreisen eingenistet und wieder ausgesponnen haben? Einem Wespennest gleich stelle ich mir das Buchstabenreservoir in meinem Innern vor. Ein Gewusel. Ein Gerangel. Machtkämpfe vielleicht.

Einige schlummern. Wie jene dürren Wüstenrosendinger, die wir als Kinder so liebten. Leg sie ins Wasser und sie beginnen zu blühen. Ja, auch solche Buchstabenknäuel hab ich in mir drin. Bestimmt! Leise sind sie. Geduldig. Ausdauernd auch. Und auf einmal, wenn ich es regnen lasse, sind sie hellwach. Wunderschön. Klar. Da. Und nur sichtbar, weil ich hinsehe.

Füttern oder futtern? –Nicht wahr? Beides wahr?
Leben oder lieben? – Wahr?

Womöglich ist nur die Schnittmenge wahr. So es WAHR denn gibt. Die Schnittmenge aller Kreise. Aller Kopfkreise. Aus allen Köpfen. Aus allen Ländern. Winzige, riesige Schnittmenge. Nur eine. Für alle.

Später, unter der Dusche, gedacht: Ist es wahr, dass sich Kalk da besser ablagert, wo es bereits Kalk hat? Oder nur bedingt? Und, wenn nur bedingt, wie sehen diese Bedingungen aus? Sind sie thermischer Natur? Rein physikalisch erklärbar oder rein chemisch? Wobei das rein bereits wieder nach neuen Bedingungen schreit … Und mehrdeutig ist. Und dass diese Frage komplexer ist, als sie scheint. Und dass ich keine Antwort habe. Und dass es mir egal ist, wie die Antwort lautet, weil sie eh relativ ist.

Während ich meinen Saft trinke, frage ich mich, ob mein Bewusstsein und die Fähigkeit zur Selbstreflexion meine Authentizität und Unmittelbarkeit stören. Zerstören gar? Läuft Bewusstsein der Natürlichkeit zuwider? Wer wäre ich ohne meine Selbstwahrnehmung? Zum Beispiel im Straßenverkehr?

„Bildung ist wichtig, vor allem wenn es gilt, Vorurteile abzubauen. Wenn man schon ein Gefangener seines eigenen Geistes ist, kann man wenigstens dafür sorgen, dass die Zelle anständig möbliert ist.“
Peter Ustinov, 1921-2004

Gedruckt auf eine Werbe-Postkarte. In der Büro-Post gefunden. Zur Verschönerung meiner Bürohälfte an die Pinnwand gehängt. Und mich gefragt, ob Ustinov wahrsagt.

Und dann? Dann habe ich gearbeitet.

ungeplant

… um viertel nach fünf unter dem fetten Stapel meiner unerledigten Pendenzen meinen heutigen (ungeöffneten) Postberg entdeckt. Stimmt. Untergegangen. Abgetaucht. Liegengeblieben.
Na ja. Ob die Idee wirklich gut war, den anderen zu sagen, dass ich nicht voll ausgelastet bin?
Und ausgerechnet jetzt sind meine üblichen Tagesgeschäfte gewachsen. Terminlich bedingt, wie es so schön heißt.
Immerhin vergeht so die Zeit wie im Flug.
Saumüde bin ich trotzdem.
Mein Kopf dröhnt.

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Pause
Ruhe
Wald
Den Kopf leeren
Die Lungen füllen
Mit M. plaudern
Das Herz füttern

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Ich glaube nächstens muss ich meine vielen Ms durchnummerieren. Vielleicht im gleichen Aufwisch in männliche und weibliche M aufteilen.

Diese M hier? Die ist weiblich und darum weder Patensohn, noch Schreib-Compañero noch Ex-Liebster …
Liebe Freundin ist sie, wilde Frau, Traum-Tänzerin. Wohnt im Nachbarquartier. Banales mischt sich im Beschreibenwollen mit unfassbarem … Wörter um Menschen zu beschreiben – sie genügen nicht. Nie!

Wir alle sind so viel mehr. Du. Ich. Bin ich überhaupt? Oder nur grad jetzt, wo ich denke, wo ich schreibe, wo ich sichtbar werde und den Kopf ein klein wenig und mühsam aus der Blase zähflüssiger Alltäglichkeit heraushebe?

Bin (n)ich(t) das, was du siehst. Ohne Fragezeichen. Bist du das, was ich sehe?
Bin ich, weil du mich siehst – Wirkung deines Sehens? –  und du ebenso? Solange nur.

Ist, was wirkt?
Wirkt, was ist?
Was ist?
Ist was?

Peter Stamms „Die Planung des Plans“, die ich gestern gelesen verschlungen habe, klingt nach.

Er geht durch Zürich. Seine Gedanken kreisen – es geht um die Planung des Plans, oder auch deren Unmöglichkeit. Der Plan – soviel ist sicher – ist von größter Bedeutung.
„Am Anfang war der Plan. Jahrelang habe ich an diesem Plan … nein, immer. Immer. Seit … es ist mein Plan. Ohne den Plan bin ich niemand mehr. Nichts mehr. Es geht nicht um mich. Ich habe eine Aufgabe. Es geht nur um die Aufgabe. Ohne die Aufgabe wäre ich ja … Aber es kann nicht sein. Der Plan kann nicht nicht sein. Er ist ja da. Die Frauen. Man kann sie sehen. Alles. Der Plan … er macht mich groß. Es ist ein großer Plan. Ein umfassender Plan. Uferlos. Es gibt viele Pläne, kleine Pläne, Details. Aber kein Plan ist wie dieser. Er enthält alles. Alle anderen Pläne und alles sonst. Nichts wurde vergessen. Ich habe nichts … Ich habe keine Mühe gescheut. Alles … an alles muss gedacht werden. Nicht gedacht. Man muss eins werden mit dem Plan. Sich einfühlen in alles. Eine Eigenschaft werden. Ein Plan von einer so … ein so komplexer Plan kann nur funktionieren, wenn alles eins ist, wenn alles sich bewegt wie ein Körper. Eine Bewegung. Die Einheit … der Zeitpunkt, die Personen, die Frauen, die Bewegungsabläufe. Sehr genau.“
Ein Monolog voll beißender Ironie, intelligentem Witz und böser Hintergründigkeit.

Ooops. Jetzt hab ich doch gebloggt. Dabei wollte ich doch bloß schreiben, dass ich heute nicht schreibe.

aus alt wird neu

Da! Schau! Fledermäuse! Er räkelt sich neben mir auf der Decke. Zeigt himmelwärts. Ich bin zu spät. Da, wieder eine!

Dafür sehe ich Venus zuerst. Heller Abendstern. Die Dämmerung hat sie enthüllt. Das Plätschern der Aare macht mich schläfrig und ich fühle mich pudelwohl. Ob er sich mir auch so nahe fühlt, wie ich mich ihm?

Wie sehr er sich verändert hat! Innerhalb eines Jahres ist er fast zwanzig Zentimeter gewaschen, hat ungefähr fünfzehn Kilos zugelegt und seine Stimme ist eine Oktave gesunken. Mindestens. Beim Armdrücken habe ich nicht mehr die kleinste Chance. Wie sich das alles zusammen genommen wohl anfühlt? Die kindlichen Züge verlieren sich zusehends. Als häute er sich. Vierzehn Jahre alt sein. Sich selbst dabei zusehen, wie das Kind und der junge Mann um ihre neuen Plätze rangeln.

Welten könnten uns trennen, zumal unser Kontakt aktuell weniger intensiv ist als noch vor ein-zwei Jahren. Doch heute ist die Brücke weit offen. Wie der Himmel. Da! Wieder eine. Diesmal habe sogar ich sie gesehen. Ob Fledermäuse ebenso Glück bringt wie Sternschnuppen?

Als wir zu frösteln beginnen, gehen wir zurück zum Auto. M. an Krücken. Beim Pausenhofgerangel hat er sich den einen Fuß gequetscht. Einer seiner vielen heldenhaften Unfälle mal wieder.

Kaum war ich am späteren Nachmittag eingefahren, stiegen wir in den Keller, wo sich seine Volière befindet. Darin leben unter anderem seine vor drei Wochen geschlüpften Wellensittiche. Sein erster Zuchterfolg! Stolzer Vogelvater, der er ist, stellt er mir zärtlich die flaumigen Küken vor. Entwicklungsbedingt können sie noch nicht fliegen. Aber bald. Einfach so. Doch jetzt wissen sie noch nichts von den Gefahren der Welt und krabbeln mir über Bauch und Rücken, in die Ärmel und reiben ihren Schnabel an meiner Nase. Auf einmal verstehe ich, warum er diese Tiere so mag, mein Patensohn.

Beim Gemüse-Kichererbsen-Pasta-Eintopf, den ich gezaubert habe, schlägt er zu. Und vor, an die Aare zu gehen. Erzählt. Dies und das. Vertrauensvoll wie immer.

Irgendwann später, zur Schlafenszeit, frage ich ihn, ob ich ihm vorlesen soll. Er hat mir von seinem aktuellen Buch erzählt. Wir machen es uns in seinem Zimmer gemütlich und wie früher, in guten alten Zeiten, lese ich vor. Zuerst simultan, hochdeutsch-mundart, doch das Buch ist zu komplex für spontane Übersetzung. Vogelherz. Von Clive Woodall. Eine politische Metapher auf diktatorischen Machtmissbrauch. Ein Heldenepos. Ein Buch wie für M. und für diese Lebensphase geschrieben, will mir scheinen, während ich Seite um Seite lese und mich dem Bann der Geschichte ebenfalls nicht entziehen kann.

Alte Zeit? Neue Zeit? Egal, Hauptsache, dass ich meinen Patenjungen lieb habe. Ich seufze vor Wohlbefinden. Lautlos natürlich. Will ja nicht unkuhl sein, wo er es doch grad mal wieder sein kann.

So findet uns Papa M. vor, vom Ausgang zurück. Er staunt. So was geht bei ihm nicht mehr, sagt er später. Neue Zeiten eben.

Alten Zeiten entsprechend bleiben wir noch lange sitzen. Und ich freue mich – wie so oft – darüber, dass aus Exen Freunde werden können. Neue Zeiten eben.

Biertreffen

Einfach wunderbar, meine Schreibgruppe. Diese Menschen! Nicht nur, was das Schreiben betrifft. Beim Indisch essen haben wir meine gestrigen Cluster-Erkenntnisse (siehe hier) ausgeweidet. Geteilte Skepsis ist halbe Skepsis? Oder doppelte? Na ja, immerhin den Ratschlag der Therapeutin, mehr zu trinken, habe ich ernst genommen.

Ob sie wirklich Bier gemeint hat?, fragt M. beim Prosten. Er zweifelt, meint, alles sei eh eine Frage des Glaubens. Ist es, ja, glaube ich jedenfalls, und auch Gretchen zwinkert mir von der Bar her zu.

Dass im Blut Informationen über den ganzen Menschen stecken, kann ich mir zwar gut vorstellen, sagt H., aber …

Ja, der ganze Rest ist nicht nur ihr suspekt. Zum Beispiel diese ganz bestimmte Übersetzung – oder Dechiffrierung besser gesagt – des jeweiligen Blutbildes in jene sehr differenzierte Details der Auswertung. Schützt Ignoranz vor Krankheit? Nun ja, dass ich mehr trinken soll, finde ich umsetzbar, doch der ganze Rest? Proscht …

Vorwärtszapp.

Ich habe gestern Abend meine Geschichte für jenen verflixten literarischen Gottesdienst im Oktober vorgestellt. (Warum bloß habe ich diese Einladung angenommen! *grmpf*) Geschichten sollen doch von selber kommen dürfen! Diese jedoch ist an den Haaren herbeigezogen. Keine Frage.

Na ja, das Konzept ist okay. Fanden auch die andern. Und sogar ein paar Stellen. Doch als Ganzes ist sie fad, nett und leblos. Vom vorgestellten Publikum ausgehend habe ich mit wenig Inspiration geschrieben. Mich ständig zensurierend. Hilfe, was soll ich in einer Kirche? Welcher Teufel hat mich da bloß geritten?

Vorwärtszapp.

Ich werde mutiger schreiben, denke ich auf dem Heimweg. Auch das Gespräch mit M. – nach den Abschiedsküssen bereits – über Leben, Liebe und die Frauen, klingt nach. Leben hat scharfe Kanten. Tut weh manchmal. Pragmatismus als Weg. Nicht der Schlechteste. Und Realismus auch. In den Nischen dazwischen Platz für Träume.

Und für neue Geschichten. Über Barkeeper, die charmant lächelnd, Schlaftabletten ins Bier kippen zum Beispiel. Doch das wäre nun wirklich eine gaaanz andere Geschichte. Und ob Pfarrer H. an dieser Freude hätte, bezweifle ich.

Cluster-Blues (oder Clustern II)

Klappe – die erste …

Was wäre, wenn … ? Zum Beispiel, wenn wir alle gesund und glücklich wären … Alle. Ausnahmslos. Allen voran die Gilde der Schreiberlinge. Zeitungsfritzen ebenso wie Schriftstellerinnen von Büchern und Autoren von Blogs. Wir alle würden der Welt von unserem Glück erzählen, von unseren gesundheitstrotzenden Körpern, von all den schönen Erlebnissen und Erfahrungen, die wir neuerdings sammeln … Doch, weil unsere Leserinnen und Leser selber vor Glück strotzten, wäre das einzige, real existierende Problem dies: Solche Berichte würden nicht mehr gelesen, denn kein Schwein würde sich dafür interessieren, wie oft ich heute oder vorgestern die ganze Welt umarmt habe. Gähnen würdet ihr. Einfach nicht mehr lesen. Mein Blog würde verwaisen.

Ich würde zu schreiben aufhören. Alle Schreiberlinge würden zu schreiben aufhören. Womöglich hätten wir eh keine Lust mehr dazu. Alles wäre wunderbar. Was wollen wir darüber schon schreiben? Es wäre müßig, das eine nacherzählte Paradies mit dem anderen erlebten oder nacherzählten Paradies zu vergleichen. Auch Neid gäbe es in dieser Welt keinen mehr. Denn wozu vergleichen, wo wir doch alle gleichermaßen heil, glücklich, gesund und zufrieden sind? Sollen wir da noch schreiben? Wollen wir da noch schreiben?

Klappe – die zweite …

Glück hat kaum Unterhaltungswert. Quod erat demonstranum, wie mein Mathelehrer sagte. (Und der Lateinlehrer auch manchmal.)  Beweisen muss ich nichts. Ich hoffe, ihr glaubt mir auch so. Da ich nicht aufs Schreiben verzichtenmag, behalte ich wohl besser meine zwei-drei Neuröschen bei. Hege sie. Pflege sie. Gieße sie. Ein bisschen Herbstblues wird ihnen sicher gut tun. Ein paar kalte Windstöße und ein paar Regentropfen lassen sie aufleben, erblühen. Ich klicke mich durch Wörldweidweb und finde dort andere, die zum Glück auch noch nicht ganz heil sind und darum – oder warum auch immer – ein paar neue Sätze geschrieben haben. Bloggende zum Beispiel. Schön, dass ihr da seid. Noch. Und dass ihr eure Kanten, Ecken und Narben mit mir teilt. Und mit der Welt. Danke!

Klappe – die dritte …

Bin heute wieder ins Hinterland gefahren. Ihr erinnert euch. Für einen Artikel recherchiere ich die Cluster-Methode. Das heute war allerdings eine persönliche Zugabe. Ich ließ mir nämlich zusätzlich zur psychologischen Auswertung, die für die Aufstellung nötig ist, auch eine meinen Körper und dessen Gebresten betreffende Analyse ausdrucken. Ooops. Hätte ich wohl besser bleiben lassen. Heute morgen war ich topfit, doch jetzt fühle ich mich schwerkrank.

Die gute Nachricht zuerst: Krebs hab ich nicht. Auch sonst keine tödlichen Krankheiten. Außer der alten Erkenntnis, dass das Leben lebensgefährlich ist. Anti-Hypochonderin, die ich bin, kann ich nun entweder so tun, als hätte ich nicht hingehört. Als hätte ich nicht gehört, dass meine Maschine da und dort ein paar Schwachstellen hat. Lunge, Magen und so weiter. Oder ich könnte … ein paar neue Therapien ausprobieren. Zum Beispiel.

Wie es wohl wäre, wenn ich glücklich und gesund … Auch nur so zum Beispiel.

nützlichnützlichnützlich

Vorbei mit Bleistiftspitzen! Vorgestern beschloss ich, meine Unterforderung bei der Arbeit, im Team zu thematisieren. Heute machte ich bereits wieder Überstunden.

Im Anschluss an das schon lange auf gestern terminierte, einmal jährliche stattfindende Quali-Gespräch unterbreitete ich R., meinem Boss, ein paar konkrete Ideen, wo und wie ich meine Kolleginnen aus den anderen Arbeitsbereichen entlasten könnte. Unter Einhaltung des korrekten Weges, wohlgemerkt. Alles umsetzbare Vorschläge natürlich. Er schätze ja meine initiative, mitdenkende und selbständige Arbeitsweise, hatte er kurz zuvor – im besagten Gespräch – wiederholt gesagt und mir in den wesentlichen Teilbereichen gute und Bestnoten ausgeteilt. Meine Phasen der zeitweiligen Zerstreutheit, in der er mich jeweils liebevoll Unsere Literaturprofessorin nennt, trage da bloß zu meinem Charme bei. Ooops.

Doch als ich sagte, dass ich keinerlei Ehrgeiz und Ambitionen hätte, während wir über meine Zukunft und meine Ziele diskutierten, schnappte er kurz mal nach Luft. Ich dagegen erinnerte mich an jenen früher erwähnten, genialen Artikel von Thomas Widmer in der Zeitschrift „Natürlich leben“. Lob der Ataraxie.

Na ja. So ganz ohne Ambition bin ich denn doch nicht, wie wir beide dann im Gespräch feststellten. Leider. Zum Glück. Vor- und Nachteile. Ihr wisst schon. Teile und Gegenteile faszinieren mich eh. Und Motive. Zwei große Ambitionen: Ich bin qualitätsbewusst und ich bin neugierig. Ich will, was ich tue, ständig verbessern. Und ich will Zusammenhänge verstehen. Kann sowas sogar bei der Arbeit nicht lassen, obwohl sich mein Hauptleben außerhalb des Büros abspielt.

Einer meiner gutgeheißenen Vorschläge war, zukünftig die Verantwortung für das neue Kursprogramm zu übernehmen. Koordination. Kommunikation mit dem Grafiker. Druck. Versand. Schön. Solche Jobs mag ich. Später kam eine andere Kollegin, für deren Integrationsprojekt ich als stellvertretende Programmleiterin fungiere, auf mich zu. Ob ich Ende September an ihrer Stelle unser gemeinsames Programm im Rahmen eines Erntedankfestes vor versammelter Gemeinde vorstellen könne. Powerpoint und so. Auf dass der Rubel rolle …

Beides Herausforderungen und Aufgaben, die mir die versandete Freude an meinem Job zurück geben. So dass ich gestern Abend um halb sechs, als mein Scheff und ich Feierabend machten, wohlig seufzend, den guten und vor allem kreativen Arbeitstag lobte.

Heute fuhr das halbe IT-Team aus der Zentrale ein. Die beiden Männer  installierten den neuen Depotserver und informierte mich, Superuser unserer Bürogemeinschaft, über die zukünftigen Änderungen …

Wichtigwichtigwichtig … Ich bin wer … Ich … Die Falle schnappt zu. Frisst mich auf. Lächelt nett. Spuckt mich aus. Nützlichnützlichnützlich …  Und leicht verdaulich vermutlich *grmpf*

Ich gestehe: Es tut eben schon irgendwie gut, tagsüber nicht bloß Bleistifte gespitzt zu haben, die ich eh nie brauche, weil ich doch mit dem Druckbleistift schreibe.