Wecker sind eine unglaublich unhumane Erfindung. Nicht artgerecht! Eigentlich sollten wir so lange schlafen können, wie unser Körper es uns abverlangt. Eigentlich sollten wir ein unseren Talenten, Neigungen und Anlagen entsprechendes Leben führen können. Eigentlich sollten wir so leben können, wie es uns entspricht. Überall. Alle. Pflanzen und Tiere auch. Denke ich am Morgen und möchte am liebsten weiterschlafen.
Das Leben ist nun mal nicht ideal, denke ich auch und stehe auf. Pervers früh. Der zweitletzte Kurstag. Das Leben ist nicht ideal – der Kehrreim meines Lebens, seit mir Freundin M. vor vielen Jahren diesen Satz ein erstes Mal zu bedenken gegeben hat. Kurskollege G., in einem fiktiven Bewerbungsgespräch nach seinem Motto gefragt, meinte heute Nachmittag:
Ich nehme das Leben jederzeit so, wie es ist, und versuche, immer das Beste daraus zu machen.
Könnte von mir sein. Nein, ideal ist es nicht, das Leben. Nicht meins, nicht das der anderen. Kurskollegin M. hat mir heute im Zeitraffer die äußerst dramatischen Ereignisse geschildert, die ihr Leben in den letzten Jahren ziemlich aus der Bahn geworfen haben. Stehauffrauchen ist sie. Wie ich. Immer wieder sind wir aufgestanden. Wie Kinder, die laufen lernen. Nicht aufgeben.
Im Kurs ist mir, so mit all seinen fiktive Bewerbungsgespräche und -sequenzene, oft so, als wäre ich im falschen Film. Und nein, ich bin leider eine miserable Schauspielerin. Bei Rollenspielen bin ich voll schlecht. Jedenfalls nicht, wenn ich die Befragte bin und mich verkaufen soll. Als Befragerin und Feedbackerin dagegen fühle ich mich sehr wohl. Ich sehe bei den anderen (und auch bei mir) sehr gut, was geht und was nicht. Ähnlich, wie ich auch gut Texte korrigieren und lektorieren kann. Nein, es geht mir dabei überhaupt nicht darum, Finger auf Fehler und wunde Punkte zu legen, eher ist es so, dass mir solche Sachen einfach auffallen. Keine einfache Gabe.
In der Mittagspause setze ich mich vom Rest der Gruppe ab, suche mir einen Platz draußen an der Sonne und tanke Licht und Ruhe. Heute saß ich an der Limmat, hackte einige Kommentare über die externe Bluetooth-Tastatur ins iPhone und genoss den Gedankenraum, der sich in mir aufgetan hatte. Für eine Stunde diese Schiene des So-tun-als-ob des Kurses zu verlassen! Ah, herrlich!
Auf einmal steht ein Mädchen neben mir. Sechs oder sieben Jahre alt. Migrationshintergrund. Fernöstliche Wurzeln. Aufgemaltes drittes Auge. In schönstem Aargauerdeutsch fragt es mich, was ich da mache. Und was das sei. Dabei deutete sie auf meine Pausenbrotdose, in der noch ein verpackter Müesliriegel lag.
Aus meinen konzentrierten Schreib-Gedanken gerissen, murmelte ich etwas von Müesliriegel und dass der mir heute Nachmittag das Leben retten werde.
Darf ich ihn haben? Hätte sie nicht so schamlos gefragt, hätte ich ihn ihr bestimmt gegeben, doch ich war so verdutzt, dass ich ablehnte. Nein, weniger aus Geiz und Angst vor einem Blutzuckersturz entsprang meine Reaktion, wohl eher aus einer Art Nacherziehungsbedürfnis. Das Mädchen schien es gewohnt zu sein, um etwas zu bitten. Wohl auch, das Erbetene zu bekommen. Ob sie das regelmäßig auch bei Unbekannten tut, weiß ich nicht. Ungefährlich ist das ja generell nicht. Meine latente Unfreundlichkeit sollte signalisieren:
Pass auf Mädel, nicht alle sind nett!
Hm. Mist. Wie gerne würde ich ihr sagen: Alle sind nett und alle meinen es gut mir dir. Ist aber nicht so. Leider. Nicht ideal – das Leben. Wie gesagt.
Sie deutet auf meine externe Tastatur.
Was ist das da? Nun bin ich freundlicher. Ich kann einfach nicht (lange) böse sein. Damit könne ich über eine unsichtbare Verbindung ins iPhone schreiben, erkläre ich ihr. Dass man auf dem iPhone schreiben kann, weiß sie, denn das erklärt sie mir. Dass das nämlich auch so gehe.
Ja, aber damit noch viel besesr, sage ich. Und schon ist sie wieder weg, rennt mit anderen Kindern, die aus dem Nichts aufgetaucht sind, um die Ecke.
Lernen. Vieles lernen. Immer noch mehr lernen. Niemals aufhören. Und doch habe ich nur zwei Diplome und ein Ausbildungszeugnis. Alles andere, was ich gelernt habe, zählt nicht. Keine Papiere von irgendwelchen tollen Weiterbildungen habe ich, Autodidaktin, die ich bin. Mein Kursleiter kann es beim Abschlussgespräch erneut nicht glauben. War schon beim Erstgespräch so. Muss er aber. Ist halt so. Womit hätte ich auch teure Weiterbildungen zahlen können, wo ich doch immer nur Teilzeit gearbeitet und daneben gekunstet habe?
Später. Yogagruppe. Vorübungen für den Sonnengruß, den die meisten noch nicht kennen. Ein paar Neue sind in die Gruppe gestoßen. Die Stunde ist nicht besonders anstrengend für mich. Weniger als andere zuvor. Wie Yogalehrerin T. den Schritt vom Hund in die nachfolgende Stellung zeigt und alle außer mir ächzen, weil sie das noch nie gemacht haben, fällt mir ein, wie ich damals, vor zehn oder noch mehr Jahren, ebenfalls geächzt hatte.
Dieser Schritt ins Leere, zwischen die am Boden aufgestützten Hände, ist nicht einfach. Ich habe vergessen, wie schwer das war.
Wir vergessen oft, dass das, was wir können, uns einst nicht bekannt war. Dass wir es einst nicht gekonnt haben. Dass das längst nicht alle können. Kunst kommt von Können. Gute alte Binsenwahrheit.
Oh weh, schon wieder so ein Text aus einzelnen Puzzleteilen. Ein Flickenteppich. Ein Buntgewebe. Output vieler Inputs. Buchstäbliches Stoffwechselprodukt. Wörtliches Furzen. Kopfausschüttung. Bloggründüngung. Herzgespinst.
Am besten ist wohl, ich schleich mich einfach – dankend fürs Lesen – auf leisen Sohlen davon, wie es Emil immer so schön schreibt.

Buntgewebe ….. gefällt mir, das zeigt viel mehr vom Innenleben als ausgefeiltes, geschrieben-korrigiertes und lektroiertes in Form gebrachtes Gedankengut. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende – lg Stefunny
danke, liebe steffy – ich denke, auch ein ausgefeilter texte kann und könnte das. doch zuweilen, wie gestern, bin ich für noch mehr feinarbeit einfach zuuu müde.
danke für deine rückmeldung!
schönes WE auch dir!
herzlich, soso
Das ist, müde hin oder her, ein sehr, sehr schöner Text.
oh, herzlichen dank! vielleicht grad weil müde?
Der erste Abschnitt Deines Eintrags: So habe ich es jetzt. Nach langen Jahren, die letzten davon nur noch Kampf und Angst und Stress und Widerwille, dorthin zu gehen. Jetzt ist es endlich gut. Luxuriöse Freiheit, die ich zu schätzen weiß.
Gruß von Sonja
du hast es gut, aber keine angst, ich neide es dir nicht. ich gönne es dir von herzen!
liebe grüße, soso
Halb fünf von Montag bis Freitag … Bald wieder vorbei, zum Glück.
Aber es sind nicht die Wecker, es ist diese unsägliche Idiotie „Menschen müssen von sechs Uhr an arbeiten, sonst sind sie einfach nur faule Schweine“.
das ist nicht nur unhuman, das grenzt an folter. die idiotie ist in köpfen und zellen und überall. und irgendwie nicht auszurotten. eine idee, die nachwächst. grmpf.
dass du kein faules schwein bist, beweisen deine tollen blogartikel und dein engagement!
herzlich, soso
Liebe Soso,
du schreibst mir aus dem Herzen, soviel möchte ich heute Abend – müderweise nach einigen Stunden Feilen an einer Blindbewerbung, immer wieder unterbrochen durch irgendwas – noch zu deinem sehr schönen Text sagen.
Manchmal versteh ich die Welt nicht ob der Zwänge, in die die meisten von uns sich hineinzwängen müssen, weil sie das System noch nicht ändern können, in dem wir leben.
Wir alle sollten mit dem, was wir natürlicherweise am besten können und daher am liebsten tun, anderen dienen und davon leben können.
Inzwischen ist dein Kurs also durch, nehme ich an. Würdest du ihn nochmal machen, wenn du vorher weißt, was auf dich wartet? Nehme ich das richtig wahr, dass er dir die Diskrepanz zwischen einem freien selbstbestimmtem Leben und der Mühle des Funktionierens in diesem System nochmal vor Augen geführt hat, ohne dass du dich dadurch besser fühlen könntest? Eine Suggestiv-Frage?
Liebe Grüße
Marion
danke, liebe marion, für deine zeilen.
übrigens: blindbewerbungen heissen heute proaktive bewerbungen oder initiativ-bewerbungen, denn blind sind sie ja nicht. 🙂 dies nur so am rande. denn ein paar neue wörter habe ich ja im kurs doch auch gelernt. ob ich ihn nochmals machen würde? ja. wenn er mir, wie jetzt, bezahlt würde. als selbstzahlerin eher nicht. ja, die diskrepanzen wurden mir aufs neue bewusst, aber das ist ja nicht nur schlecht. ich habe ziemlich viel nicht nur über mich herausgefunden, sondern auch besser verstanden. ob ich mich dadurch besser oder schlechter fühle? das kann ich so nicht sagen, weil es ja nur dieses eine gibt – dass ich den kurs eben gemacht habe. und da ich nicht an fehler glaube, ist das gut so. hihi.
ja, ich lerne ständig, und auch das ist gut so.
auch wenn ich natürlich die zeit vom kurs auch gut anders hätte verbringen können, keine frage.
ich glaube, lebenszeit verschwenden wir eigentlich nur dann, wenn wir das, was wir tun, ohne überzeugung tun. und das war es ja nun doch nicht …
ich hoffe, du hast mich einigermassen verstanden, ich bin nämlich auch sehr müde 🙂
herzlich, soso
Hallo Soso,
ja, ich hab dich verstanden.
Die Firma, bei der ich schon länger mit dem Gedanken spielte, eine solche Bewerbung zu machen, fordert auf ihrer Website dazu auf. Da ich deren Eigenbeschreibung sehr gut finde und mir einiges an denen gefällt, fühlte ich mich eingeladen, es auf diesem Weg zu versuchen. Vor ein paar Wochen wurde es auf deren Website Initiativbewerbung genannt. Als ich heute tatsächlich dran ging, fand ich dort nur noch den Ausdruck Blindbewerbung, also hab ich meine Bewerbung entsprechend genannt.
Liebe Grüße
Marion
dann ist daran nichts auszusetzen. ich hätte es wohl dennoch initiativ- genannt, nehme ich an …
da drück ich dir also ganz fest die daumen! herzlich, soso
Beim hier drüber austauschen dachte ich auch, ich hätte sie dennoch Initiativ… nennen können, klingt einfach besser. Egal, der Erfolg wird nicht DAVON abhängen.
Danke fürs Daumen drücken, ganz lieb. Ob ich bei dieser Firma gut aufgehoben wäre, weiß jemand anderer. Also lass ich mich überraschen, was geschieht… 🙂 Im immer wieder Üben ins Vertrauen, dass das geschieht, was das Beste für mein höchstes Wohl ist.
LG
Marion
loslassen üben ist wohl etwas vom schwierigsten … ich nenne all das nicht von uns beeinflussbare serendipität 🙂
herzlich, soso
Ich übe – immer wieder :). Es gelingt, es gelingt nicht, es gelingt, es gelingt nicht… Tja 😉