ich müsste platzen

Machen uns Illusionen möglicherweise zu besseren Menschen? Weil sie uns das Leben von seinen schönsten Seiten zeigen? Weil sie unseren Glauben an das Schöne-Gute-Heilsame aufrecht erhalten? Weil sie uns glücklich machen? Es sind ja auch die guten Menschen in unserem Leben, die uns zu besseren Menschen machen (können). Gut ist ansteckend. Schlecht allerdings auch. Was ist es, was uns wie entscheiden lässt und ist dieses Es außen oder innen? Huhn oder Ei?
Schreibend verbinde ich meinen ganz persönlichen Hühnerstall mit dem Ei in der Pfanne. Schreiben ist für mich ein notwendiger Stoffwechselprozess. Nicht das Geschriebene an sich zählt primär, sondern der Prozess. Er ist unabdingbar und überlebensnotwendig. Wie das Scheißen.

Wir gehören einer Sippe an, die mit Wörtern um sich wirft. Wir produzieren mehr Kultur, als wir verdauen können.

Jostein Gaarder in: Der Geschichtenverkäufer
Natürlich stellt mich Gaarder mit diesem Buch ganz schön in Frage. An einer Schlüsselstelle des Buches lässt sich Gaarders Protagonist Petter genau über meine Spezies Mensch aus: Über (uns Möchtegern-)Autorinnen und Autoren. Nicht eben rühmliches lese ich. Da ist von Eitelkeit die Rede, von Einfallslosigkeit und von solchen Schreiberlingen, die zwar ihr Handwerk, das Schreiben, beherrschen, aber nichts zu sagen haben. Die in der Mittelmäßigkeit und Alltäglichkeit vor sich hin dümpeln. Denen verkauft Petter seine Ideen. Jeder und jedem einzelnen vermittelt er das Gefühl, die oder der Einzige zu sein. Auserwählt. Und natürlich wird eine Autorin nach einem Bucherfolg niemals verraten, dass sie die maßgeschneiderte Idee (den Plot, das Sujet) auswärts eingekauft hat. Petter ist sicher mit seinem Geschäft. Jedenfalls bis ihn jemand ablehnt und auch nur so lange niemand seinen Schriftstellerkumpels erzählt: Da hat mir doch neulich einer versucht, eine Synopsis zu verkaufen.
Die Frage steht ebenfalls im Raum (und im Buch), ob eine Erzählung wirklich ohne Einflüsse von außen werden kann. Nur aus dem Innern eines Menschen geboren. Petter, der Ich-Erzähler dieser immer abstruser werdenden Geschichte, stellt sich quasi als unermesslichen Brunnen dar, der aus den tiefsten Tiefen der unermesslichen Ideenquelle stetig schöpft und ständig neue Geschichten zu erzählen in der Lage ist. Ich denke immer wieder über diesen Ansatz nach, seit Tagen schon. Seit ich das Buch lese. Wir haben sogar schon darüber diskutiert, in Blogs irgendwo, dass alles, was wir von uns geben, irgendwelchen Einflüssen geschuldet ist. Einer Inspiration.
Scheiden wir aus, was wir mehr oder weniger autonom verdaut haben oder plappern wir zuvor Aufgenommenes einfach nur nach? Wie sähe wirkliche Originalität ohne jegliche Außeneinflüsse aus?
Ein kreativer Ansatz, originelles Denken, ungewöhnlich witzige oder ernsthafte Herangehensweisen an Themen, scharfsinniges Infragestellen sind mögliche Verdauungsvorgänge, die dafür sorgen, dass das erzeugte Stoffwechselprodukt unverwechselbar mit mir (mit dir, mit ihr) in Zusammenhang gebracht wird. Bildsprache nennt sich das in der bildenden Kunst. Beim Schreiben ist es nicht anders.
Petter durchschaut den Buchmarkt, erkennt die Zeichen der Zeit, hängt die Fahne nach dem Wind (und ich reihe hier Klischee an Klischee). Petter weiß darum, was gefragt ist. Und das liefert er (also auch er den jeweiligen Einflüssen gehorchend?). Er ist käuflich und er lebt gut von seinen Ideen. Er verzichtet auf den Ruhm, weil er lieber Ideen als ganze Romane gebärt und dafür erst noch Geld bekommt. Viel weniger anstrengend als ganze Romane schreibenund danach im Rampenlicht stehen zu müssen. Lieber sieht er „seinen“ Schriftstellerinnen und Autoren zu, wie sie mit seinen Geschichten Bestseller schreiben.
Er zeugt Kinder, sozusagen, doch er sieht ihnen nicht, oder nur aus der Ferne, beim aufwachsen zu. Das tut er, im Laufe der Geschichte sogar in seinem wirklichen Leben. Eine einzige Frau, Maria, die ihm das Wasser reichen kann (nein, bescheiden ist Petter nicht), lässt sich von ihm – von ihr gewünscht doch in gegenseitiger Absprache – schwängern und verschwindet anschließend nach Schweden. Seine Tochter sieht er nur wenige Male, mit dreijährig das letzte Mal. Eine Metapher und eine Realität, die zu Petters Leben passen. Sein Hühnerstall.
Nein, ich schreibe in erster Linie nicht, weil ich etwas zu erzählen habe (also mit dem Publikum vor Augen, das gebannt an meinen Lippen hängt, nicht missionarisch getrieben also), sondern ganz einfach, weil ich schreibend verdaue. Ich werfe, mit Gaarder gesagt, mit Wörtern um mich, weil ich sonst ersticken würde. Weil ich platzen müsste. Erst zweitens, weil es mir Freude macht, meinen Gedanken eine schriftliche Form zu geben und drittens, weil zuweilen dabei etwas entsteht, das geteilt werden will. Eitelkeit? Nenn es wie du willst, Petter, ich nenne es überlebensnotwendig.

Der mit Geschichten handelt

Es wäre ja mal spannend, erzähle ich Irgendlink heute morgen am Telefon, wenn wir das gleiche wie zurzeit in einigen Blogs mit Bildern geschieht, mal mit Texten ausprobieren würden.
Ich finde es so toll, wie in den verschiedenen Blogs die Kommentarkultur so phantasievoll geworden ist und aus einzelnen Bildern ganze Geschichten entstehen und wir einander Wollknäuel zuwerfen und mit diesen weiterstricken. Das könnte man auch mit Texten machen. Mit Geschichten. Mit einzelnen Szenen.
Es lebe die Phantasie! Petter, der Protagonist in Jostein Gaarders Geschichtenerzähler, das ich zurzeit lese, ist Träumer und Realist in Personalunion. Nicht einfach, wenn man bei allem, was einem vorgesetzt wird, von klein auf weiß, wie es richtiger und besser wäre. Als Schüler verkauft er sein Wissen und seine Ideen – in Literatur, in Mathe oder in Religion ist dabei unwesentlich – gegen harte Währung. Und noch während der Junge mit seiner Mutter im Theater sitzt, den Vater in den Zirkus begleitet, einer Radiosendung lauscht oder den Moderator im Fernsehen beobachtet, weiß er, wie auch hier das Ganze viel besser, viel lustiger, viel phantastischer inszeniert werden könnte.
Doch hört selbst.
[soundcloud url=“http://api.soundcloud.com/tracks/67377441″ iframe=“true“ /]
Wie die Geschichte weitergeht? Ich habe keine Ahnung. Nur ein paar Ideen. Und du?
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Das Buch: (klick drauf zu Amazon)

Und das sagt Wikipedia zur Geschichte: hier klicken!

Gummibaum

Eben habe ich mein erstes Sound-Teil auf Soundcloud geladen. Dreimal dürft ihr raten was … 🙂
Richtig,  ein weiteres Lied von Patent Ochsner. Aufgenommen von Irgendlink am Konzert in der Mühle Hunziken am 26. Oktober 2012

[soundcloud url=“http://api.soundcloud.com/tracks/67264492″ iframe=“true“ /]

I bi dr Gummiboum.
U schtah eifach so chli da,
so wie jedä Gummiboum,
’sch im Fau aues, woni cha.

Ich bin der Gummibaum.
Und steh einfach so ein wenig da,
so wie jeder Gummibaum,
das ist im Fall alles, was ich kann.

U i nime d Tage so, wie si sii,
u si chömed u gö wider verbii,
u aues wird anders oder blibt wies isch gsii,

Und ich nehme die Tage so, wie sie sind,
und sie kommen und gehen wieder vorbei,
und alles wird anders oder es bleibt wie es war,

ja i nime d Tage, so we si sii,
u si chömed u gö wider verbii,
aues wird anders oder blibt wies isch gsii.

ja, ich nehme die Tage so, wie sie sind,
und sie kommen und gehen wieder vorbei,
und alles wird anders oder es bleibt wie es war,

ja aues wird anders oder blibt wies isch gsii.

ja, alles wird anders oder es bleibt wie es war.

I bi dr Gummiboum
u verstoube fängs ä chli,
oh Gummiboum.

Ich bin der Gummibaum
und verstaube so allmählich ein wenig
oh, Gummibaum

I bin ä geile huere Gummiboum,
öppert mues ne schliesslich sii.

In bin ein geiler hure Gummibaum
jemand muss ihn schliesslich sein.

by Patent Ochsner, 2012

Den Text habe ich gefunden auf http://artists.letssingit.com
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Und bereits freue ich mich riesig auf Februar vor …


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Bild: iDogma | Appspressionismus –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

atmen

Heute erteile ich Linard Bardill das Wort.
Ein Wort zum Tag und eins zum Leben auch gleich:

Die Zeit heile Wunden
sagt man
doch die Zeit heilt nichts
es ist das Vergessen
das uns wieder lachen
lieben und singen lässt
Darum lobe ich das Vergessen
es macht uns lustig
und hilft uns
die grimmigen grauen
Gedanken fahren zu lassen
Wie der Wein
wie der Schlaf
Wie der Augenblick
der nie schmollt
oder grollt
oder atemlos ist
Ich zähle meinen Atem
Es gibt keine Wunden
Es gibt keine Zeit
Es gibt kein Vergessen

Linard Bardill im November-Newsletter

Zufallsgeneratoren und so Sachen

Sag eine Zahl zwischen 1 und 360, sagt der Liebste beim Spätstück. Ich kaue an meinem Käsebrot. Denke: Kreis?
137, sage ich schließlich, du denkst an Himmelsrichtungen, stimmt’s? Er grinst.
Während du die Himmelsrichtung bestimmt hast, habe ich mir eine Zahl zwischen 1 und 50 ausgedacht, sagt er. Die Distanz in Luftlinie. 23.
Nachdem wir den Tisch abgeräumt haben, forschen wir nach unserem heutigen Tagesziel. 23 km von hier entfernt, in Richtung Südost, genau gesagt 137 Grad von hier aus. Mit meiner GPS-App namens GPS-Kit, die fast so gut ist wie ein richtiges GPS-Gerät, peile ich den Ort. Ein bisschen ungefährer als Irgendlink mit seinem Magellan Explorist, einem zwar alten, aber „richtigen“ GPS – aber immerhin auf 200m genau. Wir definieren den exakten Punkt im Koordinatennetz und suchen im Internet nach Geocaches* in der unmittelbaren Nähe unseres Ziels. Ein ganzes Nest hat es! Eins davon ist eine Bibliothek, eine Büchertausch-Box aus Tupperware, versteckt mitten im Wald. Was für eine geniale Idee! Wie wir wenig später die Dose finden und ich ein spannendes Buch (im Tausch gegen eins von Jürgens Jugendbüchern, „Störtebecker“) herausziehe, denke ich: Das muss so! Genau hier muss ich genau jetzt sein! Obwohl wir durch Zufall hier sind. Weil ich 137 gesagt habe und Irgendlink 23. Und obwohl ich ohne dieses Spiel nie hier gelandet wäre. Ein Märchenwald par excellence. Moos wie im Zauberwald. Pilze, wohin ich blicke.
Um unserer verrückten Idee endgültig Genüge zu tun, gehen wir los und suchen den ermittelten exakten Punkt. Hier finden wir eine Föhre. Stolz steht sie da und lotst uns weiter in den Wald. Zufall?

Zufall, dass wir mit unsern ausgedachten Zahlen mitten im Wald landen und nicht irgendwo in einem Dorf. Oder in einer Stadt. Ob der wunderbare Sonnenuntergang, den wir beim nächsten Cache, den wir auf dem Rückweg finden, auch bloß Zufall ist? Dass wir genau dann, genau dort sind und diese Weitsicht genießen können? Die Idee, sich an“zufällig“ ermittelte Plätze zu begeben, wollen wir auf jeden Fall weiterverfolgen. Zufall, dein Name sei Serendipität … 🙂

Nicht zufällig, sondern ganz bewusst geht’s auf Sofasophia appt die Welt fast täglich weiter mit neuen Bildern aus den Archiven. Eine Geschichte des Appspressionismus sozusagen.
Ebenfalls nicht zufällig, sondern ganz bewusst haben wir für pixartix_dAS bilderblog vor ein paar Wochen eine neue Idee umgesetzt. Unsere Online-Blog-Galerie macht nicht nur uns immer mehr Spaß, sondern auch unseren illustren Gästen. Bereits haben Frau Blau, Uwe, Lakritze und Tabea ausgestellt. Die nächsten Wochen zeigen wir Werke von Samtmut, Cambra Skadé, Dina Toffeefee und Haushundhirsch. Weitere Künstlerinnen und Künstler werden folgen.
Beim Herumbildern für ihre pixartix-Ausstellung hat Frau Samtmut einiges auflaufen lassen. Doch sogar aus Überflüssigemfluss lässt sich Tolles bauen. Dieses Bild hier zum Beispiel, das sie mir geschenkt hat … es soll euch Lust machen auf einen Besuch auf pixartix. Wir freuen uns schon sehr auf mehr.

Pic by Samtmut

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* für NeuleserInnen: Wir sind gerne in der Natur unterwegs, am liebsten auf der Suche nach Erdverstecken/Geocaches. Das ist eine Art moderne Schnitzeljagd mit Unterstützung durch Internet und Koordinaten/GPS. Siehe auch: geocaching.com.

Wäscheleine einmal anders

Wo soll ich bloß anfangen? Am Anfang, sagst du? Am Anfang war das Rad. Am Anfang war die Reise. Am Anfang war „Ums Meer 2012“, denn ohne diese Reise wäre der gestrige Abend so nicht möglich gewesen.
Darum für alle meine neuen Leserinnen und Leser hier gleich ein paar Sätze zum Anfang … Alle andern bitte einfach weiterscrollen bis #.
Liebe neue Lesende. (Meine Statistikzahlen machen mich glauben, es sei so, dass es euch gibt …).
„Ums Meer 2012“ heißt das multimediale Kunstprojekt, das mein Liebster, Irgendlink, dieses Jahr während vier Monaten realisiert hat. Eine Radreise von 7663 Kilometern. Doch dabei hat Irgendlink nicht nur viele Kilometer zurückgelegt, sondern auch seinen eigenen Strom erzeugt, um sein iPhone zu füttern. Dieses Teil war bei diesem Projekt die Schnittstelle für seine Kunst, die er unterwegs geschaffen und direkt ins Internet geladen hat. Meist jedoch kamen die Texte und die Bilder zuerst zu mir, die ich das Projekt redaktionell betreut habe. Ich habe die Wörterdecke gepackt, sie ausgeschüttelt wie Frau Holle und die herauspurzelnden Tippfehler kompostiert. Den Rest habe ich ins Blog Irgendlink gestellt, wo die Reise in Text und Bild noch immer nachzulesen ist. (hier klicken).
# Alle wieder da? Dass eine Ausstellung mit ganz viel Arbeit verbunden ist, weiß ist längst, habe ich doch sowohl selbst schon ausgestellt als auch Irgendlink bei Ausstellungen assistiert. Von daher weiß ich, was die PrismatInnen dieser Tage geleistet haben! Die Zweibrücker Kunstgruppe Prisma, die sich diesen Frühling formiert hat, zeigt seit August 2012 in einem zweistöckigen Lokal Kunst verschiedenster Genres. Gestern eröffnete die Gruppe bereits ihre zweite Ausstellung dieses Jahres. Die Idee ist, dass jede neue Ausstellung der neun Künstlerinnen und Künstler mit einem Event gefeiert wird … Mit großem Enthusiasmus und viel Energie legten sich alle ins Zeug, um ein gemeinsames Kunstwerk in den Räumen zu erschaffen. Es hat sich gelohnt!
Klang- & Bildreise war das Thema der gestrigen Ausstellungseröffnung. Irgendlinks Diaschau-Film „Ums Meer 2012“, den es in „klein“ auch auf Youtube gibt, kam gestern richtig groß heraus.* Die Galerie war so voll, dass sich die Leute buchstäblich auf die Füße traten und der viertelstündige Film – je in sepia und in „farbig“ – immer wieder gezeigt werden durfte. Michael Wack, ein begnadeter Klangkünstler schaffte das Wunder, die Diaschau, musikalisch so gekonnt in Szene zu setzen, dass Rhythmus und Aussage der Bilder noch verstärkt wurden. So oft ich die Schau auch in klein auf dem Laptop geguckt hatte, konnte ich mich doch gestern an ihr kaum sattsehen. Immer wieder entdecke ich neue Details in der Fülle der Bilder. In groß, auf die Wand gebeamt, war die Wirkung einfach umwerfend. Das Echo des Publikums war gewaltig. Die einen mochten lieber die auf alt getrimmte Sepia-Version, die anderen das Bunt der zweiten Schau. Es kam zu tollen Begegnungen und Gesprächen jenseits von Smalltalk.
Besonders beeindruckt waren viele KunstliebhaberInnen auch von der Hängung der neuen Bilder. Nicht nur über das Konzept der ganzen Ausstellung hörte ich rühmliches, auch Irgendlinks neue Bilderserie kam super an. Wo normalerweise Bilder in tollen Rahmen die Wände zieren, hat Irgendlink diesmal, der Not des leeren Geldbeutels gehorchend, die bekanntlich erfinderisch macht, eine unsichtbare Schnur hin- und hergespannt, an welche er achtzig auf 10×15-Papier gedruckte 9×9-Bilder von der Reise gehängt hat. Das gute alte Wäscheleine-Prinzip, edel und ästhetisch umgesetzt. Was sich kaum beschreiben lässt, sieht wirklich saugut aus.
Innovative Hängung!, befand ein befreundeter Galerist, dem es ganz besonders die handschriftlichen Texte auf den Bildern angetan haben. Irgendlink hatte auf den freien Platz unter jedem Bild feinsäuberlich Informationen über den jeweiligen Standort der Aufnahme (Ort, Land, Koordinaten) notiert.**
Sie sehen ein bisschen wie Polaroids aus!, meine eine ältere Kunstliebhaberin. Hat was.
Je später der Abend desto kleiner die Schar und desto angeregter die Stimmung. Gemeinsames Gläserspülen. Aufräumen. Lachen. Da ein bisschen Rumblödeln, dort ein wenig Philosophieren. Spaß hat’s gemacht.
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* die DVD mit den beiden Filmen (10 Euro plus Versand) sowie das Poster (35 € plus Versand) bitte bestellen bei homebase@europenner.de.
** Auch die Bilder sind käuflich. Mit handgeschnittenem Passepartout (aber ungerahmt) erhältlich für 15 € (plus Versand). Jedes Bild aus dem Irgendlink-Blog „Ums Meer 2012“ (hier klicken) kann so aufbereitet werden!

Zu beschäftigt?

Nein, schnell hier raus. Ich muss ja nicht. Ich bin nur zum Anschauen hier!, denke ich, nachdem ich endlich den Eingang gefunden habe. Was für ein versifftes Industriegebiet und was für eine versiffte Bude! Eigentlich wollte ich die Frau am Schalter nur fragen, ob sie mir sagen kann, wo der Eingang von Blablub ist, dem Beschäftigungsprogramm, bei dem ich mich heute vorstellen soll. Von dem ich mir heute eine Vorstellung machen soll. (Ob es was wäre für die nächsten Monate.) Ich sei am richtigen Ort, sagt die junge Frau, und will mir auch gleich einen Kaffee anbieten. Als Nicht-Kaffeekompatible lehne ich dankend ab und setze mich in den Vorraum, wo bereits drei andere Frauen und ein Mann warten. Ich lasse mir von der Panik nichts anmerken und atme tief durch. Guck es dir doch einfach mal an!, ermutige ich mich.
Zwei Minuten später kommt ein smarter Fünfziger, schüttelt allen nett die Hand und heißt uns in den dritten Stock in den Kursraum. Dort stellen er und der Leiter des Radios uns potentiellen Praktikantinnen und Praktikanten das Projekt Blablub vor. Zum einen ein freies Kulturradio, werbefrei und semiprofessionell-professionell geführt, zum anderen Trainingsort und Beschäftigungsprogramm für radiointeressierte Stellensuchende. Themen der Sendungen: Ein Leben mit Autismus, Schwerhörigkeit und anderen Einschränkungen. Oder: wie sieht der Alltag eines Bestatters aus, eines Linienpiloten, einer Wasweißichwasverrücktes. Halt einfach Sendungen, die anders als Mainstreamgebabbel sind. Auch die Musik setzt alternative Akzente. Ziel ist a.) gutes Radio zu machen, b.) interessierten Menschen das Radiomachen beizubringen und c.) das Radio zu einem Sprachrohr zu machen für interkulturelle Belange. Zwischen sieben und neun Uhr abends ist nämlich immer internationale Kost angesagt. Sendungen von vielen Freiwillikgen kreiert. Danach Themensendungen.
Ein Zivi, der dort seinen Dienst leistet, führt uns durch das Gebäude. Spannend, trotz der Vorbehalte. Nur im Redaktionsraum klopft mein Herz. Es ist der größte und der hellste Raum. Drei sympathische Menschen arbeiten an Texten und an Tonaufnahmen. Weitere Praktikumsplätze gibt es in der Technik, in der Administration, in der Werbeabteilung, im Da und im Dort. Mein Herzseismograph hat aber nur in der Redaktion ausgeschlagen.
Im Kursraum stellen wir uns in der Runde kurz vor, werden von den beiden Leitern auf Tauglichkeit abgeklopft. Eine sagt schon von vornherein, dass sie sich hier ein Praktikum nicht vorstellen kann, eine zweite sieht sich am Empfang. Wir drei andern sind nicht abgeneigt, obwohl ich mich sehr unsicher fühle. Meine Schwäche sei, sage ich in der Vorstellrunde, dass ich eine Nachteule und eine Morgenmuffelin sei. Und dass Montagmorgen acht Uhr früh Sitzungsbeginn relativ unmenschlich sei. Jedenfalls für mich. Lachen in der Runde. Obwohl ich es ernst meine. Acht Uhr heißt, halb acht auf den Zug oder noch früher. Heißt auch morgendliche Rushhour. Ausgerechnet das, was ich am wenigsten vertrage. Warum machen die aber auch ihre Sitzungen nicht am Nachmittag? Montagmorgen um acht anfangen und dann gleich mit einer Sitzung? So früh am Morgen denken und reden? Hallo?!
Wir sollen uns morgen telefonisch melden. Sagen, ob wir es uns vorstellen können oder nicht. Falls ja, gibt es einen Schnuppertag. Und danach wird entschieden. Wäre bloß die frühe Arbeitszeit nicht … Mein Zögern ist vielschichtig.
Wir fünf Menschen, die wir uns für ein Praktikum beim Radio Blablub vorgestellt haben, wir fünf, wir sehen alle relativ normal aus, denke ich. In der Runde ist mir aber schnell klargeworden, warum wir aus dem Netz gefallen sind. Alle haben wir etwas, das nicht in die auf Stromlinie konditionierte Gesellschaft passt. Vielleicht zu wenig dies oder zu viel das.
Zurück in die Stadt, am Bahnhof vorbei. Ich gucke mir die Menschen genau an, die meinen Weg kreuzen, und denke: Wer ist normal? Der jedenfalls nicht. Die auch nicht. Und die eckt damit an und der damit. Noch nie habe ich so viele mit sich selbstsprechende Menschen gesehen wie heute in dieser knappen Dreiviertelstunde unterwegs in Aarau. Ich glaube, ich habe sogar mal wieder die alte Fromme gesehen. Jedenfalls hat sie mich an jene Frau erinnert, die früher, vor sehr langer Zeit, als ich hier noch zur Schule gegangen bin, herumlief und allen vom lieben Gott erzählte.
Ich bummle ein wenig durch die Altstadt. Wegen des Rüeblimarktes sind überall Blumentöpfe und mit Karotten behängte Tannen aufgestellt. Am Graben, der Marktgasse mit den Bsetzisteinen, stehen noch die leergeräumten Marktstände. Ich besuche den Bioladen um für das Königinnentreffen* morgen Abend etwas Feines zum Dessert zu kaufen. Unterwegs bleibe ich an einem Kartenständer stehen und lese ein paar Lebensweisheiten. Dass sich diese Kluge-Sprüche-Postkarten in den letzten Jahren inflationär vermehrt haben, kann nur eins bedeuten: Sie sind gefragt. Menschen mögen ermutigende Worte wie Nur du kannst deinen Träume leben. Es sind die gleichen Menschen, die sich frühmorgens um sieben in volle Züge quetschen. Die gleichen Menschen, die sich anpassen und verbiegen, damit sie ja nicht aus dem Netz mit seinen losen Maschen fallen. Die gleichen Menschen. Wir alle. Wir mit unsren Träumen. Wir mit unseren Wünschen.
Um halb fünf setze ich mich in den vollen Zug. Nein, zur Pendlerin tauge ich wirklich nur bedingt, erkenne ich, Bahnhöfe machen mich kribbelig. Ich wünsche mir eine Arbeit in B. oder in W.. Jedenfalls ganz in der Nähe von zuhause. Lange Arbeitswege stressen mich. Oder sind es die vielen Menschen? Der Lärmpegel? Soziophobin ich. Zu neunt sitzen wir in zwei Vierer- und einem Zweierabteil. Sechs Menschen davon fummeln an einem seltsamen Kunststoffteil herum. Wahlweise mit einem oder zwei Fingern traktieren sie drauftippend oder mit hin- und herfließenden Bewegungen dieses seltsame Ding (ich auch). Beim einen ertönt aus dem Kunststoffteil auf einmal Musik, worauf er mit dem Ding zu sprechen anfängt. Viel zu laut. Ich sitze rückwärts, wie meistens, und sehe der Sonne beim Untergehen zu.
Schön wie sie das macht, immer wieder neu.
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* Vier regionale Blogerinnen Königinnen treffen sich zum Essen.
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Ach ja, und wem die beiden Songs von Patent Ochsner gestern gefallen haben, dem gefällt vielleicht auch dies hier: Johnny. Der ist auch so ein nichtsnutziger Tagedieb wie ich. Die Zeit sei eine Schnecke ohne ihn, singt Büne Huber. No tengo salud ni suerte, viva, viva la muerte!
hier klicken: http://youtu.be/a1zN4RUGjfE

Gibt's über uns einen Himmel?

Endlich habe ich die Nuss geknackt und mit Audacity die Streams die mein Liebster am Patent Ochsner-Konzert vor zehn Tagen (heimlich als Überraschung für mich) aufgenommen hat, in einzelne Schnipsel unterteilt. Die Stücke sind erstaunlich gut (also natürlich den Verhältnissen entsprechend). Mit Bildern, die ebenfalls Irgendlink geschossen hat, habe ich nun eine Diaschau gemacht. Dies hier ist ein sehr sanftes Lied, im ziemlichen Kontrast zu all den anderen, die sie am Konzert gespielt haben. Und entsprechend liebevoll hat Büne es angesagt. 🙂
[youtube=http://youtu.be/rIjdFljzEBs]
Der Text dieses Liedes ist sehr einfach. Und die Melodie erinnert an eine Hymne oder an ein Kinderlied, da die Ochsen nicht nur auf jazzigen, bluesigen und rockigen Wiesen grasen, sondern auch altes Liedgut neu aufbereiten.

# Es regnet schwarzen Honig in den Hinterhof. Eine kleine Welt geht unter. Wir hocken da auf wackeligen Stühlen in diesem windschiefen Haus. Die größten Ängste und Zweifel, die warten schon mal da. Gibt’s über uns einen Himmel, der uns nicht lässt untergehn? Gibt’s über uns einen Himmel, der uns nicht lässt untergehn?
# Leicht sind wir gewesen, wie Blütenstaub, über dunklen Wolken. Die Jahre sind gekommen und vergangen, haben Spuren hinterlassen und alles, das zerbrechen kann, ist gebrochen und nicht mehr da. Gibt’s über uns einen Himmel, der uns nicht lässt untergehn? Gibt’s über uns einen Himmel, der uns nicht lässt untergehn?
# Ich vergesse dich nicht, vergesse höchstens den Schluss. Bleib in meinem Herzen, und hier, und der Rest bleibt draußen. Gibt’s über uns einen Himmel, der uns nicht lässt untergehn? Gibt’s über uns einen Himmel, der uns nicht lässt untergehn?

Büne Huber (auf CD Johnny – Rimini Flashdown II, erschienen 2012)
(Ich weiß, das ist keine schöne, sondern eine sehr plumpe Wort-für-Wort-Übersetzung von Berndeutsch auf Deutsch, doch sie veranschaulicht, wie die schweizerische Satzstellung eben doch ziemlich unterschiedlich zur deutschen ist.)
+++++++++++++++++++++
EDIT:
Zu schon fast nachschlafener Stunde lade ich noch einen zweiten Film, eine zweite Diaschau, zu Youtube hoch.

Guet Nacht, Elisabeth!

[youtube=http://youtu.be/L-vAhoUoJo0]
In diesem Song geht es um Altlasten, die eigentlich für einen allein – und für zwei zusammen sowieso – viel zu schwer sind. Die Zeit der kalten Sophie ist es. Lass mich gehn … Und zieh dich warm an!

Hinterlassenschaften, Dünger und andere Spurenelemente

… die selbstzerstörerische Desillusion des Das-was-ich-tue-hat-doch-keinen-Wert … Gold hat eigentlich auch keinen Wert. Also alles Trugschlüsse und alles Hirngespinste und vielleicht ist diese Erkenntnis das, was mir den Tag wieder hell macht. Nämlich, im bewussten Zustand bin ich eigentlich ganz zufrieden und ich weiß, dass das, was ich tue, denke und vorantreibe eine Bedeutung hat und ich weiß auch, dass es für andere gerne bedeutungslos oder gar wertlos sein darf. So ist das nunmal, wenn man Zeitgenosse ist. Mehr noch: ich darf in dem, was ich tue, sogar grottenschlecht und dilettantisch sein. Schließlich ist es mein Leben und es sind meine Ideen. Und wenn ich lebe, leben auch die Ideen und wenn ich gegangen bin, leben die Ideen immer noch und wenn sie nicht gut waren, so sind sie verbesserbar, so können sie ein Fundament sein für Besseres,
mailte Irgendlink heute Morgen.
Der Kern, so schrieb ich zurück, der Kern, der Same, die Frucht der Erkenntnis ist, dass wir selbst – NUR wir selbst! – den Wert dessen, was wir erschaffen, ob Gold oder Scheiße, definieren können.
Auch wenn nichts bleibt, so hinterläßt doch alles seine Spuren. Überall.
schreibt Emil ungefähr zur gleichen Zeit unwissentlich auf pixartix im Kommentarstrang.
Wir düngen die Welt. Jetzt. Jederzeit. Wo immer wir sind. Womit düngst du?

Dünne Wände

Allerheiligen steht vor der Tür. Der Todestag meiner Tante M. jährt sich zum ersten Mal. All Hallows‘ Eve. Die Türe nach drüben ist dünner als sonst, diesseits und jenseits rücken zusammen und die Toten winken. Egal, ob sie das wirklich tun oder ob ich einfach nur anders, sensibler auf die Anderswelt reagiere.
Wie viel wiegt Liebe? (siehe dazu auch den gleichnamigen Blogartikel von letztem Jahr über das Leben, den Tod und meine Tante: hier klicken)
Die Welt, wie sie ist. Die ganze. Die Ausschnitte von ihr, in denen ich mich bewege. Ist Australien Wirklichkeit, obwohl ich noch nie dort war? Ist wirklich nur das, was ich kenne, was ich anfassen und anschauen kann? Ist Denken eine Lüge?
Wie wirklich, wie wirksam bewirke ich? Meine zähe und oft genug halbherzige Stellensuche – mangels wirklicher Kenntnis dessen, was ich wirklich will. Viel Zeit, die ich für mich und mein Ding habe. Hätte, wenn ich es denn bloß mehr genießen könnte. Denn eigentlich könnte ich gut immer so leben. Von Langeweile keine Spur. Schmarotzerin? Ich arbeite viel, denke ich, in rechtfertigendem Ton, Kind einer Gesellschaft, in der Arbeit und Tun eine heilige Kuh ist. Ich arbeite viel, ja, doch fast immer ohne Lohn, fast immer an brotlosen Projekten und ja, ich beziehe Arbeitslosenentschädigung. Eine Schande ist das zum Glück hierzulande und heutzutage nicht mehr. Ein Makel dennoch. Und die Zeit, die Rahmenfrist, läuft. Gegen mich.
Immer wieder träume ich vom bedingungslosen Grundeinkommen. Ich habe hier schon früher darüber geschrieben. Hätten wir es bereits eingeführt, würde es mir den Rücken freihalten (dir auch). Damit ich weiter in diesem sehr organischen, friedlichen Rhythmus des künstlerischen Schaffens und Müßigganges leben könnte, den ich – wenn auch nur auf Zeit – für mich gefunden habe.
Lebendiges, waches und einfaches Leben statt eins im Hamsterrad von Leistung und Kommerz.
Die Welt, wie sie ist. Ausschnitte. Alles. Immer. Heute. Allerheiligen.
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Liebe Blogleserinnen und Blogleser aus der Schweiz
Bitte unterschreibt die Eidgenössische Volksinitiative „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ bis spätestens in einem Jahr. Nicht nur mir zuliebe, auch für dich, euch und für eine friedliche Gesellschaft in der der Lebenswert eines Menschen nicht mehr an seiner Arbeitsleistung festgemacht wird.
mehr: bedingungslos.ch