Doch, doch es ist erträglich, obwohl ich verblüfft bin, so viele Menschen an einem Samstagmorgen um halb neun an einem Bahnsteig zu sehen. Vor allem so viele gutgelaunte, wache Menschen. Viele mit Wanderschuhen an den Füßen. Ich habe das Glück, die Strecke Olten-Luzern in einem Abteil mit drei andern, sich gegenseitig unbekannten, sprich schweigenden Frauen zu verbringen. Im Viererabteil vis-à-vis eine famille romande (oder sind sie aus Frankreich?). Französisch im Hintergrund kann ich besser ausblenden als schweizerdeutsche Gespräche. Auch die beiden Amerikanerinnen vorhin habe ich in meinem Kopf runter dimmen können. Zugegeben, ganz ohne mithören geht’s nicht.
Was Leute in Zügen so reden? Viele vergessen potentielle Mithörende, andern ist anzumerken, dass sie befangen sind und miteinander anders reden als in den eigenen vier Wänden. So klingen die einen Gespräche, als wären sie eingeübt, wieder andere sind mir fast peinlich intim.
Erstaunlich, dass ich heute ganz freiwillig meinen mp3-Player zuhause gelassen habe. Früher tat ich keinen Schritt aus dem Haus ohne seinen akustischen Schutz. Die Welt da draußen sollte er übertönen, ausblenden, weil es da immer so furchtbar viele Geräusche hat, die meine Filter schnell verstopfen. Heute versuche, schreibend, lesend, dösend bei mir zu bleiben und mich nicht von alledem, was rundherum abgeht, von mir weg spülen zu lassen, nicht zu sehr jedenfalls.
Mein Herz klopft schnell. So früh am Morgen bin ich einfach nicht gerne unter Menschen. Hoffentlich finde ich in Luzern rechtzeitig den richtigen Bus. Um rechtzeitig im Tagungshaus zu sein. Und hoffentlich fühle ich mich dort wohl. Und ich hoffe natürlich auch, dass ich daraus einen tollen Artikel für meine Zeitschrift weben kann.
Schnitt.
Nachmittagspause. Schon drei Blocks mit dawischen einer Mittagspause haben wir miteinander gearbeitet. Ich fühle mich wohl in der vierzigköpfigen Gruppe. Der letzte Block war besonders intensiv. Wir führten eine Loslassübung durch, in der wir uns eine Stunde lang bei rhythmischer Musik in eine heilsame Trance geatmet hatten – eine sehr emotionale Angelegenheit. Ich bin angenehm erschöpft und noch ein bisschen schwindlig, fühle mich aber sehr gut. Stillebedürftig. Die andern haben sich an die Tische im Schatten vor dem Haus gesetzt und scherzen. Ich ziehe mich zum hauseigenen Teich zurück und geniesse Wasser, Grün und Stille. Was ist da mit mir passiert? Diese Trance war wirklich ausgesprochen intensiv und fühlte sich wie eine Defragmentierung an. In Momenten wie solchen würde ich mich am liebsten auflösen und, ja, sterben. Loslassen, was ist. Neugeboren werden.
Stirb und werde sei, wie die Kursleiterin, Ethnologin und Forscherin, sagt, die Essenz aller alten Weisheitslehren. Der Stein der Weisen sozusagen. Und die Liebe. Liebe und tu was du willst, zitiert sie Augustinus. Auch Descartes‘ berühmter Satz steht im Raum, allerdings auf Herz- statt auf Kopfhöhe und ich gebe gerne zu, dass mir diese Variante noch besser gefällt: Amo ergo sum – ich liebe, also bin ich.
Schnitt.
Im Bus. Ich habe mich neben eine ältere Kursteilnehmerin gesetzt. Wir fahre zurück zum Bahnhof, am Vierwaldstättersee vorbei, und ich sage zu L., wie schade es sei, dass ich mein Badezeug nicht dabei hätte. Das Wetter lade ja regelrecht zum Bade, als eine aus den Augen verlorene Freundin mit ihrem Teenie-Sohn in den Bus steigt. Nein, das kann nicht sein, wir sind ja hier nicht in Bern, wir sind in Luzern, denke ich noch. Reibe mir wortwörtlich die Augen. Doch, das ist sie! Wir fallen uns um den Hals und erzählen uns in fünf Minuten das Neueste. Nehmen Abschied, weil die beiden noch abgemacht haben, und ich lasse mich von Regionalzügen, mit nur wenigen Fahrgästen diesmal, gemütlich nach Hause fahren.
War das wirklich erst heute Morgen, frage ich mich, als ich diese Türe hier abgeschlossen habe?
Kategorie: Gesellschaft
Mama, Mama, er hat überhaupt nicht gebohrt
In meinem Kalender steht heute Zahnarzt. Vierzehn Uhr. Ein neuer, einer aus dem Telefonbuch (den Zahnarzt, meine ich). Mal schauen. Ist ja nur für die Kontrolle. Wenn er mir nicht passt, geh ich nicht mehr da hin. Die Mädels sind jedenfalls süß, ganze drei an der Zahl, die da herum wuseln und nur für mich da sind. Werde ich eigentlich immer älter oder bloß die Assistentinnen immer jünger? Wie ich so auf dem Zahnarztstuhl sitze, Kopf richtig positioniert und mit Blick vom fünften Stock über die Hügel, sehne ich mich nach meiner Berner Zahnärztin, die immer gesungen hat, wenn sie mich reparierte. Hoffentlich habe ich keine schlimmen Löcher. Während der Zahnarzt zu jedem einzelnen Zahn, den er mit seinem Testpiekser antippt, ein kryptisches Wort sagt, dass Assistentin Nummer eins umgehend im PC notiert – allesamt Wörter, die ich nicht begreife – glaube ich zuerst, dass jeder dieser Zähne kaputt ist. Als er schließlich alle Zähne durch hat, gratuliert er mir. Alles in Ordnung. Da, oben rechts, ein bisschen freier Zahnhals, da unten links eine Füllung, die nächstens repariert werden muss. Aber noch hält sie. Puh, bin ich froh.
Nun noch Dentalhygiene?
Ja, gerne, war ja so abgemacht. Ach, das macht der Chef hier selbst? Zahnstein weg und zum krönenden Abschluss eine Imprägnation.
Nein, das hatte ich nun wirklich noch nie. Obwohl ich in Bern im modernsten Zentrum war. Mein neuer Zahnarzt füllt nun vor meinen Augen eine schäumende fluorhaltige Flüssigkeit in zwei u-förmige Styroporschalen und bittet mich, den Mund zu öffnen. Zuerst kippt er die eine Schale über meine untere Zahnreihe, dann legt er die zweite Schale auf die erste, allerdings nach oben geöffnet und heißt mich zuzubeißen. Eine Minute Wirkungszeit. Ich japse. Kriege keine Luft mehr. Kann nicht schlucken. Der Schaum schäumt vor sich hin, das einzige was er gut kann. Und ich würge. Verdrehe die Augen. Leide. Er reagiert zum Glück schnell und nimmt das Zöix wieder raus. Nein, das geht so nicht. Ich würge in den Spucknapf und spüle den ekligen Schaum weg.
Das mag ich nicht, sage ich.
Da sei ich die erste. Alle hätten das viel lieber als das frühere Fluor aus der Tube, meint er.
Ich bin eben nicht wie andere, sage ich. Bitte lieber traditionell.
Ganz traditionell, also einfach das Fluor mit einer Bürste einzureiben, sei zu wenig nachhaltig. Die Zähne müssten eine Minute regelrecht im Fluor baden, sagt er, und kippt aus der großen Tube traditionelles, nicht schäumendes Fluor in zwei neue U-Schalen. Nun wird zuerst die obere, danach die untere Reihe eine Minute getunkt. Er hält dazu die Schalen fest, so dass ich den Mund offen lassen und atmen und schlucken kann. So geht es. Auch weil das neue respektive traditionelle Zöix nicht schäumt. Dafür erinnert es mich an das gute alte Schulzahnputzen.
Danke und bis zum nächsten Mal. Noch ganz benommen gehe ich anschließend einkaufen.
Ich mag es, auf dem Heimweg von der Stadt durch das Areal der großen psychiatrischen Klinik zu radeln und mich irgendwo mitten drin auf eine ruhige Bank zu setzen. Hier treffe ich die ganze Welt in klein. Alle hier sind entweder „nicht ganz normal“ oder besuchen jemanden, der hier weilt. Oder sie wandeln, wie ich, irgendwo zwischen den Welten.
Hier denke ich nie, was wohl die anderen von mir denken, weil ich wochentags Zeit für ein Buch, auf der Bank gelesen, habe. Hier kommt die Zeit zum Stillstand. Immer wieder werde ich von PatientInnen gegrüßt. Selbstgespräche führende Menschen sind hier normal. Hinter mir ein spielende Familie. Menschen mit Migrationshintergrund. Die Kinder im Vorschulalter wechseln laufend von ihrer Muttersprache zu Schweizerdeutsch, je nachdem, mit wem sie reden. Ein alter Mann, der nicht mehr gut zu Fuß ist, fragt, ob es gestattet sei, sich neben mich zu setzen. Ich sage ja und hoffe, dass er nicht reden will. Mein Buch ist grad so spannend. Unmensch ich!
Ich denke an S., die Tochter einer Bekannten, die vor Jahren für ein paar Monate hier war, um ihre Magersucht zu heilen. Heute führt S. – soviel ich weiß – ein „normales“ Leben, hat eine Ausbildung abgeschlossen und sich in der Gesellschaft integriert. Wie hilfreich bei ihrem Entwicklungsprozess die Zeit hier gewesen ist, weiß ich nicht. Meine Besuche hatten mich immer sehr deprimiert und ich fragte mich, wie und ob man in solchen Räumen wirklich gesund werden kann. Kurz darauf ist sie abgehauen, nach Thailand. Niemand rechnete damit, sie je wiederzusehen, so mager wie sie war.
Wie viel Selbstbestimmung haben wir tatsächlich? Will ich wirklich diesen Fluorpanzer um meine Zähne?
Im Kiental oder die vielen Herzen in meiner Brust
Als ich vorgestern Abend C. per Mail den spontanen Vorschlag gemacht hatte, ihren Geburtstag mit ihr zu verbringen, hatte ich nicht ahnen können, dass sie für ihren Geburtstag, gestern, mit einer Freundin eine kleine Wanderung im Kiental geplant hatte. Und noch weniger ahnte ich, dass diese Freundin ganz kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Doch wusste ich um meine Sehnsucht nach den Bergen, die ich schon fast zwei Jahre nicht mehr gestillt hatte. Diese unstillbare Sehnsucht gilt insbesondere den Bergen des Berner Oberlandes. Nein, ich war keine Lückenbüßerin, denn C. wäre auch alleine gegangen. Mein Vorschlag passte dennoch perfekt, haben wir uns doch fast drei Jahre nicht mehr gesehen (siehe mein Blog).
Als nun gestern Vormittag C., die ich für mich gerne Wahl- oder Adoptiv-Mutter nenne, anrief und nachfragte, ob mein Vorschlag noch gälte, musste ich nicht lange überlegen. Schon kurz darauf setzte ich mich ins Auto, überlebte ein paar lästige Staus und tauchte auf einmal, Thun hinter mich lassend, in die Märchenwelt des Oberlandes ein. Magie pur.
Versuche ich zu beschreiben, wie ich mich fühle, wenn ich in die Gegend der wilden, reine Bergbäche eintauche, in diese Welt der satten Wiesen, die so grün sind, dass die Augen sich erst daran gewöhnen müssen, leises Glockengebimmel im Ohr, will es einfach nicht gelingen. Diese Farben, Gerüche, das Licht – all das, was das Schweizer Klischee nährt … Nein, Worte sind so unzulänglich. Auch lässt sich nicht beschreiben, was das alles mit mir macht. Dieses freie Atmen. Dieses Glück.
Von Reichenbach aus, wo wir uns treffen um mit nur einem Auto weiterzufahren, gelangen wir über eine schmale, kurvenreiche Straße nach Kiental. C. ohne ihre Hündin Shanta zu sehen, die vor ein paar Wochen altershalber gestorben ist, tut weh. Doch zu wissen, dass Shanta ein schönes Hundeleben gelebt hat, tröstet.
Wie oft wir diese Wege hier miteinander gelaufen sind!, sagt C. . Ihre Hand zeichnet einen großen Kreis.
Und ich? Ich war ewig nicht mehr hier. Schade eigentlich. Das letzte Mal? Da war doch dieses Openair, 2006, wo meine Lieblingsband sogar gespielt hat. Ich glaube, das war das letzte Mal. Aber nicht das letzte Mal, hoffe ich.
Wir fahren hinter Traktoren her, die von jungen Burschen gesteuert werden. Bergheuet. Emd, der zweite Schnitt. Heublumenduft. Alles Handarbeit. Mit Sense und Heurechen. Die Hänge zu steil für Motormäher. Es riecht, wie es nur im Sommer in den Bergen riechen kann. Ich romantisiere. Ich schöne mir die Welt zurecht, kann nicht, will nicht glauben, dass sich diese jungen Kerle und Mädels weit weg in die Stadt wünschen. Den Geruch von Bergwiesen, Schweiß und Stall, der ihnen anhaftet, für immer abgewaschen.
Nein, auch ich könnte hier wohl nicht immer leben. Nicht wegen der Umgebung, eher wegen den Menschen oder ihren vermeintlichen Erwartungen an mich. Dennoch mag ich sie, die OberländerInnen, ich mag ihren singenden Dialekt, der sich vom stadtbernischen doch sehr unterscheidet. Eher schon nähert er sich dem noch knorrigeren der WalliserInnen an. Die Landschaft, in der wir aufwachsen und leben, formt uns. Unser Denken, unsere Sprache, unsere Gefühle. Berge prägen. Täler prägen. Auch wenn es nicht meins ist, fühlt es sich so richtig richtig und existentiell an, dieses Bauern- und Landleben, dass sich auf den ersten Blick auf Melken, Käsen und Heuen beschränkt, auf Vieh- und auf Forstwirtschaft. Erinnerungen an meine Landdienste im Oberland – ich muss 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein – tauchen auf. Wie ich täglich die Eier aus dem Stall holte, im Kuhstall half, die Kälber fütterte, die Kinder betreute. Jahre später, mit einem jungen Bauern liiert, als Hebamme bei einer Kalberete mit dabei, einer Zwillingsgeburt, bei der das erste Kalb tot zur Welt kam und wir, es war mitten in der Nacht, mit vereinten Kräften das zweite lebendig herausziehen konnten. Blut an den Händen. Das wackelige Kalb, die leckende Mutterkuh. Bilder flitzen in Sekundeschnelle vorbei. Später, mit meinem damaligen Partner H. auf B.s Alp. Ein paar Tage, an denen wir fast ausschließlich von Käse, Milch und Brot lebten. Und uns nichts fehlte. Wie anders könnten wir leben …
Im kleinen Dorfladen kaufen wir Ziegenkäse und Brot. Wie wir der Kien, diesem unbeschreiblichen, wilden Bergfluss, der durch graues Schiefergestein fließt, entlang wandern, später picknicken und weiter bergan steigen, wird mein Herz ganz still. Eine Stille, die mich noch bis heute begleitet. Dieser Stille verdanke ich es, dass ich meinen Plan, spontan noch Freundin M. oder eine andere meiner Berner Freundinnen zu besuchen – es zumindest zu versuchen –, nicht umgesetzt habe. Nur auf dem Berner Friedhof war ich noch. Frieden tanken.


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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
alles verhält sich irgendwie …
Bloggen? Hm. Ja, schon, nur wo anfangen? Nun, es ist ja nicht so, dass ich Gedanken und Gefühle nicht irgendwie in Worte fassen könnte, eher ist es ein aktuelles Unvermögen, das Gewirr in mir sichten zu können. Denn obwohl doch jetzt endlich so etwas ähnliches wie Alltag in mein Leben einkehrt, jetzt, wo ich nicht mehr in ein mich täglich herausforderndes Projekt eingebunden bin (Ums Meer 2012, Irgendlink), ist nicht automatisch alles klar, einfach und übersichtlich.
Ich fühle mich wie pensioniert, sagte ich deshalb heute Morgen zum Liebsten. Nicht, dass ich nichts zu tun hätte, ganz und gar nicht, doch jetzt „muss ich wieder das tun, was ich will“, sozusagen. Veränderte Prioritäten. Zumindest, bis wieder ein Brotjob am Horizont auftaucht, der einen Gutteil meiner Lebenszeit auftunken wird. So habe ich beschlossen, mich endlich um meine Buchmanuskripte zu kümmern. Sie zu lesen, als seien sie von jemand anderem geschrieben worden, als wäre ich die Lektorin. Ob das geht?
Mit den Recherchen für das nächste Schreibprojekt werde ich am Montag anfangen. Über eine Tagung gilt es zu schreiben, die nächsten Samstag stattfindet. Intergrale Politik heißt der Bogen über dem Ganzen. Politik – ein Wort, das mich immer wieder heiß und kalt erwischt. So oft ich auch behaupten mag, dass ich nicht wirklich politisch sei, so oft muss ich mir eingestehen, dass das nicht geht. Wie ich auch nicht keine Meinung zu etwas haben kann. Denn alles ist eine Art Standpunkt, auch die Neutralität. Sage ich als Schweizerin, mit Neutralität im Blut sozusagen. Wie wir auch nicht nicht fühlen und nicht keine Befindlichkeit haben können. Alles verhält sich zum Rest irgendwie.
Über gelebte, lebbare Anarchie grüble ich neuerdings wieder vermehrt nach. Ist Anarchie jene neue Weltordnung ohne Herrschaft, wie ich sie mir früher so oft gewünscht habe? Diesen oft genug irgendwie inszeniert wirkenden, nicht ganz überzeugend wirkenden Widerstand gegen alles Etablierte, alles Strukturierte stelle ich heute oft in Frage. Nicht aber den guten Willen, der dahinter steckt, fühlte ich mich doch vor zehn, zwanzig Jahren ziemlich anarchistisch. Also nichts gegen authentischen Widerstand, gegen Zivilcourage, aufrichtiges Umdenken, Sehnsucht nach einer lebbaren, anderen, neuen Welt für alle. Die will ich auch, nur habe ich wohl aufgehört, daran zu glauben, dass es einen einzigen gangbaren Weg für alle gibt, eine einzige polititsche Form. So wie ich längst aufgehört habe, an eine einzige Wahrheit zu glauben.
Letztlich paddle ich mit allen Querköpfen, mit allen Bös- und Gutmenschen im gleichen Schiff. In einem Schiff mit unzähligen Lecks. Und da sind Myriaden von Riffs im offenen Meer. Wie gemeinsames Paddeln gehen könnte, hat sich Cambra in ihrem Blog vorgestellt. Vielfalt und Selbstbestimmung statt Einfalt und Vergleich. Ich halte es auch gerne mit Luisa Francia, die in ihrem Internettagebuch und in ihren Büchern immer wieder die Ressourcen Eigenmacht und Mitverantwortung betont. Jene Eigenmacht und jene Mitverantwortung, die sowohl mein eigenes Wohl als auch das Wohl aller im Sinn haben. Ohne kleingedruckte Fallen. Und ohne falsche Sentimentalität.
Noch immer ohne Netz
Als wäre ich heute Nacht in diesem großen Kinohaus gewesen, weißt du, jenes in Saarbrücken, wo es von unten bis oben einen Kinosaal neben dem anderen hat, sagte ich heute Morgen nach dem Erwachen zu Irgendlink. Als wäre ich die ganze Nacht von Raum zu Raum gegangen und hätte mir da und dort ein paar Filmsequenzen angeschaut. Bilder zogen vorüber, Dialoge … Und immer ging ich weiter und weiter.
Ja, ruhelos waren die Träume und dennoch fühle ich mich wohlig erholt und gut gelaunt. Wir haben wieder im „richtigen Bett“ geschlafen, im irgendlinkschen, nicht im (schwieger)elterlichen Wohnwagen, in den wir während des Festivals ausgewichen waren, da Irgendlink seine Wohnung „untervermietet“ hatte.
Ruhe auf dem Hof. Keine Gitarrenklänge mehr, die drei Tage wie ein Klangteppich alles untermalt hatten – Stimmen, Lachen, sphärische Musik, Geschirrgeschepper und auch das Schlagen der Axt auf den Spaltstock. Auf dass das Grillfeuer niemals ausgehe.
Ruhe in mir, trotz der Bilderflut, so dass sich all die vielen bunten Eindrücke auf dieser neu aufgeschlagenen leeren Buchseite in mir verteilen und sich eine Nische suchen können.
Schon wie wir gestern – nur noch eine kleine ungefähr zehnköpfige Gruppe – mit dem LandArtisten Hundefänger im den Wald spazieren, um seine Kunstwerke, die er aus herumliegendem Holz gebaut hat, zu betrachten, stelle ich verwundert fest, dass der dem Event vorausgegangene innere Stress auf einmal von mir abgefallen ist. Auf dem Rückweg mache ich mit vier anderen noch einen kleinen Schlenker zu einem LandArt-Kunstwerk vom letzten Jahr. Wir steigen in eine Schlucht hinunter, vier Stadtmenschen und ich. Zumindest zwei sind kaum je in der Natur und im Wald. Wie wir auf dem Rückweg darüber reden und ich ihnen dabei zuschaue, wie sie relativ mühsam auf den rutschigen Wegen in der Schlucht unterwegs sind, wird mir bewusst, dass sogar das eine Ressource ist: sich im Wald zurecht finden. Etwas für mich Selbstverständliches ist für andere überhaupt nicht selbstverständlich. Ja, gut, ich weiß, das ist nicht neu. Doch ich vergesse zuweilen, dass das, was ich kann, eben nicht einfach Allgemeingut ist. Wie oft bewundere ich andere dafür, dass sie dies und das können, sich dies und das trauen. Würde ich jedoch in ihre Haut schlüpfen, wüsste ich, dass das alles ganz einfach ihr Ding ist.
Eigentlich war das ganze 9. Mainzer Kunstzwergfestival wie ein bunter Teppich. Als Jan am Samstagabend seine Musik mit uns teilte, ich sass mit geschlossenen Augen im Raum, hatte ich den Eindruck, dass jeder Klang, den er mit seinen technischen Hilfsmitteln und Instrumenten erzeugte, eine Farbspur ist. Ein Farbtropfen, der ins Wasser fällt und sich mit den anderen Tropfen vermischt. Und er sei der Alchemist, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort den richtigen Hebel bewegte und so quasi die Töne, ihre Essenzen, miteinander vermischte. Die Töne flossen ineinander, legten sich umeinander und trugen mich mit sich fort.
Irgendwie ähnlich floss alles miteinander ineinander, was war. Auch all die vielen Gespräche. Am meisten Spuren haben wohl die politisch und philosophisch gefärbten Gespräche hinterlassen, die ich mit dem Performancer Dr. Treznok und seiner Assistentin Friederike geführt habe. Um die „postnatale Abtreibung behinderter Neugeborener“ ging es dabei vor allem, denen ja angeblich nur ein Leben voller Leid bevorstehe, wenn man dem Australier Peter Singer glauben will (dies hier mal als Stichwort/Notiz. Ich habe vor, mich damit später (vielleicht auch im Blog) eingehend zu beschäftigen).
Wie wir beide gestern, nachdem alle abgereist sind und alles mehr oder weniger wieder an seinem Platz stand oder lag, miteinander am Feuer sassen und vom übrig gegebliebenen Nudelsalat schmausten, war sie auf einmal da, die Ruhe.
Verrückt: Heute Abend schon werde ich wieder in die Schweiz zurückfahre. Jetzt aber bin ich hier. Und das ist gut so.
(geschrieben auf dem iPhone, da wir noch immer kein Internet haben)
Alles ist schon da.
Überraschung! Wir müssen nicht mehr länger suchen, jagen, kaufen, laufen, rennen und kämpfen, denn alles-alles ist schon da. Stattdessen können wir endlich hegen, pflegen, fürsorgen und Raum schaffen – für all das, was schon da ist. So denke ich, als ich gestern Nachmittag mit Baby-A. im Arm meiner Nichte I., der Mama des kleinen Wundern auf meinem Schoss, gegenüber sitze. Ich bin verzaubert, wie immer, wenn ich ein neues Menschenkind kennenlerne.
Alles ist da. Noch klein, aber da. Ihre wissenden Augen in meinen. Ein Blick, der standhält und mich hineinzieht. Hinein in die Ewigkeit, hinein an Orte, die ich längst vergessen habe. Orte, denen die Kleine noch viel näher ist als wir. Wie ein Bambusrohr, das in kürzester Zeit in Teleskopmanier wächst, wächst auch diese kleine Menschenkind heran und hat nun bereits ein paar Kompetenzen mehr drauf als schreien, trinken und die Windeln zu füllen als vor vier Monaten. Bereits hält es den Kopf mit der eigene Muskulatur, die vor zwei Monaten dazu noch nicht in der Lage gewesen war. Bereits kann es sich vom Rücken auf den Bauch drehen, bereits dies und bereits das. Und bald noch mehr. Bald stehen, bald gehen, bald tanzen, bald trotzen. Alles schon da. Auch das Wissen, wie wachsen geht.
Je nach Nährboden auf dem ein Samen fällt, entfaltet sich der eine und andere mehr oder weniger. Oder gar nicht. Je nachdem, ob da Raum und Platz sind, und Grenzen und Kanäle.
Für mich selbst bin ich es, die diese Räume und Zäune definiert. Heute. Früher waren es andere, früher ließ ich mir den Raum und die Erde unter meinen Füssen von anderen zuteilen. Tue ich es heute wirklich selbst? Ich könne verkümmerte oder noch nicht gekeimte Saat reanimieren und ich könne – so jedenfalls behaupten die Autoren* des Buches, das ich rezensieren werde und deshalb zurzeit lese – auch bereits Gewachsenes durch gezielte Übung formen, als Form der neuronal inspirierten Therapie. Die Gehirnforschung hat, so lese ich mit wachsendem Interesse, neurologische Zusammenhänge zwischen Emotionen und Hirnaktivitäten entdeckt und erforscht aktuell Wege, wie emotionale Stabilität und Gesundheit erreichbar sind. Ein Ausweg aus der Depression?
Alles ist schon da! Sagte ich doch. Nur sind uns eben oft die Zugänge, Schlüssel und Zusammenhänge nicht bekannt.
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* Titel und Autoren darf ich leider noch nicht nennen, da das Buch noch nicht veröffentlicht ist.
Schwerwiegende Entscheidungen
Dass auch so heikle Angelegenheiten wie Intersexualität und Suizid Thema eines Tatort-Krimis sein können, dazu erst noch mit viel Fingerspitzengefühl vermittelt, hat uns das Schweizer Tatortteam aus Luzern gestern bewiesen. Ein deutsches Filmteam hätte den gleichen Plot ganz anders umgesetzt. Mir hat die Schweizer Inszenierung ausgesprochen gut gefallen.
Zur Geschichte: Sonntagnachmittag. Im Wald. Dee Kinderarzt Dr. Lanther wird während eines Benefizlaufes, an dem er teilgenommen hat, tot hinter einem Baum, mit einem Skalpell im Hals, aufgefunden. Verdächtige gibt es viele, denn beliebt war der in die Jahre gekommene Arzt weder im Team noch bei den Patientinnen, Patienten und deren Eltern.
Wie die Leute des Luzerner Kriminalpolizeiteams da im Sitzungsraum beraten, drückt die schweizerische Umgangsart, die ich so mag, durch. Da sitzen sie, vor ihren Laptops und einem riesigen, mit Details zum Fall überfüllten Flipchart und sammeln Beobachtungen. Dieses nicht hierarchische Miteinander auf gleicher Augenhöhe – es ist ungekünstelt und authentisch. Ich nehme die Menschen als einzelne wahr. Niemand flippt cholerisch aus, alle hören sich zu. Und doch wird deutlich sichtbar, was jeder denkt, eigene Ansichten haben Platz nebeneinander. Bereits da fällt die junge Brigitte auf. Sie ist sichtlich angespannter und betroffener vom Mord am Kinderarzt als die andern.
Verdächtige gibt es zuhauf, wie gesagt. Als erstes werden die schöne Witwe und deren Liebhaber – ebenfalls Kinderarzt und nicht nur privat sondern auch im Krankenhaus ein Konkurrent des ermordeten Arztes – in U-Haft genommen. Dies nicht, weil das Kommissarenteam Reto Flückiger und Liz Ritschard, die das fünfköpfige Ermittlungsteam leiten, das so sehen, sondern weil es der medien- und wahlstimmengeile Vorsteher des Polizeidepartements befiehlt – eine herrliche Karrikatur eines braunen Hardliners. Er will Resultate. Und er will Macht.
Noch vor der Vernehmung bittet Brigitte ihren Vorgesetzten Flückiger um Dispens während diese Falles. Ihrer Schwester gehe es nicht gut, sagt sie. Ich kann dich nicht entbehren. Wir brauchen dich hier!, sagt er und so vernimmt sie wenig später mit Liz zusammen die Witwe, während Reto und ein junger Kollege sich deren Liebhaber vornehmen. Als die Frau in ihre Zelle geführt worden ist und auf ihrer Pritsche weinend zusammenbricht, öffnet Brigitte kurz die Sichtklappe der Zellentür. Ihr Gesicht spiegelt Betroffenheit. Ein Bild, das hängenbleibt.
Diese Spur führt ins Leere und die Verdächtigen werden entlassen. In diesem Moment erreicht eine dramatische Todesnachricht das Team. Brigittes Schwester hat sich das Leben genommen. Um die Situation zu begutachten, Gewalteinwirkung von außen auszuschließen und ihrer Kollegin Brigitte beizustehen, fahren Reto und Liz sofort zur Wohnung der Familie. Das noch junge Mädchen hat sich in der Badewanne – mit einem Skalpell – die Pulsschlagadern aufgeschnitten. Klarer Fall von Suizid. Allmählich wird klar – obwohl die Eltern das Tabu nicht anrühren, denn darüber redet man nicht – dass Brigittes Schwester intersexuell geboren, doch ganz früh zum Mädchen gemacht worden ist. Von Dr. Lanther. Obwohl sie sich später immer als Junge gefühlt hat.
Als weitere Suizidfälle von frühoperierten Intersexuellen in den Akten gesichtet werden und das Team im Internet die Website eines Initiativkomitees gegen Frühoperationen bei Intersexualität findet, verdichtet sich der Verdacht, dass Dr. Lanther mit seinem Ansinnen den doppelgeschlechtig geborenen Kindern eine schlimme Kindheit zu ersparen, diesen einen Bärendienst erwiesen hat. Ihre Persönlichkeitsentwicklung verlief ganz oft sehr schwierig, vor allem in jenen Fällen, in denen das Kind sich mit dem gegenteiligen Geschlecht zu identifizieren begann. Ohne seine Geschichte zu kennen.
Als typisches Beispiel treffen Liz und Reto die junge Claudia an, die als Kind zum Buben operierte Tochter des heutigen Komitee-Initiators. Sie erzählt Reto und Liz, während diesen auf ihren Vater warten, davon, wie es ihr ergangen ist, bevor ihr Vater sie über ihre OP als Zweijährige in Kenntnis gesetzt hatte. Sie habe sich nie als Junge gefühlt, wollte sich sogar umbringen, wusste nicht, warum sie das Gefühl hatte, verkehrt zu sein. Erst mit der Aufklärung kam Licht in ihr Leben und dieses führt sie nun als junge Frau, doch in einem männlichen Körper gefangen. Ihr Vater kämpft heute dafür, Intersexuelle erst zu operieren, wenn diese es selbst wollen.
Ihr Vater ist trotz dieser wichtigen Aktion dringend tatverdächtig. Bei einer Tatortbegehung will Flückiger ihn von seiner Theorie des Tathergangs überzeugen, gemäss welcher er den Arzt umgebracht haben soll. Doch der Verdächtige streitet die Tat glaubwürdig ab und muss schließlich mangels Beweisen gehen gelassen werden. Derweil Brigitte noch immer in U-Haft sitzt, da sie ebenfalls am Lauf teilgenommen und ebenfalls ein starkes Motiv hat. Doch leider bisher ohne Alibi. Der Ermordete habe immerhin das Leben ihrer Schwester, die eigentlich ein Junge wäre, zerstört, waren die Argumente des Teams, obwohl natürlich alle von ihrer Unschuld überzeugt sind. Hier wiederholt sich die Szene mit der Klappe an der Zellentüre. Diesmal ist Brigitte jedoch auf der anderen Seite, als Gefangene, und eine Kollegin schaut betroffen zu ihr hinein.
Erst kurze Zeit nachdem eine Gruppe Jugendlicher, darunter ein Mädchen, das eigentlich ein Kerl ist, bei einer Nachtaktion auf dem Luzerner Bahnhof festgenommen werden, findet sich ein Zeuge, der Brigittes Alibi bestätigt. Sie wird unverzüglich freigelassen und übernimmt sofort die heikle Aufgabe, den jungen Menschen – nicht Mädchen, nicht Junge und beides zugleich – über seine ehemals doppelte Sexualität aufzuklären.
Noch immer viel zu viele Verdächtige und viele Motive. Die beiden jungen Ermittler des Teams überprüfen andere Eltern von Suizidopfern und stoßen dabei auf die Eltern von Toni. Anton-Antonia. Auch die beiden haben ein starkes Motiv. Ihre Wut auf den Arzt, der schon früh ihren Sohn in ein Mädchen verwandelt hatte, verbergen sie nicht und auch nicht ihre Erleichterung über seinen Tod. Doch sie haben ein sicheres Alibi. Die beiden jungen Ermittler bleiben dennoch misstrauisch.
Das Team tauscht sich immer wieder intensiv aus. Die kleinen Alltagsdialoge kommen authentisch rüber. Schön auch die Szene mit Reto und Liz, nachts am Luzerner Bahnhof. Am Hotdog-Stand erwarten sie das Auftauchen des Mädchens, das eigentlich ein Kerl ist. Wer bist du sonst so?, will Reto von seiner neuen Kollegin Liz wissen. Sie kontert und beide lachen herzlich. Besonders bei diesem Dialog ist mir klar geworden, wie unterschiedlich in Deutschland und der Schweiz im Alltag geredet wird. Feinste Nuancen sind es, die hier sehr gut wiedergegeben werden. Zwischendrin wird auch mal vaterländisch geflucht – auf gut Schweizerdeutsch. Natürlich wird ansonsten hochdeutsch geredet, doch die schweizerdeutsche Melodie und Satzstellung, Schweizer Redewendungen und Helvetismen kommen ganz natürlich, selbstbewusst und ohne Plumpheit rüber. Unser Deutsch ist anders, aber es ist gut so!, scheinen sich die DrehbuchautorInnen beim Schreiben der Dialoge gedacht zu haben. Sympathisch!
Im Verlauf der Tatortbegehung kam Reto auf die Idee, dass das Skalpell, das Dr. Lanther umgebracht hat, auch aus weiter Distanz hätte abgeschossen werden können. Sofort fällt den beiden jungen Ermittlern der zuvor besuchte Vaters jenes andern Suizidopfers ein. Der ist nämlich Armbrustschütze. Und – trotz Alibi – hätte er höchstens zwanzig Minuten bis zum Tatort gebraucht. Wem fällt an einem Fest schon auf, wenn einer zwanzig Minuten Pause macht?
Sofort fährt das Team zur Werft am Vierwaldstättersee, dem Arbeitsort des Vaters. Dieser flüchtet und verschanzt sich in einem Atelier. Die mit einem Abhörgerät verwanzte Brigitte und die Frau des mutmaßlichen Täters sollen als Vermittlerinnen fungieren. Doch während Scharfschützen und Sonderkommandos draußen die Umgebung sichern, wechselt die Ehefrau, kaum im Atelier drin, die Seite und zeigt ihr wahres Racheengelgesicht. Brigittes wütender Appell bringt endlich die Wende, so dass der mit seiner Armbrust bewaffnete Mörder zur Einsicht kommt und sich nun gegen seine Frau richtet, die ihn zur Tat angestiftet hat. Am Ende einer dramatischen Aktion werden die beiden überwältigt und festgenommen.
Die abschließende Szene ist weise gewählt: Der Teenie im Untersuchungsgefängnis wird entlassen. Flückiger übergibt ihm seine dicke Krankenakte, die in der Schweiz von Rechts wegen dem Klienten gehört. Der Junge im Mädchenkörper, der nun endlich die Wahrheit über sich weiß, hat sich beruhigt. Noch vor zwei Tagen hat er Flückiger bei der Festnahme gewalttätig Widerstand geleistet und ihn ins Gesicht geschlagen.
Sorry, wegen dem Auge, sagt er und verschwindet im Lift.
(Rezension des Fernsehkrimis Tatort vom 28. Mai 2012, Skalpell, Drehort: Luzern/Schweiz)
Die Zahnspange und andere Kompromisse
Gäbe es den Konjunktiv nicht, müsste ich ihn erfinden, denke ich des Öfteren, wenn ich mir beim Denken zuhöre. Weil ich ständig so vieles tun und so manches lassen möchte, das eben nicht in meiner Kraft liegt. Die Welt retten ebenso wenig wie wirklich ganz und gar das tun und lassen, was ich bin und will.
Kompromisslosigkeit versus Kompromiss. Immer wieder diese Diskrepanz in mir, die mir auf den Schulter hockt.
Ins linke Ohr flüstert sie: Ja, so ist gut, wehr dich! Befreie dich! Mach dein Ding!
Ins linke Ohr: Das kann du so nicht bringen! Du brüskierst und verletzest die anderen!
Ja, zugegeben, die Konsequenzen habe ich mir nicht überlegt. Wie es sein wird, wenn ich nicht mehr um jeden Preis nett bin, kenne ich nicht. Wie es für mich ist und wird ebenso wenig wie es sich für die anderen anfühlt. Da sind drei Menschengruppen: Die, die ich liebhabe und sie mich. Die werden mich eh liebhaben, auch wenn Nettigkeit nicht mehr so weit oben hocken wird. Dann jene, die mich ein wenig kennen – oder nur vom Blog. Wie wichtig sind sie mir? Vielleicht sind sie jene Menschen, die meine Blogstatistik am meisten beeinflussen? Wie viel Rücksicht haben sie verdient? Werde ich sie vergraulen?
Du wirst erst glücklich sein, wenn dich das, was andere über dich denken, nicht mehr kümmert, hat Irgendlink vor Jahren mal theoretisiert. Ohne dieses Glück bereits im ganzen Umfang gefunden zu haben. Auf dem Weg dahin sind wir unterwegs. Er. Ich.
Und die dritte Gruppe? Die, denen ich egal bin oder die mich eh irgendwie doof finden. Die größte Gruppe. Und zugleich die, die mir am egalsten ist. Denen, die mich doof finden, bin entweder zu „so“ oder zu „so“. Und wenn ich jemandem egal bin, kann mir das ja egal sein.
Trotze ich? Und wenn ja, warum und wem gegenüber? Oder ist meine aktuelle Infragestell-Phase von allem möglichen gar ein Veränderungsprozess in Bezug auf meine Standardeinstellungen, wie das die Mützenfalterin in ihrem Blog thematisiert hat? Sie zitiert im Kommentarstrang Foster Wallace:
„Als wäre die grundlegende Sicht eines Menschen auf die Welt und den Sinn seiner Erfahrungen irgendwie automatisch in ihm verdrahtet wie Körper- oder Schuhgröße, oder als würden sie wie die Sprache von der Kultur vorgegeben. Als wäre unsere Konstruktion von Sinn keine Frage der persönlichen und ausdrücklichen Wahl, der bewussten Entscheidung. (…) Ein solches Denken ist meine angeborene Standardeinstellung. Es ist die automatische, unbewusste Haltung, in der ich die langweiligen, frustrierenden und überfüllten Teile des Erwachsenendaseins erlebe, wenn ich auf Autopilot laufe und unbewusst glaube, ich bin der Mittelpunkt der Welt, und meine unmittelbaren Bedürfnisse und Gefühle sollten in der Welt Priorität haben.”
Was klar so nicht ist. Ich bin ausschließlich die Mitte meines eigenen Lebens. Und nicht mal das wirklich. Zum Glück bin ich – sind wir alle – ständig in der Lage uns zu verändern. So jedenfalls sind wir konsturiert. Nicht alles lässt sich sofort ändern und nicht alles gleich gut, zugegeben, doch zumindest das oft genug festgefahrene Denken. Wir können immer aufhören „so“ und anfangen „so“ zu denken. Theoretisch zumindest.
„Es ist immer auch eine Art Herausforderung, egal wo und wie wir geboren werden. Erst wenn wir diese annehmen, gerade hier und jetzt mit dem was ist, und tun, was zu tun ist, kann Entwicklung geschehen und vielleicht auch Zufriedenheit wachsen“
So schrieb Freundin U. neulich in einer Mail. Und die Mützenfalterin schrieb:
„Ich weiß gar nicht, ob Veränderung ein Ziel haben muss, außer sich selbst treu zu bleiben, d.h. die Dinge immer wieder in ein Verhältnis zu setzen und zu hinterfragen.“
Neuanfänge und Veränderungen sind bei mir aktuell hochaktuell. Mehr als sieben Wochen bin ich nun – schon oder erst – wieder in der Schweiz. Meine Heimat. Ich denke oft in Bildern, wenn ich mich in der altvertrauten Landschaft neu orientiere. Ich denke dabei an Weben. Ein erstes Mal, wenn ich einen neuen Weg gehe, sind alle meine Sinne weit offen. Ich nehme auf und integriere, was ich wahrnehme in das neubegonnene Gewebe in meinem Kopf. Ich verankere den neuen Faden mit dem Kamm. Mit jedem Mal, den ich ihn gehe, wird der Weg vertrauter. Gibt mir Heimatgefühl, je besser ich ihn kenne. Was sich ziemlich gut anfühlt. Meistens.
Oft gehe ich nun auch schon von früher bekannte Wege, lange nicht mehr gegangene allerdings. Eine Zeitreise sozusagen.
Bin ich überhaupt je weggewesen?, frage ich mich. Was dazwischen war, schrumpft und verschwindet. Tut wenigstens so. Die alte Heimat fühlt sich an wie ein altes, zuhinterst im Schrank wieder entdecktes Kleidungsstück. Passt noch, ist aber seltsam mich darin im Spiegel zu sehen.
Bin das noch ich? Welche Ich?
Mir treu bleiben ist einfach. Wenn ich in den ausgetretenen Spuren und Standardeinstellungen verharre. Aber ist das Treue zu mir? Was in mir fordert meine Treue?
Mir treu bleiben ist schwer. Denn es gilt herauszufinden, was es ist, dieses „mir“, dem ich Treue versprochen habe.
Passe ich mich mir an? Wachse ich mit? Gönne ich mir neue Schuhe oder quetsche ich mich in die alten?
Schreiben ist – denk ich grad, wie schon oft, wie ich mir über die Schultern schaue, während ich denke und mitschreibe, ein Denkprotokoll quasi niederschreibe – schreiben ist mein seelischer Verdauungsprozess. Aber ich schweife ab.
Der Vergleich, der Wettbewerb ist die Zahnspange unserer Gesellschaft. Erfunden wurde dieses heute so unvermeidliche und sogar stylish gewordene Teil ursprünglich, um Menschen, deren Zähne in einer schlimmen, gesundheitlich problematischen Stellung wuchsen, zu helfen. Heute ist daraus ein Ding geworden, das alle Zähne aller Menschen auf Gleichheit trimmt. Behaupte einer, dass all die vielen jungen Menschen, die Zahnspangen tragen, wirklich ein Problem mit der Zahnstellung haben.
Zahnspangen brauchen wir Schreibenden nicht. Nicht für den Stil jedenfalls. Ich behaupte, dass die Richtlinien, die uns Grammatik, Syntax und Rechtschreibung, geben, reichen. Kreativität braucht kein Raster. Gleichförmigkeit ist langweilig. Lassen wir uns keine Zahnspangen verpassen!
Zum Schluss noch dies, weil es auf dem Zettel neben mir auf dem Tisch steht und geschrieben werden will: Wie viel schön pro Tag brauchen wir um zu leben, um zu überleben?
Und wie viel schön pro Tag ist gesundheitsschädigend?
Eines Tages
Ich esse Vollkornbrot vom Großverteiler, aus, so vermute ich, monokulturell angebautem Getreide. Schmeckt gut. Das Ei, das ich mir dazu gebraten habe, sei Bio, steht auf dem Karton. Ob das Huhn, das es gelegt hat, glücklich ist? Ob es ahnt, wie ein Hühnerhof aussieht? Tiergerechte Haltung – was wissen wir schon?
Mmh, köstliches Zitronenjoghurt. Auch Bio. Ich stelle mir glückliche Kühe auf grünen und blumenbunten Magerwiesen vor, mit Margeriten und Hahnenfuß, mit Weiß- und mit Rotklee. Und mehr als nur zwei Grassorten. Glückliche Kühe. Food Facts. Auf den Becher gedruckt. Aufs Gramm genau kann ich schauen, was ich esse. Wie viel Eiweiß die Kuh aus Gras und Blumen generiert hat.
Meine Gedanken schweifen ab.
Gestern schrieb ich in einer Mail an S., dass ich mich zurzeit sehr ausgeschrieben fühle, ausgeleert und ausgewrungen. Und nichts mehr zu sagen habe, sozusagen. Alles gesagt. Und dass ich darum das Bloggen sein lassen werde. Eigentlich stimmt das nicht ganz. Es ist nur ein Teilaspekt, denn das Schreiben und das Denken kann und will ich nicht lassen.
Hier geht es um Energie. Meine Energie, die ich zurzeit als sehr begrenzt erlebe. Der Austausch mit meinen Leserinnen und Lesern ist mir zwar wichtig, doch ich stelle oft fest, dass mich das Antworten nicht befriedigt. Dass mir, um mich zufriedenzustellen, mehr Energie zur Verfügung stehen müsste. Kurze Antworten werden den Kommentaren nicht gerecht und sind auch immer mal wieder missverständlich und lange Antworten sind oft so persönlich, dass sie im Blog nicht am wirklich passenden Ort sind. Zu öffentlich. Darum habe ich mich nun durchgerungen, die Kommentarfunktion zu deaktivieren. Obwohl ich den Austausch mit euch liebe. Obwohl ich die Kommentare schätze. Obwohl. Ja.
Mit einem Augenzwinkern gesagt, befreit mich und dich das davon, um jeden Preis etwas Schlaues zu meinen Artikeln und den Kommentaren sagen zu müssen. Wer will, darf natürlich gerne per Mail mit mir Kontakt aufnehmen. Die Adresse findet sich auf der Kontaktseite oben. Oder ihr habt sie schon.
Da sitze ich also und esse Vollkornbrot, Bioeier, Biojoghurt und denke über das Bloggen nach. Aber ich denke auch an den Drachenläufer. Gestern geguckt. Eine wunderbar von Marc Forster umgesetzte Geschichte nach dem gleichnamigen Roman.
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Wegen eines ethnischen Makels – ja, unsere Herkunft stempelt uns fürs Leben! – geht eine Bubenfreundschaft unwiederbringlich kaputt. Und vor allem wegen Feigheit, fehlendem Mut. Auch beim Geschichtenerzähler, dem Buch von Mario Vargas Llosa, das ich gerade lese, geht es um Ethnien. Um Akkulturierung. Um den Verlust der Wurzeln und um Kolonialisierung, Verwestlichung, Domestizierung, Anpassung und Unterdrückung. Wenn ich es mir so recht überlege, ist das Dschungelbuch – die uralte Filmversion aus den Vierzigern (!), die ich neulich geguckt habe – eigentlich ein Film voller Übergriffe und Falschinterpretationen uns unbekannter Kulturen und Lebensweisen. In Bezug auf das „exotische“ (indische) Volk ebenso wie auf die den Urwaldtieren angedichtete Charaktere. (Das Buch habe ich – ja wirklich! – nie gelesen. Andere Verfilmungen kenne ich nicht. Ich mache hier nur eine Aussage über diesen einen Film).
Fazit: Wir domestizieren. Wir beherrschen. Wir unterdrücken. Wir manipulieren. (Falls du nicht und nie auch nur ein bisschen, dann Glückwunsch. Lies einfach weiter – oder lass es bleiben.)
Aber wir passen uns auch an. Wir lassen uns die Flügel stutzen. Wir hören uns an, wie wir zu sein hätten. Wir lassen uns vorschreiben, was richtig ist. Zutiefst menschliches Verhalten in wohl fast allen gewesenen und lebenden Kulturen der Welt, wie ich vermute.
Betrachte ich das Blatt Papier vor mir (dass ich von Hand mit den obigen Sätzen beschrieben habe, während ich frühstücke), betrachte ich meine Schrift, betrachte ich die aufgedruckten feinen horizontalen und vertikalen Linien meines Schreibblocks, stelle ich fest: Meine Lehrpersonen waren erfolglos damit, mir meine wilde Schrift ab- und mir dafür eine andere gesellschaftskompatible, lesbare, nichtmeine Schrift anzugewöhnen. Nicht, dass ich nicht auch (relativ) lesbar schreiben könnte. Wenn ich muss und wenn ich will. Aber wenn nicht, dann nicht. Selten treffe ich Zeilen oder Linien. Die a, die e, die z, die s, die g, die undsoweiter sehen bei mir nie gleich aus. Jede Graphologin würde sich die Haare raufen. Mein Vorteil: Ich kann die meisten Handschriften auf Anhieb lesen. Aber ich schweife ab.
Wie wären wir wirklich? Wie wäre ich wirklich? Wenn? Wenn ich nicht? Wenn was? Ohne die Zivilisation? Ja, wie wäre ich – heute und hier – ohne unsere jahrtausendelange Wegführung von der Verbundenheit, die der Mensch eins zur Natur hatte. Zu den Tieren. Zu Pflanzen und Elementen. (Natürlich sind all diese Fragen müßig, aber ich denke sie trotzdem. Und gerne.)
Diese tiefe Sehnsucht nach Wildheit und Eingebundensein in die ursprünglichen Zusammenhänge hatte ich schon immer. Spontane Naturrituale machte ich schon als Kind. Beim Toter-Vogel-bestatten ebenso wie Beim durch-den-Wald-streifen. Und beim Steinesammeln ebenfalls. Meine Intuition erscheint mir heute, als Erwachsene, zuweilen wie ein Relikt aus uralten Zeiten, die mich in dieser überzivilisierten Welt – wie eine Kompassnadel, die von zu vielen Geräten irregeführt wird und wild im Kreis tanzt – oft in die falsche Richtung weist. Richtig schon, aber nicht umsetzbar, denn würde ich ihr immer gehorchen, könnte ich schon bald nicht mehr in dieser Gesellschaft leben. Zum Beispiel empfiehlt mir meine Intuition in einer Stresssituation Rückzug und Ruhe, doch die Umsetzung ist meist nur schwer möglich. Oder falls ich es tue, manövriere ich mich ins Abseits.
Back to topic. Born to be wild? Thrill um jeden Preis. Highheels statt barfuß. Weil es kaum mehr Orte gibt, wo wir Wildheit und Urtümlichkeit spüren, leben, riechen, berühren können und erfahren (falls wir es denn noch wollen, noch spüren, noch ersehen), schaffen wir uns diese Orte selbst. Wir springen an Seilen von Brücken, ohne Seil dafür mit Stoff über dem Kopf aus Flugzeugen und besteigen die höchsten Berge und Türme.
Nein, ich darf nicht verallgemeinern. Das sind ja eh immer alles nur die anderen. Und außerdem haben wir alle grundverschiedene Bedürfnisse. Haben wir das? Ist da nicht der Wunsch in uns allen, uns lebendig zu fühlen? Lebendig und in Verbindung mit uns und dem Leben?
Schnitt. Zoom. Ich. Wie gehe ich mit dieser Zerrissenheit um? Ich lebe hier in meiner zivilsierten Welt mit Warmwasser und Kühlschrank, mit Laptop, iPhone, DVDs und Büchern, mit Internet und Telefon. Ich liebe diese Dinge. Ja, und ich liebe die Natur. Die Aare. Wasser und Feuer. Wind. Erde an den Händen.
Entweder-oder geht hier nicht mehr. Sowohl-als auch ist der Weg, für den ich plädiere. Integration. Zurück in die Steinzeit kann ich nicht. Und will ich auch nicht. Dennoch frage ich mich, wie es wäre, wenn … Und auch, wenn es anders gewesen wäre. Wenn die Zivilisation organischer vorangegangen wäre. Weiblicher, matriarchaler. Ob die Atombombe erfunden worden wäre? Sexismus und Rassismus wäre vielleicht Wörter ohne Inhalt. Und darum inexistent.
Integration – was genau ist das überhaupt? Ist es das Zauberwort, um mich aus meiner Zerrissenheit und dem schmerzhaften Spaghat zwischen uralt-innerem Wissen und dem pseudouniversellen Wissen des weltweiten Netzes zu befreien?
Wie das Biohuhn, das mein Ei gelegt hat, wohl wenig Ahnung von einem richtig tollen Hühnerhof hat und schon gar nicht, wie es in der Wildnis aussieht, die es für Hühner bestimmt auch einmal gegeben hat, wie das Biohuhn also, bin ich eine Mischung aus alle dem, was ist und war. Verbunden durch meine EUrinnerungen, durch alle Zeiten mit allen Zeiten und mit allem, was lebt.
Étagère
Das wird eine Étagère, sagt die Frau vor mir. Sie deutet auf einen großen, einen mittelgroßen und einen kleinen Teller, aufeinandergeschichtet auf dem Rollband. Designergeschirr beim orangen Riesen. Mir gefällt‘s auch. Ah, eine Étagère, denk ich, gute Idee, doch die Verkäuferin versteht Bahnhof.
Eine was?, fragt sie die Kundin. Die beiden duzen sich. Kennen sich. Lachen zusammen.
Eine Étagère, sagt die Kundin nochmals. Die Verkäuferin fragt die Kassiererin an der Kasse nebenan, ob sie wisse. Es hat nicht viele Leute. Alle hören mit. Mit ist es ein bisschen peinlich, wie dumm die Verkäuferin ist. Oder vielleicht, dass sie sich ihrer Dummheit nicht schämt. Hm. Ich schäme mich mal wieder fremd, sozusagen. Dass es die zweite auch nicht weiß, macht das Ganze wohl ein bisschen weniger peinlich. Ich nicke der Kundin wissend zu, die auf ihrem iPhone nach Étagèren sucht, um der Verkäuferin ein Bild zu zeigen. Oder auch nur das geschriebene Wort. Étagère kommt von Étage, hört man doch. Weiß man doch. Von Stock. Von Brett. Von Absatz. Von Stufe. Von was auch immer. Dinge übereinander halt. Sie schwatzen und lachen noch immer. Zwei Nichtwissende sind weniger schlimm als eine. Und wenn mehr Menschen etwas nicht wissen als wissen, gilt es schon als normal.
Was ist normal?, fragte ich Freundin T., mit der und ihrem Mann P. ich essen war.
Alle meinen, nur die anderen sind es. Niemand fühlt sich wirklich normal oder zugehörig, sagt T..
Alles eine Frage der Deutung, grüble ich auf dem Rückweg. An Deutung und Bedeutung, deute ich rum, schon wieder, seit gestern schon, oder immer vielleicht. Weil Peter Stamm da was geschrieben hat in seinem relativ neuen Buch, Seerücken heißt es, das ich lese. Wie da eine junge Frau in einer der Geschichten im Wald lebt, erzählt er. Drei Jahre lang lebt sie da. Sommers wie winters. Wie sie über das Wesen des Waldes nachdenkt und über die Welt, erzählt Stamm. Und wie alles miteinander zusammenhängt. Oder eben nicht. Wie sie sich Fragen stellt über das Dasein. Fragen, wie ich sie gedacht habe. Immer schon. Als Kind im Bett vor dem Schlafen. Nach dem Gutnachtgebet mit meiner Mutter. Ein Sprüchlein nur, ein nettes, wo es um den lieben Gott ging, und ich mich hinterher, solange bis der Schlaf mich einholte, fragte: Wer hat eigentlich Gott gemacht? Was war vorher und dahinter, darunter und darin, in Gott. Und wieso Gott. Wer hat dieses Wort gemacht? War es vor Gott da? Und wer ist Gott überhaupt? Die Sache mit Rauschebart und Wolke war mir schon als Kind suspekt.
Wie schon beinahe immer schickte mir Irgendlink auch heute Morgen seinen Blogtext, damit ich ihn redigieren und auf sein Blog hochladen kann. Über den Urknall schrieb er. Und über das Schaf. Ein Text, der mich anrührte. Nicht, dass wir ähnliches nicht auch schon diskutiert hätten, früher, nicht gestern oder jüngst, aber oft. Doch wenn etwas geschrieben ist, ist es anders. Es ist bedeutungsvoller. Als wäre etwas, das geschrieben ist, wirklicher und wichtiger.
Ist es nicht letztlich das, was wir alle wollen? Etwas bedeutungsvolles tun. Ist nicht fast jedes menschliche Streben von der Idee motiviert, eine Spur in dieser Welt zu hinterlassen? Eine bedeutungsvolle Spur im Sand des großen Nichts. Oder nennen wir es das große Etwas, das aus dem großen Nichts geworden ist. Worüber, wie gesagt, Irgendlink, heute gebloggt hat. Bedeutungsvoll. Was für ein Wort! Doch, so frage ich mich, wer macht, wer sagt, wer ist es, der sagt, was bedeutungsvoll ist? Dieser Liebegottmitrauschebart mit Sicherheit nicht. Doch wenn es nur – nur! – wir selbst sind, die die Bedeutung von bedeutungsvoll definieren, ist es dann nicht egal, was das Wort bedeutet? Ich meine, so – von uns allen gefüllt – ist es beliebig geworden. Wertlos und bedeutungslos. (Ist das nicht wie Kunst ohne jegliche Qualitätseinschränkung? Ein Thema, worüber ich längst bloggen wollte.)
Womit wir bei der Deutung wären, jener Vieldeutigen, Undeutbaren, großen Unbekannten, die alles entscheidend ist, denn sie sagt uns, was ist und was wird. Mein Zustand, von mir gedeutet, wenn ich am Morgen das Bett verlasse, entscheidet über den Verlauf des Tages, zumindest der ersten Stunden. Ich deute, also bin ich. Ich deute alles. Das Wetter ebenso wie die Zeilen einer Mail und erst recht das, was zwischen ihnen hängt. Alles. Deuten ist filtern ist bewerten. Doch eigentlich will ich mich jetzt als Deutende mit dir als Deutendem auf die gleiche Stufe stellen. Unsere Deutungen sind sich gleichwertig. Gleichwertigkeit ist eine schöne Theorie, die aber nur geht, wenn wir zwei die gleichen Kompetenzen haben.
Absolut gesehen geht so was nicht, denn absolut gibt es nicht. Nicht mal in der Mathe. Relation, sag ich da nur, und: denk an Einstein. Alle sogenannten Beweise sind immer nur relativ.
Immer.
Gemessen an.
Im Vergleich zu.
Auf der Annahme beruhend, dass.
Weil eben alles immer von irgendwo an- und ausgedacht werden muss. Dieser Punkt ist der große Schwachpunkt. Vielleicht der Urpunkt. Und hier kommen nun der Mensch und sein Selbstbild ins Spiel. Der Mensch, der tut als sei er das Maß aller Dinge. Im (genialen) Schafskrimi Glennkill, den ich letzte Woche gelesen habe, diskutieren die Schafe über die Seele des Menschen.
Nein, der Mensch kann keine Seele haben, sagen sie, die schlauen Schafe, die gemeinsam auf der Suche nach dem Mörder oder der Mörderin ihres Hirten sind.
So schlecht wie der Mensch riecht und seine Umgebung wahrnimmt, nein, da kann er keine Seele haben. Außer, vielleicht, eine ganz ganz kleine.
Was wissen wir schon über all die anderen Dimensionen, die noch unerforschten? Nur drei sind uns halbwegs vertraut. Halbwegs. Und auch über uns selbst wissen wir nur verdammt wenig. Wissen? Nein, ich strebe nicht nach Wissen, wenn ich mich nach mehr Lebensfülle sehne, auch nicht nach Trost, wenn ich nicht mehr weiter weiß, nicht einmal danach verstanden zu werden, wenn meine Gedanken mal wieder Loopings tanzen, denen niemand folgen kann. Nein, ich sehne mich einfach nur nach Erkenntnis. Danach, die ganz großen Zusammenhänge zu verstehen. Den Sinn dahinter. Den wirklichen. Nichts weniger als das, bitte schön, und dann geb ich endlich Ruhe. Ja, ich leide am Nichtverstehen.
Ständig zerreißt mich das Leben, das ich lebe, entzweit mich immer wieder mit mir selbst. Die eine Hälfte sagt: Egal, wie alles zusammenhängt, Hauptsache mir geht’s gut und ich lebe glücklich vor mich hin. Doch die zweite Hälfte sagt: Ich will verstehen, warum dieser Mensch so und so ist und ich will wissen, warum dies und das dazu geführt hat, dass jetzt dies und das heute so und nicht anders ist. Ist es überhaupt so, oder meine ich das nur? Oh, und schließlich ist noch jene Hälfte zu erwähnen, die – ach, nein, das wollt ihr gar nicht wirklich wissen.
Warum brauchen andere keine Antworten?, frage ich mich. Weshalb könne andere ohne Erkenntnisse leben? Wieso gelingt es andere, ohne dass sie die Zusammenhänge verstehen ihren Alltag zu meistern? Falsche Fragen allesamt. Müßige auf jeden Fall. Was muss es mich denn schon interessieren, wie andere leben, leben können? Warum erliege ich ständig und schon wieder der Versuchung, mich zu messen, mich zu vergleichen? Selig sind die, die solche Probleme nicht kennen, ihnen gehört – ja was? Der Himmel? Heißt es im Buch der Christlichkeit.
Schnitt.
Selig, glückselig zu sein – ist es denn nicht das, was wir uns alle wünschen? Für uns, für alle. Ohne diese rosarote Langeweile allerdings, die wir üblicherweise mit dem Himmel assoziieren. Schöne, friedliche, spannende, lustige, lebendige Glückseligkeit. Zufriedenheit. Ganzheit.
Deute diese Worte für dich. Kannst du alles haben. Jetzt.
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EDIT:
Anmerkungen:
– Das Wort Étagère ist in Deutschland praktisch unbekannt, anders in der Schweiz, wo es recht verbreitet ist (zumal ja hier (fast) alle französisch lernen).
– Dieser Text, vor allem der Anfang, spaziert ein wenig durch satirische Gebiete.
