Kurz vor neun. Der letzte Kurstag. Alle sind wir in seltsam aufgekratzter Stimmung. Strafgefangene, die am Abend entlassen werden. Ex-Zwangsbeglückte, die in die graue Tristesse des Alltags zurückkehren müssen. (Dürfen! Wollen! Jaaa!)
B. bringt eine Kiste Schokoküsse, die wir hierzulande noch immer politisch unkorrekt Mohrechöpf nennen – und so sind sie auch beschriftet. Shameonus. Nach Deutschland dürften wir diese Dinger nicht exportieren, sagt Kursleiter E., der halb in Deutschland lebt. Statt Gipfeli (Hörnchen) oder Kekse gibt’s von mir zum Abschied Seelenfutter. Ich habe für alle meine Sandsteinparabel ausgedruckt.
Kurskollegin S. rechts von mir blödelt mit Kurskollege R. links von mir, derweil ich diese Zeilen hacke. Dass sie nicht wirklich Arbeit suche, sondern eine Stelle, sagt sie. Leider sei aber ihre letzte doch in Arbeit ausgeartet. Mist!
Endzeitstimmung.
Ach, wärs doch schon Abend!, denke ich. Na ja, eigentlich ist es ja okay.
Nun geht’s gleich los. Zwei Minuten nach neun Uhr.
***
Zehn Stunden später. Intensiver letzter Tag. Rückblick. Spannend war es. Besonders diese halbe Stunde Assessment-Training. Assessment? Kannte ich nicht. Mögliche Übersetzung: Stresstest: Wie reagieren wir, wenn wir innerhalb vorgegebener Strukturen und einer definierten Frist eine klar definierte schwierige Aufgabe lösen sollen?
Zuerst separierte der Kursleiteruns uns fünf anwesende Frauen in einen zweiten Kursraum und instruierte danach, in unserer Abwesenheit, die sieben Männer über die durch uns zu lösende Aufgabe. Um uns die Wartezeit zu verkürzen, erzählte ich meinen Kurskolleginnen vom Milgram-Experiment. Über die Rolle der sogenannten ExaminatorInnen. Ich orakelte sogleich, dass in Wirklichkeit vielleicht gar nicht wir getestet würden, sondern die Männer. Und dass wir uns bloß nichts gefallen lassen dürfen …
Unser Assessment bestand nun darin, dass wir Frauen je fünf gleichgroße dem Tangram ähnliche, quadratische Puzzles zusammensetzen sollten. Jede eins. Die einzelnen Teile steckten durcheinandergebracht in fünf Umschlägen. Umschläge, die wir erst auf Kommando ziehen dürfen. Die wir exakt mit Beschriftung nach oben vor uns hinlegen müssen. Die wir erst auf Kommando öffnen dürfen. Und natürlich dürfen wir überhaupt nicht miteinander kommunizieren, weder mit noch ohne Worte. Eine Stimmung wie beim Pokern macht sich breit. Die Gesichter der uns beobachtenden Männer hochkonzentriert. Die Luft zum Schneiden und wir fünf Frauen kichern unisono vor uns hin. Wir nehmen es locker, doch mich nervt der ungewohnt autoritäre Klang in Kursleiter E.s Stimme. Sie provoziert mich. Trotzig gucke ich in den Umschlag, den ich nicht vorschriftsmäßig vor mich hin gelegt habe. Betrachte die Teile. Ignoriere souverän Kursleiter E.s Tadel.
Doch danach halte ich mich weitestgehend zurück. Unterlasse weitere Trotzaktionen. Schließlich haben wir ja eine gemeinsame Aufgabe zu lösen. Ein bisschen zivilen Ungehorsam erlaube ich mir dennoch und schiebe Kollegin C. eins meiner überflüßigen Teile zu, das zu ihrem Puzzle passen könnte. Denn darum geht es. Alle zusammen haben wir alle nötigen Teile. Zuerst sehen wir das nicht. Glauben, es habe zu wenige. Oder zu viele. Fühlen uns gar ausgetrickst. Erst allmählich schieben alle ihre überflüssigen Teile in die Mitte. Wildes Tauschen geht los. Gemeinsames, wortloses Puzzlen. Zugegeben, bis wir das begriffen haben, vergeht eine Weile. Ich bin nicht die erste. C. und S. verständigen sich mit Blicken, Kopf- und Handbewegungen, um den Prozess voranzutreiben. Nach über zwanzig Minuten haben wir es schließlich geschafft. Nein, hier ging es weniger um Gehorsam und Geometrie, auch nicht um mathematische Intelligenz, als um kreatives, lösungsorientiertes Verhalten in einer Gruppe unter Stress. Unsere Ungehorsamkeiten werden sogar eher positiv aufgenommen.
Bei mir zu beobachten, wie ich meinen inneren Schalter irgendwann auf Analyse-Modus kippte, war witzig. Mein Quadrat lag bereits fertig vor mir. Den anderen beim Finden der richtigen Teile zuzuschauen und nicht wirklich eingreifen zu können, war ganz schön anstrengend. Ich versuchte, die richtigen Teile in Gedanken zueinander zu bringen. Meine Form von Unterstützung. So hat jede auf ihre Weise einen Beitrag zum Gelingen geleistet. Und wir gemeinsam einen ersten Schritt zur Rettung der Welt und zur Umverteilung der Ressourcen. Klein, aber nicht ohne …
Darauf trinken wir nach dem offiziellen Abschied in der Bar um die Ecke ein Bier. Spannende Gespräche weben sich über die Stehtische. Schließlich ein herzliches Tschüss in die Runde. Wir hören voneinander, wir schreiben uns, du liest von mir …
Und jetzt bin ich einfach nur froh, dass das Ganze vorbei ist. Und endlich Wochenende. Mein Kissen ruft.
Liebe Soso, ein ähnliches Puzzlespiel habe ich auch mal mit einer Gruppe zu lösen gehabt. Für mich interessant: So, wie wir als Gruppe die Lösung angingen, agieren wir auch generell als Gruppe. Einzelkämpfer, die sich schnell und pragmatisch zum Team formieren. Schon erhellend, was ein Spiel zeigen kann. Liebe Grüße, Petra
wie im kleinen so im großen – wie wahr solche sätze doch sind, liebe petra.
spannend ist sowas wirklich, auch im „selbsterfahrungskontext“.
liebe grüße, soso
ich habe ja lange zeit meines lebens solche spiele gehasst, albern und blöd gefunden. mittlerweile habe aber selbst ich begriffen, dass sie eine möglichkeit darstellen, seiten an sich selbst, aber auch seiten des miteinanders auf eine art zu erleben, die sonst nicht möglich ist.
genau diese ambivalenz verspüre ich in solchen situationen auch, liebe mützenfalterin.
und doch: eigentlich lässt sich das leben immer in klein abbilden. wir sind eben überall uns selbst. mit diesen ambivalenten gefühlen.
was ich dabei nicht mag, ist, beobachtet zu werden. mich selbst beobachten würde mir in solchen momenten bestens genügen 🙂
spannend ist das ganze aber trotzdem.
herzlich, soso
Gratulation, es ist geschafft!
Nun wüsste ich schon gern, ob es dir jetzt nützlich bei der Stellenfindung ist. Oder überhaupt, was dir das Seminar jetzt brachte…
..grüßt dich Monika herzlich
liebe monika
du stellst fragen 🙂 … ich glaube, bei mir ist „etwas gebracht haben“ immer eine mischrechnung. sicher habe ich mehr menschlich dazugelernt, als beobachterin unserer gruppe, unserer gesellschaft. für die stellenfindung? vermutlich auch. falls ich denn endlich wüsste, was ich überhaupt finden will …
herzlich, soso
Damit kommen wir meiner speziellen Meinung zu solcherlei Seminaren schon ein gutes Stück näher! 😉
..grüßt dich Monika nochmals
😉
Ich freue mich mit Dir, liebe Soso, dass Du aus dieser Zeit auch durchaus Positives mitnehmen konntest! So sollte es ja auch sein! Ich kann mich auch gut dem Kommentar der Mützenfalterin anschließen, die ähnlich wie ich „solche Spiele gehasst, albern und blöd gefunden“ hat. Auch ich kann inzwischen durchaus positive Selbstlernprozesse dabei ausmachen.
Aber eigentlich sehe ich diese Assessment-Geschichten auch immer noch sehr kritisch, wenn sie als Auswahlkriterien innerhalb eines regulären Vorstellungsprozesses vorgenommen werden. Nach wie vor halte ich ein ganz schlichtes Vorstellungsgespräch, bei dem man sich einander gegenübersitzt und sich miteinander austauscht, für ein wesentlich besseres Instrument.
Alles Gute für Dich, liebe Soso, bei allen weiteren Schritten in Richtung Job, der zu Dir passt!
Herzlich,
mb
danke, liebe mb, für die guten wünsche. ja, das „klassische gespräch“ mag ich auch am besten. in meiner „karriere“ hatte ich immer nur gespräche … und dann immer auch gute arbeitsstellen. nun aber geht es irgendwie drum, eben mit möglichst wenig kompromissen das zu finden, was jetzt zu mir passt und eben auch neben allem andere, das mein leben ausfüllt, geht. kompatibilität sozusagen. und die ansprüche sind nicht kleiner geworden. hm.
deine rückmeldung und die lieben wünsche tun mir gut, danke!
herzliche grüsse an euch zwei
soso
Die Seele ein verletzliches Ding, das wir oft versuchen auszutricksen. Es ist gar nicht so einfach sie zu hören, bei all dem Lärm den wir verursachen und damit meine ich nicht nur den äußeren.
Ich habe deine Sandsteingeschichte gelesen. Kompliment – klasse.
Wenn du soche Geschichten magst, davon geh ich jetzt mal aus, dann schau mal auf meinen Blaufedermond http://blaufedermond.over-blog.de/
Dort habe ich grade, angeregt durch deinen Blogeintrag, ein „altes Seelenmärchen“ von mir hochgeladen.
Liebe Grüße und einen schönen Sonntag, Szintilla
ps.
Toll, das du den Kurs nun der Vergangenheit übergeben kannst und ich wünsche dir, dass er dir ein bisschen hilfreich ist. 🙂
wow, liebe szintilla, das ist eine sehr berührende geschichte. erst nach den tränen kann melinda ihren weg gehen. schön, dass du die geschichte gebloggt hast. sie macht mir mut für meinen weg! danke!!!
herzlich, soso
Ich freu mich, wenn sie dir gefällt, denn ich hatte das Gefühl sie passt irgendwie . 🙂
Dank dir für das Feedback zur Geschichte.
Herzliche Grüße, Szintilla
gerne 🙂
herzlich, soso
Hallo Soso,
damit weiß ich also nun auch, wie du den Kurs im Rückblick siehst, wonach ich dich beim anderen Beitrag fragte. So musst du das nicht extra beantworten :).
Liebe Grüße
Marion
hab ich schon 🙂 doppelt gemoppelt gibt auch warm.
herzlich, soso
Danke, trotz Müdigkeit beiderseits :).
Schlaf fein heut Nacht…
Marion