Geschenkte Gäule

Einen durfte ich selbst verschenken und einen haben wir geschenkt bekommen. Einen Gaul, meine ich. Gäule. Am gäulsten ist der, den wir zusammen bekommen haben, doch der, den ich verschenkt habe, war noch besser. Fragt den Liebsten, doch der ist jetzt unterwegs zum Auto und stellt eben kurz die Parkscheibe um. Es ist Samstagmorgen, kurz nach neun, und ich sehe älter aus als ich je sein werde.
Na ja, auf viel schlafen hatten wir uns eh nicht eingestellt, doch das Gewitter, der Sturm, der um halb sieben tobte, nach immerhin fünf Stunden Schlaf, angereichert mit dem Summen des einsetzenden Samstagmorgenstadtverkehrs, hat mich geweckt und das Kopfkino ein Wiedereinschlafen verunmöglicht. Die hohen Fenster unseres Hotelzimmers, obwohl mit dicken Vorhängen verschleiert, schützen kaum vor Lärm. Und gegen den Wind und die Zugluft ebenso schlecht. Ein altes ehrwürdiges, nicht eben billiges Hotel – doch seine besten Tage hat es wohl schon hinter sich, wenn es sich nicht neugebären lässt. Die Vorhänge bewegen sich bei geschlossenen Fenstern im Wind. Ich glaube zuerst im Morgendunkel an eine Sinnestäuschung. Doch auch bei wiederholtem Hinschauen – Augen auf, Augen zu, wieder auf – bauschen sie sich. Der Liebste schläft tief und fest. Wegen der Bar und dem Nachtleben hier unten in der Berner Altstadt, haben wir uns Taschentuchschnipsel in die Ohren gestopft. Meine habe ich längst rausgepult.
Dennoch ein starker Gaul, das hier. Ich habe ihn bekommen, als ich vor anderthalb Jahren meine Berner Arbeitsstelle und die Stadt Bern lachend und weinend verlassen habe. Ein Gutschein für eine Hotelnacht mit dem Liebsten – als gutes Mittel gegen Heimweh.
Immer wieder haben wir den Gutscheinbezug auf später vertagt. Immer wieder konnten wir woanders übernachten. Gestern war es aber endlich soweit. Unweit des berühmten alten Bärengrabens und des fast schon ebenso berühmten neuen Bärenparks residieren wir im ersten Stock, mit Blick auf die Nydeggkirche, direkt über der bis halb vier geöffneten Bar. Eben fährt eine Ambulanz vorbei.
Schau dem geschenkten Gaul nicht ins Maul! Er war teuer. Bern ist teuer. Sirenengeräusch habe ich in meiner Berner Zeit täglich mehrmals gehört, solange bis ich es irgendwann nicht mehr wahrnahm. Während meines Jahres auf dem einsamen Gehöft und auch jetzt, in meinen aktuellen Alltag im Aargau, kommt dieses dringliche Heulen kaum mehr vor. Auch Trams und Stadtbusse hörte und höre ich dort keine.
Es war schon spät nachts, als wir in der Nähe geparkt haben. Mit Parkscheibe, die um neun rum neu eingestellt werden muss. Gratisparkplätze gibt’s in Bern kaum, blaue Zone dafür ab sieben Uhr ziemlich häufig: Allerdings immer nur für eine Stunde oder zwei.
Zugegeben purer Egoismus hat mich dazu getrieben, einen Gaul zu verschenken. Der, den ich verschenkt habe, ist allerdings ein Ochse. Ein patenter sogar: ein Eintrittsticket für die Mühle Hunziken. Der Liebste hat sich über das Geschenk offensichtlich sehr gefreut. Die Mühle war, obwohl wir schon fünf Minuten nach Türöffnung dort waren, bereits fast voll. Jedenfalls die begehrtesten Plätze des ge**** Kulturhauses der Welt. Auf drei Ebenen – Parterre, Galerie erster Stock und Galerie zweiter Stock – können die Genießerinnen und Genießer edler Musik, wie es früher mal in der Werbung hieß, genau dies tun: edle Musik abrock- ähm genießen. Und das taten wir, und wie! Nachdem wir uns alle eingefunden hatten – Freundin M. und Freund M. zwar erst in vorletzter Minute – konnte es losgehen.
Mit Herzblut und Leidenschaft legten sich Büne Huber und seine Männer und Frauen von Patent Ochsner ins Zeug und verzauberten uns mit ihren Songs. Raffiniert-einfachen Texte und genial-oppulenter Sound vom feinsten. Musikalisch brillant. Wir tanzten, sangen, johlten und klatschten, und verwandelten so mit den andern sechs- oder siebenhundert Gästen das Haus in eine einzige große Sauna. So menschenscheu ich zuweilen auch sein mag, so wild und übermütig kann ich werden, wenn mich ein Konzert so richtig mitreißt.
Nach vielen Abschiedküssen und -umarmungen (und ich schon mitten in einer post-konzertalen Depression) fuhren wir nach Bern zurück. So ähnlich, meint Irgendlink, habe er sich wohl gefühlt, als seine viermonatige Radtour ums Meer zu Ende gewesen sei. Der Vergleich mag hinken, doch meine Vorfreude auf Konzert, Freundestreffen und Bernaufenthalt mit Irgendlink war so riesig und so intensiv – und in ihrer Erfüllung so beglückend!!! –, dass es sich hinterher schon sehr seltsam angefühlt hat. Nach der Wärme die Kälte. Schneeregen. Doch jetzt, hier im Hotel, geht’s mir wieder gut. Müde, aber gut. Nun Dusche und Frühstück. All included.
Später. Das Frühstück? Reden wir nicht davon. Doch von Klee können wir reden. Über das Zentrum Paul Klee, das uns immer wieder begeistert.

Paul Klee. Der Berner, der in die Welt gezogen ist, um Menschen und Kunst zusammenzubringen. Eine Doppelausstellung wie immer. Die eine über Engel bei Klee und anderen: sehenswert! Die andere über Klee als Lehrer im Bauhaus in den späten Zwanzigern des letzten Jahrhunderts: sehenswert! Und lesenswert finde ich diese Textpassage hier, die ich auf der Paul-Klee-Zentrum-Website gefunden habe:

Klees Haltung, dass nicht die endgültige Form das Wesentliche sei, sondern der dahin führende Weg, zieht sich wie ein roter Faden durch seine Lehre. Er betonte immer wieder, dass eine Form nicht ist, sondern wird. Deshalb erforschte er ihr Inneres und ihre Entstehung.
(über Paul Klee)

Ein Plädoyer nicht nur für Kunst, sondern fürs Leben überhaupt.

Kind sein …

Da gab es diese selbstgekritzelten Zettel in meiner Hosentasche. Streng geheim waren sie. Für Mütter vor allem. Das war in der zweiten Klasse. Wir Mädchen kritzelten darauf, welchen der Buben wir „hatten“, ähm, welche Buben – Mehrzahl. Kleine Polygamistinnen, die wir waren.
R. „hatte“ ich wegen seines herzigen Lächelns – nur schade, dass er Ende zweite Klasse wegzog.
F. „hatte“ ich, weil er so schnell rennen konnte – so schnell, dass er eines Tages „unter das Auto“ gekommen ist. Von ihm haben wir nie mehr etwas gehört. Ich denke noch immer ab und zu an ihn. Was wohl aus ihm geworden ist?
B. „hatte“ ich die ganze Primarschulzeit über. Später ist er Schornsteinfeger geworden. Ob es ihm Glück gebracht hat?
H. „hatten“ alle Mädchen, er war einfach der Stärkste und der Größte. Ich hatte ihn aber nur aufgeschrieben, weil es sich gehörte. Bei der Klassenzusammenkunft vor sieben Jahren hätte ich ihn kaum mehr wiedererkannt. Was ist er fett geworden! Nur seine Augen haben sich kaum verändert.
Natürlich änderten sich die Listen von Monat zu Monat. Was sag ich? Von Woche zu Woche! Nur schade, dass wir nur sechs Buben in der Klasse hatten.
Mädchen sein war damals ziemlich schwierig. Auf die Bäume im Pausenhof zu klettern, gewöhnte ich mir in der dritten Klasse langsam ab. Nicht aber in der Freizeit. Nett sein war damals noch ziemlich normal. Und Poesiealben bemalen und weiterreichen, ebenfalls.
Als ich heute morgen auf Thisis‘ Blog vorbei schaute, war mir, als hätte sie mir ihr Poesiealbum in die Hand gedrückt. Damit ich ein Bild hineinzeichne. Und ein schönes Gedicht dazu. Ihr „I (like) your Blog“-Award freut mich sehr. Spricht meine Mädchen-Seite an. Zaubert mir ein Lachen ins Gesicht. Danke, liebe Ch., für diese Ehre!
Gerne gebe ich den Preis weiter an fünf weitere Blogs, die ich mag … (*grmpf* nur fünf? Beim letzten Award waren es viel mehr, da konnte ich aus dem Vollen schöpfen, wiederholen mag ich mich nicht …)

Ich reiche darum meinen Award freudig, gerne und lachend weiter an meine Neuentdeckungen der letzten Wochen … (Tatata taaaaa …)
Heute „habe“ ich diese Bloggerinnen, denn sie bereichern meinen Alltag.
– Lakritze (lakritze.wordpress.com), weil sie eine tolle Mischung von Bild und Text schafft, die mir immer ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
– Petra aka Philea (phileablog.wordpress.com), wegen ihrer Vielseitigkeit und weil sie auch so gerne reist und in Büchern stöbert wie ich.
– Larapalara (larapalara.wordpress.com), denn sie hat eine ähnliche Art, sich über das Leben Gedanken zu machen. Toll zu lesen!
– Rote Welt (rotewelt.wordpress.com), weil sie Frankreich liebt (wie ich) und auf ihrem Blog über dieses Land und vieles mehr philosophiert.
– Fallingstarsandexclamationmarks (fallingstarsandexclamationmarks.wordpress.com), weil sie so herrlich morbide Geschichten schreibt.
Oh weh, ich fühle mich unzulänglich … hier müssten noch viele andere tolle Bloggerinnen und Blogger erwähnt werden … Wer Lust hat, spaziere doch einfach mal durch meine Blogrolle! Viel Spaß bei den neuen Entdeckungen!

Buntes Ding

Was läuft da eigentlich ab und wieso greifen aktuell alle Ereignisse und Informationen mühe- und nahtlos ineinander über, als hätten sie etwas miteinander zu tun? Weil alles zusammenhängt?
Alle sagen und alles sagt mir dieser Tage, dass ich gut zu mir schauen soll. Dabei geht es um meine Ressourcen. Um mein Wohl. Um meine Seele. Was immer das ist. Ob das Leben mich auf diese Weise auffordert, etwas zu tun? Doch kaum schreibe ich diesen Satz, wird mir klar, dass ich diesmal nichts unternehmen, dafür ganz viel los- und zulassen darf.
Zwar steht die Seele nicht grundsätzlich im Widerstreit zu Kopf, Verstand und Vernunft, doch so, wie ich mich zuweilen verhalte, reiben sich diese beiden Instanzen oft aneinander. Diese unsichtbare Etwasse, die niemand fassen, definieren und messen kann. Dass die Seele 21 Gramm wiegt, ist nur eine These. Und dass es sie überhaupt gibt, auch. Allerdings eine wenig umstrittene.
Für mich ist sie unter anderem das Licht oder das Energie-Kraftwerk des Menschen. Liegt ein Mensch im Koma, dann, weil die Seele verschwunden ist. Vielleicht liegt sie nur zusammengerollt auf dem Dachboden oder im Keller oder aber sie hat sich ganz und gar aus dem Staub gemacht. Das zeigt sich daran, ob der komatöse Mensch eines Tages wieder aus seinem Koma erwacht. Tut er das, dann darum, weil das Licht, die Energie, wieder da ist. Oder erwacht er und dann kommt das Licht wieder? [Huhn oder Ei?] Nein, das sind keine medizinisch fundierten Erkenntnisse. Nur Gespinste.
Wo geht sie hin, die Seele, wenn sie mich verlässt? Ist sie unsterblich, wiederkehrend, endlich, sterblich? Oder sich im Großen Ganzen auflösend? Ins Große Meer sich ergießend? Oder womöglich sich zerlegend und in einzelnen Teilen wiederkehrend? Ich habe in meinem Leben diesbezüglich schon viele unmögliche und mögliche Ansätze betrachtet, geglaubt, verworfen. Ob ich mich in diesem Bereich wirklich nach einer wissenschaftlichen Antwort sehne, nach einer letzten, unumstößlichen Antwort? Nein. Ich mag die vorläufigen. Die austauschbaren. An letzten Antworten auf solche Fragen bin ich nicht interessiert. Ich würde ihnen misstrauen. Da suche ich mir lieber eigene.
Dass die Seele das Licht des Menschen sei, ahne ich. Das Licht jedes Menschen ist aber nicht nur in der Seele, auch die Schatten nicht. Und umgekehrt ist die Seele für mich mehr als nur der Ort, wo das Licht des Menschen wohnt. Weitere Aufgaben der Seele sind für mich das Senden und Empfangen nonverbaler Inhalte. Wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, wie wir auf Dinge reagieren, wie wir Dinge anpacken. Worauf wir uns einlassen und warum. Und auch all das, was hinter und unter diesen Wahrnehmungen und Wies und Wos liegt.
Die Seele, so glaube ich, ist ein äußerst fragiles Nicht-Ding, das bei kleinster Grobheit bereits wackelt. Was der Grund ist, warum viele Menschen ihre Seelen dick einpacken und hinter selbstgebauten Mauern verbergen. Natürlich gibt es für Mauerbau noch viel mehr Gründe, Seelenschutz ist nur einer. Oder wollen wir es Antispürenmüssen-Massnahme nennen? Spüren ist suspekt. Ist kompliziert. Bringt Scherereien. Hat in dieser Gesellschaft wenig Platz. Und Stellenwert kaum. Hindert uns nur daran, voran zu kommen. Ist weiblich. Und unprofessionell sowieso.
Jene Menschen, die ihre Seele direkt unter der Haut tragen, bekommen immer wieder zu hören, dass sie nicht belastbar genug seien für … Dass sie besser nicht zu viel spüren sollten. Dass sie ein bisschen mehr dies werden und ein bisschen weniger jenes sein sollten. Anders. Denn sowas ist doch nicht normal.
Eine seelenlose, coole Welt – ist es das, was wir wollen?
Meine Seele ist bunt. Und deine?

Die Welt retten – eine Anleitung.

Kurz vor neun. Der letzte Kurstag. Alle sind wir in seltsam aufgekratzter Stimmung. Strafgefangene, die am Abend entlassen werden. Ex-Zwangsbeglückte, die in die graue Tristesse des Alltags zurückkehren müssen. (Dürfen! Wollen! Jaaa!)
B. bringt eine Kiste Schokoküsse, die wir hierzulande noch immer politisch unkorrekt Mohrechöpf nennen – und so sind sie auch beschriftet. Shameonus. Nach Deutschland dürften wir diese Dinger nicht exportieren, sagt Kursleiter E., der halb in Deutschland lebt. Statt Gipfeli (Hörnchen) oder Kekse gibt’s von mir zum Abschied Seelenfutter. Ich habe für alle meine Sandsteinparabel ausgedruckt.
Kurskollegin S. rechts von mir blödelt mit Kurskollege R. links von mir, derweil ich diese Zeilen hacke. Dass sie nicht wirklich Arbeit suche, sondern eine Stelle, sagt sie. Leider sei aber ihre letzte doch in Arbeit ausgeartet. Mist!
Endzeitstimmung.
Ach, wärs doch schon Abend!, denke ich. Na ja, eigentlich ist es ja okay.
Nun geht’s gleich los. Zwei Minuten nach neun Uhr.
***
Zehn Stunden später. Intensiver letzter Tag. Rückblick. Spannend war es. Besonders diese halbe Stunde Assessment-Training. Assessment? Kannte ich nicht. Mögliche Übersetzung: Stresstest: Wie reagieren wir, wenn wir innerhalb vorgegebener Strukturen und einer definierten Frist eine klar definierte schwierige Aufgabe lösen sollen?
Zuerst separierte der Kursleiteruns uns fünf anwesende Frauen in einen zweiten Kursraum und instruierte danach, in unserer Abwesenheit, die sieben Männer über die durch uns zu lösende Aufgabe. Um uns die Wartezeit zu verkürzen, erzählte ich meinen Kurskolleginnen vom Milgram-Experiment. Über die Rolle der sogenannten ExaminatorInnen. Ich orakelte sogleich, dass in Wirklichkeit vielleicht gar nicht wir getestet würden, sondern die Männer. Und dass wir uns bloß nichts gefallen lassen dürfen …
Unser Assessment bestand nun darin, dass wir Frauen je fünf gleichgroße dem Tangram ähnliche, quadratische Puzzles zusammensetzen sollten. Jede eins. Die einzelnen Teile steckten durcheinandergebracht in fünf Umschlägen. Umschläge, die wir erst auf Kommando ziehen dürfen. Die wir exakt mit Beschriftung nach oben vor uns hinlegen müssen. Die wir erst auf Kommando öffnen dürfen. Und natürlich dürfen wir überhaupt nicht miteinander kommunizieren, weder mit noch ohne Worte. Eine Stimmung wie beim Pokern macht sich breit. Die Gesichter der uns beobachtenden Männer hochkonzentriert. Die Luft zum Schneiden und wir fünf Frauen kichern unisono vor uns hin. Wir nehmen es locker, doch mich nervt der ungewohnt autoritäre Klang in Kursleiter E.s Stimme. Sie provoziert mich. Trotzig gucke ich in den Umschlag, den ich nicht vorschriftsmäßig vor mich hin gelegt habe. Betrachte die Teile. Ignoriere souverän Kursleiter E.s Tadel.
Doch danach halte ich mich weitestgehend zurück. Unterlasse weitere Trotzaktionen. Schließlich haben wir ja eine gemeinsame Aufgabe zu lösen. Ein bisschen zivilen Ungehorsam erlaube ich mir dennoch und schiebe Kollegin C. eins meiner überflüßigen Teile zu, das zu ihrem Puzzle passen könnte. Denn darum geht es. Alle zusammen haben wir alle nötigen Teile. Zuerst sehen wir das nicht. Glauben, es habe zu wenige. Oder zu viele. Fühlen uns gar ausgetrickst. Erst allmählich schieben alle ihre überflüssigen Teile in die Mitte. Wildes Tauschen geht los. Gemeinsames, wortloses Puzzlen. Zugegeben, bis wir das begriffen haben, vergeht eine Weile. Ich bin nicht die erste. C. und S. verständigen sich mit Blicken, Kopf- und Handbewegungen, um den Prozess voranzutreiben. Nach über zwanzig Minuten haben wir es schließlich geschafft. Nein, hier ging es weniger um Gehorsam und Geometrie, auch nicht um mathematische Intelligenz, als um kreatives, lösungsorientiertes Verhalten in einer Gruppe unter Stress. Unsere Ungehorsamkeiten werden sogar eher positiv aufgenommen.
Bei mir zu beobachten, wie ich meinen inneren Schalter irgendwann auf Analyse-Modus kippte, war witzig. Mein Quadrat lag bereits fertig vor mir. Den anderen beim Finden der richtigen Teile zuzuschauen und nicht wirklich eingreifen zu können, war ganz schön anstrengend. Ich versuchte, die richtigen Teile in Gedanken zueinander zu bringen. Meine Form von Unterstützung. So hat jede auf ihre Weise einen Beitrag zum Gelingen geleistet. Und wir gemeinsam einen ersten Schritt zur Rettung der Welt und zur Umverteilung der Ressourcen. Klein, aber nicht ohne …
Darauf trinken wir nach dem offiziellen Abschied in der Bar um die Ecke ein Bier. Spannende Gespräche weben sich über die Stehtische. Schließlich ein herzliches Tschüss in die Runde. Wir hören voneinander, wir schreiben uns, du liest von mir …
Und jetzt bin ich einfach nur froh, dass das Ganze vorbei ist. Und endlich Wochenende. Mein Kissen ruft.

Buntgewebe

Wecker sind eine unglaublich unhumane Erfindung. Nicht artgerecht! Eigentlich sollten wir so lange schlafen können, wie unser Körper es uns abverlangt. Eigentlich sollten wir ein unseren Talenten, Neigungen und Anlagen entsprechendes Leben führen können. Eigentlich sollten wir so leben können, wie es uns entspricht. Überall. Alle. Pflanzen und Tiere auch. Denke ich am Morgen und möchte am liebsten weiterschlafen.
Das Leben ist nun mal nicht ideal, denke ich auch und stehe auf. Pervers früh. Der zweitletzte Kurstag. Das Leben ist nicht ideal – der Kehrreim meines Lebens, seit mir Freundin M. vor vielen Jahren diesen Satz ein erstes Mal zu bedenken gegeben hat. Kurskollege G., in einem fiktiven Bewerbungsgespräch nach seinem Motto gefragt, meinte heute Nachmittag:
Ich nehme das Leben jederzeit so, wie es ist, und versuche, immer das Beste daraus zu machen.
Könnte von mir sein. Nein, ideal ist es nicht, das Leben. Nicht meins, nicht das der anderen. Kurskollegin M. hat mir heute im Zeitraffer die äußerst dramatischen Ereignisse geschildert, die ihr Leben in den letzten Jahren ziemlich aus der Bahn geworfen haben. Stehauffrauchen ist sie. Wie ich. Immer wieder sind wir aufgestanden. Wie Kinder, die laufen lernen. Nicht aufgeben.
Im Kurs ist mir, so mit all seinen fiktive Bewerbungsgespräche und -sequenzene, oft so, als wäre ich im falschen Film. Und nein, ich bin leider eine miserable Schauspielerin. Bei Rollenspielen bin ich voll schlecht. Jedenfalls nicht, wenn ich die Befragte bin und mich verkaufen soll. Als Befragerin und Feedbackerin dagegen fühle ich mich sehr wohl. Ich sehe bei den anderen (und auch bei mir) sehr gut, was geht und was nicht. Ähnlich, wie ich auch gut Texte korrigieren und lektorieren kann. Nein, es geht mir dabei überhaupt nicht darum, Finger auf Fehler und wunde Punkte zu legen, eher ist es so, dass mir solche Sachen einfach auffallen. Keine einfache Gabe.
In der Mittagspause setze ich mich vom Rest der Gruppe ab, suche mir einen Platz draußen an der Sonne und tanke Licht und Ruhe. Heute saß ich an der Limmat, hackte einige Kommentare über die externe Bluetooth-Tastatur ins iPhone und genoss den Gedankenraum, der sich in mir aufgetan hatte. Für eine Stunde diese Schiene des So-tun-als-ob des Kurses zu verlassen! Ah, herrlich!
Auf einmal steht ein Mädchen neben mir. Sechs oder sieben Jahre alt. Migrationshintergrund. Fernöstliche Wurzeln. Aufgemaltes drittes Auge. In schönstem Aargauerdeutsch fragt es mich, was ich da mache. Und was das sei. Dabei deutete sie auf meine Pausenbrotdose, in der noch ein verpackter Müesliriegel lag.
Aus meinen konzentrierten Schreib-Gedanken gerissen, murmelte ich etwas von Müesliriegel und dass der mir heute Nachmittag das Leben retten werde.
Darf ich ihn haben? Hätte sie nicht so schamlos gefragt, hätte ich ihn ihr bestimmt gegeben, doch ich war so verdutzt, dass ich ablehnte. Nein, weniger aus Geiz und Angst vor einem Blutzuckersturz entsprang meine Reaktion, wohl eher aus einer Art Nacherziehungsbedürfnis. Das Mädchen schien es gewohnt zu sein, um etwas zu bitten. Wohl auch, das Erbetene zu bekommen. Ob sie das regelmäßig auch bei Unbekannten tut, weiß ich nicht. Ungefährlich ist das ja generell nicht. Meine latente Unfreundlichkeit sollte signalisieren:
Pass auf Mädel, nicht alle sind nett!
Hm. Mist. Wie gerne würde ich ihr sagen: Alle sind nett und alle meinen es gut mir dir. Ist aber nicht so. Leider. Nicht ideal – das Leben. Wie gesagt.
Sie deutet auf meine externe Tastatur.
Was ist das da? Nun bin ich freundlicher. Ich kann einfach nicht (lange) böse sein. Damit könne ich über eine unsichtbare Verbindung ins iPhone schreiben, erkläre ich ihr. Dass man auf dem iPhone schreiben kann, weiß sie, denn das erklärt sie mir. Dass das nämlich auch so gehe.
Ja, aber damit noch viel besesr, sage ich. Und schon ist sie wieder weg, rennt mit anderen Kindern, die aus dem Nichts aufgetaucht sind, um die Ecke.
Lernen. Vieles lernen. Immer noch mehr lernen. Niemals aufhören. Und doch habe ich nur zwei Diplome und ein Ausbildungszeugnis. Alles andere, was ich gelernt habe, zählt nicht. Keine Papiere von irgendwelchen tollen Weiterbildungen habe ich, Autodidaktin, die ich bin. Mein Kursleiter kann es beim Abschlussgespräch erneut nicht glauben. War schon beim Erstgespräch so. Muss er aber. Ist halt so. Womit hätte ich auch teure Weiterbildungen zahlen können, wo ich doch immer nur Teilzeit gearbeitet und daneben gekunstet habe?
Später. Yogagruppe. Vorübungen für den Sonnengruß, den die meisten noch nicht kennen. Ein paar Neue sind in die Gruppe gestoßen. Die Stunde ist nicht besonders anstrengend für mich. Weniger als andere zuvor. Wie Yogalehrerin T. den Schritt vom Hund in die nachfolgende Stellung zeigt und alle außer mir ächzen, weil sie das noch nie gemacht haben, fällt mir ein, wie ich damals, vor zehn oder noch mehr Jahren, ebenfalls geächzt hatte.

Dieser Schritt ins Leere, zwischen die am Boden aufgestützten Hände, ist nicht einfach. Ich habe vergessen, wie schwer das war.
Wir vergessen oft, dass das, was wir können, uns einst nicht bekannt war. Dass wir es einst nicht gekonnt haben. Dass das längst nicht alle können. Kunst kommt von Können. Gute alte Binsenwahrheit.
Oh weh, schon wieder so ein Text aus einzelnen Puzzleteilen. Ein Flickenteppich. Ein Buntgewebe. Output vieler Inputs. Buchstäbliches Stoffwechselprodukt. Wörtliches Furzen. Kopfausschüttung. Bloggründüngung. Herzgespinst.
Am besten ist wohl, ich schleich mich einfach – dankend fürs Lesen – auf leisen Sohlen davon, wie es Emil immer so schön schreibt.

Post aus der fünften Dimension

Hätte sich jemand vor, sagen wir mal, siebzig Jahren vorstellen können, dass wir heute Daten in irgendwelchen virtuellen Clouds im Cyberspace speichern können? Dass wir Bilder aus dem unsichtbaren Nichts abrufen und auf dem Bildschirm eines Plastikdings, das wie ein Fenster aussieht das wir souverän mit Tasten und einem weiteren handtellergroßen Plastikteilchen namens Maus bedienen –, betrachten können?
Möglicherweise gab es Visionärinnen und Visionäre, für die solche Gedanken vorstellbar gewesen sind, doch die meisten hätten den Kopf geschüttelt und dir den Vogel gezeigt, wenn du – zu Besuch aus der Zukunft – mit solcherlei Schwachsinn aufgetaucht wärst. Flächenland lässt grüßen.
Sage ich dir heute, dass ich mir die Welt (alles, was ist), ähnlich vernetzt wie Internet vorstelle, schüttelst du womöglich den Kopf und redest von Evolution, Darwin und Zufall. Oder du redest von Gott und Bibel und heiligem Geist. Oder du redest von Allah. Oder von Quantenphysik. Ach, sag mir, Gretchen …
Dass ich mir die Welt, sichtbares ebenso wie unsichtbares, vorstelle wie eine Art geisiges, ideelles Internet, hängt damit zusammen, dass ich Erfahrungen und Erlebnisse gemacht habe, die auf solche Zusammenhänge hinweisen. Wissen, das nicht gewusst werden kann, war auf einmal da. Informationen, die nicht gewusst werden konnten, wurden auf einmal gewusst.
Eine Information von einer Wissensquelle (Wikipedia zum Beispiel) auf einen Datenträger (den Rechner zum Beispiel) holen, ist heute Alltag. Irgendwo hat jemand eine Quelle mit Wissen gespeist, das eigentlich schon immer da war. Aber dieser Jemand fasst es in Worte und lädt es für alle zugänglich ins Internet hoch. So einfach funktioniert Wissenstransfer in der Jetzt-Zeit. Datentransfer. Einsen und Nullen.
Das gesamte Wissen über alle Dinge, über die großen und die kleinen, ist da. Unfassbar. Doch nur deshalb unsichtbar, weil uns die Sinne fehlen, es zu sehen. Alles ist in uns, oder sagen wir es so: wir sind – via geistiges WLAN an alles Wissen angeschlossen, das irgendwo-nirgendwo-überall in einem unermesslichen Datenspeicher, der ohne Glasfaserkabel auskommt, lagert. Innen und außen. Wie außen so innen. Auch das Wissen über mein und dein Leben – irgendwo ist es. In mir. In dir. Und überall. Glücklicherweise nicht für alle zugänglich und abrufbar. Zumal nicht alle Menschen in der Lage sind, Daten abzurufen. Zum einen, weil sie das Talent dazu nicht haben, und zum zweiten, weil sie die Passwörter nicht kennen. Ja, die gibt es, die Passwörter und Codes. Und ich, ich habe es in der Hand, wem ich meine Passwörter verrate.
Für einen Schreibauftrag habe ich die spannende Aufgabe bekommen, Menschen mit solcherlei Talent zu testen. Skeptisch habe ich mich an die Arbeit gemacht. Zwei medialen Künstlerinnen habe ich einige wenige Codes verraten, damit sie meine unsichtbaren Ordner öffnen können. Die eine hat mir bereits geantwortet, gestern, und die Antwort der zweiten erhalte ich am Freitag.
Gestern morgen ein persönliches Gespräch mit einer älteren, weisen Frau. Wir schneiden dies und das an und auf einmal plingt es bei mir. Der Groschen fällt. Ich verstehe einen meiner vielen Fingerhüte (siehe Artikel Monokultur und.).
Am Nachmittag gehe ich mit Freundin L. spazieren. Wieder zuhause, bei Vermicelles und Tee, erzähle ich ihr von meinem Wunsch, eines Tages Australien oder Neuseeland zu bereisen. Eine unbenennbare Sehnsucht, ein Fernweh, wie ich es auch bei Skandinavien hatte, bevor ich zum ersten Mal in den Norden gereist bin. Vor allem das fehlende Geld hielt mich bisher von einer Reise nach Downunder ab. Und wohl auch mein ökologisches Gewissen. Doch der Traum ist alt. Zwanzig Jahre mindestens.
Als L. abfährt, öffne ich erwartungsvoll das Paket, das mir die erste Künstlerin per Post geschickt hat. Finde Bild und Text. Post aus der nächsten Dimension, auf gut Flächenländisch gesagt.
Alles zu zitieren würde viel zu weit führen und natürlich weiß ich, dass solche Texte mit Vorsicht zu genießen sind. Auch sind Interpretationen nie vor Übersetzungsfehlern gefeit. Skepsis gut und schön. Misstrauen auch. Aber … großes Aber. Da heißt es nämlich: „Als Land ist Australien und Neuseeland gut für dich, […] tanke diese Energie auf.“
Ich bin verblüfft. Bei nicht wenigen weiteren Textpassagen muss ich leer schlucken, da einige Sätze erstaunliche Ähnlichkeit mit meinen Tagebuchnotizen und Gedanken haben. Und da steht auch etwas ganz ähnliches, wie das, was ich gestern Morgen auf einmal und mit großem Pling verstanden habe. Obwohl ich selbst mediale Fähigkeiten und diesbezügliche Erfahrungen gemacht habe, bin ich berührt. Betroffen. Erstaunt. Obwohl ich weiß, dass und wie es funktioniert. Alles ist vernetzt.
Nun bin ich gespannt auf Freitag. Auf das zweite Bild und den zweiten Text. Irgendwie hoffe ich auf eine unübersehbare gemeinsame Schnittmenge. Und darauf, dass ich verstehe. Dass ich endlich verstehe, was mir das Leben sagen will. Nichts anderes als Übersetzerinnen sind sie, die beiden Frauen, die für mich die Codes in den unsichtbaren, morphogenetischen Rechner eingegeben und meine Ordner geöffnet haben. Ordner, deren Inhalt sich immer wieder ändert. Überschrieben wird von Updates. Was bin ich neugierig!
Doch vorher heißt es, meine beiden letzten Kurstage zu ertragen, morgen und übermorgen, und von dort bestmögliche Erfahrungen mitzunehmen. Und vielleicht sogar ein paar weitere Erkenntnisse über das Leben.

Monokultur und.

Wie gerne würde ich unsere Gespräche manchmal aufzeichnen, sie konservieren für die Ewigkeit. Na gut, für den Rest meines Lebens würde mir schon reichen. Ich will ja nicht so unbescheiden sein. Meine Gespräch mit Irgendlink sind oft das Saatgut zu allerlei Projekten.
Am Anfang ist die Idee. Nein, noch vorher, bei Minus eins, steht immer ein Auslöser – innen oder außen – irgendein Umstand, der reibt, oft sogar ein Ärgernis, ein Missstand. Etwas, das sich verbessern ließe. Das Etwas führt zur Idee. Die Idee zum Gedanken, dieser zum Gespräch und das wiederum zur Geschichte, zum Blogartikel, zum Bild, zum Projekt. Das Gespräch ist die Pfanne auf dem Herd. Ideen schwimmen fettaugengleich an der Oberfläche. Die farbenfrohen Zutaten werden weichgekocht und in nahrhaftes Seelen-, Herz- und Augenfutter transformiert.
Eins der vielen Etwasse, die immer mal wieder zu reden geben, heißt Angst. Heute die Angst vor der Enttrohnung (des ersten Kindes) und die Angst vor dem Zukurzkommen (des jüngsten Kindes). Wir reden über das Vertrauen zum Leben – vorhandenes, fehlendes. Über die Macht und Nachhaltigkeit, die Ängste über uns haben können. Ängste vor Verlusten, vor dem Tod, vor der Endlichkeit des Lebens.
Gegenwärtigkeit!, sagt Irgendlink, während er sich ein Brot schmiert. Nur mit Gegenwärtigkeit halte ich es aus. Denke ich vorwärts, denke ich über die Zukunft nach, stoße ich an und hänge fest. Doch bin ich gegenwärtig, geht es mir gut.
Die Endlichkeit ist nur der Bilderrahmen, sage ich, doch das Bild ist entscheidend. Es ist die Gegenwart. Jetzt! Wenn du dir nur den Bilderrahmen anguckst, nur diese Grenze, diese Einschränkung, die sich nicht verändern lässt, dann ist das Leben der pure Krampf. Schaust du aber auf das Bild, auf die vielen Farben, immer wieder andere, vergisst du den Rahmen. Du vergisst, dass es nur drei Grundfarben gibt. Du vergisst, dass du in den Augen der Gesellschaft arm bist. Und du vergisst sogar, dass die ManipulatorInnen der Gesellschaft auf stromlinienförmige Menschen hinarbeiten.
Schnitt.
Gestern Nachmittag. Wir sitzen auf Hockern im Kunstraum P. in Z. und trinken Tee und Kaffee. Irgendlink hat Hütedienst. Weil ich mir endlich die Ausstellung anschauen wollte, habe ich ihn begleitet. Eine ältere Dame und ein älterer Herr haben sich eingehend die Bilder der neun sehr unterschiedlichen ausgestellten Künstlerinnen und Künstler angeschaut und trinken nun mit uns Kaffee. Ich beteilige mich kaum am Gespräch, höre jedoch fasziniert dem Wortwechsel zwischen Künstler P. und der ganz offensichtlich naturwissenschaftlich gebildeten und in Ökologie kompetenten Frau B. zu. Sie reiht Argument an Argument, um P. davon zu überzeugen, wie schädlich das Verhalten der heutigen Menschheit für die Welt sei. P. hält mit Argumenten dagegen, dass es schon immer Schädlinge auf der Welt gab, redet von Gesunddezimierung und dass die Erde sich eines Tages wieder erholen werde. Das Thema ist zum einen äußerst brisant und zum anderen aber das ganze Gespräch so absurd, dass es beinahe eines Monty Phytons würdig ist. Als sich auch Künstler A. und Künstler W. ins Gespräch einklinken, wird es immer grotesker. Weniger wegen der Themen als ihrer Offensichtlichkeiten.
Die heutigen Kinder lernen in der Schule nichts mehr mit den Händen. Sie sitzen nur noch über ihren Büchern und Computern und lernen weder malen noch hämmern, können nicht mehr nähen, nicht mehr stricken und nicht mehr stopfen, sagt sie. Wozu auch? Täglich wird Neues in Massen auf den Markt geworfen. Ihre Mutter habe ihr seinerzeit noch beigebracht, mit dem Fingerhut zu nähen und Löcher zu stopfen. Das könne heute kaum mehr jemand, sagt Frau B.
Nein, das kann ich wirklich nicht, sage ich, aber immerhin ohne Fingerhut.
Schnitt.
Monokultur!, sage ich. Wir fahren nach Hause. Müde. Hungrig. Der Kopf brummt. Frau B. hat recht, wenn sie sagt, dass heute so vieles an Wissen verloren gegangen ist. Wir leben in einer Gesellschaft zunehmender Monokultur. Damals schon, wie der Fingerhut zeigt, nur anders. Der Fingerhut ist nur ein Bild, eins, das für vieles stehen kann. Frau B.s Mutter hat ihrer Tochter den Fingerhut so sehr aufgedrückt, dass Frau B. nachher nicht mehr anders konnte als nur noch mit ihm zu nähen. Und auch nichts anderes mehr wollte. Der Tunnelblick der Finger.
Der Fingerhut steht für aufgedrückte Denkmuster, sage ich zu Irgendlink. Der Fingerhut ist der Hut, den ich auf meinem Hirn trage. Fingerhüte und Monokulturen laugen uns aus. Das Land ebenso wie die Menschen. Wir aber brauchen Biodiversität. Vielfalt. Farben. Menschen, die gegenwärtig leben und Fährten für eine lebenswerte Zukunft legen.

Unter die Menschen

So habt ihr also beide Möbel unter die Menschen gebracht? Wir stehen draußen. Lauer Abend. Erstaunlich warm. Wir genießen den angeregten Austausch in der Runde. Ein klein bisschen ist es, als würden wir uns alle schon lange kennen.
Dieter Motzels Bilder, dem Titel Refugien unterstellt, die er in den Räumen der PTV präsentiert, konnten wir uns schon gleich zu Beginn, noch vor der offiziellen Eröffnung, angucken. In aller Ruhe. Gut, dass wir ein bisschen zu früh da gewesen waren. (So eine lange Strecke samt Innenstadt-Verkehr lässt sich ja schwer berechnen.) Tolle Bilder, die Herr Haushundhirsch da ausstellt.
Was meinst du, welches Bild spricht mich am meisten an?, fragt Irgendlink. Wir gehen ein zweites Mal durch die Reihe. Der Ort heißt sein Favorit. Zwerge im Maisfeld. Dass seine Interpretation sich nicht mit Dieters Intention deckt, erfahren wir später, doch das tut – so wage ich zu behaupten – nichts zur Sache, denn Dieters Bilder mit ihren surrealen und zum Teil auch grotesken Details laden geradezu ein, sich dazu schrägen Geschichten auszudenken. Warum also nicht Zwerge im Maisfeld? Auch die anderen Gemälde schreien danach, mit Worten hinterlegt zu werden. Besonders die Hexe beflügelt meine Phantasie. In den Gesichtern ihrer Gegenüber basses Erstaunen. Worüber?
Faszinierend ist es, virtuelle Menschen, wie Herrn und Frau Haushundhirsch, persönlich kennenzulernen.
Ich glaube, es sind die beiden da drüben, die beiden in Schwarz,
raunt mir der Liebste zu, derweil wir uns über die Butterbretzel hermachen und uns mit Getränken eindecken. Verstohlen blicken wir uns um. Erkundigen uns bei der Dame, die die Getränke eingießt.
Schon vor der Laudatio machen wir uns mit den beiden bekannt und lernen dabei auch gleich Bloggerin Philea kennen, die die Ausstellung in „ihrer“ Firma angeregt hat. Händchen schütteln da und dort. Bald stößt Bloggerin Lakritze zur Runde. Nach der Laudatio, wieder draußen und noch immer bei angenehmer Temperatur, gehen die angeregten Gespräche weiter.
Für Möbel habe ich Werbung gestaltet, sagt Dieter, für Büromöbel, nachdem Irgendlink aus seiner Tackervergangenheit erzählt hat. Wie er als Tacker mit dem Tacker Loungemöbel gebaut und dabei im Kopf viele Geschichten gewoben hat.
So habt ihr also beide Möbel UNTER die Leute gebracht, sage ich, mit der rechten Hand einen Bogen unter den Po andeutend. Doch nicht nur ähnliche berufliche Interessen sind es, die die am Schluss noch übrig gebliebene Menschen dieser Runde verbinden, sondern ganz besonders das Medium Blog. Noch zu sechst beschließen wir im nahen Hofbräuhaus, wie ich die Kneipe vis-à-vis für mich nenne, etwas zu trinken. Und zu essen. Und zu erzählen … Gemütlich, angeregt, lustig, philosophisch geht es zu.
Für mich waren auch jene Bloggerinnen und Blogger mit am Tisch, die wegen langer Anreisewege und/oder Krankheiten nicht mit dabei sein konnten. Wie groß diese Runde inzwischen wäre!
Auf dem Weg zum einsamen Gehöft, durch den Pfälzer Wald, klingen die Eindrücke nach. Irgendlink und ich sind uns einig: Das war ein richtig toller Abend!

fremdes Selbst

Was sehe ich nicht, was andere sehen? Was bin ich, das andere nicht sehen? So authentisch ich zu sein glaube, deckt sich doch das, was mir andere über mich rückmelden nie mit meiner eigenen Perspektive. (Ja, ich weiß, der größte Teil unserer Persönlichkeit ist unbekannt, aber trotzdem …)
Du stellst dein Licht unter den Scheffel, sagte Kurskollege P., der ein fiktives Bewerbungsgespräch lang meinen zukünftigen Chef gemimt hatte. Du kannst so viel, doch du zeigst es nicht. Zwei 5,4 in zwei verschiedenen Abschlusszeugnissen sagen viel über deine Qualitäten aus. (Für meine deutschen LeserInnen: Das nennt sich bei euch, so meine ich verstanden zu haben, wohl Einserzeugnis. In der Schweiz gilt: Je näher bei Note 6 desto besser …)
Mit deiner Stimme schaffst du eine Stimmung, die – obwohl du nicht laut sprichst – unsere volle Aufmerksamkeit erhält. Man muss dir einfach zuhören, sagt Kollege G.. Ich spüre, wie mir das Blut in den Kopf schießt.
Zum Rotwerden habe ich auch allen Grund. Göttin, war das peinlich! Die ersten fünf Minuten des imitierten Vorstellungsgespräches mit meinen beiden gefakten Personalverantwortlichen  Kollegin S. und Kollege P.  und einem Beobachter  Kollege G.  hatte ich das totale Blackout. So nervös war ich selten in meinem Leben und das, obwohl ich doch hier, in der vertrauten Runde, gar nichts zu verlieren hatte. Wie gut, dass ich in der kameralosen Gruppe gelandet bin! Hätten sie mich gefilmt, wäre es noch schlimmer gewesen. Dreimal hintereinander stoppte ich verzweifelt meine Rede. Sagte:
Delete. Ich fange noch einmal an. Klappe die nächste. Erst allmählich gewann meine Professionalität – oder was auch immer – wieder die Oberhand und das Gespräch machte sogar Spaß.
Kollegin S. meinte hinterher, dass ich bei ihr nach meiner offenbar überzeugenden Performance auf jeden Fall in die zweite Runde käme. Authentisch sei ich. Das lass ich gelten. So fühle ich mich. Dennoch. Die vollständige Kongruenz zwischen Fremd- und Selbstbild will und will sich nicht einstellen. Selbst wenn ich mir Komplimente gerne anhöre, lieber möchte ich endlich in mir das sehen, was andere sehen.
Trotz vielem Denken, Reden und Arbeiten – die zwei letzten Kurstage mit den intensiven „Rollenspielen“ haben total Spaß gemacht. Nun stehen uns Stellensuchenden bloß noch zwei Kurstage bevor. Bis dahin gilt es, das Gelernte konkret umzusetzen.
Juhu, zwei Wochen Pause. Verdauen. Und wer weiß, vielleicht habe ich bis dahin meinen Traumjob bekommen, für den ich ja bereits heute das Vorstellungsgespräch geübt habe. Wenn die Hauptprobe missglückt, wird die Première erfahrungsgemäss ein großer Erfolg … 😉
Was kann DA noch schief gehen?

Aller Anfang ist Traum

Ich sitze im sonnigen Park des Pflegezetrums B.. In einer halben Stunde werde ich mich hier vorstellen, denn das Thera-Team braucht administrative Unterstützung. Mich?
Mein Kopf summt ob all der Eindrücke aus dem Kurs, von der Zug- und von der Busfahrt. Ich bin nervös. Obwohl ich nichts zu verlieren habe. Vermutlich ist die Stelle nichts für mich. So einen langen Arbeitsweg möchte ich nicht. Sollte die Stelle wider Erwarten super sein, müsste ich wohl ernsthaft darüber schlafen. Muss ich eh, will ich eh. Am liebsten wäre mir, wenn ich sofort merken würde, ob ich sie will oder nicht. Während des Gesprächs. Oder gleich hinterher.
Natürlich MUSS ich die Stelle nicht nehmen. Das heißt, ich müsste natürlich, denn sie ist zumutbar. Doch mein Berater ist ja kein Unmensch. So betrachte ich dieses Gespräch als Übung. Ich sammle Erfahrungen. Kein schlechter Ansatz.
Später.
Noch immer brummt der Kopf. Das Gespräch ist verlaufen wie alle meine bisherigen Vorstellungsgespräche. Nämlich gut. Offen. Transparent. Die Nervosität hat mich fünf Minuten vor dem Gespräch verlassen. Auch gut. Nur Klarheit habe ich keine. Der Lohn stimmt, doch die Arbeit ist relativ einseitig, zahlenlastig. Weiteres (großes) Minus ist der Arbeitsweg. Zu lang. Fünfundsiebzig Minuten oder länger. Das Team? Kann ich nächste Woche beschnuppern, falls ich nicht absage. Das Büro würde ich mit meiner direkten Vorgesetzten teilen. Sie sei etwa so alt wie ich. Mutter eines sieben Jahre alten Kindes. Sehr lebendig. Leider in den Ferien, also unbeschnupperbar.
Ich könnte natürlich einfach mal anfangen (falls die mich überhaupt wollen). Innerhalb der Probezeit abspringen geht ja immer, falls ich erkenne, dass der Job nicht mein Ding ist. Doch das ist nicht meine Art. Keine gute Voraussetzung. Zudem würde ich da weder ihnen noch mir einen Gefallen tun. Absagen? Auf die Traumstelle warten? Ja, gerne. Da läuft schließlich eine hoffnungstriefende Bewerbung. Fast um die Ecke. Oder soll ich gar einen Schritt in die Selbständigkeit wagen?
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STOPP! Was ist das für ein langweiliger Artikel, Sofasophia? So etwas kannst du deinen Leserinnen und Lesern nicht zumuten. Erzähl lieber vom Kurs!
Na ja, ob das interessanter ist?! Okay …
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Wir haben heute eine typische Sequenz aus dem ebenso typischen Vorstellungsgespräch geübt. Vor laufender Kamera. Vor der ganzen Klasse. Mit Feedback-Möglichkeit. Jene Sequenz nämlich, die auf die berühmt-berüchtigte Aufforderung folgt, die da heißt:
Erzählen Sie uns bitte von Ihrem Werdegang! Ganz schön tricky, muss ich sagen. Zum Glück war ich bisher erst Zuschauerin. Puh …
Parallel dazu gab’s Einzelcoaching-Gespräche mit dem zweiten Kursleiter. Dort wurde mir klar, dass ich mehr kann, als ich denke. Licht unter dem Scheffel und so. Wie oft denke ich:
Das können doch alle, das hier ist ja nix Spezielles. Doch das stimmt so nicht. Fachlich mag ich ja durchschnittlich sein (oder?). Doch ich kann mehr als nur Fachliches – ich kann das Fachliche vernetzt einsetzen. Ich kann verbinden, innerhalb von Teams Brücken bauen, ich kann Ansprechperson sein. Ich bin saugut in Recherche. Und ich bin Generalistin statt Spezialistin. Und so, wie ich das kann, kann nur ich es. Jawohl.
Und immer wieder die Träume von der Selbständigkeit. Apropos … Da sagt doch in der Pause R. in die kleine Runde vor dem Aschenbecher ( ja, genau! Jener R., der mich letzte Woche mit seinen unausgesprochenen Pünktchen im Ungewissen gelassen hat), dass er eine Vision von Selbständigkeit habe. Dass es in ihm gäre und immer konkreter werde. Ich könne ihm dann die Webpage erstellen, wenn ich wolle.
Gerne! Brauchst du auch gleich noch eine gute Managerin?, fragte ich.
Durchaus, ich muss einfach erst anfangen, sagte er.
Träumen darf doch erlaubt sein. Zumal jede Wirklichkeit mit so was (Unfassbarem) angefangen hat.