Ein Wort, das mich wohlig schnurren lässt (wäre ich eine Katze). Ein Anti-Reiz-Wort. Eins, das mich ruhig schlafen lässt. Eins, das mich einhüllt wie eine warme Decke im Winter und wie wärmende Sonnenstrahlen im Sommer.
Für alle. Egal wie du bist. Egal warum. Einfach, WEIL du da bist. Bedingungslos. Gibt es schöneres? In der Liebe und in Freundschaften gewiss nicht.
Und wie sieht es im Alltag aus? Nur ein leeres Wort? Das bedingungslose Grundeinkommen wird ja schon viele Jahre, Jahrzehnte sogar, rund um den Globus rauf und runter diskutiert.
Nun ist es endlich so weit! Seit kurzem sammelt die basisdemokratische Schweiz Unterschriften. Die Volksinitiative läuft bis Oktober 2013. Bis dahin brauchen wir hundertzwanzigtausend gültige Unterschriften. Schaffen wir das, wird die Initiative im Sinne einer Volksabstimmung dem Volk vorgelegt.
[Bist du SchweizerIn, lade doch für deine Wohngemeinde (NachbarInnen) oder auch für deine ArbeitskollegInnen Initiativbögen runter und verbreite die Idee. Du wirst dir später dankbar sein! :-)]
Utopie? Nein. Das Initiativ-Komitee und nicht wenige politisch und sozial engagierte Menschen – auch solche mit bekannten Namen – setzen sich für die Initiative ein, WEIL die Umsetzung machbar ist.
Seit Tagen spielt meine Phantasie verrückt. Sie denkt sich Geschichten von neu gewonnener Lebensqualität ohne Brotjob-Druck aus. Schöne Geschichten allesamt!
Und du? Was würdest du tun, so fragte ich neulich schon, wenn du morgen und für den Rest deines Lebens nicht zur Arbeit gehen MÜSSTEST (du darfst aber natürlich weiterhin gehen, wenn du das WILLST und Kohle kriegst du auch) um das Überleben zu sichern? Was würdest du tun, wenn du wählen könntest?
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Folgende Links führen die Idee und die Initiative detaillierter aus, als ich es hier in aller Kürze tue.
www.grundeinkommen.ch
Zum Unterschriftenbogen: www.bedingungslos.ch
Argumentarium: www.bedingungslos.ch > Rückseite
Kategorie: Gesellschaft
Scharfe Kanten
Ich erwache perversfrüh. Sechs Uhr. Lange vor dem Wecker. Wildes Herzklopfen. Der fünfte Kurstag. Halbzeit schon. Die Aufgaben habe ich mehr oder weniger erledigt. Bis auf die Blätter mit den beruflichen Visionen, die es auszufüllen galt. Doch ob ich die im Kurs breitschlagen will, weiß ich nicht so genau.
Ich wünsche mir schlicht und einfach und ganz (un)bescheiden ein Arbeitsumfeld, das hinsichtlich Arbeitsinhalten, Arbeitsweg, Arbeitszeit und -pensum, Teamenergie und Lohn „perfekt“ ist – so wie ein paar neue Schuhe oder Hosen, die einfach wie angegossen zu mir passen. Nicht nur in der Größe, sondern eben auch in Bezug auf den Tragekomfort und den Stil sozusagen. Doch eine inhaltliche Definition dieser Arbeitstelle, eine Vision, zu formulieren, fällt mir verdammt schwer. Zumal sich immer öfter die Frage in den Vordergrund drängt, wie (und ob) ich mich als Selbständige ernähren könnte. Alles, was ich sehr gerne mache und gut kann, ist auf dem „Markt“ (wer oder was immer das ist!) wenig wert oder schlecht verkäuflich. Auch müsste ich zuerst von der No-Name zur With-Name werden … (Werde erst mal was! Werd erst mal groß!, haben sie gesagt, früher.) Will ich das, kann ich das? Und: wie geht das überhaupt?
Fakt eins ist, dass ich Geld brauche.
Fakt zwei: Ich kann vieles, will aber nicht alles, was ich kann und gelernt habe, beruflich ausüben.
Fakt drei, vier, fünf und so weiter: Ich will nicht den Rest meines beruflichen Lebens fremdbestimmte Hamsterrad-Runden drehen, sondern mich mit dem Inhalt meiner Arbeit (und der potentiellen Arbeitsgeberin) größtmöglich identifizieren können.
Fakten versus Träume. Scharfe Kanten treffen auf Ungefähres. Dahinter ein Abgrund im Nebel – das Schreckensgespenst von uns NonkonformistInnen. Das Nichts. Der freie Fall. [Habe ich an dieser Stelle bereits gesagt, dass mir das Leben (in Bezug auf das existentielle Überleben sprich Auskommen und Einkommen) manchmal mehr Angst macht als der Tod?]
Der Wecker klingelt und das Rad dreht sich erneut, das ein paar Stunden ruhen durfte. Das Rad in meinem Kopf.
Anderthalb Stunden später. Auf dem Bahnhof. Habe um fünf Sekunden den Zug verpasst, das Ticket noch nicht entwertet. Habe gebummelt auf dem Weg. Geträumt. Macht nichts. In acht Minuten fährt der nächste – zwar ein bisschen knapp, aber die meisten meiner KurskollegInnen sind nicht wirklich pünktlich. Vier Minuten Verspätung sind normal.
Eine junge Mutter mit ihrem vielleicht anderthalbjährigen Kind will auf den gleichen Zug. Ich überhole sie in der Unterführung. Das Kind will partout nicht mit dem Lift fahren, so gehen sie die Treppe hoch. Geht doch. Dem Kind gefällt der neue Morgen noch nicht wirklich. Nicht heute. Es will sein Nuscheli, ein witziges oranges Wundertüchlein-Tier, das sofort seine Tränen trocknet. Nun will es auf Mamas Arme, von wo aus es die Welt mit neuer Gelassenheit betrachtet. Sein weiser Blick bleibt an mir hängen. Ich kämpfe mit den Tränen. In solchen Momenten vermisse ich meinen Sohn am allermeisten.
Im Zug liegt „20 Minuten“ auf der Fensterbank.
Nein, das tut mir nicht gut!, denke ich noch. Zeitung lesen am Morgen ist Gift für mich. Doch schon lese ich. Wer tut schon, was gut für ihn oder sie ist? Ich lese von Mord (drei Wochen nicht vermisste Frau wird ermordet in der Wohnung gefunden), Totschlag, Betrug, Tratsch, Intrige. Bin froh, dass der Zug nur acht Minuten braucht bis ans Ziel und lege das Blatt angewidert zurück.
Im Schulungsgebäude angekommen, fühle ich mich beinahe fiebrig. Zwei Plätze sind leer. Auch der Kursleiter ist krank, obwohl physisch anwesend. Er unterrichtet und mir ist, als sitze ich hinter einer Art Nebelwand. Ich höre und höre doch nicht. Auch mein Tinnitusohr sirrt mal wieder ziemlich laut, zur Feier des Tages sozusagen. Irgendwie beteilige ich mich sogar am Unterricht, beantworte Fragen richtig, doch alles ist weit weg von mir und ich fühle mich wie ein Roboter (falls sich Roboter irgendwie befinden können). Weil wir am Nachmittag Bewerbungswerkstatt haben und dabei an den Laptops arbeiten, beschließe ich, heimzufahren. Ich lasse mir die Aufgaben erklären und schon bald sitze ich im nächsten Zug nach Hause.
Kaum daheim fühle ich mich bereits fast wieder gut. Ein wenig fiebrig, ja, das schon, aber die Watteschicht ist wieder weg. Ich brauchte wohl einfach meine vier Wände. Im Zug, wie angeflogen, der Gedanke: wir müssen uns mit dem, was wir sind und was wir tun, größtmöglich identifizieren, sonst gehen wir kaputt. Ich zumindest.
Inzwischen ist es Abend geworden, ich habe geschlafen und nun fühlt sich mein Kopf zwar noch immer schwer und heiß an, doch nicht mehr ganz so arg. Doch müde bin ich, unendlich müde …
Iu-Es-Pi und Eitsch-Ar
Am Tisch. Viertel nach acht. Ich trinke Tee und löffle Joghurt. Ethik in der Berufswelt, tippe ich in die externe Bluetooth-Tastatur, die mir und meinem iPhone längst eine unentbehrliche Freundin geworden ist.
Ethik in der Berufswelt also. Ein roter Faden in meinem Leben. Wenn ich in den Pausen meine KurskollegInnen frage, in welchen Branchen sie am liebsten arbeiten möchten, zucken sie fast unisono die Schultern.
Egal. Hauptsache ich kann diese oder jene Fähigkeit einsetzen. Und ich verdiene gut. Vielleicht nennen sie Lieblingsbranchen im Handel oder im Gewerbe, aber eigentlich ist es egal. Hauptsache sie verdienen gut. Da war gestern kurz im Zusammenhang mit einer spannenden Stelle die Rede von einem „Nur-so-wenig-Jahresgehalt“. Ich rechnete kurz auf einen Monat um, weil ich mich mit Jahresgehalten nicht auskenne. Wow, sooo viel!, dachte ich. Wie käuflich bin ich? Was würde ich für viel Geld alles tun? Was nicht?
Ooops, halb neun, ich muss los. Auf den Zug. Mich in den PendlerInnenstrom einspeisen.
Fünf vor neun. Ich sitze an meinem Platz. Im Kurs. In einer Ecke des großen U.. Mit bester Aussicht in alle Richtungen. Komisch drauf bin ich heute, fühle mich mal wieder latent im falschen Film. Weniger, was den Kursinhalt betrifft, als in Bezug auf die Kolleginnen und Kollegen und ihre Ziele und Berufe. Nicht, dass ich sie nicht mag, doch mir ist zuweilen, als redeten sie in einer Fremdsprache. Seltsame Wörter. EitschAr – für HR – für Human Resources – für Personaldienst. Na ja, ist ja auch viel kürzer. Und ZiVi – für CV – für Curriculum Vitae – für Lebenslauf. Klingt halt schon viel cooler. Abkürzungen aus der Welt der Teppichetage. Ich muss mich dann ermahnen, dass ich in einem sogenannten Kaderkurs bin. USP kannten allerdings auch die anderen noch nicht. USP – für Unique Selling Proposition – für Alleinstellungsmerkmal oder herausragende Einmaligkeit. Das gefällt mir sogar. Mit gemischten Gefühlen allerdings.
ich finde es schade die eigene einzigartigkeit dadurch zu verlieren, dass man sich ständig mit anderen vergleicht.
(Quelle: Luisa Francia am 16.9.2012 in ihrem Webtagebuch)
Ja, ich bin einmalig, ganz klar, und du auch, doch diese Einmaligkeit einer Firma zu verkaufen? Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Meine anarchistisch-sozialistischen Innereien würgen hin und wieder am Futter, das mir vorgesetzt wird.
Ich bin hier, in diesem Kurs, um Feldforschungen am Menschen zu betreiben. Ich sammle Lebenserfahrung!, sage ich mir in solchen Momenten. Und frage mich, ob es wohl schon bald solche Standortbestimmungskurse für Menschen aus künstlerischen Berufen gibt. Für unformatierte, unformatierbare Menschen wie mich. Ist doch echt eine Marktlücke!
Schnitt.
Gebt mir ein Stück Papier und ich bin glücklich. Gebt mir eine Tastatur und ein Schreibprogramm und lasst mich in Ruhe. Hauptsache ich kann schreiben.
Schnitt.
Mittagspause. Mit R. spaziere ich aus dem Gebäude Richtung City, wo ich mich, wie auch an den letzten Tagen, auf eine Bank an der Sonne setzen will. Meine Brote essen und mich vom Rest der Gruppe absetzen, die im Großen M-Restaurant essen geht. Wie wir den Bahnhofshalle durchqueren, an Läden vorbei, die vielerlei Fastfood anbieten, reden wir über sein Burnout. Fast jeder der anwesenden Männer(!) hatte schon eins und hat sich deswegen aus dem bisherigen Beruf ausgeklinkt. Und orientiert sich neu.
Sieh es als Chance!, sage ich plattitüd.
Ich will etwas ganz anderes machen, sagt er. Mit Kindern. Mit Jugendlichen.
Probiere es aus. Ich hoffe, du findest etwas als Quereinsteiger. Damit du herausfinden kannst, ob das für dich passt.
Ach, ich habe so viele Ideen … sagt er. Führt diese aber nicht aus, seine Pünktchen gehen im Seufzer baden.
Bis später!, sage ich, guten Appetit. Und schon sitze ich inmitten anderer PicknickerInnen auf einer Bank. Hinter mir BuisnessluncherInnen, über Marktstrategien diskutierend.
In der zweiten Hälfte meiner Pause spaziere ich treppab der Limmat entlang, die grünblau in der Herbstsonne funkelt, in die Altstadt.
Das folgende Bild von Nelly Frei, mit dem iPhone in einem Schaufenster mit der Überschrift www.atelierk12.ch aufgenommen, hat es mir angetan. Mit dem Ubuntuprogramm Pinta habe ich es dank Relieffilter ein wenig überzeichnet, um meine Gedanken zu unterstreichen.

Wären wir alle gleich, sagt mir das Gemälde, wären wir alle gleichförmig,wären wir alle gleich geschaltet, dann wäre das Bild, das unsere Gesellschaft abgibt, verdammt langweilig. Darum braucht es die schrägen Typen im linken Bildteil. Ich wäre, sagen wir mal, das rote Feld, das fünfte von links … Und du? Wir sind das Auge des Bildes und dank uns wird es ein spannendes und dennoch harmonisches Bild. Dass es schön ist, kann ich nicht unbedingt behaupten. Aber faszinierend. Wie die Menschen. Die Silhouette steht für die Betrachterin von außen. Für mich. Für dich. Selbstsicht. Fremdsicht …
Wie ich die Halde hinauf spaziere, zurück ins Zentrum, sehe ich schon von weitem eine Surprise-Verkäuferin – gut positioniert mitten auf einer FußgängerInnenkreuzung. Ich mag diese Arbeitslosenzeitschrift sehr und kaufe sie darum immer mal wieder.
Habe ich überhaupt noch Geld im Säckel?, sage ich zu ihr. Ich bin auch arbeitslos. Wir lächeln uns verstehend zu. Mit meinen letzten Zehn- und Zwanzigrappenstücken (mit Plastikgeld geht das leider nicht) kaufe ich ihr eine Ausgabe ab (es geht darin um Flüchtlinge und die geplanten Verschärfungen des Asylgesetzes). Ich freue mich, einen kleinen Beitrag zum Lebensunterhalt eines Menschen geleistet zu haben, der sich in dieser Gesellschaft aus irgendwelchen Gründen neuorientiert.
Wer ist sie eigentlich, wer ist diese genormte Gesellschaft, diese angeblich homogene Masse, der es sich anzupassen gilt? Ein Mythos nur, das in unseren Köpfen – ähnlich wie der Liebe Gott – eingebaut ist, damit wir einigermaßen manipulier- und formbar sind? Eine Erfindung schlauer WerberInnen oder der grauen Männer bei Michael Ende gar?
Im Kurs bearbeiten wir heute unsere Lebensläufe nach neusten Gesichtspunkten, will heißen nach schnellstmöglicher Lesbarkeit, und die Zeit vergeht zum Glück dabei wie im Flug. Feierabend. Ein Gefühl, als würde eine Klammer aufgehen. (Montag: Kurs) (Dienstag: Kurs), (Mittwoch: Kurs), (Donnerstag: Kurs) (Donnerstagabend … Klammer auf … Wochenende. Liebster-Besuch … Alltag. Freiheit.
Im Ressourcenbad
Guete Morge! Morgen …, Guten Tag! Mooorge. Guets Mörgeli (igitt) … Im Zug fängt es schon an. Nicht für mich zum Glück. Weiter geht es im Treppenhaus des Kursgebäudes. Und im Klassenzimmer, wo heute das erste Mal die Neonröhren an sie. Aus allen Ecken wird ein toller Tag proklamiert. Ich hoffe, die wissen, was sie sagen. Im grummle zurück, zu müde um wirklich kommunikativ und adäquat reagieren zu können. Habe kaum geschlafen heute Nacht. Habe gegrübelt.
Auch um neun Uhr früh ist es noch dunkelgrau. Herbst, sei mir willkommen! Temperatursturz um fast zehn Grad. Herbstregen.
Heute habe ich mein Erstgespräch mit dem Kursleiter. Bin nervös. Was wird er zu meinem Dossier sagen? Zu meiner Strategie? Zu meinem Lebensweg? Ich versuche immer, auch hier im Kurs, authentisch zu sein. Hier sind wir gläserne Menschen, mehr noch als sonst wo. Müssen wir auch, wenn wir aus diesem Kurs etwas mitnehmen wollen und die Zeit hier keine Lebenszeitvergeudung sein soll.
Wieder erfüllt mich ein schon oft gedachter Gedanke: Wie es wohl wäre, wenn wir unsere Lebenszeit parallel leben könnten. Wir gehen sowohl brav zur Arbeit und verdienen Kohle für die Brötchen, als auch tun wir zeitgleich andernorts das, was wir am liebsten tun. Da wüsste ich vieles.
Über Weiterbildungen denke ich nach. Die halbe Nacht. Wie wäre es mit Erwachsenenbildung? In einer Welt, in der Papiere so verdammt wichtig sind, musst du ja für alles einen Wisch haben. Früher, als Überall-Quereinsteigerin, war das für mich kein großes Thema. Die Welt verändert sich ständig. Zum einen sind wir (fast) alle sensibler auf Umweltthemen geworden, kaufen Bio und versuchen dies und das, um Gutes zu tun und auch, um das Gewissen zu beruhigen, doch zum anderen wird das Tempo (wer immer das macht, wir machen mit!) immer schneller. Wir rennen und hasten und kommen doch nirgends an. So wird der Graben immer größer, die Diskrepanz unerträglicher und wir Menschen werden krank. Und noch kränker. Und irgendwann knallt’s. Vielleicht.
Doch nun geht’s los. Alle sind da.
Später. Feierabend. Ich sitze im Zug. Nudelfertig. Mein Kopf ist schwer, die Augendeckel kämpfen mit der Schwerkraft. Zwischen den Schulungsblocks haben wir wieder in Kleingruppen zu vier oder fünf Personen je ungefähr eine Dreiviertelstunde lang über unsern jeweiligen Ressourcen-Pool erzählt, während immer einer oder eine der Gruppe mitgeschrieben hat. Seitenweise kann ich nun nachlesen, was ich alles in meinem Leben schon gemacht habe, was ich alles kann, was ich alles beherrsche. Vorlieben, Talente, Gelerntes, Wissen, Können. Eine Liste, die wir sporadisch ergänzen sollen und auch in Krisenzeiten als Ermutigung hervorholen können … Am Rand bemerkt sei, dass ich mich und meinen Wert nicht ausschließlich über mein Können definiert wissen möchte. Die Liste, die mein Kurskollege von mir angelegt hat, fasziniert mich dennoch.
In der sehr intensiven Austauschrunde lernte ich vier mir gänzlich unbekannte, mir gänzlich unvertraute Branchen und Berufsbilder aus Handel und Gewerbe kennen. Neue Welten, die sich mir auftaten, doch nein, keine dieser Welten hat wirklich etwas mit mir zu tun, keine lockt mich. Faszinierend sind sie trotzdem. Wie wenig ich im Grunde über all die vielen anderen Welten weiß!
Erschöpft lasse ich mich zuhause aufs Sofa sinken. Ein kleines Nickerchen bevor Freundin M. Kommt, denke ich, doch dann schlafe ich auch schon ein. Tief und fest. Ich erwache erst um halb sieben wieder, genau fünf Minuten vor M.s Eintreffen. Ganz dusselig vor Müdigkeit öffne ich unsere Bierflaschen. Proscht! Ufs Läbe. Wie gut so ein ganz und gar „anderer Mensch“ doch tut …
((Morgen noch ein Tag Kurs, dann geht’s nächste Woche weiter und die folgenden Wochen – je ein Tag pro Woche … ))
Der zweite Tag
Was bisher geschah: Als Stellensuchende (pardon, Stellenfindende) nehme ich zurzeit an einem neuntägigen Strategie- und Standortbestimmungsseminar teil und orientiere mich dabei neu …
Du musst ein Buch schreiben!, sagt F.. Hab ich doch schon!, sage ich. Und G. meint: Du bist sehr selbstsicher! Worauf ich erwidere, dass ich mich ganz und gar nicht so fühle. Dass das wohl nur so aussehe. Hm, sage ich schließlich, oder bin ich es vielleicht doch? Ist das ein Teil von mir, dem ich nur nicht so richtig traue. Tarnung womöglich?
So geschehen, nachdem wir uns in kleinen Gruppen, zu viert oder fünft, unsern beruflichen Werdegang präsentieren. Um mehr Sicherheit zu gewinnen, um uns besser kennenzulernen, um voneinander zu lernen und um zu erklären, warum wir wann und wo Arbeitsstellen verlassen haben. Ich stelle fest, dass auch andere aus persönlichen Gründen ihre Stellen zuweilen gewechselt haben. Und dass auch andere auf der Suche nach ihrem Herzjob, ihrer Traumstelle, noch immer unterwegs sind. Ein Gesprächsrunde, die in die Tiefe geht, weil wir (in Klammern) auch immer die persönlichen Entwicklungen miterzählen – und die sind nicht immer so einfach und gradlinig.
Trotz meiner vielen Stellenwechsel und dem Gefühl immer auf Umwegen gegangen zu sein, erkenne ich allmählich einen roten Faden: Integration. Und ich erkenne den Niederschlag dessen, was ich schon als junge Frau immer postuliert hatte: Mir war und ist viel freie Zeit wichtiger als berufliche Karriere und viel Geld. Damit ernte ich zwar ein paar hochgezogene Augenbrauen, aber auch Respekt. Die beiden Männer der Gruppe und eine junge Frau betonen, dass ihnen ein guter Lohn sehr wichtig ist. Der eine war ein hohes Tier, der vor anderthalb Jahren – als die Familie auseinanderzufallen drohte – seinen Superjob gekündigt hat. Ein mutiger Schritt. Nun will er, nach einem Auszeitjahr, auf einer tieferen Berufsniveau einsteigen. Was nicht einfach ist. So sind wir alle Gestrandete. Am Ufer liegt Unrat. Aber da liegt auch Schwemmholz.
Allen gemeinsam ist, dass wir einem stetig steigenden Druck ausgesetzt sind, wo Stromlinienförmigkeit und unendliche Flexibilität und Belastbarkeit zählen. Andererseits werden sich viele Personalverantwortliche in vielen Firmen allmählich bewusst, dass Menschen Menschen sind und kein Verbrauchsmaterial. Stärken. Schwächen. Was macht mich einzigartig? Darum wird es morgen gehen.
Den gestern ausgefüllten Interessentest namens AIST (nach John Holland) haben wir heute bereits ausgewertet zurückerhalten. Ich erfahre allerdings nichts wirklich neues über mich, Generalstin ich.
Im Auswertungshandbuch finden wir zu unserer Auswertung passende Berufe und träumen sie uns in heiteren Gesprächen herbei. Ich wäre dies und du wärst das. Wie damals im Baumhaus. Als noch alles möglich war. Wir amüsieren uns über noch nie gehörte Berufsbezeichnungen und eine heitere Stimmung breitet sich aus. Als wäre auch jetzt wieder alles möglich.
I am just a poor boy …
Wie gerne wäre ich ein einfacher Gipser. Gedacht, als ich in meiner Mittagspause an einem der vielen Headhunterbüros in Baden vorbei spazierte. Oder Maler. Die werden auch immer gebraucht. Dann würde ich jetzt mit meinen Kumpels in einem Neubau rumhängen, Brote essen, über dies und jenes quatschen und am Abend würde ich heimgehen, Fußball gucken, Bier trinken. Und – das ist der springende Punkt – und ich würde mir nicht ständig über alles mögliche (über alles Unmögliche wohl eher?) den Kopf zerbrechen. Vor allem darüber, wie ich den Rest meines Lebens das tun könnte, was mir am meisten Spaß macht – und damit Geld verdienen. Wenn ich bloß wüsste, was das ist. Dasjenige welches mir am meisten Spaß macht. Hm, ich hätte da schon so ein paar Ideen … Doch nun muss ich langsam zurück in mein Seminar. Die einstündige Mittagspause ist vorüber. An der Ecke gegenüber vom ehemaligen Café Himmel, ganz nahe beim Bahnhof, singt ein Weder-Gipser-noch-Maler mit Gitarre dafür ohne Publikum Poor boy. Und niemand klatscht.
Mit dreizehn anderen, je die Hälfte Frauen und Männer, und auch altersmäßig durchmischt, werde ich an neun Tagen einen Monat lang mehr über meinen Standort, meine Ressourcen und das, was ich im Leben will, herausfinden. Außer eine sind wir alle vom Arbeitsamt für diesen Kurs angemeldet worden. Als Stellensuchende sind wir hier. Zwangsbeglückte seien wir, meint Herr H., der Kursleiter, und schafft es tatsächlich uns mit seiner Begeisterung aus der Reserve zu locken. Sogar die Vorstellungsrunde macht Spaß. Spannend, was da für Menschen mit mir an den Tischen sitzen. In Halbklassen versuchen wir in einer ersten Übung ein technisches Ding zu vermarkten. Analog dazu gehen wir später unserer eigenen Vermarktbarkeit auf den Grund. Wer sind wir? Was wollen wir? Wen suchen wir? Was macht uns einzigartig? Wie finden wir, was wir suchen? Ein paar der Fragen, die wir uns in diesem Seminar erarbeiten werden. Und natürlich schauen wir uns auch die Bewerbungsunterlagen genau an und üben Vorstellungsgespräche. Was kann ich optimieren, um genau die Arbeitsgeberin zu finden, die zu mir passt?
Wie ich so in die Runde schaue und mir dank der Pausengespräche das eine oder andere Gesicht bereits ein wenig vertrauter geworden ist, begreife ich, dass wir alle netto hier sind. Keine Arbeitsstelle als Schutzmantel vor den Unbilden der Gesellschaft, die uns wärmt und unsere Miete zahlt. Wir hier, in dieser Runde, wir sind noch nicht und nicht mehr … und doch ganz. Ganz mit unseren Geschichten, Ideen, Erfahrungen, Weisheiten und Visionen … jeder und jede trägt den ganz persönlichen Rucksack. Der eine wurde wegrationalisiert, der andere ist vor einem Burnout zugunsten seiner Familie abgesprungen, sie neben mir hat während des Babyurlaubs erfahren, dass die Firma fusioniert hat und ihre Stelle nicht mehr existiert. Schicksale … ein Stück Weg, ein paar Tage gehen wir parallel – und bereits wünsche ich uns allen, dass wir das finden, was wir uns wünschen.
Nein, ich glaube, Gipser wäre nichts für mich. Ab und zu, warum nicht, aber als Langzeitberuf? Was am meisten Spaß macht, sollten wir tun, sollte zur Berufung werden, zum Beruf, zur (Lebens)Aufgabe mit Hingabe … ja, ich träume weiter. Auf dass dieser Traum Wirklichkeit werde.
Fettnäpfchen – hüben und drüben
Immer mehr Menschen verlassen Deutschland in Richtung Süden, um sich in dem Nachbarland Schweiz niederzulassen. Was auf den ersten Blick nicht wie Ausland scheint, ist doch in vielen Aspekten sehr verschieden bis völlig gegensätzlich zur deutschen Kultur. Gerade die kleinen, aber feinen Unterschiede führen ohne Vorbereitung zu Missverständnissen im Alltag, die das Einleben in der Eidgenossenschaft und das Miteinander mit den Schweizern erschweren. Das berühmte „Fettnäpfchen“ findet sich gerade am Anfang an jeder unvermuteten Ecke.
Die Schweiz – ist das wirklich Ausland?
Dieses Stück soll ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Schweizer anders ticken als Deutsche. Gibt es überhaupt DEN oder DIE Deutsche/n und DEN oder DIE Schweizer/in? In dem Theaterstück „ Gipfeltreffen Deutschland-Schweiz“ wird die Frage „Die Schweiz – ist das wirklich Ausland?“ gestellt.
Als Direktbetroffene wollen wir uns das am nächsten Freitagabend in Zürich von der Nähe aus anschauen. Ich bin gespannt …
Bei Draufklick auf das Ding unten, wirst du direkt auf die Webseite verlinkt …
Weitere Infos gibt es hier!
Eigentlich wollte ich ja heute über meinen Brockenhausbesuch vom Freitag bloggen. Den Entwurf habe ich sogar bereits geschrieben, doch statt ihn zu vollenden, besuche ich lieber als Betthupferl ein paar Lieblingsblogs …
Ich bin einfach zu müde von der Sonne und dem Radfahren an der Aare. Immerhin die innere Schweinehündin haben Deutsche und SchweizerInnen gemeinsam. In der Schweiz heißt das Vieh Souhung (uf bärndütsch) oder Souhund (uf züridütsch), doch bellen tut er hüben wie drüben ungefähr gleich nervig.
Ach, und über meine neuntägige Arbeitsamt-Standortbestimmung, die ich morgen früh um 9 Uhr beginne, wird es gewiss auch das eine oder andere zu erzählen geben …
Nun aber wünsch ich allen einen schönen Sonntagabend und einen erfreulichen Wochenstart.
Das offene Fenster – nur kurz
Dass sie auf Drogen war, begriff ich in diesem äußerst seltsamen Traum erst ungefähr in der Mitte. Ich weiß auch nicht so genau, ob ich Mann oder Frau war, auch nicht, ob wir mehr als nur ein freundschaftliches Verhältnis hatten. Sie wohnte – wie ich – hier in der Gegend, ging aber immer nach Zürich, um sich Stoff zu beschaffen. Da ihre Wohnung einen sehr ordentlichen, um nicht zu sagen sehr bürgerlich-ordentlichen Eindruck machte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass sie H spritzt. Sie sah gut aus, hatte glatte dunkle, fast schwarze, ein wenig rötlich schimmernde Haare, die aber, wie ich später im Traum feststellte, entweder eine Perücke waren oder aber, zuweilen von einer (anderen) Perücke überdeckt wurden. Einmal war sie mit blonden Locken aufgetreten. Ich lernte sie als souveräne, kontrollierte, selbstbewusste Frau kennen …
Das Radfahren war auch so eine Sache. Sie war ausgesprochen sportlich, obwohl sie, wenn sie nicht auf dem Rad saß, um sich Stoff zu besorgen, immer ziemlich chice Kleider trug, mit Vorliebe schwarz. Auf dem Rad war sie wie ein Kind. Wild und furchtlos fuhr sie alle Wege, die ihr Mountain Bike zuließ. Da ich im Traum ein Country Bike fuhr, musste ich zuweilen absteigen, wenn es zu gefährlich wurde. Schmale, steil abfallende Uferwege waren eher die Regel als die Ausnahme. Ich fuhr immer hinten ihr. Fühlte mich ein bisschen wie ihr Schutzengel, dochl ich wäre wohl in Notfall kaum hilfreich gewesen. Da waren auch ein paar schnelle Szenen, Flashes, im Traum. Wie sie ihren Körper für Geld verkaufte.
Die feinen Risse in ihrer Fassade erkannte ich erst allmählich. Dahinter sah ich einen zutiefst verzweifelten Menschen. Einmal erzählte sie mir von ihrem Kind, das man ihr weggenommen hatte. War sie nahe dran an jenem Ort in sich drin, wo sie wirklich bei sich war, wo sie wirklich mit dem Herzen dachte und wirklich fühlte, was sie fühlte, kam die Verzweiflung. Stieg auf wie Holz aus den Tiefen eines dunklen Sees. Nur mit dem Gift war das alles zum Schweigen zu bringen.
Diese Wirkliche war sie auch, als sie mir von ihrer Wohnsituation erzählte. Während sie redete, zitterten ihre Hände, denn es war wieder Zeit für eine Radtour in die Metropole.
Das ist alles falsch!, sagte sie. Sie zeigte auf Wohnung mit Sofa und Fernseher. Es ist falsch, weil das ein Leben repräsentiert, das ich gar nicht lebe. Das bin nicht ich. Ich versuche so zu werden und darum ist es eben zugleich auch richtig. Ich versuche es so sehr, bis ich eines Tages auch so sein werde. Bis ich hierher passe. Bis ich auch dazugehöre. Bis ich richtig bin.
Wenn sie so war, war sie wahr. Liebenswert in ihrer ganzen Verzweiflung und Traurigkeit und Echtheit. Als wäre da ein kleines Fenster geöffnet worden.
Schnell genug wurde es wieder geschlossen und wir saßen wieder auf unseren Rädern und kurbelten nach Zürich.
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(((Jetzt, wo ich wach bin und den Traum aufschreibe, glaube ich, dass ich wohl eine Figur des Buches „Für den Rest des Lebens“ von Zeruya Shalev in meinen Traum geholt habe. Rochele, die Pflegerin der sterbenden Mutter, von der aus sich der Romanplot ausbreitet, erzählt Dina, der Tochter, ihre Geschichte. Rochele ist definitiv mit meiner Traumfigur verwandt.)))
langsam, langsam …
Anachronismus war eins unserer Lagerfeuerthemen dieser Tage. Mit Gästen diskutierten wir über Filme und das Filmemachen. Wie gut es wäre, wenn die neuen Filme wieder langsamer würden, sagte ich. Wir werden täglich so vielen Bildern (in Worten ebenso wie in Pixeln) ausgesetzt – und dies alles in höchster Geschwindigkeit –, so dass es eigentlich toll wäre, es würden wieder andere Filme gemacht. Langsamere. Und ganz allmählich würden wir uns wieder an eine langsamere Art zu leben gewöhnen. Natürlich stimmt es, dass wir wählen können, was wir uns zuführen. Doch dass wir alleinverantwortlich im Sinne von „selbst schuld“ dafür sind, wenn wir an dieser Dauerhektik und ihren Nebenwirkungen krank werden, bezweifle ich. Die Verantwortung liegt bei uns allen, die wir diese Gesellschaftsform bewusst oder unbewusst füttern indem wir im Alles-haben-wollen-Strom mitschwimmen. Subtile Manipulation zu erkennen, ist eins, gegen diesen Strom zu schwimmen, etwas ganz anderes, denn so wie es ist, ist es ja gut und wer gibt schon freiwillig auf, was er hat? Alles. Immer. Sofort. Woher sollten wir auch wissen, wie der Rückweg geht? Unserer Gesellschaft fehlen diesbezügliche Vorbilder.
Wir MittvierzigerInnen, die wir mit Unsre kleine Farm und den Waltons groß geworden sind und mit deren ganzer Langsamkeit, haben den Tempoanstieg gar nicht wirklich bemerkt. Wie der Frosch im Wasser nicht merkt, dass sein Badewasser im heißer wird. Bis es eines Tages zu spät ist. Und dann ist es zu spät.
Viele von uns haben sich vom Strom formen lassen. Schnell, laut und schrill sind sie geworden. Und ja, das sind genau jene, die mir sehr schnell auf den Geist gehen. Insbesondere, wenn sie sich dazu noch unreflektiert verhalten, bei allem was sie selbst betrifft. Zwar reden sie über alles Mögliche, als wüssten sie Bescheid (tun sie vielleicht sogar) über Dinge, über Politik, haben dies und das gesehen, da und dort mitgemacht, ab und an und überall ein Wort aufgeschnappt und mitgeredet und sie stehen im schönsten Licht da. Dass die andern nicht bewundernd sondern genervt schweigen, merken sie nicht. Und noch etwas können sie nicht: Still sein, hinschauen, innehalten, zuhören – wirklich meine ich – mit dem Herzen, mit allen Sinnen.
Schnitt.
Weißt du eigentlich, dass „ein so richtig deutscher Typ“ in der Schweiz eine Art Schimpfwort ist? Wohingegen ein „untypischer Deutscher“ als Kompliment zu verstehen ist!, sagte ich zu meinem Liebsten auf einer unserer Geocache-Wanderungen dieses Wochenendes. Nein, das habe er nicht gewusst, sagt er, überrascht. Wirklich?
Ja, echt wahr. Ich glaube, wir sollten uns mal Kompendien schreiben, lache ich, Gebrauchsanweisungen für die Schweiz und für Deutschland, damit wir unsere Codes besser verstehen. Obwohl du ja eh kein typischer Deutscher bist … (((Ob ich eine typische Schweizerin bin?)))
Oh, und dann müssten wir noch je ein Wörterbuch für all die unaussprechlichen Dinge verfassen. Für all die feinen Schwingungen, die wir Menschen aussenden, denke ich beim Weiterwandern. Ich bezweifle, dass das geht. Die Sprache der Gefühle lässt sich schwer in Worte übersetzen. Und wer wollte das schon lesen? Denn genau jene Menschen, die eigentlich eins bräuchten, würden es sich bestimmt als Letzte eingestehen.
So-tun-als-ob
1.)
Man pflegt Beziehungen. Man bittet um Verzeihung für Dinge, die man selbst zwar nicht schlimm findet, aber bestimmt die anderen. Vielleicht. Und ja, man verhält sich anständig. Hauptsache, man ist lieb zu den anderen.
Man bewirbt sich um Stellen, von denen man sich Geld und Prestige erhofft. Dann geht man frühmorgens aus dem Haus und engagiert sich. Man spielt eine Rolle in seiner Firma. Hauptsache, man spielt eine Rolle.
Man besucht Events. Dies und Jenes. Man verhält sich kultiviert und geht in einen Verein. Egal in welchen. Hauptsache, man wird gesehen.
Man will etwas gutes vollbringen. Man will etwas beitragen, das die Welt lebenswerter, lebendiger, bunter macht. Man will gesehen, erkannt und verstanden werden. Hauptsache, man wird gehört.
2.)
Da ist diese nagende Leere, für die man noch immer keine Worte gefunden hat. Keine Worte für die Verluste. Keine Schriftzeichen, die den Schmerz sichtbar machen. Nachvollziehbar. Diese Leere, diese verdammte schwere Leere, die nichts anderes will als in sich selbst zu verschwinden, sich aufzulösen, ganz und gar nicht und nichts mehr zu sein. Diese Leere, die einige Nirwana nennen. Andere Paradies. Himmel. Nichts. Ewigkeit. Unendlichkeit. Viele Namen hat das letzte, das große Nichts. Und viele Namen die Sehnsucht nach ihm.
3.)
Liebe – fünf Buchstaben. Fünf etymologisch nachvollziehbare Buchstaben. Die Rückseite des großen Nichts. Sie ist alles. Alles – alles in sich selbst verschwunden. Tunnel. Rohr. Schlauch.
Als wäre es falsch, sich gut zu sein falsch, denkt man. Ideen aus lauter Nichts haben uns gefüttert. Haben Gehirne gewaschen und lackiert, festgeklebte, hochglanzpolierte Gedanken voll mit Wertlosigkeit. Voll Leere. Nicht, dass jede Leere wertlos wär – doch diese Leere hier ist einfach nur wert- und sinnlos. Sagt man. Abwesenheit von. Freiheit von. Freiheit um …?
Hochglanzhirn mit Hochglanzgedanken in Hochglanzwohungen inmitten von Hochglanzleben, die zerbrechen, wenn man die Seite wendet.
4.)
Heute war in der Coop-Zeitung ein richtig gutes Interview mit Linard Bardill, dem Bündner Künstler und Liedermacher, der einen achtjährigen Sohn mit Downsyndrom hat, seinen kleinen Buddha, seinen Meister, der einfach nur IST.
Bardill sagt:
„Ein Kind mit Downsyndrom meint man so, sei behindert. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass nicht das Kind behindert ist, sondern mein Denken. Nämlich: Ich meine, normal sei, wenn man zwei Personen ist, diejenige die man ist und die, über die man nachdenkt. Bin ich gut? Bin ich schön? Wer bin ich? Der kleine Buddha, der macht das nicht. Der ist einfach. Das heißt, er sucht nicht das Glück, er ist das Glück. Und in dem ist er mein Meister und mein Lehrer. Ich bin mit ihm ein Stück Weg gegangen. Es war der Weg des Glücks.“
Das Leben macht die einen glücklich die anderen zynisch.
5.)
Ist Zynismus womöglich eine Facette tiefer Traurigkeit über die Diskrepanz zwischen dem, wie wir uns das Leben erträumt haben (für uns, für die Welt)? Ist es eine Möglichkeit, die Schwere des Lebens zu ertragen? Macht Zynismus gesund? Tut er irgendjemandem gut? Außer dass wir kurz grinsen müssen und so ein paar Gesichtsmukeln trainieren, wenn wir eine zynische Aussage verdauen, wohl eher nicht. Eher das Gegenteil. Ich halte Zynismus für eine Einbahnstraße in die Bitterkeit. Für eine Waffe des Selbstschutzes. Für eine Tarnweste, um tiefere Gefühle nicht zulassen zu müssen.
Kann es das gewesen sein? Wollten und wollen wir, die wir uns heute hinter zynischen Sprüchen verstecken, im Grunde nicht etwas ganz anderes, nämlich das, wofür wir in unseren jungen Jahren auf die Straße gegangen sind? Eine bessere, eine friedlichere Welt. Eine lebenswerte Welt.
Ja, gut, inzwischen haben wir die Welt durchschaut, wir haben unsere Ohnmacht begriffen, und ja, davon kann man, wie gesagt, zynisch werden. Nur: wem hilft das? Noch mehr verbitterte, abgelöschte Menschen machen die Welt nicht lebenswerter. Ja, das sage ich auch zu mir selbst.
Vor zwanzig Jahren war ich noch ganz anders unterwegs, glaub mir!, sagte Freundin T. neulich, als ich ihr, der zwanzig Jahre Älteren, ein Kompliment für ihre Lebensenergie, ihre Initiative und ihre vielen Perspektiven gemacht hatte.
Finale
Alles kann noch anders werden. Auf jeden Fall vieles.
Nicht nachdenken. Schreiben. Den Kokon ausdehnen. Bis er platzt. Atmen. Leere. Fülle. Sie heben sich auf. Und mich. Und ich breite die Flügel aus, nehme Raum ein, stolpere ein wenig und dann hebe ich ab.
