Eine Frage nur

Das schönste W***geschenk, das man mir machen kann? Wenn heute die Welt nicht untergeht* – worauf ich wette (wer macht mit?) –, werden ab morgen die Tage wieder länger. Juhuuu!!!

Für das bevorstehende Lichter-Fest – ihr wisst schon: Sonnwende und die rauhen
Nächten, die ihr folgen – wünsche ich euch allen, liebe Leserinnen und Leser,
eine stille, friedliche, stressarme und genüssliche Zeit.

Mögt ihr das neue Jahr nicht nur gut starten, sondern
auch ein richtig gutes 2013 erleben.

+++ … und nun: Vorhang zu bitte bis zum nächsten Jahr ! +++

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Dies noch: Auf pixartix_dAS bilderblog und Sofasophia appt die Welt
geht es noch ein paar Tage weiter, bevor auch dort bis nächstes Jahr die Vorhänge fallen.

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Bild: iDogma | Appspressionismus
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
* und wenn? Wäre es wirklich so schlimm?

Leise gedacht

Auch ich hake die vergehenden Tage ab bis … nein, nicht bis Weihnachten, sondern bis wir endlich im Tessin angekommen sind. Ferien. Auszeit. Friedliche Stille. Weg vom Feiertagsrummelgliltzerkram. Nur zu zweit sein. Ankommen.
Ist es das Ankommen, das uns Suchende glücklich macht? Ist aber nicht jedes Ankommen bereits wieder ein Abstoßen ins Nächste, so wie ich, wenn ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, bereits die nächste Runde starte, wenn ich am Ende der Bahn angekommen bin?
Meereswellen. Es ist nur ein klitzekleiner Bruchteil einer Sekunde, bevor die Welle bricht. Ein kaum sichtbarer Moment, da sie innehält. Da alles still steht.
Ein Musikstück ohne Pausen – undenkbar.
Ein Text ohne Leerschläge – unvorstellbar.
Ein Tag ohne Pausen – nicht auszudenken.
Ein Leben ohne freie Tage – lebensgefährlich.
Ich brauche sie, die Lücken, und ich brauche auch die Vorfreude auf sie und dabei vergesse ich zuweilen, dass ich auch jetzt und jetzt und jetzt bin.
Möglich, dass meine Mitmenschen die Pausezeichen in meinem Leben sind, aber die Melodie kann nur ich selbst komponieren. Meine Lieben sind vielleicht die Leerschläge auf meinen Zeilen, doch die Wörter und ihre Geschichten schreibe ich. Und wenn sie meine Pausen sind, dann ist das Leben drumrum zwar ohne sie undenkbar, doch es ist mein Leben.
Den Dingen den richtigen Platz geben. Über- oder unterbewertet ist etwas schnell und eigentlich werten wir – auch wenn wir es nicht wollen – immer und alles. Sei es emotional, subjektiv, oder eher nüchtern und analytisch. Aber wir tun’s. Wie ich Objektivität misstraue! Wer kann schon objektiv leben und wer will das überhaupt? Büne Huber, der Kopf von Patent Ochsner, der während der aktuellen Tournee wieder Tour-Tagebuch schreibt, hat  den Soundcheck vor einem Konzert beschrieben: Wie sie alle in der minimalistischen Musik, die sie zu neunt – ohne Publikum – gespielt haben, miteinander eins geworden sind. Das muss ein phantastisches Erlebnis sein. So ähnlich wie guten 6 stell ich mir das vor. Ankommen. Miteinander beieinander.
Leben ist lebendig-sein. Nicht nur die Fuktion von Herz und Niere, von Darm und Lunge meine ich. Lebendig-sein ist Emotion. Ist Betroffenheit. Ist Unvollkommenheit. Ist Ja-sagen zu meinen Grenzen und sie bei Gelegenheiten dennoch ausdehnen. Ist Unvernunft und ist vor allem eins: Liebe.
Ich schaue mir beim Schreiben zu und begreife: Alle von mir gedachten Gedanken gibt’s so oder ähnlich oder anders, bei mir und bei andern längst und immer wieder.
Wäre es da nicht besser zu schweigen?

Die Fahrt

Eigentlich sollte ich keine Rezensionen lesen. Nicht, wenn mir ein Buch so gut gefallen hat wie Die Fahrt von Sibylle Berg. Einfach bei meinem Eindruck bleiben, denn immer werden die Rezensentinnen und Rezensenten irgendwas finden, was sie nicht mögen. Und meine Freude am Leseerlebnis ein wenig dämpfen.
Und es gäbe in der Tat viel zum Nichtmögen in diesem Buch, denn die Menschen darin sind keine Heldinnen und keine Helden. Nicht einmal Anti-Helden sind sie. Einfach nur Suchende. Desperat die einen, soziophob die anderen, auf der Flucht vor sich selbst alle – und somit ziemlich normal. Menschen wie du und ich. Nicht mögen könnte die Leserin zum Beispiel den subtilen zynischen Unterton, der allen Geschichten leicht anhaftet, sich aber auch immer wieder relativiert, weil die Figuren in sich selbst glaubwürdig und trotz allem liebenswert sind. Und nicht mögen könnte der Leser auch, dass in fast jeder Geschichte Kakerlaken und Dreck vorkommen. Auch sprechen die RezensentInnen von den allzu vielen Selbstzitaten Sibylle Bergs aus früheren Werken und innerhalb des Buches selbst. Dazu kann ich nur sagen: Und wenn? Wer zitiert sich nicht hin und wieder selbst? Und warum auch nicht? Ja, es gäbe vieles zum Nichtmögen. Noch mehr aber, das ich mag.

„Getrieben sind sie alle, die Figuren in Sibylle Bergs neuem Buch, einem Reiseroman. Ruhelos fahren die einen an exotische Orte, auf der Suche nach einem kleinen bisschen Glück. Oder Sinn oder Abwechslung. Hauptsache, etwas passiert. Die anderen haben keine Wahl und müssen bleiben, wo sie sind. Wo auf der Welt kann der Mensch glücklich sein?
Heimat gibt’s nicht mehr. Heimat ist für Menschen, die in Bergdörfern aufgewachsen sind, dort wo man alle kennt, auch die Tiere und wo man statt ins Kino Sonnenuntergang schauen geht. Für alle anderen, also für die meisten, stellt sich die Frage immer wieder neu: gehen oder bleiben? Bleibe ich in meinem blöden Berliner Leben hocken oder suche ich das Glück in Sri Lanka, Rio de Janeiro, Shanghai oder Tel Aviv? […] Vor dem Hintergrund der verschiedenen Lebensverhältnisse stellt sie die Frage: Wie entstand die aberwitzige Idee des Individuums, ein Individuum sein zu wollen? Mit allen dazugehörigen Individuumsansprüchen? Glücklich sein zu wollen, zum Beispiel.“

Quelle: kiwi-verlag.de.
[Vorhin habe ich Mützenfalterins genialen Artikel über die Gefahren der (Über-)Interpretation gelesen (siehe Susan Sontag „Kunst und Antikunst“). Auch deshalb verfasse ich hier keine Buchinterpretation – auf alle Fälle keine allgemeingültige. Bestenfalls eine persönliche …]
Sibylle Bergs ProtagonistInnen reisen nach Südamerika, Nah- und Fernost, Indien, Europa. Und wir reisen als Lesende mit ihnen um die ganze Welt. Bergs Menschen denken über die Sinnlosigkeit ihres Leben nach, fliehen vor sich selbst, finden sich (immer wieder ein bisschen), bloß um sich erneut zu verlieren. Da ist Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebe, Hoffnungslosigkeit , die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit und jener, der Menschen, die man liebt. Der Tod tanzt durch die Buchseiten und das Glück wird gefunden, aber mehr in Frage gestellt als willkommen geheißen. Das Leben ist zum Davonlaufen, zum Weglaufen, woher auch immer. Und es ist zum Hinlaufen, wohin auch immer, aber Hauptsache einfach weg von da, wo man ist. Ob das nun Berlin ist oder Bangladesh, im Endeffekt ist das gar nicht so relevant, denn solange wir nicht bei uns angekommen sind, tut leben so oder so weh. Wo immer ich hin flüchte, es sei denn zu mir, ich werde das Glück nicht finden. Falls ich solchen Wohlstandsluxus denn überhaupt brauche.
Ist das Schicksal entschuldbar, das Frank und Ruth in Island doch noch zusammenführt und ihr Glück schon nach wenigen Monaten, da Frank an Krebs stirbt, wieder auseinanderreißt? Ist Glück, erst einmal gefunden, nicht viel schmerzhafter in seiner Abwesenheit, als wenn wir es nie gekannt hätten? Wird nicht durch Drittwelttourismus erst die Maschinerie angekurbelt, die Unwissende zu Wissenden und somit zu Entbehrenden macht?
Sie moralisiere lese ich in einer Rezension, die Berg, sie moralisiere. Und wenn schon!
Hinten auf dem Buchumschlag steht: Die umweltfreundlichste Art zu reisen: „Die Fahrt“ kaufen. Und zu Hause bleiben! Hat was.
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Noch mehr über das Buch:
http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/diefahrt-r.htm

Stairways – die Galerie

Nachtrag zu meinem Artikel vom 2. Dezember. Inzwischen habe ich das WordPress-Update geknackt und die Galeriefunktion wieder entdeckt.
Hier nun nochmals die Bilder von Artur Bozem, ergänzt mit Bildern von Martin Schöneichs Skultpuren. Alles und mehr wird aktuell augestellt im Rockenhauser Museum Pachen unter dem Titel “Habitat”.

Vom Ankommen. Irgendwann.

Eben erfahren wir, dass es in wenigen Minuten weitergehen soll. Ungefähr fünfundzwanzig Minuten nach dem Stopp. Wir befinden uns irgendwo vor Olten. Auf der Rückreise von Bern, die wir extra mit dem Zug unternommen haben, um unterwegs keine bösen Überraschungen auf der Straße zu erleben. Keine billige Reise, doch wir haben sie uns geleistet, um Stress zu vermeiden. Stressen kann aber auch zugreisen. Was zu beweisen war. Den ersten Zug haben wir um eine Minute verpasst, im zweiten hängen wir nun fest.
Seit ich Kind war, habe ich ähnliches nicht mehr erlebt. Ein Schweizer Zug, der für unbestimmte Zeit auf offener Strecke stehen bleibt. Ein vor uns fahrender Zug sei wegen Bremsproblemen auf der Schiene stehengeblieben, sagt die Ansagestimme. Alle fünf bis zehn Minuten werden wir über den Stand der Dinge informiert.

Wären wir doch in Bern „James Bond“ gucken gegangen, dann wären wir bestimmt nicht auf offener Strecke stehen geblieben,
sage ich.
Zugegeben, Pannen riechen immer auch nach Abenteuer. Wir Menschen verlassen das geplante Gedankengebäude und werden ungefragt Teil eines Konzeptes, das wir nicht beeinflussen können. Natürlich lassen wir uns nicht gerne von geplanten Wegen abbringen, wir wollen, dass die Dinge so funktionieren, wie wir sie uns vorstellen, aber ein bisschen Abenteuer geht. Wenn es gut ausgeht, jedenfalls.
Bei der ersten Verspätungsankündigung hatte ich noch damit gerechnet, dass wir den Anschlusszug in Olten erwischen. Diese Hoffnung habe ich längst aufgegeben. Wir stehen nun seit einer halben Stunde, doch noch fahren letzte Züge nach Hause. Wann wird es zu spät sein? Was wäre, wenn …? Der nächtliche Supergau: Ein Zug, der einfach nicht mehr weiterfährt. Der in alle Ewigkeit stehen bleibt.
Ich denke an Freund S., Mitglied unserer Berner Schreibgruppe, der früher nach jedem Schreibtreffen die abstrusesten Heimkehrer-Stories ins Schreibforum stellte, das wir damals noch regelmäßig frequentiert haben. Heute haben wir darüber mal wieder gewitzelt, bei unserm traditionellen Treffen am Berner Glühweinstand mit ihm und all den andern Schreiberlingen unserer Gruppe.
Ein bisschen ein „Weißt du noch?“-Abend ist es geworden, natürlich, wie immer, wenn sich die einen oder andern eine Weile nicht mehr gesehen haben, ein bisschen ernst war es auch und philosophisch, wie immer, doch haben wir auch viel gelacht. Hach, ich mag diese Bande einfach.
Ooops, wir fahren ja wieder! Wie schön. Irgendwann werden wir heute Nacht wieder zuhause sein.
Wie schön, in einem Land zu leben, wo Pannen behoben werden können und auch ein Nachtzug irgendwann irgendwo ankommt. Obwohl Irgendlink mosert, dass fünfundreißig Minuten für eine Schweizer Panne geradezu skandalös sind.
Später. Wieder zuhause. Irgendwann kommt man eben immer an … irgendwo.

Menschen und andere Menschen

Ich sauge im Schlafzimmer Staub und denke an diesen Nordkoreaner. Shin Dong-Hyuk. Ich bringe ihn einfach nicht mehr aus meinem Kopf, seit ich heute Morgen seine Geschichte gelesen habe. In den frühen Achtzigern geborener Sohn eines wegen politischer Aktivitäten inhaftierten Elternpaares wuchs er hinter Gittern auf. Immer zu wenig zu essen, keine Schulbildung, Zwangsarbeit und Gewalt waren für ihn das Normale. Die Welt jenseits der Stacheldrahtes kannte er nicht, konnte sie sich auch kaum vorstellen. Erst als junger Erwachsener erfuhr er von einem Kameraden mehr über die Welt da draußen und schließlich gelang ihm die Flucht, dem Kameraden nicht. Heute lebt Shin in den USA und in Südkorea. Seine Geschichte*, die Blaine Harden aufgezeichnet hat, ist nun auf Deutsch übersetzt worden und so haarsträubend, dass wir uns das nicht wirklich vorstellen können. Im neuen Magazin von Amnesty International stehen noch viele andere Geschichten, die mich nach Luft ringen lassen. In meiner gemütlichen Wohnküche sitzend spüre ich Tränen auf den Wangen. Und Wut im Bauch. Doch vor allem Hilflosigkeit. Das wenige Geld, das ich AI ab und zu spende, ist ein winziger Tropfen Wasser ins Feuer. Menschen sind es, immer Menschen, die anderen Menschen das Leben zur Hölle machen. Menschen zerstören andere Leben. Manchmal sind es Naturkatastrophen und manchmal sind es Selbstunfälle, die ein Leben von einer Minute auf die andere auf den Kopf stellen. Doch meistens sind es andere Menschen.
Ein Kreislauf, der von Eltern an Kinder weitergeben wird. Wie im Buch Die Perspektive des Gärtners von Håkan Nesser, das ich gestern Abend fertig gelesen habe. Ein Täter, der selbst Opfer war. Wird sein zweites Opfer, ein sechsjähriges Mädchen, das er nicht umgebracht, aber anderthalb Jahre isoliert und gewiss gequält hat, je wieder normal leben können? Oder hat er es für immer zerstört?
Das große Warum? stellen sich alle Menschen irgendwann in ihrem Leben und die Antworten fallen so vielfältig aus, wie die Menschen, die sie stellen.
Ich sauge nun im Wohnzimmer Staub und denke darüber nach, wie es denn richtig sein müsste, das Leben. Ein müßiges Thema, auf das ich, seit ich bewusst denken kann, erfolglos eine Antwort suche. Tage wie heute, die ich mehrheitlich in der „richtigen“ Welt verbringe, sind zurzeit in der Minderheit. Einen großen Teil meiner Arbeitstage verbringe ich in der virtuellen Welt, schreibend oder mit Blogarbeiten und Mailantworten beschäftigt. Haushalt mach ich nebenher. Doch heute war Putzen angesagt – inklusive frische Betten. Ist das richtig? Ist es richtig, meine (scheinbar) heile Welt, zu pflegen? Wäre es nicht richtiger, irgendwo auf der Welt, Feuer zu löschen? Auch solche Fragen habe ich schon rauf und runter gewälzt. Und auch hier habe ich für mich nie eine wirklich befriedigende Antwort gefunden. Antworten auf große Fragen überleben bei mir nie lange. Seifenblasen, die der Wind mitnimmt.
Staubsaugen ist ein Ritual! Auf einmal steht dieser Satz vor mir und will gehört werden.
Ein Ritual?,
frage ich ihn.
Du bringst deine Welt in Ordnung. Diese Welt braucht Ordnung. Alle tun, was sie können. Oder sagen wir mal, die meisten. Viele jedenfalls!,
antwortet mir der Satz.
Ich glaube ihm nicht so ganz, zugegeben. So ein dahergelaufener Satz, kann ja behaupten, was er will. Ob es wohl mehr Menschen gibt, die das Gute anstreben – das ich mit lebensfördernd, rücksichtsvoll, nachhaltig, global, gerecht und dem Kollektiv dienend umschreiben will – oder mehr Menschen, die kurzsichtig, gewissen- und rücksichtslos, egoistisch, korrupt und gewinnorientiert denken und handeln? Schwarzweiß gibt es nicht, wir alle haben alles in uns. Oft können wir wählen. Tun wir es auch, und wie?
Und wie kann ein Mensch wie Shin Dong-Hyuk heute leben? Er sagt, dass er erst in der Freiheit jene Schmerzen erkannte und begriff, die er sein bisheriges Leben lang, immerhin dreiundzwanzig Jahre, einfach, ohne darüber nachzudenken, ertragen hat. Wie kann er heute in dieser Welt leben? (((Adelt Leid wirklich?)))
Wie ich später den Abfallsack zusammenschnüre und nach draußen stelle, denke ich über die ganz persönliche Psychohygiene nach und wie wichtig es für mich ist, dass ich hinschaue: Reflexion meines Lebens in liebevoller Haltung. Wie der tägliche Blick in den Spiegel. Kann ich mir in die Augen schauen?
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* Blaine Harden: Flucht aus Lager 14, DVA Sachbuch Verlag, München 2012
Zitat aus dem erwähnten Interview:

Was treibt Sie an?
Materiell geht es mir heute viel besser. In dieser Hinsicht führe ich ein gutes Leben. Aber ich habe noch immer psychische Probleme. Ich lebe in Washington D.C, und Seoul, doch es gibt keinen Flecken auf der Welt, den ich meine Heimat nennen könnte.

Quelle: Amnesty – Magazin der Menschenrechte. Nr. 72/Dezember 2012. Zitiert aus: The Wire (Magazin des Internationalen Sekretariats von Amnesty International)

Farbenbaden

Im Museum Pachen in Rockenhausen, das wir vorletzten Sonntag besucht haben, sind neben den wechselnden Ausstellungen – aktuell „Habitat“ mit Artur Bozem und Martin Schöneich – auch ständige Werke ausgestellt. In Vitrinen und an den Wänden des ersten Raumes fanden wir eine kleine, feine Auswahl älterer und zeitgenössischer Werke.
Besonders angetan hat es mir dieses Werk von Bernard Schultze, den ich bis dahin nicht kannte. Das Bild zog mich geradezu magisch an und ich war überrascht, dass es von einem doch eher älteren Kunstmaler geschaffen wurde, hätte ich es eher einer jüngeren Künstlerin zugeordnet. Kunst ist manchmal eben alters- und geschlechtslos. 🙂 Ich sehe darin so viel Leichtigkeit, so viel Helligkeit – und doch, da ist auch Spannung …
Passt gut zum Namen …
Alle Bilder durch Draufklick zu vergrößern …

Bernard Schultze - dem Hellen drohend
Bernard Schultze – dem Hellen drohend (1996)

Mehr Bilder von Schultze: hier klicken!
Hier nun eine kleine Rundschau weiterer Bilder von Artur Bozem. Viel Spaß bei der virtuellen Ausstellung.

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Stairways

Led Zeppelin im Ohr. Eine Woche schon. Und ich kann nicht mal etwas dafür. Der Song wurde mir in die Ohren geschoben. Und er hält sich hartnäckig. Und ja, er gefällt mir tausendmal besser als Süßer die  Glocken Blogger nie klingen. In Rockenhausen wartete er auf uns und war Teil einer Vernissage. Teil eines Klavierrezitals (heißt das so?). Der junge Pianist habe, so erzählte er mir später bei Champagner und Blätterteiggebäck, das zuletzt gespielte Potpurri selbst komponiert. Um Stairways to Heaven hat er aufregende Schlenker gebaut, die seinem leidenschaftliches Spiel noch mehr Würze gaben als in den beiden vorherigen Stücken.
Artur Bozem und Martin Schöneich stellen aktuell im Rockenhauser Museum Pachen unter dem Titel „Habitat“ zusammen aus. Arturs Bilder habe ich bereits früher mal wieder hier gezeigt, Martin Schöneich kannte ich kaum, hatte seinen Stand an der diesjährigen Mainzer Kunstmesse unter all den andern nur am Rand wahrgenommen. Sehr ansprechend die Kombination der Metallskulpturen mit Arturs Gemälden. Besonders imponiert haben mir die fünf sehr großen Bilder aus Arturs Serie „Anderswelt“, die ergänzt von kleineren Bildern, das Schwergewicht seines Ausstellungsbeitrages ausmachten.
Ich hatte zum Glück mal wieder meine Minolta Nikon dabei und werde vermutlich in den nächsten Tagen das eine oder andere Bild vom Bild nachliefern. Für heute einfach mal eine kleine Zusammenfassung von Arturs „Anderswelt“ mit einem Winkewinke zu Frau Blau hin, die nächste Woche auf Pixelismus ebenfalls Anderswelten ausstellen wird.
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(Draufklick für groß)

Ich zeige euch hier meine allerallererste Gimp-Collage (seit August bin ich ja auf Ubuntu und Opensource-Programme umgestiegen). Nein, sie ist nicht perfekt gebastelt, aber um euch einen Eindruck der wirklich ausdrucksstarken Bilder zu vermitteln, reicht’s allemal. Die Reihenfolge entstand relativ willkürlich. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass hinter dieser Serie – einschließlich der nicht mit ausgestellten Bilder  – gewiss ein Ablauf steckt, eine Aufbau. Jedenfalls in den Augen des Künstlers.
Mein Lieblingsbild ist das zweite von rechts … 😉
Fortsetzung folgt?
Ach, und dies noch, das muss jetzt einfach sein …
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=qHFxncb1gRY]
Gute Nacht allerseits …

Wirbeltage

Ein bisschen wie Ebbe und Flut ist mir … als wäre ich ein Stein, ein Blatt, ein Ast, den das Wasser mal mit sich in den See zieht, mal ans Ufer spült. Ziellos treibe ich dahin, und doch nicht ziellos. Absichtslos. Und lustvoll auch … Seit einigen Tagen ist die Lust wieder da, aus Fotos Appspressionismen zu gestalten, zu appen. So absichtslos wie früher nicht. Nicht weil ich am Schluss ein Kunstwerk geschaffen haben will, nein, eher so, wie ich als Kind gemalt habe. Schauen, was passiert. Natürlich weiß ich, wie die einzelnen Apps funktionieren, natürlich weiß ich, was passiert, wenn ich so oder anders. Und nein, ich weiß es eigentlich trotzdem nicht. Oder ich weiß nicht, wie es aussieht, wenn das und jenes passiert ist. Wie ich nicht weiß, was passiert, wenn ich dies und jenes im Alltag so und so entscheide. Hypothesen. Theorien. Nur wenn ich sie anwende, werden sie wirklich. Sichtbar.
Heute gedacht: Die Orientierung an Normen schadet uns, sie lässt uns zu Leistungsmaschinen werden. Auch Vergleichen ist schädlich, es macht uns zu AnpasserInnen. Bedingungslose umfassende Liebe lässt uns Menschen sein, die sich diesem Druck entziehen können. Das ist Kunst, wahre Lebenskunst.
Kunst und Liebe. Liebe und Kunst – Zwillingsschwestern.
Kunst darf verspielt sein. Kunst darf eine Botschaft haben. Kunst ist so unfassbar wie ihre Kunstschaffenden. Kunst entzieht sich jeder festgelegten Definition, sie überholt ihre Definition sozusagen ständig. Kunst ist längst nicht mehr monogam, die meisten Kunstschaffenden arbeiten interdisziplinär. Kunst ist. Kunst genügt sich selbt. Kunst widerspricht sich selbst.
Und ob das hier Kunst ist, ist mir egal.

You and me, November 2012 by Sofasophia

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vor der Geburt, November 2012, by Sofasophia

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Anläßlich meines Geburtstagsgratulationsanrufes heute Morgen bei Freund M., der dieser Tage zum ersten Mal im hohen Alter von 46 Jahren Papa wird, erfahre ich – während ich auf meinem iPhone intuitiv dieses Schneckenhaus male –, dass ihr Baby zu warten beschlossen hat und sich keinen Deut um längst vertagte Geburtstermine schert.

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Bilder: iDogma | Appspressionismus –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Entscheide dich!

Die Türe fällt hinter uns zu. Wir sind gefangen. Im Paradies blubbert es. Pflanzen strecken ihre (künstliche) Grünheit in den Raum. Pseudofarn und Kunstefeu. Vogelgezwitscher ab Band. Wasser plätschert. Heile Welt. Auf einmal fällt das Licht aus. Stille. Muss das so? An den Wänden um uns, vorne, rechts und links, erscheinen nun in schönster Zeichentrickmanier Bilder, die uns die Welt erklären. Wie sie war, wie sie wurde, wie sie ist. Wir rasen innerhalb weniger Minuten durch die Menschheitsgeschichte. Sündenfall inklusive.
Mensch des 21. Jahrhunderts, sagt die Stimme, die die Bilder ergänzt, du hast die Wahl. Im Supermarkt der Möglichkeiten kannst du wählen. Unzählige Möglichkeiten stehen dir zur Verfügung. Entscheide dich! Und schon öffnet sich die Türe und wir betreten den Supermarkt der Möglichkeiten.
Wähle eine Tasche aus!, fordert uns eine unübersehbare Tafel auf, unter der an Haken unzählige verschieden bedruckte Tragtaschen hängen. In jeder steckt eine große Kartontafel, auf die ich (in die vorgesehenen Felder) meine vier persönlichen, an den entsprechenden PC-Stationen mittels Fragetests erhaltenen Strichcode-Kleber aufkleben kann/darf/soll/muss.
Gleich zu Beginn finden wir eine gläserne Vitrine vor, die uns mindestens hundert verschiedene Pralinen präsentiert. Ich gestehe, dass mir der Mund wässrig wird. Die dazugehörige Informationstafel klärt uns darüber auf, dass diejenigen Menschen, die aus hundert Pralienen wählen dürfen, ebenso unglücklich sind wie jene, die nicht wählen können, sondern einfach nur eine Praline vorgesetzt bekommen. Am glücklichsten sind die Menschen, die aus sechs Pralinen auswählen können.

Wie hältst du es mit der Liebe, Gretchen? Bei der nächsten Station erwarten uns übersichtlich dargestellte Statistiken über Treue, Scheidungsraten und Ehedauer und die erste PC-Station stellt mir fünfzehn Fragen über mein Liebesleben, die ich – Ehrensache! – ehrlich beantworte. Was die schwarzen Striche auf dem Kleber, den die Maschine nach der letzten Frage ausspuckt, wohl bedeuten? Ich klebe ihn ins erste Feld auf dem großen Karton. Freundin T. hat sich Kopfhörer aufgesetzt und hört den Jugendlichen in den Fernsehern zu, die bei der zweiten Station – hier geht es um Beruf und Karriere – über ihren Traumberuf erzählen. Ich setze mir ebenfalls Kopfhörer über und bin berührt von diesen jungen Menschen und ihren großen Lebens- und Berufsträumen. Und wie sie diese in Worte kleiden. Ärztin, Profifussballer, Modedesignerin und vieles mehr wollen sie werden. Ja, die Jungen träumen auch. Noch. Zum Glück.
Wieder klicke ich meine fünfzehn Antworten an und klebe die zweite Etikette auf den Karton. Am Glücksrad vorbei, wo ich lesen kann, wie viel mehr Chancen wir in der Schweiz in Bezug auf Berufsausbildungen, Gesundheitsversorgung, Mobilität und v. m im Vergleich zu andern Ländern haben (und ich über die Infos nur dankbar und beschämt staunen kann), gelangen wir in den politischen Sektor. Über ihr Wahlverhalten befragte Menschen – in einem Land der Basisdemokratie und mit einer peinlich-mageren Stimmbeteiligung von knapp 50% – erzählen, warum sie immer, nie oder nur manchmal an die Urne gehen. Die einzelnen Voten werden auf einer Fernsehwand gezeigt vor welcher Kopfhörer von der Decke baumeln. In den restlichen Bildschirmen werden Archivbilder von Abstimmungen und Volkswahlen durch die letzten hundert Jahre gezeigt. Zum Beispiel Stimmenzählen heute (alles maschinell) und früher (Menschen, die die Stimmzettel von Hand in Zehnerhäufchen sammeln).
Dahinter ein Loungebereich. Auf Großleinwand erzählen Entscheidungsträgerinnen und -träger aus Politik, Wirtschaft, Medizin und Justiz, wie sie ihre Entscheidungen treffen. Verblüffend und erfreulich ist die Essenz dieser Voten: Reine Kopfentscheide gibt es kaum. Contre-coeur-Entscheidungen, so sagt der SBB-Direktor, hätten bei ihm meist zu Fehlentscheidungen geführt. Das Herz und der Bauch wüssten oft genau, was am besten sei. Eine Entscheidung, so sagt auch die grüne Aargauer Regierungsrätin, müsse bei ihr immer aus Kopf, Bauch und Herz kommen. Als der (EX-)CEO der UBS**** zu Wort kommt, kommt mir beinahe das große Kotzen. Stimme und Gestik dieses Bankenheinis sind zu gruselig. Selbst der beste Schauspieler könnte das nur knapp toppen. Wir fliehen in den ersten Stock.
Dort geht es um Entscheidungsfindung, um Psychologie und Hormone. In Schubladen können wir Tipps lesen wie 10-10-10*, 80. Geburtstag**, Gegengift*** und andere. Hier erfahreun wir von all den Folgeerkrankungen, die eine Welt der tausend Optionen auslösen kann (Depressionen um nur eine zu nennen) und was der Körper in Entscheidungsprozessen alles so leistet (bitte auf die Bilder klicken zur Vergrößerung).


Das Marshmallow-Experiment ist ebenfalls im ersten Stock aufgebaut. Es besteht aus drei Süßigkeiten-Automaten – so sieht es jedenfalls von weitem aus. Kleine Displays, in denen Filme laufen, sind daran auf Augenhöhe angebracht. Die Filme zeigen je ein Kind im Vorschulalter, das allein vor einem Teller sitzt, auf dem ein einzelner Marshmallow (igiiitt) thront. Die Betreuerin hat die Kinder zuvor, je einzeln, in den Raum geführt. Von der versteckten Kamera haben die Kleinen natürlich keine Ahnung. Das Ganze spielt ja auch, so steht es auf einer Tafel neben der Installation, in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts.
Du kannst das Marshmallow essen, wenn du willst. Wenn du es nicht isst, bis ich in zwanzig Minuten wiederkomme, bekommst du ein zweites!, sagt die Frau und verlässt den Raum. Die einen schnüffeln am Teil, die andern lecken dran, einige essen es, weil sie nicht warten mögen, wieder andere betrachten es nur und schlucken leer. Da es sich bei diesem Experiment um eine Langzeitstudie handelt, lässt sich heute „beweisen“, dass jene Kinder, die damals der Versuchung widerstanden haben, es später beruflich weiter gebracht haben als die Schleckmäuler.
Die daran geleckt, ein klitzekleines Stück abgebröselt und das Teil dann umgedreht auf den Teller zurückgelegt haben, sind heute bestimmt in der Politik, meinte Irgendlink heute Morgen als ich ihm davon erzählt habe.
Mag sein. Na ja, bei Marshmallow hätte ich locker widerstehen können, ohne dass ich es deswegen heute weit gebracht habe. Da hätte es schon andere Versuchungen gebraucht.

Am Ende unserer Expedition ins Land der unendlichen Möglichkeiten – sprich in die Realität – kommen wir zum Ausgang. Ich scanne meine Karte mit den Strichcodes ein und erhalte einen langen Kassenzettel mit einem ausführlichen Testergebnis, das mich erstaunlich gut beschreibt. Wie im Supermarkt üblich, wird erst am Schluss bezahlt. Auch der Eintritt wird erst jetzt berappt. Nach dem Einkauf, denn zu kaufen gibt es, was das Herz begehrt: Marshmallows, Pralinen in Sechserpaketen, Postkarten mit klugen Zitaten von Goethe, Woody Allen und andern klugen Menschen, Bücher zum Thema. Der Mensch im Supermarkt der Möglichkeiten. Bezahlt wird natürlich an einer Kasse, die mit klassischem Rollband ausgestattet ist.
Hat wirklich Spaß gemacht und zum Nachdenken gebracht. Wir sind uns einig, dass sich dieser Ausstellungsbesuch gelohnt hat.
Die Ausstellung „Entscheiden!“ läuft noch bis im nächsten Frühling. Veranstaltet vom Stapferhaus Lenzburg, ausgestellt im Lenzburger Zeughaus. Details: Hier klicken!
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Tipps zur Entscheidungsfindung:
* Welche (möglichen) Folgen hat die eine oder andere Entscheidungsvariante für mein Leben in zehn Minuten? In zehn Monaten? In zehn Jahren?
** Was würde mich an meinem 80. Geburtstag zu Weinen bringen, weil ich es erleben durfte oder weil ich es versäumt habe?
*** Suchen Sie sich das jeweilige Gegengift zur ihren Entscheidungshemmern und – treibern und formulieren die dazu Sätze, die Sie in Entscheidungsmomenten hervornehmen können.
**** Schweizer Großbank, die nach der Bankenkrise alt ausgesehen hat und mit Steuergeldern „saniert“ worden ist.