Wie gerne wäre ich ein einfacher Gipser. Gedacht, als ich in meiner Mittagspause an einem der vielen Headhunterbüros in Baden vorbei spazierte. Oder Maler. Die werden auch immer gebraucht. Dann würde ich jetzt mit meinen Kumpels in einem Neubau rumhängen, Brote essen, über dies und jenes quatschen und am Abend würde ich heimgehen, Fußball gucken, Bier trinken. Und – das ist der springende Punkt – und ich würde mir nicht ständig über alles mögliche (über alles Unmögliche wohl eher?) den Kopf zerbrechen. Vor allem darüber, wie ich den Rest meines Lebens das tun könnte, was mir am meisten Spaß macht – und damit Geld verdienen. Wenn ich bloß wüsste, was das ist. Dasjenige welches mir am meisten Spaß macht. Hm, ich hätte da schon so ein paar Ideen … Doch nun muss ich langsam zurück in mein Seminar. Die einstündige Mittagspause ist vorüber. An der Ecke gegenüber vom ehemaligen Café Himmel, ganz nahe beim Bahnhof, singt ein Weder-Gipser-noch-Maler mit Gitarre dafür ohne Publikum Poor boy. Und niemand klatscht.
Mit dreizehn anderen, je die Hälfte Frauen und Männer, und auch altersmäßig durchmischt, werde ich an neun Tagen einen Monat lang mehr über meinen Standort, meine Ressourcen und das, was ich im Leben will, herausfinden. Außer eine sind wir alle vom Arbeitsamt für diesen Kurs angemeldet worden. Als Stellensuchende sind wir hier. Zwangsbeglückte seien wir, meint Herr H., der Kursleiter, und schafft es tatsächlich uns mit seiner Begeisterung aus der Reserve zu locken. Sogar die Vorstellungsrunde macht Spaß. Spannend, was da für Menschen mit mir an den Tischen sitzen. In Halbklassen versuchen wir in einer ersten Übung ein technisches Ding zu vermarkten. Analog dazu gehen wir später unserer eigenen Vermarktbarkeit auf den Grund. Wer sind wir? Was wollen wir? Wen suchen wir? Was macht uns einzigartig? Wie finden wir, was wir suchen? Ein paar der Fragen, die wir uns in diesem Seminar erarbeiten werden. Und natürlich schauen wir uns auch die Bewerbungsunterlagen genau an und üben Vorstellungsgespräche. Was kann ich optimieren, um genau die Arbeitsgeberin zu finden, die zu mir passt?
Wie ich so in die Runde schaue und mir dank der Pausengespräche das eine oder andere Gesicht bereits ein wenig vertrauter geworden ist, begreife ich, dass wir alle netto hier sind. Keine Arbeitsstelle als Schutzmantel vor den Unbilden der Gesellschaft, die uns wärmt und unsere Miete zahlt. Wir hier, in dieser Runde, wir sind noch nicht und nicht mehr … und doch ganz. Ganz mit unseren Geschichten, Ideen, Erfahrungen, Weisheiten und Visionen … jeder und jede trägt den ganz persönlichen Rucksack. Der eine wurde wegrationalisiert, der andere ist vor einem Burnout zugunsten seiner Familie abgesprungen, sie neben mir hat während des Babyurlaubs erfahren, dass die Firma fusioniert hat und ihre Stelle nicht mehr existiert. Schicksale … ein Stück Weg, ein paar Tage gehen wir parallel – und bereits wünsche ich uns allen, dass wir das finden, was wir uns wünschen.
Nein, ich glaube, Gipser wäre nichts für mich. Ab und zu, warum nicht, aber als Langzeitberuf? Was am meisten Spaß macht, sollten wir tun, sollte zur Berufung werden, zum Beruf, zur (Lebens)Aufgabe mit Hingabe … ja, ich träume weiter. Auf dass dieser Traum Wirklichkeit werde.
Kategorie: Gesellschaft
Fettnäpfchen – hüben und drüben
Immer mehr Menschen verlassen Deutschland in Richtung Süden, um sich in dem Nachbarland Schweiz niederzulassen. Was auf den ersten Blick nicht wie Ausland scheint, ist doch in vielen Aspekten sehr verschieden bis völlig gegensätzlich zur deutschen Kultur. Gerade die kleinen, aber feinen Unterschiede führen ohne Vorbereitung zu Missverständnissen im Alltag, die das Einleben in der Eidgenossenschaft und das Miteinander mit den Schweizern erschweren. Das berühmte „Fettnäpfchen“ findet sich gerade am Anfang an jeder unvermuteten Ecke.
Die Schweiz – ist das wirklich Ausland?
Dieses Stück soll ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Schweizer anders ticken als Deutsche. Gibt es überhaupt DEN oder DIE Deutsche/n und DEN oder DIE Schweizer/in? In dem Theaterstück „ Gipfeltreffen Deutschland-Schweiz“ wird die Frage „Die Schweiz – ist das wirklich Ausland?“ gestellt.
Als Direktbetroffene wollen wir uns das am nächsten Freitagabend in Zürich von der Nähe aus anschauen. Ich bin gespannt …
Bei Draufklick auf das Ding unten, wirst du direkt auf die Webseite verlinkt …
Weitere Infos gibt es hier!
Eigentlich wollte ich ja heute über meinen Brockenhausbesuch vom Freitag bloggen. Den Entwurf habe ich sogar bereits geschrieben, doch statt ihn zu vollenden, besuche ich lieber als Betthupferl ein paar Lieblingsblogs …
Ich bin einfach zu müde von der Sonne und dem Radfahren an der Aare. Immerhin die innere Schweinehündin haben Deutsche und SchweizerInnen gemeinsam. In der Schweiz heißt das Vieh Souhung (uf bärndütsch) oder Souhund (uf züridütsch), doch bellen tut er hüben wie drüben ungefähr gleich nervig.
Ach, und über meine neuntägige Arbeitsamt-Standortbestimmung, die ich morgen früh um 9 Uhr beginne, wird es gewiss auch das eine oder andere zu erzählen geben …
Nun aber wünsch ich allen einen schönen Sonntagabend und einen erfreulichen Wochenstart.
Das offene Fenster – nur kurz
Dass sie auf Drogen war, begriff ich in diesem äußerst seltsamen Traum erst ungefähr in der Mitte. Ich weiß auch nicht so genau, ob ich Mann oder Frau war, auch nicht, ob wir mehr als nur ein freundschaftliches Verhältnis hatten. Sie wohnte – wie ich – hier in der Gegend, ging aber immer nach Zürich, um sich Stoff zu beschaffen. Da ihre Wohnung einen sehr ordentlichen, um nicht zu sagen sehr bürgerlich-ordentlichen Eindruck machte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass sie H spritzt. Sie sah gut aus, hatte glatte dunkle, fast schwarze, ein wenig rötlich schimmernde Haare, die aber, wie ich später im Traum feststellte, entweder eine Perücke waren oder aber, zuweilen von einer (anderen) Perücke überdeckt wurden. Einmal war sie mit blonden Locken aufgetreten. Ich lernte sie als souveräne, kontrollierte, selbstbewusste Frau kennen …
Das Radfahren war auch so eine Sache. Sie war ausgesprochen sportlich, obwohl sie, wenn sie nicht auf dem Rad saß, um sich Stoff zu besorgen, immer ziemlich chice Kleider trug, mit Vorliebe schwarz. Auf dem Rad war sie wie ein Kind. Wild und furchtlos fuhr sie alle Wege, die ihr Mountain Bike zuließ. Da ich im Traum ein Country Bike fuhr, musste ich zuweilen absteigen, wenn es zu gefährlich wurde. Schmale, steil abfallende Uferwege waren eher die Regel als die Ausnahme. Ich fuhr immer hinten ihr. Fühlte mich ein bisschen wie ihr Schutzengel, dochl ich wäre wohl in Notfall kaum hilfreich gewesen. Da waren auch ein paar schnelle Szenen, Flashes, im Traum. Wie sie ihren Körper für Geld verkaufte.
Die feinen Risse in ihrer Fassade erkannte ich erst allmählich. Dahinter sah ich einen zutiefst verzweifelten Menschen. Einmal erzählte sie mir von ihrem Kind, das man ihr weggenommen hatte. War sie nahe dran an jenem Ort in sich drin, wo sie wirklich bei sich war, wo sie wirklich mit dem Herzen dachte und wirklich fühlte, was sie fühlte, kam die Verzweiflung. Stieg auf wie Holz aus den Tiefen eines dunklen Sees. Nur mit dem Gift war das alles zum Schweigen zu bringen.
Diese Wirkliche war sie auch, als sie mir von ihrer Wohnsituation erzählte. Während sie redete, zitterten ihre Hände, denn es war wieder Zeit für eine Radtour in die Metropole.
Das ist alles falsch!, sagte sie. Sie zeigte auf Wohnung mit Sofa und Fernseher. Es ist falsch, weil das ein Leben repräsentiert, das ich gar nicht lebe. Das bin nicht ich. Ich versuche so zu werden und darum ist es eben zugleich auch richtig. Ich versuche es so sehr, bis ich eines Tages auch so sein werde. Bis ich hierher passe. Bis ich auch dazugehöre. Bis ich richtig bin.
Wenn sie so war, war sie wahr. Liebenswert in ihrer ganzen Verzweiflung und Traurigkeit und Echtheit. Als wäre da ein kleines Fenster geöffnet worden.
Schnell genug wurde es wieder geschlossen und wir saßen wieder auf unseren Rädern und kurbelten nach Zürich.
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(((Jetzt, wo ich wach bin und den Traum aufschreibe, glaube ich, dass ich wohl eine Figur des Buches „Für den Rest des Lebens“ von Zeruya Shalev in meinen Traum geholt habe. Rochele, die Pflegerin der sterbenden Mutter, von der aus sich der Romanplot ausbreitet, erzählt Dina, der Tochter, ihre Geschichte. Rochele ist definitiv mit meiner Traumfigur verwandt.)))
langsam, langsam …
Anachronismus war eins unserer Lagerfeuerthemen dieser Tage. Mit Gästen diskutierten wir über Filme und das Filmemachen. Wie gut es wäre, wenn die neuen Filme wieder langsamer würden, sagte ich. Wir werden täglich so vielen Bildern (in Worten ebenso wie in Pixeln) ausgesetzt – und dies alles in höchster Geschwindigkeit –, so dass es eigentlich toll wäre, es würden wieder andere Filme gemacht. Langsamere. Und ganz allmählich würden wir uns wieder an eine langsamere Art zu leben gewöhnen. Natürlich stimmt es, dass wir wählen können, was wir uns zuführen. Doch dass wir alleinverantwortlich im Sinne von „selbst schuld“ dafür sind, wenn wir an dieser Dauerhektik und ihren Nebenwirkungen krank werden, bezweifle ich. Die Verantwortung liegt bei uns allen, die wir diese Gesellschaftsform bewusst oder unbewusst füttern indem wir im Alles-haben-wollen-Strom mitschwimmen. Subtile Manipulation zu erkennen, ist eins, gegen diesen Strom zu schwimmen, etwas ganz anderes, denn so wie es ist, ist es ja gut und wer gibt schon freiwillig auf, was er hat? Alles. Immer. Sofort. Woher sollten wir auch wissen, wie der Rückweg geht? Unserer Gesellschaft fehlen diesbezügliche Vorbilder.
Wir MittvierzigerInnen, die wir mit Unsre kleine Farm und den Waltons groß geworden sind und mit deren ganzer Langsamkeit, haben den Tempoanstieg gar nicht wirklich bemerkt. Wie der Frosch im Wasser nicht merkt, dass sein Badewasser im heißer wird. Bis es eines Tages zu spät ist. Und dann ist es zu spät.
Viele von uns haben sich vom Strom formen lassen. Schnell, laut und schrill sind sie geworden. Und ja, das sind genau jene, die mir sehr schnell auf den Geist gehen. Insbesondere, wenn sie sich dazu noch unreflektiert verhalten, bei allem was sie selbst betrifft. Zwar reden sie über alles Mögliche, als wüssten sie Bescheid (tun sie vielleicht sogar) über Dinge, über Politik, haben dies und das gesehen, da und dort mitgemacht, ab und an und überall ein Wort aufgeschnappt und mitgeredet und sie stehen im schönsten Licht da. Dass die andern nicht bewundernd sondern genervt schweigen, merken sie nicht. Und noch etwas können sie nicht: Still sein, hinschauen, innehalten, zuhören – wirklich meine ich – mit dem Herzen, mit allen Sinnen.
Schnitt.
Weißt du eigentlich, dass „ein so richtig deutscher Typ“ in der Schweiz eine Art Schimpfwort ist? Wohingegen ein „untypischer Deutscher“ als Kompliment zu verstehen ist!, sagte ich zu meinem Liebsten auf einer unserer Geocache-Wanderungen dieses Wochenendes. Nein, das habe er nicht gewusst, sagt er, überrascht. Wirklich?
Ja, echt wahr. Ich glaube, wir sollten uns mal Kompendien schreiben, lache ich, Gebrauchsanweisungen für die Schweiz und für Deutschland, damit wir unsere Codes besser verstehen. Obwohl du ja eh kein typischer Deutscher bist … (((Ob ich eine typische Schweizerin bin?)))
Oh, und dann müssten wir noch je ein Wörterbuch für all die unaussprechlichen Dinge verfassen. Für all die feinen Schwingungen, die wir Menschen aussenden, denke ich beim Weiterwandern. Ich bezweifle, dass das geht. Die Sprache der Gefühle lässt sich schwer in Worte übersetzen. Und wer wollte das schon lesen? Denn genau jene Menschen, die eigentlich eins bräuchten, würden es sich bestimmt als Letzte eingestehen.
So-tun-als-ob
1.)
Man pflegt Beziehungen. Man bittet um Verzeihung für Dinge, die man selbst zwar nicht schlimm findet, aber bestimmt die anderen. Vielleicht. Und ja, man verhält sich anständig. Hauptsache, man ist lieb zu den anderen.
Man bewirbt sich um Stellen, von denen man sich Geld und Prestige erhofft. Dann geht man frühmorgens aus dem Haus und engagiert sich. Man spielt eine Rolle in seiner Firma. Hauptsache, man spielt eine Rolle.
Man besucht Events. Dies und Jenes. Man verhält sich kultiviert und geht in einen Verein. Egal in welchen. Hauptsache, man wird gesehen.
Man will etwas gutes vollbringen. Man will etwas beitragen, das die Welt lebenswerter, lebendiger, bunter macht. Man will gesehen, erkannt und verstanden werden. Hauptsache, man wird gehört.
2.)
Da ist diese nagende Leere, für die man noch immer keine Worte gefunden hat. Keine Worte für die Verluste. Keine Schriftzeichen, die den Schmerz sichtbar machen. Nachvollziehbar. Diese Leere, diese verdammte schwere Leere, die nichts anderes will als in sich selbst zu verschwinden, sich aufzulösen, ganz und gar nicht und nichts mehr zu sein. Diese Leere, die einige Nirwana nennen. Andere Paradies. Himmel. Nichts. Ewigkeit. Unendlichkeit. Viele Namen hat das letzte, das große Nichts. Und viele Namen die Sehnsucht nach ihm.
3.)
Liebe – fünf Buchstaben. Fünf etymologisch nachvollziehbare Buchstaben. Die Rückseite des großen Nichts. Sie ist alles. Alles – alles in sich selbst verschwunden. Tunnel. Rohr. Schlauch.
Als wäre es falsch, sich gut zu sein falsch, denkt man. Ideen aus lauter Nichts haben uns gefüttert. Haben Gehirne gewaschen und lackiert, festgeklebte, hochglanzpolierte Gedanken voll mit Wertlosigkeit. Voll Leere. Nicht, dass jede Leere wertlos wär – doch diese Leere hier ist einfach nur wert- und sinnlos. Sagt man. Abwesenheit von. Freiheit von. Freiheit um …?
Hochglanzhirn mit Hochglanzgedanken in Hochglanzwohungen inmitten von Hochglanzleben, die zerbrechen, wenn man die Seite wendet.
4.)
Heute war in der Coop-Zeitung ein richtig gutes Interview mit Linard Bardill, dem Bündner Künstler und Liedermacher, der einen achtjährigen Sohn mit Downsyndrom hat, seinen kleinen Buddha, seinen Meister, der einfach nur IST.
Bardill sagt:
„Ein Kind mit Downsyndrom meint man so, sei behindert. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass nicht das Kind behindert ist, sondern mein Denken. Nämlich: Ich meine, normal sei, wenn man zwei Personen ist, diejenige die man ist und die, über die man nachdenkt. Bin ich gut? Bin ich schön? Wer bin ich? Der kleine Buddha, der macht das nicht. Der ist einfach. Das heißt, er sucht nicht das Glück, er ist das Glück. Und in dem ist er mein Meister und mein Lehrer. Ich bin mit ihm ein Stück Weg gegangen. Es war der Weg des Glücks.“
Das Leben macht die einen glücklich die anderen zynisch.
5.)
Ist Zynismus womöglich eine Facette tiefer Traurigkeit über die Diskrepanz zwischen dem, wie wir uns das Leben erträumt haben (für uns, für die Welt)? Ist es eine Möglichkeit, die Schwere des Lebens zu ertragen? Macht Zynismus gesund? Tut er irgendjemandem gut? Außer dass wir kurz grinsen müssen und so ein paar Gesichtsmukeln trainieren, wenn wir eine zynische Aussage verdauen, wohl eher nicht. Eher das Gegenteil. Ich halte Zynismus für eine Einbahnstraße in die Bitterkeit. Für eine Waffe des Selbstschutzes. Für eine Tarnweste, um tiefere Gefühle nicht zulassen zu müssen.
Kann es das gewesen sein? Wollten und wollen wir, die wir uns heute hinter zynischen Sprüchen verstecken, im Grunde nicht etwas ganz anderes, nämlich das, wofür wir in unseren jungen Jahren auf die Straße gegangen sind? Eine bessere, eine friedlichere Welt. Eine lebenswerte Welt.
Ja, gut, inzwischen haben wir die Welt durchschaut, wir haben unsere Ohnmacht begriffen, und ja, davon kann man, wie gesagt, zynisch werden. Nur: wem hilft das? Noch mehr verbitterte, abgelöschte Menschen machen die Welt nicht lebenswerter. Ja, das sage ich auch zu mir selbst.
Vor zwanzig Jahren war ich noch ganz anders unterwegs, glaub mir!, sagte Freundin T. neulich, als ich ihr, der zwanzig Jahre Älteren, ein Kompliment für ihre Lebensenergie, ihre Initiative und ihre vielen Perspektiven gemacht hatte.
Finale
Alles kann noch anders werden. Auf jeden Fall vieles.
Nicht nachdenken. Schreiben. Den Kokon ausdehnen. Bis er platzt. Atmen. Leere. Fülle. Sie heben sich auf. Und mich. Und ich breite die Flügel aus, nehme Raum ein, stolpere ein wenig und dann hebe ich ab.
Lebensentwürfe
Der Mensch sei sein schlimmster Feind. Heißt es. Mag sein. Sehr wahrscheinlich sogar. Doch ist damit nicht auch das Gegenteil wahr? Sein bester Freund zu sein ist uns allerdings oft weniger selbstverständlich als uns mit ewiger Selbstkritik zu nerven. Wir? Ich tarne mich hinter wir? Mag sein. Alle weglesen, die hier nicht WIR sind (bitte weitersurfen!), alle, die nicht immer wieder in die Falle stolpern, dass sie ihren eigenen Erwartungen nicht genügen.
Gut? Dann sind wir jetzt also unter uns. (Jedes WIR ist eine ein- und ausschließende Schnittmenge. Zu wie vielen WIR ich wohl gehöre? Wir Frauen, wir in den Vierzigern, wir SchweizerInnen, wir …) Hier nun meine ich einfach uns, die wir auf dem Seil herum baumeln und immer mal wieder herunter purzeln, uns zusammen rappeln, wieder aufstehen, weitergehen. …
Da – die vielen Pläne, Ideen, möglichen Lebensentwürfe, hier – das Konto mit der Lebensenergie. Beides scheinbar kompatibel und doch geht nichts. Und doch treten wir an Ort. Es fehlt das Vertrauen in die eigene Kraft, vielleicht. Oder wir scheitern vermeintlich an den zu großen Zielen. Oder ist es schlicht der Mut, der fehlt?
Es sind die Erwartungen. Wie etwas zu sein hat und wie etwas werden müsste. Dinge und wir selbst. Oder auch die andern. Der Blick ist nach vorn gerichtet und wirft seinen Schatten in die Gegenwart. Das raubt uns alles, was wir brauchen um jetzt Schritte zu tun, die Auswirkungen auf später haben. Den Spieß umzudrehen und die Gegenwart Schatten in die Zukunft werfen zu lassen. Natürlich sollen wir wissen und entscheiden, wo es lang gehen soll, sollen einspuren und eine Richtung einschlagen, doch das Leben findet nur immer jetzt statt.
Das hier ist meine Zeit, meine Lebenszeit. Mein Leben. Wie also können wir das, was wir wirklich sind und wirklich wollen, ins Leben, in die Realität bringen? (Copy/Paste von meinen tollen Dokumenten auf der Festplatte geht irgendwie nicht.) Und wie können wir dabei und davon auch leben? Artgerecht leben sozusagen, wie es unserer Natur entspricht. Wie es in in uns angelegt ist. Eine Palme braucht nicht den gleichen Boden wie eine Buche und Brombeeren sind keine Erdbeeren. (Was bin ich und warum bin ich nicht mehr, was ich einst zu sein meinte?) Ja, natürlich sind wir privilegiert, doch wenn wir schon Privilegierte sind, wieso sollen wir es nicht auskosten und unser Ding tun? Ohne schlechtes Gewissen. Und ohne Vergleiche nach links und rechts. Egoistisch?
Warum vergleiche ich? Warum will ich angepepasst auf der normalen Schiene des Lohnerwerbs funktionieren und suche dazu einen Brotjob? Warum wird es in meinem selbst gestrickten Kokon immer enger? Asthmatisch eng.
Ist nicht die Treue mir selbst gegenüber das Wichtigste? Was bin ich mir schuldig (mal abgesehen von all den anderen da draußen, die mir auch sehr wichtig sind)?
Je näher ich diese Fragen betrachte, im Zoom, so sehr vergrößert, dass es weh tut, desto mehr verliere ich mich dabei aus den Augen. Und meinen Fokus auf mich. Ein irgendwie befreiender Verlust.
Schwindlig und taumelig suche ich einen gangbaren Weg.
Die Sache mit dem Lebenszeitkonto
Es war einmal, oder wäre es nur gewesen, wenn …? Konjunktiv mit Fragezeichen. Oder es ist vielleicht noch immer, ohne Anfang, ohne Ende? Egal eigentlich, denn im Grunde ist es weder relevant noch hilfreich, wenn ich weiß, ob es wirklich wahr war oder nur in unseren Köpfen. Als ob das in den Köpfen weniger wahr wäre als das Wirkliche, das Fassbare (und als das Unfassbare erst recht). Diese Sache mit der Zeit meine ich, die ja nicht nur ist, weil der Uhrzeiger sich dreht und nicht weniger wahr ist – falls sie das wäre -, wenn keine Uhr sich nach ihr richtet.
Wo etwas ist, kann auch etwas verschwinden. Verloren gehen. Wo Zeit ist, kann auch Zeit verloren gehen. Nein, verlieren ist kein aktiver Prozess. Vergessen auch nicht. Lebenszeitdiebe nennt Irgendlink jene Menschen, die ihm etwas von seiner kostbaren Lebenszeit wegnehmen (doch aktiv? oder eher passiv? warum lässt er es zu, und warum ich?), indem sie ihn volltexten, mit Bagatellen belästigen, etwas von ihm wollen …
Lebenszeitdiebstahl … seit Tagen grüble ich darüber nach, ob das Neueinrichten meines Laptops nicht Lebenszeitdiebstahl war, begangen an einem lieben Menschen, der gewiss besseres zu tun gehabt hätte.
Auf der Kehrseite des Lebenszeitdiebstahls stehen nämlich solche „besseren Dinge“. Sachen wie Radfahren, Fotografieren, Schreiben, Bilder bearbeiten, Malen, in der Aare baden und schwimmen, Tagträumen (nachts natürlich auch), die ganze soziale Palette selbstverständlich wie die Pflege von Beziehungen, guter 6, Ausflüge machen und Massagen, kurz alles was gut tut. Doch ist es denn umgekehrt so, dass das, was mich und meine Zeit bedroht, schädlich für mich ist?
Schauen wir doch mal hin, was mir meine Lebenszeit vergällt:
Mich mit Banalitäten volltexten lassen, auf andere, die sich ohne Grund und Information verspäten, warten, Tippfehler schreiben und korrigieren, sich am Telefon vertippen oder nicht für mich bestimmte Anrufen annehmen, etwas verlieren und nicht mehr finden, etwas fallen lassen und hinterher die Scherben wegwischen müssen (nein, nicht jedes Putzen ist Lebenszeitdiebstahl, nur das nach Missgeschicken), Misstritte mit Folgen, sich mit anderen vergleichen, sich ärgern über die eigene Unzulänglichkeit, Ameisen in der Wohnung, Mücken überall, Missverständnisse, Streit um Banalitäten, Powergames, Taschentücher in der Waschmaschine, Technik, die nicht funktioniert, Programme, die sich nicht selbsterklärend bedienen lassen, unverständliche Anleitungen – egal ob für Möbel oder für IT-Zöix, Ungeduld, Rushhour, vergessene Passwörter …
Beide Listen sind Momentaufnahmen. Beide Listen sind je nach Befindlichkeit mal länger, mal kürzer. Und beide Listen sind relativ. Außerdem unfassbar. Zeit ist unfassbar. Wer oder was kann mir überhaupt Lebenszeit stehlen? Ob die vermeintlich geklaute Lebenszeit nicht einfach aufs das Konto „Erfahrungen“ umgebucht wurde?
Der Mensch ist ein Risikofaktor. Der Mensch ist ein flexibles System, das sich ständig bewegt, wandelt und deshalb anfällig für Fehler, Pannen und Viren ist. Solche Dinge kosten Lebenszeit, ja, gut, doch unter dem Strich tauschen wir sie ein gegen Lebendigkeit. Wären wir perfekt, wären wir langweilig zum Abwinken. So will ich immer wieder neu JA sagen zu all diesen Unvorhersehbarkeiten des Lebens. Unwägbarkeiten, denn sind nicht alle Geschichten, die wir lesen, die Geschichten unvollkommener Menschen? Ob ich wohl deshalb so gerne lese? Inmitten all der fiktiven und realen Menschen in Geschichten, Biografien und Zeitungen finde ich mich wieder.
Ich lebe in verschiedenen Universen (du auch, vermute ich). Paralleluniversen. Jedes meiner noch unvollendeten Manuskripte ist eine Welt für sich, eins meiner Biotope. Jeder Film, den ich schaue. (Wenn ich im Schreibflow bin, an einer Geschichte schreibend, bin ich dann hier in meinem realen Leben oder dort im externen Universum? Sind meine Geschichten quasi die externen Datenspeicher meines Lebens, sozusagen meine vielen ungelebten Leben?)
Meinen „neuen Laptop“ habe ich wie ein neues Paar Schuhe so gut eingelaufen, das kaum mehr was drückt. Alles ist anders und doch ist alles gleich. Die gleiche Hülle, die gleiche Kunststoffkiste. Doch diese Kiste hat ein anderes, ein erneuertes Innenleben. Beinahe wünschte ich, mir selbst ein neues Betriebssystem verpassen zu können, das die gleichen und auch alle neue Inhalte transportiert. Eins, das gut und schnell läuft, nicht virenanfällig ist, nicht ständig wegen allem möglichen zickt, hängen bleibt oder gar abstürzt. Kurz: eins das perfekt ist und mir keine kostbare Lebenszeit klaut. Für die habe ich nämlich viel bessere Verwendungsideen.
Der fehlende Nagel
Neulich, bei Kate Atkinson, las ich ein Gedicht. Ein Zitat. Leider ist das Buch schon wieder in der Bibliothek, so dass ich es hier nicht rezitieren kann. Um einen Nagel ging es, um den fehlenden Nagel um genau zu sein. Denn eigentlich ist es ja immer nur ein fehlender Nagel, der an allem schuld ist. Im Gedicht war er schlussendlich schuld daran, dass ein Krieg ausgebrochen ist und viele ihr Leben verloren habe. Dabei hatte alles so harmlos angefangen.
Gestern auch. Irgendlink war fälschlicherweise davon ausgegangen, dass der Hauptschalter, an dem mein Laptop hängt, den er neu aufsetzen wollte, bereits eingeschaltet ist. Er legte die Windows-Wiederherstellungs-CD ein, die er neben dem Betriebssystem Linux installieren wollte (damit ich wahlweise wechseln könnte) und startete die Einspielung des Programms. Ein Kontrollblick nach einer Viertelstunde (das ist die Zeit, die wohl bei Nichtaktivität im Akkumodus programmiert ist, um das System in Schlafzustand zu versetzen) zeigt: Der Prozess ist abgebrochen.
Ein fehlender erster Nagel. Beim Neustart will und will sich die CD nicht mehr öffnen und für eine Fehlersuche war mein Liebster schlicht zu faul. Der zweite fehlende Nagel. Dann halt NUR Ubuntu? Ja, genau, so machen wir es.
Technik und Leben – so viele Analogien, dass wir längst in technischen Metaphern reden. Auch so wandelt sich die Sprache im Laufe der Zeit. Wir wählen andere Bilder als früher, um Dinge zu beschreiben.
Wenn ich unter Stress stehe und ich mir und meiner fehlenden Zeit ständig hinterher laufe, sage ich zuweilen, dass ich mich mal wieder synchronisieren muss. Oder neulich, am Kurs in Luzern, hatte ich – wie auch gebloggt – mitten im Prozess, an dem ich teilnahm, das Gefühl, dass sich mein Inneres defragmentiert, dass sich meine innere Festplatte gerade eben selbst in Ordnung brachte.
Neue Dinge, neue Systeme, die von außen kommen und mein Leben bewegen, mich umzudenken heißen, mag ich grundsätzlich. Sie holen mich aus den ewiggleichen Pfaden heraus, lehren mich Neues. Natürlich mag ich sehr, wenn alles gut läuft, wenn alles da ist, was ich brauche, wenn mir nichts fehlt. Weder Nagel noch sonst was. Veränderungen jedoch bringen mich dazu, nachzuschauen, was da ist. Bestandesaufnahme der Werkzeugkiste. Was ich wirklich brauche. Und ob das, was vermeintlich fehlt, wirklich fehlt.
Selbst wenn es nur so wenig ist wie ein Stromschalter, der gekippt werden muss.
Europia 2030
Während sich mein Liebster mit meinem neuen, desolaten Laptop abquält, weihe ich hiermit meine neue kleine 28 x 13 cm kleine externe Tastatur fürs iPhone ein, die er mir besorgt hat. Für unterwegs ist so was einfach genial. Einerseits …
Doch andererseits hatte ich vorhin echt die große Technik-Krise. Auf einmal blieben einfach alle Programme hängen – diesmal auch beim alten, zurzeit gut laufenden Laptop. Während ich mein iPhone backupte. Zum Glück nur zwischenzeitlich.
Ich glaube, ich steige wieder auf analog um!, sagte ich zu Irgendlink, der mit seinem unnachahmlichen Professorenblick herausfindet, wie genau er meine Daten retten kann, bevor er – falls notwendig – meine Festplatte samt Betriebssystem plattmacht und danach das neueste Linux-Betriebssystem installieren wird, dass er vorher aus dem Netz gefischt hat.
Mach das, gute Idee!, murmelte er, und rettet weiter meine kleine digitale Welt.
Verrückte Technik. Analog leben – ob ich das, ohne äusseren Druck meine ich, überhaupt noch könnte? Alle meine Geschichten sind auf einem Kunststoffteil abgespeichert, alle Texte, Gedichte, Notizen und Bilder habe ich in Bytes verwandelt, in Einsen und Nullen. Was bleibt von alledem, wenn ich einmal den Löffel abgebe?
Totos Geschichte, damit meine ich das in diesem Blog bereits vorgestellte Buch Vielen Dank für das Leben von Sybille Berg, das mich ein paar Tage intensiv beschäftigt hat, ist ausgelesen.
Ein Buch, das das Zeug zu einem Kultbuch hat, sagte ich gestern zu Irgendlink, als wir auf meiner neuen Holzbank saßen und etwas tranken. Ein Buch, das mich an Orwells 1984 erinnert. Visionen einer Zukunft, die niemand wirklich so will. In achtzehn Jahren, also zum Zeitpunkt, wo das Buch aufhört, könnte es erneut auf den Markt kommen. Was wird sich bewahrheiten von Sybille Bergs Visionen eines pseudofriedlichen, künstlich erzeugten und ganz und gar stinklangweiligen Europa, das die Autorin rund um Totos nach außen hin zerfallendes Leben so akribisch zeichnet? Und falls es so wird – wo werde ich darin meinen Platz finden? Werde ich? Will ich? Und warum?
Zürich. Zureich.
Was wir uns alles einfallen lassen, um das Leben erträglich zu machen! Ist das Leben vielleicht wie Fleisch, dass ohne Gewürze ungeniessbar ist? Ständig erzeugen wir Geräusche, Lärm, Musik, um die Stille zu übertönen. Damit wir hinterher ruhebedürftig sein und uns Urlaub erlauben dürfen. Wir produzieren Gerüche, Düfte, Gestank, der uns davon überzeugt, dass es woanders besser riecht. Wir essen schnelle, fette Gerichte, um mehr Zeit zu gewinnen, und wir jammern hinterher über Sodbrennen. Wir trinken gegen die Leere an und rauchen gegen die Ewigkeit.
Wir lenken uns ab und dröhnen uns zu, füllen uns ab und zu ab und zu. Bloß um das Leben zu ertragen.
Wohl all jene, die bei sich zuhause sind. Frieden. Leben. Totos Geschichte (siehe gestrigen Artikel), mitten in Zürich gelesen, wo ich eine Pause zwischen zwei Terminen einlege, erschüttert mich immer mehr.
Zürich Stadelhofen. Ich suche alte Spuren. Das Haus, in dem ich vor fünfzehn Jahren für einige Monate gelebt habe. Fast erkenne ich es nicht mehr. Ein moderner Wohnblock mit Lift, ein Haus wie ich es weder vorher noch nachher je bewohnt habe. Eine vorübergehende WG war es gewesen, dazu die wohl unpassendste Kombination, die sich frau vorstellen kann und ich war sehr froh, dass ich nach ein paar Monaten zu Freund M. ziehen konnte. Seine Wohnung in der andern Ecke Zürichs war warm und gemütlich, zuoberst in einem alten Wohnhaus. Der Wohnung, dem Haus und der WG-Kollegin im Seefeld hab ich keine Sekunde nachgetrauert.
Und nun sitze ich hier, am Bahnhof Zürich Stadelhofen, meinem damaligen Stamm-Bahnhof, um gleich für eine Stunde Freund M. zu treffen. Beide sind wir unterwegs von A nach B.
Schnitt.
Im Zug nach Hause. Nachdem ich den unklimatisierten Regionalzug verpasst habe, sitze ich nun im klimatisierten Schnellzug. Zuhause gibts nun nur einen winzigen Boxenstopp vorm Yoga. Puh. Die Hitze!
Wie M. und ich vorhin durch die große Bahnhofhalle schlendern, werden wir magisch von einer langen Menschenschlange vor einem Eventzelt angezogen. Das haben Schlangen wohl so an sich. Wir nähern uns ihrem Kopf, auf der Suche nach einer Antwort: Wofür lohnt es sich – für Menschen allen Alters – den Feierabend mit Schlangestehen zu verbringen? Am Kopf der Schlange eine Drehscheibe. Zehn mögliche Felder. Scheibe drehen und schon gibt’s einen Preis. Eine kleine Tube Zahnpasta oder eine Reisezahnbürste. Oder, Chance 1:10, eine sensationelle neuentwickelte elektronische Zahnbürste. Etwa zehn Personen lang gucken wir zu. Niemand schafft den Hauptgewinn, aber alle haben Spass. Spielen, Glückspielen macht offenbar glücklich, vor allem wenn es dabei um das eigene Wohl geht.
Und nun soll ja niemand behaupten, die schweizerische Bevölkerung sei nicht um ihre Zahngesundheit besorgt … 😉
