doch neu?

Regentropfen
wieder einmal
und
alle sind
irgendwann
irgendwo
schon da gewesen
gewiss
doch diesen
Tropfen hier
habe ich noch nie
gekostet
er fühlt sich
irgendwie
neu
an

*********

Ob Rostschäden auf der Autokarosserie oder abgebrochenes Zahnmaterial …
Da muss geschliffen und geschliffen werden, bis kein bisschen faules Zeug mehr da ist. Erst dann können wir neu aufbauen.

schrecklich vernünftig

Eine meiner unzähligen Schwestern, die nächstältere nämlich, kann für einmal nicht mit ihrer Familie in die Ferien fahren. Die Reisestrapazen wären zurzeit zu viel für sie. Im Frühling hatte sie einen schrecklichen Unfall und ist noch immer nicht fit. Darum haben mein Lieblingsbruder und meine Lieblingsschwägerin sie ein paar Tage zu sich eingeladen. Eine gute Gelegenheit für mich, den ganzen Familienhaufen im gleichen Aufwisch mal wieder zu treffen – zumal Lieblingsbrüetsch & Co. näher wohnen als Schwesterherz.

Wenn dann meine Lieblingsnichte noch aufzukreuzen beschließt und mein Lieblingsneffe, seine chilenische Frau, deren Besucherinnen samt Kids sich uns anschließen und wir zur Feier dieses Wiedersehens meinen Lieblingssee Nr. 2 aufsuchen – tja dann! Dann werden die Feste gefeiert, wie sie fallen …  Schließlich taucht noch ein Freund der Familie mit seinen Kindern am See auf. Nun ist die kunterbunte Gästeschar komplett.

Am See

Brüderchen, Schwesterchen und ich, die wir selten in dieser Kombination aufeinander treffen, stiegen, je später es wurde, desto tiefer die Kellerstufen der Vergangenheit hinab. Was da nicht alles zum Vorschein kam und wie unterschiedlich wir unsere Eltern in den verschiedenen Epochen unserer Kinderjahre erlebt haben! Ich staune immer wieder in solchen Augenblicken, dass wir über die gleichen Menschen sprechen und genoss es sehr, wie authentisch wir austauschen konnten. Obwohl, oder vielleicht gerade weil wir so verschieden sind. Besonders Schwesterchen und ich.

Spät nachts, müde, aufgekratzt und zufrieden wieder zuhause angelangt, widerstehe ich der Versuchung

  • meinen Laptop zu wecken und meine witzigen Schnappschüsse auf die Festplatte zu laden
  • meine Erinnerungen und den dreisprachigen Nachhall dieses Abends in eigene Worte zu kleiden
  • meine Gedankenfetzen einzufangen
  • all den unausgesprochenen Sätzen nachzulauschen

Wozu ich diesen Versuchungen widerstanden habe? Um zu schlafen natürlich. Und wozu will Sofasophia (genug) schlafen? Na, um morgen fit zu sein! Fit für die Arbeit!

Schrecklich, so vernünftig zu sein!, notiere ich vor dem Einschlafen. Wo ich doch Lust habe, schreibend über diese komplexen Themen nachzudenken. Und darüber, warum ich es nicht lassen will, die Dinge beim Namen zu nennen. Und über meine Direktheit.  Auch über die Bemerkung von Schwesterherz, dass ich schon immer darauf geachtet hätte, mir nicht in die Karten schauen zu lassen. Stimmt das? Noch immer?

Ich lösche das Licht und öffne meinen Traumweberinnen und Traumspinnern die Türe. Mögen sie aufdröseln, wo mir der Duchblick fehlt.

Absurd?

Manchmal möchte ich ja all die Zeit, die ich fürs Schreiben verwende, gleich zweimal zur Verfügung haben. Anders gesagt: Mir fehlt bisweilen jene Zeit, die ich schreibend verbringe, für alles andere. Noch anders gesagt: Was machen eigentlich all die anderen Menschen mit jener Freizeit, die ich schreibend verbringe? Tja, dieses Andere in mir, das immer so tut, als komme es zu kurz, will eben auch getan, gelebt, gesehen werden.

Na ja, solche Gedanken sind – jedenfalls für mich – im Grunde völlig müssig, absurd sogar, denn Schreiben ist ja etwas, das ich fürs Leben gerne mache 🙂

Tatsache ist, dass meine Lebenszeit zurzeit so blödsinnig knapp wirkt, so dicht, so unfassbar, dass es fast weh tut … Je mehr ich darüber brüte, desto schneller vergeht sie, meine Zeit. Wie ätherisches Öl. Wie ein Duft. Schaue ich am Abend zurück, bedaure ich, wie uneffizient ich doch war … Habe – sagen wir mal – meine Zeit mit Bloggen vertan und über die Zeit sofasophiert, statt dies und das und anderes zu tun …

Doch gibt es immer wieder auch Zeiten in meinem Leben, wo ich mir wünsche, dass meine Lebenszeit ganz ganz schnell vorüber geht. Dass ich mein Leben möglichst schnell und unbeschadet hinter mich bringen kann. Ohne irgendwo hängenzubleiben. Spur- und schrammenlos. Ich sehe mich lebenssatt, auf meinem Sterbebett liegend, zurückschauen und sagen: Well done. So will ich sterben. Wenn es so weit ist. Wie Antonia in Antonia’s Line.

Aktuell jedoch bin ich lebenshungrig. Ich will leben und erleben. Ich will sehen und verarbeiten. Ich will aufnehmen und schreiben. Und ich will meine Schreibe teilen.

Leben ist vorläufig. Voller „Vielleicht“ und voller „Womöglich“. Voller Möglichkeiten. Doch Möglichkeiten sind nur solange faszinierend, wie sie Möglichkeiten sind. Werden sie möglich gemacht, will heißen, werden sie ins Leben gerufen, sind sie nicht mehr möglich, sondern real. Und lange nicht mehr so faszinierend, wie damals, als wir ihnen nachjagten.

Ist etwas erst real, glitzert es nicht mehr. Oder doch? Ich will meine Realität immer wieder umträumen. Doch um sie umträumen zu können, wäre es noch gut, zu wissen, was ich will …

Fürs Erste reicht mir vielleicht ein bisschen Zeit, um diese Frage womöglich beantworten zu können. Dream on, Sofasophia!

Nazareth lässt grüssen!

Noch mehr Seerosen

Was passiert mit all den Wörtern, die nicht geschrieben werden? Was mit all den Buchstaben, die sich in mir zu Wörtern verdichten, zu Sätzen verweben und nicht outgeputet werden? Die im Herz bleiben, im Kopf, im Bauch, im Hirn, im Darm oder sonst wo. Ob es so was wie Wörterverstopfung gibt und ob auch Bloggende darunter leiden können, obwohl sie doch regelmässig outputen? Und wie das wohl nichtschreibende Menschen auf die Reihe bringen? Könnte so eine Verstopfung gar der Anfang einer körperlichen, einer chronischen Krankheit sein? Oder gibt es Menschen, die sich nicht ausdrücken? Hab ich gestern Abend notiert. Am Gerzensee.

Gerzensee2

Heute beim Lesen der Notiz an eine Stelle aus „Wintergewölbe“ gedacht. Jean, die Protagonistin, spinntisiert an einem Heilpflanzen-Ratgeber für fiktive Krankheiten herum. Diese oder jene fiktive Pflanze für diese oder jene Krankheit: Beinwelltinktur dreimal einatmen, wenn der linke Zeh schmerzt, weil der Nachbar nicht gegrüsst hat. Zum Beispiel. Oder wie wäre es mit etwas, das dabei hilft, nichtausgedrückte Gedanken zu verdauen? Anne Michaels Beispiele sind viel allerdings witziger. Eine ganze Seite voll, die ich kopieren wollte. Aber vergessen habe. Womit wir beim Nachteil von Bibliotheksbüchern wären:  Sie müssen termingerecht losgelassen, zurückgelassen werden. Was mir jeweils richtig weh tut. Vor allem bei jenen Büchern, die mich einige Zeit begleitet haben und die ich, wie „Wintergewölbe“, der definierten Leihfrist wegen gestern zurückbringen musste. Ich lege solche Bücher jeweils ganz schnell auf den Tisch und schaue weg, um mir den Abschied erträglicher zu machen. Schnell und schmerzlos. So wie ich alle Abschiede am liebsten hinter mich bringe.

Apropos Abschiede und Sentimentalitäten … War ja witzig! Gestern, am Gerzensee, sass ich die ganze Zeit keine zwei Meter neben einer Frau, die ich über einige Ecken, doch auch persönlich, kenne! Erst um neun, kurz bevor die Sonne im Gerzensee versank, erkannten wir uns wieder. Okay, ich war im Wasser und habe gelesen (Eveline Haslers neuestes).  Also nacheinander, nicht gleichzeitig natürlich.

Wiedersehensfreude. Weisst du noch … Sogar ihre Kollegin half: Warst du nicht damals …? Ja, stimmt. Da war ich. Vor fünf Jahren. An einem Ritual. Und schon kannten wir alle einen Haufen gemeinsame Leute. Wie immer.

Jaja, diese „Weisst du noch!“ Mein Leben scheint aus zahllosen Damals!“ zu bestehen. Nur schon auf dem Weg zum Gerzensee, wenn ich durch die Dörfer fahre, steigen unzählige Erinnerungen auf. Sentimentalität. Sentiment. Sehnsucht? Wehmut? Nein, ich will, was war, nicht mehr zurück. Warum tut es dann doch so weh? Gopf.

Erinnerungen sind abgebrochene Zweige. Absichtlich oder versehentlich. Oder aus Notwendigkeit. Um Not zu wenden. Doch Abbrüche sind eben Wunden. Wie viele Zweige ich wohl schon abgebrochen habe?

Wir drei Frauen sind jedenfalls bald in der Gegenwart angelangt. Und auch diese wird irgendwann ein „Weisst-du-noch“ abgeben.

verlinkt …

Meine grösste Ressource, sagte ich neulich zu meinem Scheff, ist, dass ich das Leben als Netz betrachte. Und dass ich das schon immer konnte. Ich nehme das Leben, Sicht- und Unsichtbares, so wahr, dass alles miteinander verbunden ist. Alles ist verwandt, sagen die Lakota und auch die Quantenphysikerinnen haben es bewiesen.

Dieses Wissen als Ressource zu betrachten – was übrigens allen möglich ist – , hilft mir, was immer geschieht, zu relativieren. Das ist der rote Faden meines Lebens, das ist der rote Faden meiner Schreibe, und es ist auch der rote Faden in all meinen Beziehungen.

Der gestrige Abend – will heissen, die gestrige Nacht  – mit U. hat mir mal wieder gezeigt, wie vielschichtig und vernetzt die menschliche Kommunikation ist:
Da erzählt U. zum Beispiel eine Episode aus ihrem Alltag.  Ich greife einen Zipfel ihres Erlebens und spinne weiter, indem ich meinerseits eine Episode erzähle. Zur Illustration, dass ich – zumindest ansatzweise – verstehe, was sie erzählt hat und was sie meinen könnte. So mäandern wir erzählend durch die Höhen und Tiefen unserer Biografien. Malen WortBilder, teilen Erlebtes, Gefühltes … und unterbrechen uns selber immer wieder: He! Ich wollte doch eigentlich erzählen, wie ich damals … und jetzt erzähle ich dir was ganz anderes! Immer wieder gackern wir herzhaft, während sich die Weinflasche leert sich und die Minuten ohne unser Zutun versickern. Erstaunlich, wie universell die Geschichten sind, die das Leben schreibt – meine, deine, ihre, seine. Wie sie resonieren, wie sie im Gegenüber neue Links öffnen und wie wir erzählend auf den Wellen der Ewigkeit surfen.

Und dabei doch absolut gegenwärtig sind … Jetzt.

Und jetzt freue ich mich darauf, heute Abend mit B. die Ochsen zu erleben …

Bittebitte Büne, sing Angelina. Für mich. Das Lied für deinen Schutzengel berührt mich jedes Mal von neuem. Live habe ich es noch nie gehört … höchste Zeit!

Zitat aus einem Interview mit Büne Huber von Patrick Holenstein.
Ich möchte auf einige Songs eingehen. Angelina ist eine typische Ochsnerballade. Der Text klingt, als wäre sie die Mutter im Kontext der Platte oder eine Geliebte. Wie ist es wirklich und gibt es eine reale Angelina?

Es ist das Konzept des Schutzengels. Das ist das Bild, welches bei Angelina im Vordergrund steht. Ich kenne das aus Gesprächen mit vielen anderen Menschen, die in irgendeiner Form künstlerisch tätig sind, dass immer eine Angst im Raum steht. Die Angst, dass die tiefe Verbindung, der feine Faden mit einer seelischen Welt, mit etwas Spirituellem, und ich meine spirituell nicht im Sinne von Religion, das hat nichts mit der Kirche zu tun, sondern mit der spirituellen Welt, dass dieser Faden verloren geht. Man hat unter Umständen Angst, wenn du am Arbeiten bist, beschleicht dich das Gefühl, du würdest nur Mist bauen und es kommt nicht an den Punkt, an dem ich es mir wünsche. Oder ich misstraue meinen Kräften oder Visionen, ich misstraue meinen Eindrücken, die ich von etwas habe, geschweige denn, ich kann sie gar nicht umsetzen. Das ist ungefähr diese Ecke, die Angelina stark geprägt hat. (Quelle: http://www.students.ch/magazin/details/8618/Interview-mit-Buene-Huber-von-Patent-Ochsner)

Plastikschulden

Sind Bremsklötze Warnungen des Schicksals oder sind sie Tests, um zu gucken, wie mutig und zielstrebig wir sind? Oder weder noch? Mit der Absicht, einen ultraleichten und dennoch superwarmen Schlafsack zu kaufen, der notabene nicht mumienförmig, sondern eine Decke ist und auf der Innenseite einen Baumwollbezug hat und unter hundert Franken kostet, ging ich in die Stadt. Und den Flug nach Göteborg wollte ich auch endlich buchen. Möglichst billig. Online braucht es offensichtlich inzwischen überall Kreditkarte. Ein Mensch ohne Schuldenkarte ist nur ein halber Mensch, scheint es mir.

Für meinen letzten Flug lieh ich mir das Teil aus. Dass ich solche Transaktionen nicht wirklich gerne mache, versteht sich. Weshalb ich nun, schweren Herzens, beschlossen habe, mir endlich auch eins anzuschaffen. Und darum heute Nachmittag meine nette Hausbank aufsuchte und den Antrag einreichte. Für eine Prepaid-Karte, die ähnlich wie mein Handy, nur solange benützt werden kann, wie es Geld drauf hat. Doch dieses Plastik werde ich weder morgen noch übermorgen in Händen halten. Frühestens in zehn Tagen. Und bis dann wird mein favorisierter Flug (Genf-Brüssel-Göteborg) wohl noch mehr kosten.  Oder ausgebucht sein. Mit jedem Tag wird er teurer. Im Reisebüro erfuhr ich, dass er samt Reisebüro-Aufpreis schon mehr als sechshundert Franken kostet. Tja. Weder Schlafsack noch Flugbuchung konnte ich abhaken. Und meine gute Laune, die ich am Vormittag gehabt hatte, schmolz von Geschäft zu Geschäft. Endlich zuhause war sie total im Eimer.

Zum Glück ist Wochenende. Und ich hab ein paar kuhle Dinge vor. Morgen Abend Besuch von U. Moosfrau auf Durchreise aus dem Schwarzwald. Und am Samstag die Ochsen live. Aarberg Open Air, wir kommen.

Da von meinen Freundinnen und Freunden meines Wissens niemand eine Kreditkarte hat, suche ich nun im Internet einen Weg, den Flug via Rechnung buchen zu können. *suchmoduseinschalt* … Das muss doch irgendwie möglich sein!!! Sonst muss ich doch ins Reisebüro und die Mehrkosten zahlen. Oder jemanden mit Kreditkarte finden …

Als hätte ich nicht schon genug um die Ohren! Die Recherchen für die nächsten drei Spuren-Artikel sind am Laufen. Dazu morgen Nachmittag ein Brainstorming mit Pfarrer H., der mich eingeladen hat, an einem literarischen Gottesdienst, einige Texte zum Themenumfeld „Saat, Ernte“ beizusteuern. (Ooops, Sofasophia und die Kirche? Kann das gut gehen?)

***

>>> Später. Geschafft! Ich habe! Meinen Flug! Auf Rechnung gebucht! Yes, I can!

***

>>>>>>>>> Nochmals eine Stunde später. Mein Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Wald. Rennen. Mein Paradies. Ganz nahe. Und ganz und gar ohne Bremsklötze. Glück pur.

Mein Sommernachtstraum

Nachts am See. Schwimmende Wörter. Ungebunden. Ohne Satzzeichen. All die unzähligen Wörter all meiner Geschichten. Der geschriebenen ebenso wie der ungeschriebenen. Die bereits geschriebenen haben sich aus dem Korsett der Sätze herausgepult. Für ein paar Stunden im See. So viele, so viele.

Ich stehe am Ufer und ziehe spielerisch das eine oder andere Wort heraus. Ich halte jedes kurz fest, betrachte es und werfe es anschliessend in den kühlen See zurück. Einige wenige, die mir ihr Einverständnis geben, behalte ich. Sammle. Verdichte. Dichte. Dichte ein. Schichte. Schichte um. Verdichte noch mehr. Werfe noch mehr Wörter in den See zurück.

Endlich ist da nur noch ein einziger Satz. Ein Satz für jede Geschichte, die ich je geschrieben habe, schreibe, schreiben werde. Je ein Satz. Der immer schon da war. Nein, ich habe sie nicht bemerkt, diese Sätze. Sie waren immer schon da. Sind mir immer schon gefolgt. Haben sich an meine Fersen geheftet. Sind mir immer treu geblieben. Immer und immer schon. Endlich haben ich euch gesehen. Schade, dass es so dunkel war. Nachts am See.

Idealerweise vergänglich …

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Das Schöne am Leben ist: Alles ist vergänglich, auch Schwieriges.
Das Schwierige am Leben ist: Alles ist vergänglich auch Schönes.
(Zitat K. R.-W.)

Wie recht sie hat, meine Freundin K.

Und auch Ingo Schulze gebe ich Recht:

Das Ideal wäre, in Echtzeit zu schreiben, also über den Augenblick, den ich gerade erlebe.
(Mehr dazu unter: http://www.federwelt.de/)

Dennoch frage ich mich, ob ich gleichzeitig  erleben, wahrnehmen und unmittelbar darüber schreiben kann … jedenfalls etwas, das sich zu erzählen lohnt …? Interessiert es denn jemanden, was ich genau jetzt wahrnehme? (Beispielsweise, dass mein Po von der Fahrradtour schmerzt und dass ich das Licht anmachen sollte … )

Bleibt Schreiben – und jede andere Form von Ausdruck – letztlich nicht immer ein unvollkommener Versuch, Wahrgenommenes abzubilden um sich selber sichtbar zu machen, darzustellen?

Ist es Leerlauf, Mauldünnschiss oder was, dass jede und jeder über sich reden/schreiben will und muss? Da muss mehr dahinter stecken! Reagieren wir so auf eine gesellschaftliche Leere und Beziehungslosigkeit? Denn als eine der zentralsten Begründungen für dieses Bedürfnis sehe ich, zumindest für mich, den Wunsch danach, verstanden zu werden.

„Hallo, ihr da draussen: Hört ihr mich? Geht es euch auch so, wie ich es hier schreibe (oder singe oder male)? Versteht ihr mich?“

Möglicherweise meint Selbstdarstellung den Beginn eines Dialogs, denn jede Selbstdarstellung hat zwei Seiten. Neben der sich selber sichtbar machenden Person ist da ja auch jene Person, die die Darstellung betrachtet, liest, zur Kenntnis nimmt. Das DU!* Ein zweites wichtiges Bedürfnis hinter der Selbstdarstellung habe ich nun nebenbei erwähnt: Sich sichtbar machen. Möglicherweise anonym oder aber ganz offiziell, mit Namen und allem. Aus dem initiierten Monolg soll durch Resonanz ein Dialog entstehen, denn was nützt die schönste Selbstdarstellung ohne Publikum? (Ja, ich folgere hier, dass Publikum für Resonanz und Dialog steht!)

(Wir) ExhibitionistInnen brauchen Voyeure wie Hühner ihre Eier, auch wenn noch immer nicht klar ist, was zuerst war. Die Betrachtenden sollen der sich selber darstellenden Person rückmelden, dass sie sich in der Darstellung wiedererkennen, sie sollen ihr danken, sie sollen ihr applaudieren! WinWin-Symbiose der besten Art**, da wir alle möglicherweise auch das Bedürfnis haben, andere zu bewundern***? Sag, was mag wohl sonst noch hinter dem Bedürfnis stehen, jemanden, der sich darstellt, zu betrachten? Da ich aus eigenem Erleben beides kenne und praktiziere, kann ich nur von mir aus gehen: Ich will mich im Erleben eines anderen Menschen und im Lesen einer anderen Geschichte wiedererkennen, mich in meiner Art zu leben, zu denken, zu fühlen bestätigt fühlen: „Ich bin normal!“ denken nach dem Lesen, oder: „Ach so! Andere sind als auch so schräg!“

Natürlich lässt sich dieses Thema nicht abschliessend diskutieren, doch die Essenz hinter den Bedürfnissen beider Seiten, oder, um es globaler auszudrücken, das Grundbedürfnis hinter all unserem Tun und Lassen, scheint einmal mehr der Wunsch nach Gemeinschaft zu sein. Nach Beziehung. Nach Anerkennung und Liebe. Oderrr?

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* Person kommt von per sonare, was so viel heisst, das etwas in etwas anderem nachklingt, soniert eben
**   Art = Kunst?!
***
Diesen Aspekt der menschlichen Bedürfnisse und Bedürftigkeiten ins Absurde zu führen, überlasse ich dir selber!

(Selbstzitat: 16.11.08, Internettagebuch)

Den Goldesel oder nicht zu viel Zeit?

Wocheneinkauf. Habe im Quartier-Bioladen D. getroffen. Als ich mit M. zusammen war, war D. bereits eine Weile mit M. zusammen, die im gleichen Haus wie M. wohnt. Die beiden M. wohnen übrigens noch immer in Hausgemeinschaft, aber D. ist nach der Trennung von M. in mein Nachbarquartier gezogen, wo ich schon damals wohnte. Gesehen haben wir uns allerdings schon lange nicht mehr.

Ich freute mich über das unerwartete Wiederzusehen, waren wir doch etwa zwei Jahre lang Wochenend-Nachbarn gewesen. Zwischen Biogemüse und frischem Käse tauschten wir angeregt über unsere aktuellen Lebensumstände aus. Auch über die Jobs. Natürlich. Seine 75%-Stelle werde demnächst auf 70% reduziert. Er wolle sich einen Zusatz-Job suchen.
Warum denn das?, fragte ich. Wegen dem Stutz kann es kaum sein, überlegte ich.
Mir wird die viele Zeit zu lang, gab er zu. Zuvor war er Teil einer Patchwork-Familie gewesen. Und so was ähnliches wie Hauswart. Heute offensichtlich noch immer Single. Logisch, dass da plötzlich viel mehr Zeit zur Verfügung steht, als er es lange Jahre gewohnt war. Ich bekannte, dass ich trotz meiner lächerlichen 60 Stellenprozent tendenziell immer den Eindruck von zu wenig freier Zeit hätte. Oder zu viel zu tun. Zu viele Ideen.

Es gibt zweierlei Menschen, begriff ich auf dem Heimweg. Jene, die leben um zu arbeiten und jene, die arbeiten gehen, um leben zu können. Womit wir uns vermutlich Gedanken zur Definition der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit machen sollten. Doch das überlasse ich gerne euch. Ich jedenfalls gehöre eindeutig zu zweiter Gruppe. Obwohl ich ja in der Freizeit nicht nur abhänge, sondern lebe*, will heissen vielseitig, selbstgewählt und kreativ arbeite. Meine Schreibjobs und so. (Gehöre ich also doch zur ersten Gruppe?)

Tja. So lebe, schreibe, träume, bin ich. Träumen tu ich bisweilen noch immer vom Goldesel. Er hat den Weg zu mir noch immer nicht gefunden.

Haaallooo, Eselchen, hier bin ich! Guck! Hier –  in Bern! (Jaaa, ich liebe meinen Job trotzdem!)

Da kommt mir eine meiner „Voller EinSatz**“-Geschichten in den Sinn, aus denen ich vor einem Dreivierteljahr am Kultur-Event „Zeitverschwendung“ in der Berner Altstadt vorgelesen habe.

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Eselei

Bevor sie einkaufen geht, umrundet sie das Haus, betritt den Pferdestall und nähert sich der Box von Hejoka, ihrem Esel, der, wann immer sie ihm eine Karotte oder einen Apfel hinstreckt, zuerst kurz mit den Ohren zuckt und gleich darauf mit einem lauten Furz eine Ladung Geldstücke scheisst, welche sie sorgsam und mit Gummihandschuhen aufhebt, im Salatsieb abspült, abtrocknet und in ihre Geldbörse steckt, um damit neue Karotten und Äpfel für Hejoka zu kaufen.

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* > ich schreibe, also bin ich …, also lebe ich! 😉
** =  einen Satz lange Kürzestgeschichte

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