Das machen wir bald wieder mal!, sage ich beim Abschied und umarme Freundin T., meine Beinahe-Nachbarin, herzlich. Sie wohnt ja nur fünf Radminuten entfernt. Ein Katzensprung. Das könnte zur Tradition werden, wenn es nach mir geht. Wir lachen.
Ein wunderbarer Spaziergang auf den nahen Hügel, durch die Wälder, an Wiesen vorbei, auf denen alles gelb leuchtet. Sonnentrunkene Löwenzahnblüten dicht an dicht. Wir zwei auf den Spuren des Frühlings. Sonne und kalter Wind, der uns um die Ohren fegt. Überall grün.
Schafe. Bienen. Blüten. Ach, wie habe ich es die letzten Tage vermisst, lustvoll nach draußen gehen zu können. Ich habe den Regen so satt, noch vielmehr die Kälte. Es müsste wärmer sein. Es müsste sonniger sein.
Die Bienen müssten fliegen können, um die Obstbäume, die in Blüte stehen, zu befruchten, denken wir laut. Sonst haben wir im Juni keine Kirschen und im September keine Äpfel.
Stell dir vor, sie tun es nicht? Nur so als Möglichkeit, sage ich. Mich schaudert.
Wie abhängig wir von diesen kleinen Tierchen sind, sagt T., und von der Erde. Und wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen. Ein altes, ein deswegen nicht weniger wahres Bild.
Über Hingabe an die eigenen Projekte reden wir, als wir den nächsten Hügel hochsteigen. Und darüber, wie alle möglichen Pendel in der Gesellschaft immer von einer Seite auf die andere schlagen. Nie zur Ruhe kommend, nie in der Mitte bleibend. Extreme gab es immer. Früher war es das „Wir“, das über allem stand und dem alles geopfert wurde. Insbesondere die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung. Heute ist es das „Ich zuerst!“ mit fettem Ausrufezeichen.
Selbstverwirklichung – ja, gut, will ich ja auch, bin ich dran. Ich finde, es ist eine wichtige Aufgabe, wirklich die zu werden und zu sein, die ich bin. Mich selbst. Doch welchen Preis bin ich und sind wir bereit dafür zu zahlen? Wie viele Opfer dürfen wir bringen, als einzelne, als Gesellschaft?
Ich sehe so viele Kinder ohne Vorbilder, ohne Orientierung, die auf dem Egotrip ihrer Eltern mitsurfen und alles haben, doch nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt.
Da, guck, die Schafe! Ganz zahm sind sie. Wir füttern sie mit dem fetten, blumenreichen Gras von der andern Seite des Zauns. Denn da, ach wir wissen es alle, ist das Gras immer besser, grüner, saftiger.
(Bilder folgen)
Kategorie: Gesellschaft
Von Tee, Wein und Tabubrüchen
Wie ich gestern mit dem Rad zum nahen orangefarbenen Groß-M fahre, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen, treffe ich Freundin T..
Komm doch auf eine Tasse Tee vobei!, sagt sie, was ich nach dem Einkaufen auch tue. Angeregte Gespräche, wie immer, auch mit ihrem Mann P.. Auf dem Heimweg bringe ich das Schmunzeln in meinem Gesicht nicht mehr weg. So nahe von zwei so tollen Menschen zu wohnen, ist einfach ein Geschenk. Und macht meine zeitliche Trennung vom Liebsten, mein Stohwitwentum, ein bisschen erträglicher.
Tun und lassen, was ich will, ja das kann ich!, sage ich einige Stunden später. Ob das eher einfach oder eher schwierig ist, fragt Freundin R., die in der nahen Kleinstadt wohnt und mich spontan am Abend besucht. Wir trinken Wein und sofasophieren über Göttin, die Welt und die Männer. Wie früher oft, doch nun schon eine ganze Weile nicht mehr. Die Männer, ja. Und nein, keine Details, nur dies: R. orientiert sich in ihrer langjährigen Beziehung neu, so neu, dass das Alleinsein für sie zur neuen, ungewohnten, großen Herausforderung wird.
Ich, die ich neben aller geschätzten Geselligkeit, Alleinsein unbedingt für mein Wohlergehen brauche, verstehe dennoch, wenn sie sich wundert, dass ich einen Sonntag, dazu einen Ostersonntag, allein mit mir verbringen will. Als Familienfrau natürlich eine berechtigte Frage. Ob es nun einfach oder schwierig ist, nirgends angebunden zu sein – freiwillig oder durch familiäre Verpflichtungen – ist nicht so einfach zu beantworten. Ich bin jedenfalls lieber freiwillig allein als unfreiwillig ständig mit Menschen zusammen. Und ebenso gerne bin ich freiwillig mit tollen Menschen zusammen.
Ich frage mich, warum sogar ich besonders an Feiertagen mein selbstgewähltes Alleinsein eher seltsam finde. Nein, nicht schwierig, jedenfalls nicht aus meiner Sicht. Nur, wenn ich mein Leben von außen betrachte. So wie andere mich sehen. Obwohl das ja eigentlich egal ist. Sein sollte. Ach, jetzt bin ich wieder in die Falle des Michrechtfertigenmüssens gepurzelt.
Fakt ist: Alleinsein ist ein kleines Tabu in unserer Gesellschaft. Ein Makel. Auch Stille. Wir tun so vieles, um ja bloß nicht ein paar Stunden still und mit uns allein sein zu müssen. Dabei nährt mich doch beides so sehr.
krass, diese Sache mit Grass
Ich lese endlich wieder, mit einigem Nachholbedarf, Zeitung. Heute kam mir sogar die vor drei Wochen in Mainz erhaltene Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in die Hände, die zwischenzeitlich zu Packmaterial mutiert war.
Nach umzugsbedingten medienarmen Wochen erschlagen mich dieser Tage gewisse Informationen geradezu und ich weiß nun auch wieder, wieso ich oft Zeitung und Medien meide. Weil sie mich unendlich hilflos zurücklassen. Schreiben hilft.
Auch andere schreiben sich ihre Empörung vom Herzen. Gestern schon hat Sherry über Günter Grass und dessen mutiges Gedicht zum aktuellen Iran-Irak-Konflikt berichtet. Sein Gedicht, dort zitiert, wäre ja eins. Das andere ist die Reaktion der Medien. Grass wird nun unter anderem Antisemitismus vorgeworfen. Und mir vielleicht auch, wenn ich hier laut denke:
Darf eine ehemalige Opfer-Nation, die natürlich und zu Recht viel Respekt verdient, darf diese Nation heute einfach alles tun, was sie will – nur weil sie einst Opfer war? Ich finde nein.
Und was ist eigentlich mit der Meinungsfreiheit?
Lest dazu weiter auf „Liberté“:
Grass‘ “irres Hassgedicht”: Warum laufen deutsche Medien Amok?
Grass hat ein Gedicht gegen den Krieg geschrieben, gegen Israels drohenden Erstschlag, gegen den Maulhelden Ahmadinejad, gegen seinen Populismus und gegen das deutsche Schweigen – gegen das immerwährende, deutsche Schweigen. Stellen Sie sich nur eine Sekunde lang vor, dieses Gedicht sei nicht an Israel adressiert gewesen, sondern an die Islamische Republik Iran. Wie hätten die Medien reagiert? Wie viele kritische Artikel wären gegen dieses Gedicht entstanden, wie viele Sendungen aufgezeichnet, wo doch Israel eine Bedrohung für das Land Iran darstellte, folgt man den Drohgebärden? Wenn Sie ehrlich sind: Gar keine, denn die IRI wird schon seit zehn Jahren zur Achse des Bösen gezählt und zur globaler Gefahr heraufstilisiert, obwohl sie die größte Gefahr einzig und allein für das eigene Volk darstellt. Und noch immer warten wir auf die große „Bombe“ die platzen wird.
Doch stellen Sie sich vor, dieses Mahngedicht gegen die Islamische Republik Iran wäre doch von vergleichbarem Interesse gewesen. Die Reaktion, die daraufhin von den Medien erfolgt wäre, wäre ein simultaner Applaus aus allen Ecken. Herr Grass hätte vermutlich einen weiteren Nobelpreis bekommen, der Stil und die Eleganz seiner Sprache wären hochgelobt worden {auch, wenn sie einfacher nicht hätte sein können}, man hätte ihm stolz auf die Schulter geklopft und ihm mitgeteilt, dass man gar nicht gedacht hätte, dass der Gute in seinen späten Jahren noch so einen messerscharfen politischen Durchblick habe. Ist dieses Szenario für Sie vorstellbar? Sicherlich. (weiter …)
Quelle: Liberté-Blog, by Sherry Iranique
Ein Anfang zu sein
Ein bisschen wie der kleine Prinz von Saint-Exupéry komm ich mir vor. Täglich jätet der kleine Kerl seinen kleinen Planeten, damit das Unkraut nicht überhandnimmt. Täglich befreit er seine Rose von den gefräßigen Raupen, damit sie sein Ein-und-alles nicht zu Grunde richten. Und täglich verschont er ein paar Raupen – um der Schmetterlinge willen. So hab ich es im Kopf. So ähnlich jedenfalls. Falls mir das Buch beim Einrichten des Bücherregals in die Finger kommt, will ich es wieder lesen. Eins meiner ewigen Lieblinge. Längst zerfleddert, aber heiß geliebt.
An den kleinen Kerl denke ich, wie ich meinen Laptop auf starte, um auf dem Irgendlink-Live-Kunst-Reise-Blog auf Raupensuche zu gehen. Auf der iPhonetastatur schleichen sich nämlich ganz schön schnell Tippfehler ein. Damit diese nicht allzu störend beim Lesen sind, mach ich die meisten weg. Nicht alle. Nur jene, die sinnverfremdend sind. Aus heite mach ich heute. So Sachen halt. Die andern lass ich – um der Schmetterlinge willen.
Zum täglichen Ritual, das ich bereits nicht mehr entbehren möchte, gehört das Illustrieren der von ihm zurückgelegten täglichen Reiseroute mittels Guuglmäps und das Downloaden von Irgendlinks Texte und Bilder in ein Textdokument. Das neue Buch im A5-Format hat bereits jetzt – samt der verkleinerten Bilder und dem Vorspann – um die siebzig Seiten. Nach nur einer Woche. Könnte also sein, dass da ein dicker Reiseschunken entsteht. Möge sich ein toller Verlag dafür finden. Obwohl die ganze Liveatmosphäre halt schon was ganz und gar einzigartiges hat. Etwas süchtigmachendes.
Ich lese im neuen SPUREN-Heft (103, Thema Neubeginn) einen genialen Artikel. Es ist ein Buchauszug aus einem Buch von Dirk Grosser namens Selbst ein Anfang sein. Es geht darin um die Möglichkeiten, die wir haben und allzuoft verstreichen lassen.
Ich zitiere:
Warum sollten wir alle das gleiche Gebet sprechen? Woher kommt dieses Misstrauen dem eigenen Erleben gegenüber? Unsere Einzigartigkeit ist das Wertvollste, was wir besitzen – niemand kann unseren Platz in dieser Welt einnehmen. Niemand kann der Welt das geben, was gerade wir geben können. Unsere Talente, unsere spezielle Wahrnehmung, unser Ausdruck, unsere Liebe … Wäre es nicht tragisch, aus Rücksichtnahme auf ein System, welches gar nicht das unsrige ist, darauf zu verzichten? Warum nicht selbst der Anfang von etwas Neuem sein? (…) Alle (diese) vorgefertigten Wege wollen uns zu „Etwas“ machen. Doch „etwas sein“ bedeutet immer eine Grenze ziehen und somit „etwas anderes“ nicht sein. So schränken wir uns selbst und die Vielfalt des Kosmos ein.
(Quelle: siehe oben)
So ähnlich erlebe ich meinen Neubeginn hier in der Schweiz. Mal misstraue ich meinem Erleben, meiner Wahrnehmung, meine, dass ich zu wenig tue. Tun, was von mir erwartet wird. Doch wer sagt, was ich tun soll? Als wäre tun der Schlüssel zu allem.
Dann wieder kann ich einfach sein. Doch einfach so sein ist so einfach nicht.
Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin
Noch trocknen die Tränen, während ich das hier schreibe. Ich weine vor Dankbarkeit. Denn es gibt sie doch, die Hoffnung. Eben habe ich diesen Blogartikel des Bloggers denkbonus hier gelesen:
We will never bomb your country
… und diesen Youtube-Film geguckt. Was Internet alles kann! Wozu Menschen in der Lage sind. Auch in der Lage sind. Nicht nur, aber auch.
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=mYjuUoEivbE]
Diese Tage
Endlich habe ich wieder Internet-Zugang. Umzüge sind nervenaufreibend und meistens klappen solche Dinge nicht auf Anhieb. Wäre ja zu schön gewesen, denn zurzeit bin ich sehr auf die virtuellen Verbindungen angewiesen bin. Zurzeit, denn Irgendlink hat sich heute Mittag auf den Weg gemacht. Ans Meer. Der Prolog seiner großen Reise sozusagen. In einer knappen Woche von Zweibrücken nach Boulogne-sur-Mer. Und von da aus immer weiter ums Meer. Um die Nordsee (mehr: hier klicken).
Endlich wieder Internet. Nach Unterbrüchen technischer Natur und erst über ein ziemlich kurzes, gelbes Kabel, das mich zu unmittelbarer Nähe zum Telefonanschluss zwingt. Besser als nichts. Mein Kopf summt wie ein Korb voll wilder Wespen. Die letzten Tage klingen nach.
Den gestern Abend verfassten Blogartikel, den ich vor dem Schlafen im iPhone notiert, kann ich erst morgen nachliefern, da mein iPhone, neu mit Schweizer SIM-Karte bestückt, noch nicht aktiviert ist. Swisscom hat heute Pannentag. Auch die Schweiz ist nicht perfekt.
In Gedanken lasse ich die letzten Tage Revue passieren. Da war dieses Gespräch am Sonntagabend. Beim Künstlerpaar B. Über die Definition von Lebenswert haben wir philosophiert. Arbeitstauglich müsse einer sein, um sich das tägliche Brot zu verdienen, zitierte die Dame des Hauses einen alten Mann, der körperlich nicht mehr arbeitsfähig war und daher das Essen verweigert hatte. Für die Generation meiner Eltern war Arbeit zumeist eine körperliche, eine handwerkliche Angelegenheit. Mir fehlt der Respekt für diese Sicht der Dinge keineswegs. Aber. Aber Arbeit ist mehr. Arbeit ist auch, hier zu sitzen und diesen Blogartikel zu schreiben. Zumal mir noch immer fast alle Knochen wehtun. Vor allem der rechte Arm. Eine Sehnenscheidenentzündung, die mich mal mehr, mal weniger plagt. Putzen, womit ich die letzten Tage verbracht habe, ist unbestritten Knochenarbeit. Ja. Und wieder: aber. Großes ABER. Denn auch Kunst ist Knochenarbeit.
Reiseblogkunst ist gar schweißtreibende Knochenarbeit. Geistarbeit auch. Und Herzarbeit sowieso.
Arbeit darf Spaß machen.
Arbeit hat ihren Preis. Und ihren Lohn.
Jede Arbeit (auch Kunstarbeit) soll entlohnt, belohnt, bezahlt werden, denn von unserer Arbeit wollen und sollen wir leben können. Doch wer zahlt Kunst?
Die Sache mit dem Geld. Alle brauchen es. Auch Kunstschaffende. Irgendlinks Kunstprojekt ist nicht nur mit einem Lohnausfall von drei Monaten verbunden, sondern ist auch drei Monate unbezahlte Arbeit. Deshalb haben wir uns im Vorfeld erdreistet, zu Spenden aufzurufen. Aber Spendenaufrufe sind so eine Sache. Und die Reaktionen darauf ebenfalls. So und anders.
Du könntest ja für die Reise zuerst viel arbeiten um Geld zu sparen, war eine. Da wagte eine, laut und deutlich auszusprechen, was andere nur dachten.
Für jemanden, der Kunst, für jemanden, der die Liveblog-Kunstreise Irgendlinks und für jemanden, der das Bloggen NICHT als Arbeit betrachtet, mag dieser Ansatz logisch sein.
Die Welt funktioniert so, dass wir Produkte und Leistungen, die existentiell oder sonst wie wichtig sind, kaufen und verkaufen. Kunst aber ist nicht überlebenswichtig im unmittelbar existentiellen Sinn. Etwa so wichtig, wie ein totes Schwein für eine Vegetarierin, um Irgendlinks Pragmatismus zu zitieren. Jedenfalls für jene, denen Kunst nicht wichtig ist.
Der Wert eines künstlerischen Produktes (ob nun an die Wand hängbares Bild oder virtuelles Reiseblog ist dabei nebensächlich) ist eben nicht in Geldwerte zu fassen. Was sie deswegen nicht weniger kostbar macht.
Das Zauberwort heißt Respekt. Ich träume von einer Welt, wo alle das tun können, was sie am liebsten machen und am besten können, um mit ihren Talenten ihr Brot zu verdienen.
Wie würdest du, wie würde ich, leben, wenn wir diese Möglichkeit hätten?
Live aus Mainz
Tag zwei für uns, Tag eins für die normalen Gäste. Jugendliche strömen in Scharen durch die heiligen Hallen der Kunst.
Alle Bilder sind von A-Z mit dem iPhone gemacht, erkläre ich den Kids, die Irgendlinks Stand fluten.
Wow? Echt cool. Das merkt man gar nicht!, sagt ein Bursche. Ein Kompliment offensichtlich. Hm, denke ich, muss ein iPhone-Kunstwerk offensichtlich als solches erkennbar sein, minderwertig sozusagen? Natürlich ist die Auflösung eine kleinere, aber dank der Bearbeitung spielt das eine untergeordnete Rolle.
Mir fällt auf, dass wenig Fotografien ausgestellt sind. Vor allem finden sich hier Gemälde, Skulpturen und andere spannende Techniken.
Alle wollen gesehen werden. Alle schütten Botschaften hinaus in die Welt. Jedes einzelne Werk hier hat eine Geschichte, die es erzählt. Mein Kopf schwirrt nach meinen Spaziergängen durch die Messe vor Geschichten. Meine Ohren sirren tinnitusal. Wie zuzeit fast ständig. Stimmengemurmel. Heute lauter als gestern.
KünstlerInnen hätten in der Regel eine Botschaft, sagte eine der Rednerinnen gestern in einer der drei Grußbotschaften. Wohl wahr. Was will ich denn der Welt da draußen sagen? Vielleicht nur dies, dass wir unserer Intuition, unserem Innern trauen sollen. Ungeachtet des Mainstreams. Egal, was die andern über mich und mein Schaffen denken. Selbst wenn ich mal keine höhere Intension für ein Kunstwerk, als Schönheit zu schaffen, haben sollte.
Findet mich die Kunst – oder finde ich sie?, geht es mir durch den Kopf. Und was war zuerst da?
Muss Kunst erlitten werden oder darf Kunstschaffen Spaß machen und einfach so, oft fast beiläufig und zufällig, obwohl auch folgerichtig, entstehen?
Intensiv ist es, inmitten so vieler Kunstwerke, ihrer SchöpferInnen und all diesen Geschichten zu sitzen. Immer wieder werde ich beim Schreiben unterbrochen, wenn Einzelne oder Gruppen vorbeikommen. Ich erzähle von Techniken, Handwerk und Absicht der Bilder und verteile „Ums Meer“-Postkarten. Ab und zu entwickeln sich gute Gespräche. Flaute und Flut – wie im richtigen Leben.
Und du bist schon wieder am Bloggen?, fragt Irgendlink soeben. Gleich bevor ich auf publizieren klicke.
Dies noch: Auch hier gibt es (bald) Nachschub pixartix – dAS Bilderblog und Irgendlinks Blog
Kunst direkt 2012 Mainz
Was ist Kunst? Je mehr ich von ihr weiß, desto weniger kann ich diese Frage beantworten.
Vielleicht finde ich ja im Ausstellungskatalog der Kunstmesse (siehe Bild) eine Antwort. Eher wohl nicht. Inspiration aber auf jeden Fall, wie man sieht.

Und die finde ich auch beim Spazieren durch die Messe, wo wir seit heute Morgen bis Sonntagabend sind. Ihr findet uns bei der Nummer 144, an Irgendlinks Stand. Wir freuen uns auf Besuch.
Weitere Bilder findet ihr auf pixartix – dAS Bilderblog und auf Irgendlinks Blog
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
Die Schlange, die andere, sie hatte so recht!
Als sie Eva vom Früchte-Essen und Erkenntnisse-Erlangen überzeugte, hat sie etwas ganz wichtiges für uns alle getan, die Schlange damals. Natürlich hat es Nachteile, denn dumm und unwissend zu sein, hat ja auch seinen Reiz. Ich bin dennoch lieber eine über das Leben nachdenkende Früchteesserin als eine Unwissende mit Feigenblatt. Obwohl ich längst weiß, dass ich nichts weiß.
Bevor ich im letzten Sommer meine Stelle bei jener christlichen Trägerin, die für meine Schule zuständig war, antreten durfte, musste ich … rate mal? Ja, ich musste der Kirche beitreten. Und ja, für mich war das müssen, da ich von dieser Institution, hüben wie drüben, sehr wenig halte. Weshalb ich übrigens schon in jungen Jahren meine Mitgliedschaft mit einem einfachen Brief gekündigt habe.
Für meine Anmeldung im Sommer hatte ich auf dem Kirchenamt antreten müssen. Bloß um ein Papier zu unterschreiben. Gestern, als ich auf dem Amt meinen hiesigen Wohnsitz abmeldete und meinen baldigen neuen Schweizer Wohnsitz bekannt gab, meinte die nette Beamtin dort, dass ich mit meiner Abmeldung aber nicht automatisch beim Finanzamt und andere Stellen abgemeldet sei. Sie muss bemerkt haben, wie ich die Augen verdrehte, sie kann Körpersprache. Wie kompliziert hier alles ist, hatte ich in der Tat gedacht. Ich könne das alles jedoch einfach per Mail machen, meinte sie freundlich.
Kaum wieder zuhause, suchte ich im Netz die nötigen Mailadressen und meldete mich da und dort ab. So weit so gut. Bis ich, innert weniger Stunden, auf meine Mail ans Kirchenbüro die Antwort erhielt, dass ich mich nicht bei der Kirche, sondern beim Standesamt abmelden müsse. Wie nun? Sind Kirche und Staat hier nicht getrennt? Ich grummelte ein wenig und schrieb gleich eine weitere Mail. Fast so als hätte ich nichts anderes zu tun.
Heute erhielt ich nun diese Antwort hier:
Eine Austrittserklärung kann mündlich oder schriftlich abgegeben werden (§ 2 Abs. 3 RelAuG), wobei über die mündliche Erklärung vor dem Standesamt eine Niederschrift aufzunehmen ist, die von der austretenden Person zu unterschreiben ist. Eine schriftliche Austrittserklärung muss öffentlich beglaubigt sein (d.h. notariell). Der Austritt ist dem Standesbeamten gegenüber zu erklären, in dessen Bezirk die aus der Religionsgemeinschaft austretende Person ihren (Haupt-) Wohnsitz hat. (…) Ihre E-Mail vom 13.03.2012 erfüllt nicht die o.a. Formerfordernisse des RelAuG; die darin abgegebene Austrittserklärung wird somit auch nicht wirksam.
Unwirksam? Wofür? Um weiter Kirchensteuern zu zahlen? Hallo? Sogar J. war empört. Zuerst beschloss ich, die Geschichte einfach zu ignorieren und zu schauen, was passiert. J. meinte, dass er denen zutraue, dass die mir Kirchensteuerrechnungen in die Schweiz nachschicken. Sollen sie nur!, sagte ich. Später habe ich aber dann doch eine nette Mail zurückgeschrieben.
Ist das denn wirklich die Möglichkeit? Meinen Sie das wirklich ernst? Kann ein Gesetz wirklich so restriktiv und an den Menschen vorbei gemacht sein? Zumal es sich hier ja um kirchliche Angelegenheiten handelt, also um etwas freiwilliges und (theoretisch) vom Staat getrenntes. Um etwas, das den Staat ja nicht wirklich tangiert. So viele Reglemente und Landesgesetze?
Vor ein paar Monaten musste ich beruflich bedingt, weil ich von einer christlichen Stiftung angestellt wurde, der Kirche beitreten – auch so etwas, das ich von der Schweiz her nicht kenne. Dort sind Kirche und Staat sauber getrennt und eine Kirchenzugehörigkeit darf nicht als Kriterium für eine Anstellung genommen werden. Mit großem Widerstand habe ich es schließlich getan, aber klar deklariert, dass ich keinerlei Engagement für die Kirche zu leisten im Sinne habe. Dabei habe ich die Auskunft erhalten, dass ein späterer Austritt eine einfache Sache sei. Na ja, einfach ist anders.
(…) … beim Austritt, kommt gleich die zweite Schikane: Da muss eine persönlich antreten und kann das nicht schriftlich tun (so als hätte ich alle Zeit der Welt) oder muss zumindest eine notariell beglaubtigte Abmeldung vorlegen.
Hat Deutschland denn kein Vertrauen mehr zu den Menschen? Hallo, wo sind wir denn hier? Ist die Kirche nun etwas freiwilliges oder doch nicht? Wenn Sie jetzt verlangt hätten, dass ich einen schriftlichen, handunterschriebenen Brief schicke, könnte ich es ja noch verstehen. Aber dieser Aufwand mit Notar und Zeugen bei mündlicher Abmeldung? Finden Sie das nicht auch ziemlich sektiererisch? Ich bin einmal mehr verblüfft, wie Deutschland tickt.
Entweder Sie akzeptieren nun diese meine zweite Abmeldung per Mail oder Sie akzeptieren Sie nicht. Ich hoffe, dass Sie christlich und menschlich genug sind, es hierbei zu belassen.
Keine Stunde später erhielt ich bereits ein Feedback. Von wegen Gesetzen, die eingehalten werden müssen, stand da und dass es in der Schweiz bestimmt auch Gesetze gebe. (((Ja, klar, aber nachvollziehbarere. Ach, ich bin wohl einfach integrationsresitent. Streite mal mit einem Macfan über Windows.))) Ich habe nun beschlossen, einfach nicht mehr zu reagieren. Besser als zu schreiben, dass mit (ein bisschen) mehr zivilem Ungehorsam schon viel Leid verhindert worden wäre. Und dass Gesetze nicht nur dazu da sind, eingehalten, sondern auch, um in Frage gestellt zu werden.
Was wird nun geschehen? Eine Steuerrechnung werde ich gewiss nicht erhalten, da die Kirchensteuer in Deutschland ja mit dem Lohn abgewickelt wird. Im Internet habe ich die Information gefischt, dass nur in Deutschland Wohnhafte kirchensteuerpflichtig sind. Werde ich nun trotzdem weiterhin als Mitglied geführt werden – auch wenn ich nicht zahle (und danach [trotz Kirchensteuerschulden bis an mein Lebensende] in den Himmel kommen)? Oder löschen die mich in einem Jahr aus ihrer Liste? Ja, nenn mich kindisch. Nenn mich trotzig. Manchmal bin ich das wohl. Und zwar einfach deshalb, weil ich solche Powergames hasse 🙂
Dank Eva und Lilith. Weil sie damals so naschhaft waren.
Kennt ihr übrigens den?
Sagt Lilith zu Eva: Ich habe eben einen Typen getroffen. Er sagte Hallo und dass er Erster Mensch heiße. Adam.
Eva: Ach? Und?
Lilith: Ich habe ihn zum Essen eingeladen. Es gibt Apfelkuchen …
Maske bitte!
In Fassadenbauen sind wir gut. Würde mir die Frau von der Arbeitsagentur oder jene an der Kasse im Bioladen ansehen oder zutrauen, dass ich so denke, wie ich denke? Dass ich so zartbesaitet bin? Dass ich so bin, wie ich bin? Nur mal angenommen, sie würde sich das überhaupt fragen. Und ich? Auch ich sehe nur ihre Fassade. Dabei lese ich womöglich ab und zu in ihrem Blog und kenne sie somit längst. Ja, im Internet sind viele von uns mutiger, offener und authentischer als im realen Leben. Pseudonyme sind die Fasnachtsmasken der virtuellen Gesellschaft, hinter denen wir so richtig echt uns selbst sein können.
Schnitt.
Den Film Die Herrschaft der Männer, den mir Canela im Kommentarstrang vom letzten Artikel empfohlen hat, kann ich nur allen weiterempfehlen. Irgendlink und ich haben ihn uns heute Nachmittag angehört, während wir am Kunstarbeiten waren.
Ich musste zwischendurch immer mal wieder auf Pause klicken, weil wir das eine oder andere Stichwort diskutieren wollten. Echt verrückt fand ich besonders jene Passage gegen Schluss, wo ein Zusammenschnitt fünf oder sechs Männer aus Quebec gezeigt wurde. Quebec ist, wie ich heute erfahren habe, so emanzipiert, dass sich gewisse Männer dort ihres Lebens nicht mehr wohl fühlen (wie vielen Frauen auf der Welt es wohl andernorts so geht?). Sie ließen kein einziges gutes Haar an dieser Entwicklung. Am schlimmsten fand ich, dass einer von ihnen meinte, dass die Statistiken über Gewaltverbrechen getürkt seien. Nicht 85% aller Gewaltdelikte würden an Frauen, sondern von Frauen an Männern verübt, sagte er. Dass er glaubte, was er sagte, machte das ganze besonders grotesk. Ich musste an die Holocaustlüge denken, als schon ein nächster Mann meinte, dass das, was die Frauen in Quebec und auch anderswo anrichten, schlimmer sei als das, was die Nazis damals gemacht hätten. Sie (die armen Männer) würden total unterdrückt. Was sei schon ab und zu eine Ohrfeige im richtigen Moment gegen diese Hetzkampagnen der Emanzen?!
Das ist ja das pure Matriarchat!, sagte einer von ihnen, als wäre das M-Wort ein F-Wort. Worauf J. meinte, ob sich dieser Mann wohl schon mal überlegt habe, wie es für Frauen sei, im Patriarchat zu leben.
Dass Männer ganz eindeutig das schwächere Geschlecht sind, wurde mir heute deutlich, als ich den jungen Frauen zuhörte, die nach ihrem Männerbild befragt, Antworten gaben, die mir alle Haare zu Berge stehen ließen. Dass Männer eben Frauen brauchen, die zu ihnen aufschauen, war da noch etwas vom harmloseren (wenn auch getarnt harmlos natürlich). Männer brauchen dies und Männer brauchen das … Das arme, schwache, bedürftige Geschlecht. Unausgesprochen das Satzende, dass die armen Männer sich mit Gewalt holen, wenn sie nicht freiwillig kriegen, was ihnen zusteht. Dinge, von denen sogar Frauen glauben, dass es Männern zusteht. Macht über sie, nur so als Beispiel. Ich zitiere hier nur, was junge Frauen von heute sagen und denken. Und vor allem verinnerlicht haben. Wenn jede dieser Frauen sich auch nur halb so viel Gedanken darüber machen würde, was sie selbst braucht und was ihr wirklich (!) gut tut, sähe die Welt besser aus. Und wenn auch nur ein paar von diesen Männern sich Gedanken machen würden, was denn ihre Partnerinnen brauchen …
Die verbeulten, vernarbten, eingegipsten, sprich verprügelten Frauen, die interviewt wurden, haben alle eins gemeinsam: sie haben längst den Glauben an ihren Wert verloren und harren in dieser Beziehungswüste mit täglichen Schikanen oft schon seit Jahrzehnten aus.
Nein, nicht alle Frauen und nicht alle Männer sind so, aber das verinnerlichte Frauenbild in unserer Gesellschaft hat mich einmal mehr geschockt. Im Film sehen wir sehr viele Aspekte, wo sich dieses rosa Frauen-Idealbild im Alltag zeigt. Ob im Spielwarenladen oder auf dem Strich ist gar kein so großer Unterschied: sind die Frauen schön, klein, süß und nett und verhalten sich adäquat, ist alles gut *hüstel* …
Im Film hören wir auch Gespräche mit einem Künstler, der am Rechner Bilder von Models aufpimpt, und mit einem Arzt, der Penisse verlängert. Die Aussagen des Mannes, der seinem Leben mit seinem nun endlich verlängerten Ding mehr Würde, Macht, Männlichkeit und somit Daseinsberechtigung zu verleihen glaubt, sind so peinlich, dass ich mich frage, ob er das wirklich glauben kann, was er da sagt. Doch offenbar schon.
Irgendwie muss ich bei vielen der gezeigten Männern an die Tamagotchis von früher denken, die immerzu riefen: Hab mich lieb, hab mich lieb, hab mich lieb.
Ich glaube, ich habe die Gleichwertigkeit von Mann und Frau einfach in mir drin. Ich komme gar nicht auf die Idee, mich unterdrückt zu fühlen, wenn ich nach dem Essen den Tisch abwische oder das Geschirr in die Spülmaschine stelle. Haushalt ist doch nicht minderwertig und ich mach‘ ja genauso viel Dreck wie du …, sagt Irgendlink später.
Das nenn ich wahre Männlichkeit Menschlichkeit.