Große Welt im Kleinformat. Auf dem Camping Norrviken wird ebenso geliebt und gestritten wie zuhause.
Neben uns ein junges Paar im Wohnwagen. Zu jung, als dass es deren eigener Wohnwagen sein könnte. Das Auto vielleicht, der Wohnwagen nicht. Ob er ihren Eltern oder seinen gehört, ist egal. Sie sind hier zuhause. Fernseher im Vorbauwohnzimmer. Comedyshow gestern Abend. Dazwischen Gelächter und Gekicher bei den Pointen, die auf Schwedisch so vorhersehbar klingen wie auf Deutsch.
Auf der andern Straßenseite jenes ältere Paar mit dem Großbildschirm, dessen Bilder wir durch die transparente Seitenwand des Vorzeltes sehen können, wenn wir im Zelt liegen.
Daneben neue Zeltcamper. Gestern angereist, nachdem die junge Familie mit den zwei süßen, kleinen, blonden Mädchen, die um halb sieben mit ihrem Geplapper den ganzen Campingplatz geweckt haben, der ansonsten friedlich bis halb neun im Schlummer liegt, um halb acht das für eine Nacht aufgebaute Zelt schon wieder abbauen und losfahren. Die neuen sehen nach Hierbleiben aus. Gut. Dürfen sie von mir aus. Die machen keinen Lärm.
Schräg vis-à-vis wird zuweilen gezankt. Gestern Vormittag ziemlich lautstark.
Ist sie die Böse oder er?, unke ich beim Frühstück. Klassisches älteres Paar. Vor dem Wohnwagen mit Vorzelt ein Sichtschutz-Gartenzaun, der leider nicht vor Gezänkelärm schützt. Gestern Abend, wie wir friedlich an unserm Holztisch Gemüse schippeln, streiten sie schon wieder. Ich stehe und sehe ihn am Tisch sitzen. Mit Zeitung. Sie wuselt rum. Er motzt sie an. Sie kontert. Es klingt bei ihm wie Warum-hast-du-schon-wieder? und bei ihr nach Nun-fang-nicht-wieder-von-vorne-an!
Wie konnte es mit uns beiden bloß so weit kommen?, fragen sie sich nachts im Bett. Falls sie mit solcherlei Fragen nicht längst schon aufgehört haben.
Und hier wir. Grünes, zehnjähriges Igluzelt mit Vorzeltchen. Mittelklasseauto mit deutschem Kennzeichen. Zwei Menschen Mitte vierzig, die ihr Essen auf den Kochern am Boden zubereiten.
Sie leben im Schmutz!, wie Irgendlink uns zu beschreiben beliebt. Uns und andere ZeltcamperInnen. Campende zweiter Klasse, die sich weder Wohnwagen noch Wohnmobil leisten können. Sieben Zelte stehen heute auf dem ganzen Zeltplatz.
Jeder und jede braucht jemanden, auf den oder die sie oder er runter schauen kann!, sage ich gestern auf dem Rückweg, nachdem wir radelnd den ausschließlich FußgängerInnen vorbehaltenen Båstader Park durchquert und dabei schräg beäugt worden sind. Nur wir haben leider niemanden zu belächeln oder zu kritisieren. Oder wie wärs mit jenen, die mit ihren schnittigen Elektrorädern über den Zeltplatz düsen? Nö, die beneide ich höchstens. Hmmm.
Schnitt
Alles Gute zum Geburtstag, liebe Schweiz. Erster August schon wieder. Und mal wieder ohne mich. Feuer. Feuerwerke. Ansprachen. Siebenhundertzwanzig Jahre alte EidgenossInnenschaft. Proscht Nägeli und alles Gute, dir morgenrotes, angeschwärztes Heimatland meins.
Schnitt.
Die Sonne scheint mir auf Rücken und Nacken. Vor mir in hundert Metern Luftlinie das Meer. Da wollen wir hin. Gleich. Baden. Nachher ein Ausflug auf die Katzensch…insel im Westen der Landzunge. Vielleicht. Oder was anderes. Und noch eine fünfte Nacht hierbleiben. Es wird mit jedem Tag schwieriger, einen guten, gut eingelaufenen Platz gegen einen neuen, unbekannten einzutauschen.
Schnitt.
Das Meerbad war königlich. Achtzehn Grad ungefähr. Doch erstmal drin war es einfach nur wohltuend.
Mit Blick auf ein paar weidende Kühe – neben mir ein Leuchtturm, Fyren genannt – schreibe ich diese Zeilen. Die winzige Insel, außerhalb Torekovs, ist gar nicht so klein wie gedacht. Zwei bis drei Kilometer misst sie schon und die vielen Leute haben sich gut auf ihr verteilt. Die einen wandern, andere baden, dritte bloggen. Mein Liebster tigert mit der Nikon und dem iPhone herum und findet wunderbare Bilder.
Kategorie: iDogma
Neue Lektüre
Unterwegs
Båstad again
Die Idee, nach Findung eines offenen Internetzes an den Båstader Strand oder an einen kleinen Badesee zu radeln besteht noch immer.
Aber nach einem Abstecher ins Turistbyro das weder WiFi noch einen Gäste-PC hat, uns dafür aber den Wetterbericht von hier und von Schweden verrät, finden wir mitten im Ort ein offenes Netz. Dort habe ich vorhin den gestrigen Artikel hochgeladen. Nun, auf einer Parkbank sitzend, sind wir wieder im städtischen Bibliotheksnetz. Ob Bloggen diesmal geht, wird sich noch zeigen.
Das Wetter bleibt wie es ist. Meist sonnig, ab und zu Schauer, Wolken, Gewitter. Gut! Wir werden wohl an der Westküste Südschwedens bleiben. Mal schauen. Morgen weiterfahren ist so der aktuelle Plan.
Faszinierend dieses Tourinest hier. Menschen überall. Rausgeputzte Geschäfte. Hübsche, saubere Straßen, liebevoll gebaute Häuser mit Vorgärten. Bilderbuchschweden so weit das Auge sieht. Doch wichtiger als Wetter und schöne Umgebung ist mir, mit meinem Lieblingsmenschen unterwegs zu sein. 🙂
Abkürzungen und Umwege
Samstagabend im Zelt. J. ist unter der Dusche. Nachher werden wir kochen. Karottencurry zu Basmatireis. Aus Karotten, die wir am Wegrand gekauft haben.
Müde hänge ich im Zelt. Die heutige Tour war zwar „nur“ achtzehn Kilometer lang, doch auch heute, wie gestern, haben wir einige Höhenmeter – auf und ab – bewältigt.
Zum Glück kennen wir die Konsequenzen unserer Entscheidungen nicht im Voraus, denke ich irgendwann auf dem Rückweg.
Nach den ersten vier Kilometern (fünf davon bergauf!) konsultierten wir die Karte unserer Urlaubsregion. Sollen wir nach Torekov radeln und von dort per Fähre auf eine kleine Insel, wie beim Frühstück angedacht – dabei vielleicht mit vielen Leuten mit dem gleichen Ziel auf die Fähre gepfercht? Oder aber Richtung Meer und von dort am Ufer entlang Richtung Zeltplatz radeln? Wegen der eher langen Route nach Torekov entscheiden wir uns für den etwas kürzeren Küstenweg, der zur Wanderstrecke mit dem schönen Namen Skåneleden gehört.
Direkt am Meer halten wir Siesta. Picknick. Ich bade meine Füße und fühle mich sehr ruhig. Die Sonne zeigt sich, herrliche Wolkengebilde bedecken sie zeitweilig, ein stetiger Wind treibt unten wie oben Schabernack.
Hier, am Ende der Welt, komme ich zur Ruhe.
Später radeln wir in westlicher Richtung den Wanderweg entlang, was mal besser, mal schlechter geht. Zumindest bis mein Sattel die Fassung verliert und hintenab kippt, was das Fahren ziemlich mühsam macht. Wir müssen jedoch eh die meiste Zeit zu Fuß voran, da der Weg eben primär für Wandernde angelegt ist. Entsprechend steil und steinig ist er, rot-weiß wäre er in der Schweiz markiet, als Bergweg.
Wie im Berner Oberland!, sage ich denn auch. Einmal mehr. Seit unserer letzjährigen Reise an den Polarkreis, der Küste Norwegens entlang, ist dies unser runing gag. Ein Synonym gleichsam für die Schönheit einer Landschaft. Hier stört eigentlich nur das endlose Meer unsere oberländische Illusion. Stell dir einfach vor, das da wäre der Thunersee, meint J. aufs Meer zu unserer Rechten deutend. Naaa ja … 🙂
Vor uns taucht ein Ausflugsrestaurant mit Hotel auf. Pause. Ich frage an der Rezeption nach Imbusschlüsseln. Minuten später repariert J. meinen geknickten Sattel. Glücklich bringe ich das Schlüsselset zurück an die Theke.
It works!, sage ich, worauf die junge Dame am Tresen mein Lächeln herzlichst erwidert und Yeah! sagt. Daumen hoch! Freude, die über die nötige Professionalität hinaus geht und mich herzlich berührt.
Nach Danish Nougat-Eis verlassen wir diese Erholungsinsel, um das Abenteuer des Jahres zu bestehen. Was wir allerdings da noch nicht einmal ahnen.
Wären wir wohl wieder die Bergstraße vom Morgen zurückgeradelt, wenn wir gewusst hätten, was uns erwartet? Auch um dieser Steigung zu entrinnen, hatten wir uns nämlich als Rückweg für diese vermeintliche Abkürzung am Meer entlang entschieden. Müßige Frage. Klares Nein. Auch nach den Strapazen, Dramen und Gefahren unseres Rückweges sind wir irgendwie froh, dass wir uns so und nicht anders entschieden haben. Wie oft im Leben ziehe ich den Umweg vor.
Zuerst eine krasse Aufwärtssteigung von ungefähr dreißig Grad, bei der sich mein mit Korb und Rucksack bestücktes Rad zwischen Steinen verkeilt und ich nicht mehr ohne J.s Hilfe freikomme. Später ein immer schmaler werdender Waldweg. Dann taucht der Engel (oder ein Teufel?) in Person eines älteren Einheimischen aus dem Nichts auf und empfiehlt uns, bei einer Verzweigung, an der wir rechts aufwärts weitergewandert sind, dringend, nicht diesen, also den oberen Weg zu gehen, da dieser immer schmaler werde und mit dem Rad später kaum begehbar sei.
Der untere Weg sei zwar auch sehr gefährlich, aber immerhin schöner. Wir sollen gut aufpassen, es gehe sehr steil bergab. Unten sei ein Steinstrand und später fänden wir einen radgängigen Weg bis zur Landstraße.
Wir bedanken uns und steigen langsam und vorsichtig den schmalen, dornigen und steinigen Pfad abwärts. Meine Beine werden zerkratzt und ich fühle mich im Urwald. J. hat mit mir mein schweres Rad gegen sein leichteres getauscht. Es wird noch steiler und steiniger, sobald wir den Wald verlassen. Die Rutschgefahr ist groß, das Gefälle ebenfalls. Ich schliddere sogar ohne Rad, während J. auf der gefährlichsten Strecke beide Räder nacheinander hangabwärts transferiert. Was für ein Geschenk, dass er das für mich tut! Unten angekommen verschlägt es uns die Sprache.
Der Lohn für unsere Mühen: wunderschöne wilde Felsformationen. Sonne zwischen Wolkentürmen. Meerrauschen. Ja, wahrhaftig, dieser Weg ist wirklich schön. Wunderschön. Schöner als die von Autos befahrene Bergstrecke auf jeden Fall.
Bleibt die Frage, wie gefährlich und wie schön der obere Weg gewesen wäre! Unser Guide hatte auf den schmalen Pfad zu unseren Füßen gezeigt und gemeint das dieser, gegen die Fortsetzung, die uns bald erwarte, falls wir diesen Weg wählen würden, geradezu ein gediegener Highway sei. Na ja, der Abstieg ans Meer war ja auch nicht eben ein Zuckerschlecken.
Eins steht fest: Ohne die Wegbeschreibung unseres Guides wären wir gewiss nicht den Berg beruntergeklettert, nicht mit den Rädern jedenfalls. Wir wären umgekehrt und hätten das schönste Stück verpasst. Und die Moral? Tja … Die hat mit Unmöglichem zu tun, das irgendwie machbar wird, wenn wir es wagen. Oder etwas in der Art.
verfasst am 30.7.11, ca. 19:30
Vom Golfspielen und dem Leben
Da radeln wir heute bei bestem Wetter von Norrviken über Båstad landeinwärts und bergan. Heiß ist es. Im T-Shirt steigen wir Hügel um Hügel süd- und aufwärts. Ich frage mich, wie ich meine Meinung gebildet habe, Schweden sei flach. Okay, im Norden vielleicht und verglichen mit der Schweiz doch schon eher, aber – echt wahr! – die Steigungen hier sind nicht ohne. Zuweilen schiebt uns der Wind vorwärts, andernorts bremst er uns. Mal sehen wir Meer, mal weniger. Mal Wald, mal weite Felder. Alles ganz nahe beieinander, nur unterbrochen von roten Farbklecksen. Gehöfte in der Pampa.
Diese Gefühle von Weite und Wo-bin-ich-überhaupt? kenne ich seit meiner Kindheit. Mich in der Größe und Weite zugleich klein und unbedeutend und zugleich geborgen und sicher zu fühlen, ist mir vertraut. Wo immer ich bin, bin ich nicht mehr als ein kleiner Punkt im Universum. Die Welt wird um mich her mit mir zusammen klein und gegenwärtig, reduziert sich auf das, was ich hier und jetzt sehen und erfahren kann. Mein ganz persönlicher Lenbenskartenausschnitt.
Ist das Autofahren durch Schweden – eine eindrückliche Erfahrung ohne Frage! – mit einer Weitwinkelaufnahme vergleichbar, gleicht das Radfahren der Zoomeinstellung. Ich sehe radelnd mehr vom Land, bin näher dran, meine Welt wird größer – bei kleinerem Maßstab, bei kleinerem Ausschnitt. Ich nehme die Farben und Gerüche anders, intensiver wahr. Egal eigentlich wo ich – absolut gesprochen – in diesem Moment bin. Ach, und Wandern entspräche schließlich in dieser Analogie der Makrofotografie.
Eben haben wir eine Steigung erklommen und beschlossen, hier oben unsere kleine Futterpause einzuschalten. Was wir nicht wissen: die Bank, die wir im Aufstieg gesehen haben, steht inmitten eines Golfareal. Und von diesem sehen wir vorerst nur einen kleinen Ausschnitt.
Kleine Gruppen defilieren an uns vobei. Paare um die fünfzig vorwiegend. Die Männer fangen immer oben, gleich neben unserer Bank, zu spielen an, die Frauen erst bei der zweiten Abschlagstelle. Da ich von diesem Sport außer ein paar Klischees kaum etwas weiß, kommt mir dieses Prozedere beinahe mysteriös vor. Wird den Frauen hier weniger zugetraut? Oder wird ihnen gentlemanlike eine Schwierigkeit erlassen? Vielleicht hat es auch mit dem Grad des Handicaps zu tun, was – wenn ich meines Liebsten Erklärungen richtig verstanden habe – so viel bedeutet, das Golfspielende je nach Fähigkeitslevel einen bestimmten Schwierigkeitsgrad bewältigen müssen. Damit Schwächere und Stärkere zusammen spielen können.
Egal. Mein Ökoherz schlägt zuallererst immer ein wenig schräg, wenn ich inmitten schönster Wild- und Waldgebiete künstlich hochgezüchtete Rasenflächen fürs Golfen sehe. Und wenn – wie zum Beispiel in Spaniens Süden – das wenige, kostbare Wasser der Alpujarras, das eigentlich der im Gebirge lebende Bevölkerung zum Leben dient, zur Wässerung von riesigen Golfanlagen in Luxushotels abgezweigt wird. Dann. Na ja.
Wir sitzen auf einer Anhöhe. Der Wind pfeift uns kühl um die Ohren, doch wir verfolgen zunehmend fasziniert, wie die Leute ihre Bälle setzen und ihren Ritualen gemäß die Bälle abschlagen. Wo die Bälle landen, können wir kaum ausmachen. Die Gruppen kommen und gehen. Heitere Menschen grüßen uns allesamt mit freundlichen Hej, hej! und fast alle sagen noch etwas zu Wetter, Lage oder Golf. Nettes Volk hier.
Ich würde nicht mal die Kugel treffen!, sage ich, nachdem ich fast losgeprustet habe, als ein attraktiver, sportlich auftretender Mann in unserm Alter seinen Ball im angrenzenden Wald versenkt. Es ist zu hoffen, dass er kein Kaninchen getroffen hat. Er stöhnt laut auf und legt eine neue Kugel auf die Erde, die dann offenbar besser landet. Mein Lachen verkneife ich mir, ich könnte es nicht besser. An Ambitionen Golf zu spielen fehlt es mir. Ein Mangel, der zum Glück nicht weh tut. Dennoch faszinierend, den Menschen hier zuzuschauen, mit welchem Ernst sie bei der Sache sind. Wie fernsehen, sage ich. Und das tun wir wortwörtlich mit angestrengtem Blick, um die Dinger landen zu sehen. Like Television!, sagt einer der vorüberziehenden Männer grinsend.
Alles, was wir mit Hingabe und Leidenschaft tun, ist wahrer Gottesdienst, sagte einst ein weiser Mensch. Habe ich jedenfalls irgendwo einmal gelesen oder gehört. Geträumt vielleicht?
Golf spielen ist wie Leben, sage ich später zu J., als wir uns wegen eines kurzen Schauers in einem Wartehäuschen unterstellen. Oder ist Leben wie Golfspielen? Die einen haben die Begabung dazu. Sie kennen die Regeln, haben die Bewegungen verinnerlicht. Andere üben, mühen sich ab, kommen nicht weiter. Wieder andere verlieren den Ball … Diese Mischung aus Glück und Können, Windstärke und Physik und dem Zusammentreffen von Kraft auf Materie. Wie im richtigen Leben …
Schnitt.
Die einzelnen Blogsequenzen eines Livereiseblogs sind für sich gesehen quasi wertlose Schnipsel. Erst zusammengehängt vermögen sie eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Jeder Ausschnitt ist quasi nur der isolierte Blick aus einem einzelnen Fenster eines Hauses. Ich bekomme damit kein umfassendes Bild meiner Umgebung. Erst zusammen mit den andern Aussichten aus dem gleichen Haus wird das Bild der Umgebung unfassend und vollständig. Doch selbst dann ist die sogenannte Vollständigkeit eine Illusion.
verfasst am Freitag, 29. Juli
Båstad
In der Båstader Bibliothek haben wir kostenloses Internet gefunden. Leider stürzt die Verbindung draußen immer mal wieder ab, aber dank der neuerdings fast störungsfrei funktionierenden WordPress-App kann ich ja erst offline schreiben und hinterher hochladen.
Der Ort hat mit seinem Hafen und der Strandpromenade etwas beinahe südländisch-martimes. Internationale Beschriftungen da und dort. Dazu REA, Ausverkauf. Sommerlich gekleidete Menschen. Sonne. Gewusel.
Vor dem ICA, in welchem J. unsern Lunch einkauft, während ich die Räder hüte, beobachte ich Menschen. Da der ältere Mann mit dem Rollator, der zur Parkbank schlurft. Das eine Auge abgedeckt. Was mich an den Thriller „Begraben“ von Elena Sender erinnert, den ich dieser Tage verschlinge. Hätte ich bloß mehr Bücher mitgenommen! Dort die alte Frau, die kaum mehr mit ihrer schwangeren Tochter Schritt halten kann.
Schnitt.
Heute Morgen nach dem Aufstehen waren beide Klos unseres Servicehauses besetzt, weshalb ich mir schon mal an den Außenspültrögen das Gesicht und die Hände wusch, um mir die Wartezeit zu verkürzen. Wie aus dem Nichts stand eine alte rüstige Frau neben mir und sagte auf Englisch, dass das hier nicht erlaubt sei, nur Geschirrspülen. Händewaschen aber nicht. Und Gesichtwaschen auch nicht! Und Zähneputzen schon gar nicht. Ooops, die muss mich gestern gesehen haben! Hilfe, die überwacht mich! Ich bin zu schlaftrunken und zu perplex um auch nur ein einziges Wort sagen zu können. Menschen, die ihre Zeit mit Überwachung totschlagen, tun mir irgendwie leid.
Später, beim Frühstück am Holztisch, der zu unserm Platz dazugehört, fachsimpeln Irgendlink und ich über den individuellen und irrationalen Ekelpegel. Während ich mich NICHT davor ekle, dass jemand im gleichen Becken Hände UND Geschirr wäscht, graust es mir vor Verpackungen im Zusammenhang mit rohen Lebensmitteln. Dafür kann ich im Wald problemlos ein heruntergefallenes Stück Käse aufheben, abputzen und essen.
Irrationalitäten bestimmen unser Leben. Warum mich laute Erwachsene mehr nerven als zapplige Kinder, ist auch so ein Rätsel. Prägungen, Mitbringsel aus der Vergangenheit. Erinnerungen sind die unbekannten Dateien unserer biologischen Festplatte.
Der Tee ist getrunken, wir brechen bald auf. Wir haben eine Weiterfahrt quer über die Landzunge geplant. Das Wetter meint es gut mit uns.
In eigener Sache: Ich freue mich immer sehr über eure Kommentare, erlaube mir aber ausnshmsweise, sie nur punktuell zu beantworten. Je nach Zeit und Verbindung. Danke fürs Mitreisen!
Tag 7
Regentropfen klingen im Zelt immer heftiger als sie in Wirklichkeit sind. Ich wüsste es längst. Und Regentropfen an einem Abreisetag sind einfach nur doof. Ein Zelt nass abbauen macht nicht wirklich Spaß. Und mit Kopfweh aufwachen auch nicht. Entsprechend übel war ich gelaunt heute Morgen.
Zum Glück ist J. wenig empfänglich für solche Störsender, so verdampfte meine schlechte Stimmung schon bald und der Regen war, ohne Zelt über dem Kopf, auch nicht wirklich der Rede wert.
Das Innen- vor dem Außenzelt abzubauen ging zum Glück problemlos und schon bald fuhren wir in nordwestlicher Richtung ab. Den Campingführer auf dem Schoß lotste ich meinen Liebsten auf einem gemeinsam ausgewählten Campingplatz bei Båstad. Was für ein Tourinest und so viel Verkehr! Aus unerfindlichen Gründen verpassten oder übersahen wir denn auch den Campingplatz-Wegweiser.
Weiterfahren? Umdrehen? Weiterfahren! Am Ende der Welt, will heißen der Landzunge, fanden wir einen weiteren Zeltplatz. Und Warteschlangen vor der Anmeldung. Dazu Preise im oberen Segment. Vier Sterne. Und Massen von Leuten. Mondäne Atmosphäre.
Nein, darauf hatten wir beide keine Lust. Also weiter, zurück, wieder landeinwärts …
Ich entdecke ein weiteres Campingzeichen auf der Karte und gebe, um auf Nummer sicher zu gehen, schon mal die im Führer angegebenen Koordinaten im iPhone ein, auf dass uns das GPS-Kit richtig leite.
Plötzlich öffnet sich der Wald. Wieder das Meer unter uns, nur schöner noch als zuvor am Ende der Zunge. Eine atemberaubende Aussicht vom Hügel aus, den wir überqueren. Meterhohe Wellen. Eine Wolkenstimmung vom feinsten. Allmählich nähern wir uns dem Camping, dürfen dort einen Platz auswählen und bauen unser Zelt in unmittelbarer Nähe zum Kattegat, dieser Meerenge zwischen dem Südwesten Schwedens und Norddänemark.
Nach einer Lesesiesta packt uns am frühen Abend die Abenteuerlust. Wir wandern ans Meer und von dort Richtung Båstad. Herrlich diese Steine! Das Rauschen des Meeres. Die Gerüche und die Farben des Himmels. Was für ein toller Platz!
Morgen wollen wir mit den Rädern nach Båstad – bilateral in Bagdad oder Bastard umbenannt – und in der dortigen TouristInneninformation versuchen, einen Internet-PC zu finden um Geocaches zu laden. Für WiFi müssten wir hier auf dem Platz ziemlich viel zahlen.
Das nahe Meer wird uns bald schon in den Schlaf säuseln. Es hat aufgeklart. Daumendrücken für gutes Wetter ist erlaubt!
In Schonen
Ich schwitze. Im T-Shirt sitze ich auf dem Klappstuhl unter einer Birke. Auf dem Campingplatz Vinslöv. Irgenwo in der Nähe von Hässleholm in Skåne, besser bekannt als Schonen, Südschweden.
Gestern, in einem Waldstück zu Fuß unterwegs, habe ich gespürt, wie sich in mir ein Schalter umgelegt hat. Wie sehr ich dieses Schalterkippen mit dem Wetter verbinden kann, weiß ich noch nicht. Ein Schalterkippen wie ein Modusbefehl war es. Wie von Modus Kursivschrift zu Modus Normalschrift zum Beispiel. Mein Hirn hat eben seine eigene Programmiersprache, die mir allzuoft unverständlich ist.
Fakt ist, dass ich dort im Wald, der mit seinen moosbewachsenen Felsen etwas sehr magisches hatte, auf einmal wieder tief durchatmen konnte. Als ob die Schwere der letzten Wochen sich allmählich verabschieden ließe. Zwar noch keine Sonne in Sicht, doch den ganzen Nachmittag waren wir bei trockenem Wetter unterwegs. Ist doch auch was! Wir werden bescheiden.
Auf der Suche nach einem Geocache hatten wir die E22 Richtung Kristianstad verlassen. Wir fuhren querlandein immer nordwärts Richtung Hässleholm, das wir letztes Jahr auf dem Rückweg durchquert hatten. Schöne Landschaft, flach, Wälder. Grün so weit das Auge reicht, sozusagen.
Mein Herz entspannt sich und ich fühle mich wohl. Nach der Erschöpfungsphase von vorgestern Abend ist einfach nur Erleichterung in mir. Den Geocache lassen wir schlussendlich links liegen und folgen der E31 nordwärts, da sich uns diese Straße einfach so in den Weg legt und ein bisschen Schicksal spielt.
Auf einmal ein Campingplatz-Symbol mit Pfeil rechts ab. Ohne zu zögern blinkt J., während ich zeitgleich nach rechts deute. Eine synchron getroffene Entscheidung – eine wie schon viele zuvor.
Auf dem Campingplatz werden wir von einer älteren Dame herzlich willkommen geheißen. Schon bald steht das Zelt, doch die eingespielte Routine fehlt noch ein bisschen. Sie wird sich wieder einstellen, da bin ich sicher.
Ein Cache-Spaziergang durch den Ort tut gut. Zumal wir den Microcache auf Anhieb finden. Ich fühle mich wohl hier. Und auch schlafen lässt es sich hier gut. Wir bleiben eine zweite Nacht, beschließen wir beim Frühstück, denn das Preisleistungsverhältnis ist spitze. Elf Euro sind kaum schlagbar. Und das Stück blauer Himmel über uns ist schon beinahe unglaublich!
Öresund, hier sind wir wieder
Spontane Planänderung, während wir Richtung Norddänemark fahren und keine Aussicht auf Sonne besteht.
Wie wär’s mit Malmö? Heute?, überlegen wir. Und tun’s. An Odense vorbei (= Bodensee minus BErn) nach Kopenhagen und, schwupps: Öresund! Und nochmals zwinkern, schon hat uns Schweden wieder.
Die Suche nach einer trockenen und zahlbaren Unterkunft erspare ich euch. Das geniale Frühstück – will heißen der Lunch, da wir das Frühstück verschlafen haben – entschädigt für die gestrigen Strapazen und den Übernachtungspreis. In einem Golfhotel vor Hörby – huhu, Axel und Herby 🙂 – hängen wir im WiFi und schon bald geht’s weiter …


