to be or not to be

Montagabend kurz nach sechs. Irgendwo in der südlichen Pfalz. Während sich zwei mit dem Leben zufriedene Menschen auf einem Bahnsteig voneinander verabschieden, beschließt woanders ein Mensch, dass er genug vom Leben hat. Er – oder sie – macht sich auf den Weg. Dem letzten. Legt sich auf die Schienen. Stirbt.

Was sind gemessen an der Länge und Tiefe eines Menschenlebens jene Stunden Verspätung, mit denen ich heute Nacht um viertel vor zwei zuhause eintraf?

Zwischen H. und Mannheim ließ ich die vergangenen Tage Revue passieren. Ab Mannheim dann Ausnahmezustand. Bereits da die erste Verspätung. Sechsundzwanzig Minuten. Bauarbeiten. Karlsruhe. Wir stehen bereits eine Viertelstunde, als uns erklärt wird, dass wegen eines Personenschadens der Zug erst in einer halben Stunde fahren würde.

Nach einer Stunde hieß uns die Stimme aus dem Off den Zug verlassen und jenen gegenüber besteigen. Den eine Stunde später eingetroffenen. Es war kurz vor zehn, als ich neben einer sympathisch aussehenden deutschen Frau, die in Zürich lebt, Platz nahm. Schon bald unterhielten wir uns über Gott und die Welt. Und über Pannen. Über das Scheitern auch. Und über Erfolge. Über das Reisen und Ankommen, Umziehen und die Heimat, die nirgends ist. Und überall. Stellten fest, dass wir uns in ähnlichen Kreisen aufhielten. Gemeinsame Bekannte wurden geortet und schließlich packte ich meinen Reiseproviant aus: Zwetschgen aus der Pfalz. Irgendwann fuhr der Zug los. Halb elf oder so. Wir Reisenden jubelten. Feststimmung. Und irgendwann unterwegs wurden wir von einer Schaffnerin darüber ausgeklärt, dass es ab Basel Badischem Bahnhof Taxis gäbe. Darauf hatte ich ab Karlsruhe bereits vertraut. Und darauf, dass ich wohlbehalten zuhause anlangen würde. Irgendwann.

Viertel nach Mitternacht. Badischer Bahnhof. Hundert Menschen drängen sich zum Service Point. Ellbögeln diskret. Ich auch, ich geb es zu. Bin müde. Nach Zürich?, ruft der Typ hinter der Theke. Die Zürcherinnen und Zürcher drängen in den Raum und werden Taxifahrern zugeteilt. Vier pro Fahrer. Viererpakete. Nach Luzern kommt Bern. Artig folgen wir zu viert unserem Chauffeur. Eine zufällige Mischung von Menschen, die sich unter anderen Umständen nie – nie so – getroffen hätten. Ich darf vorne sitzen. Plaudere mit dem türkischen Fahrer, der einen Rosenkranz hat. Und braucht. Scheint müde zu sein, der Mann. Hinter mir zwei Marathonlaufende. Eine Bernerin und ein Zugezogener, wenn ich den Dialekt so höre. Gopf, wieso kommt mir das Gesicht der Läuferin bloß so bekannt vor. Ich spitze die Ohren. Aha, jetzt fällt der Groschen: Gring ache u seckle.

Was alles in Bewegung gesetzt wird, wenn ein Mensch beschließt zu sterben.

Ich dagegen lebe gern. Und gut. Und aktuell sehr genussvoll. Ein Wochenende voller Kunst liegt hinter mir – mit allen ihren Facetten.

Am Samstag die Ausstellung im Restaurant Zett, für die Irgendlink Fotos für S. zu machen versprochen hatte. Danach einkaufen. Später, beim Joggen, stelle ich fest, dass ich meinen Flow wiedergefunden habe. Meine schwedische Ruhe und Gegenwärtigkeit. Während ich dem Grat entlang renne, begreife ich – wie immer mal wieder – , dass Glück immer gegenwärtig ist. Einfach da. Im Sein. Und eigentlich brauche ich dazu nicht etwas – nicht Menschen, nicht Dinge. Einzig meine Sinne. Weit offen. Auf Empfang. Seit ich nicht mehr rauche, kann ich noch besser riechen als zuvor. Wie wunderbar Zitronenmelisse doch duftet. Zum Beispiel.

Der Sonntag machte – zumindest vorerst – seinem Namen alle Ehre. Yoga im Garten. Glück dauert länger als drei Minuten. Eindeutig. Sonne kitzelt mich an der Nase, als ich sie begrüße.

Wir beschließen beim späten Frühstück – Nachstück könnte es auch heißen, finde ich –  eine Fahrradtour nach Rosenkopf zu unternehmen. Artur Bozem, seines Zeichens Kunstmaler, hat Tag des Offenen Ateliers. Über Hügel und durch Täler fahren wir. Wald und Wiese. Sonne. Allmählich ziehen Wolken auf.

Während wir Arturs Bilder bestaunen, entlädt sich ein heftiges Gewitter über die Landschaft. Monika, ebenfalls mit eigenen Bildern anwesend, bietet uns an, uns heimzufahren. Wird nicht nötig sein, sagen wir. Es wird aufhören. Tut es dann auch. Doch bis dahin genießen wir das Ambiente, Kaffee und Kuchen und tauschen uns über Kunst aus. Über das Finden im Unabsichtlichen. Artur sagt, dass seine Bilder eine Begegnung von Absicht und Idee sowie jenem nicht machbaren Moment der Inspiration sind. Zufall. Musekuss. Sternstunde. Der Name ist egal. Das Ding, das Kunst von Künstlichkeit unterscheidet.

Arturs Bilder sprechen für sich. Besonders seine Akte und Halbakte sprechen mich an. Und diese Komposition hier, die in meinen Augen zu klingen beginnt, wenn ich davor stehe.

artur bozem_sofasophia_pic by juergen1

© Pic by Mösiö Irgendlink

In der Nacht darauf träume ich, wie ich ein paar von Arturs Bildern in meinem Wohnzimmer aufhänge. Im Reallife schenke ich mir immerhin zwei Miniaturen von Artur und eine von Monika. Irgendlink haben es ebenfalls zwei Bilder aus dieser auch für Sterbliche wie uns erschwinglichen Sammlung angetan. Gut verpackt überstehen die Bilder sogar unsere Heimfahrt bei Luftfeuchtigkeit 90. Nein, regnen tut es nicht mehr. Wie frisch gewaschen tut die Welt. Dunst steigt auf. Atmen lässt sich leicht, trotz der Hügel.

Wie schnell doch die Zeit vergeht. Floskelfloskelblablabla. Vergehen nicht eher wir? Auf der Zeitachse der Illusion vorwärts schreitend? Am Sonntag noch hatte ich geglaubt, auf dem einsamen Gehöft zeitlose Ewigkeit gefunden zu haben. Tricksendes Gehöft. Irgendwie und irgendwann am Montagnachmittag behaupten nämlich die Zeiger auf der Uhr, dass es nun viertel nach fünf sei. Dass ich schon bald im Zug sitzen soll. Packen ist angesagt. Spuren verwischen. Es wird aussehen, als wäre ich nie dagewesen.

Mein Gastgeber erntet Zwetschen, Äpfel und Nüsse für mich, während ich mir ein Sandwich schmiere. Reiseproviant.

Während sich in H. zwei Menschen zum Abschied umarmen, beschließt woanders ein Mensch, dass er genug vom Leben hat. Er – oder sie – macht sich auf den Weg. Den letzten.

perfekt selektiv

Beim Libanesen feiern wir genüsslich Abend. B. und ich haben uns seit dem Gurten nicht mehr gesehen. Während wir Kichererbsen, Auberginen und Okraschoten mit massenhaft Knoblauch und Zwiebeln genießen, kichern und seufzen wir. Ich fühle mich lebendig bis in die Haarspitzen als wir eine Stunde später im National die Stufen hochsteigen. Hey! Wer steht denn da? Direkt vor meiner Nase? A., eine zwar aus den Augen, aber nicht aus dem Gefühl verlorene Freundin, die B. ebenfalls flüchtig kennt. So schön! Umarmungen. Freude. Nur schade, dass unsere Plätze nicht beieinander sind. Wir sehen uns später. B. findet die unseren, Reihe 11, Sitze 3 und 4. Doch schon bald werden wir vertrieben. Doppelbuchung? Kann vorkommen. Oder ist es womöglich so, dass wir zwei Ur-Linken für einmal nach rechts sollten? Der anderen Perspektive wegen. Und so.

Endlich betreten Nadeschkin und Ursus die Bühne.

20jahre2

The Show must go on. Schräg, schrill, witzig, bunt, genial, tiefgründig, absurd, wunderschön was die Künstlerinnen und Artisten aus der ganzen Welt bieten! Und, wie immer, herrlich vom Schweizer Komikerpaar moderiert. Pantomime und Wortwitz, Jonglage und Akrobatik, Clownage und Musik – nichts fehlt. Alles da. Perfekt. Perfekte Schräglage. Dass Helsinki Sonnenuntergang auf finnisch heisst, wusste ich schon lange. Doch wie Antidepressiva in Österreich genannt werden, war mir nicht bekannt: Klagenfurt. Bibliothek auf schwedisch? Göteborg! Und nun wissen wir auch, dass Ursus sich schwer tut mit Fremdsprachen. Dennoch baggert er seine Kumpanin mal wieder an, denn dazu reicht sein Aargauerdeutsch. Doch sie wimmelt ihn auch heuer wieder ab. Züridüütsch. Willst du mich besser kennenlernen, musst du mich halt googeln!

B. und ich sind uns einig. Wie fast immer bei diesem Thema. Es hat ein paar schöne Männer auf der Bühne. Am besten gefällt uns Morgan, der Jongleur. Oder der deutsche Gitarrist von Annamateur und Aussensaiter? Na ja, oder vielleicht doch eher der langhaarige Akrobat vom Duo Iroshnikov?

Am schönsten im ästhetischen Sinn und der Magie wegen ist fraglos die Nummer mit dem kreisenden Reifen. Perfekte Illusion – made in Canada.

Ich übe mich in selektiver Wahrnehmung, flutscht es seifenglitschig durch meine Gedanken. Sehe Schönheit. Sehe Lebensfreude. Gut.

Zuhause das Hirn downloaden. Schreibend. Ein paar Sätze nur. Spät ist es geworden. Ob der Mittwochmorgen-Kater nun zur Gewohnheit wird?, fragte ich mich heute morgen im Büro.

Sieben Jahre an der Aare

Eidechse sein
auf dem Stein
dem Rauschen
lauschen
Wind auf der Haut
Aaredüfte
Gummiboote
Lachen
Ruhe in mir

DSC02345sm

Nach dem Baden auf dem Stein sitzend Peter Stamms „Sieben Jahre“ fertig lesen. Zwischendurch die heiße Haut abkühlen. Eintauchen ins grüne Nass.

***************************************************************

Das Wort Dreiecksgeschichte, das Moral impliziert, will mir für Alex‘ Dilemma nicht wirklich gefallen. Auch wäre es zu kurz gegriffen, wenn wir seinen Konflikt ausschließlich auf die Zerrissenheit, in der er sich in Bezug auf die zwei Frauen seines Lebens befindet, schieben würden. Das alles geht tiefer und reicht weiter zurück, doch geht es im erzählten Ausschnitt eben um seine Beziehung zu zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Der einen Frau, Iwona, einer illegal eingereisten Polin, ist er zu einer Zeit verfallen, als er sich bereits mit seiner zukünftigen Ehefrau Sonja getroffen hat. Iwona liefert sich ihm von Anfang an aus. Beinahe willenlos, dennoch sehr bewusst, in hingebungsvoller, romantischer Liebe. Bei ihr lebt Alex seine Schattenseiten aus. Er fühlt sich von ihr angezogen und zugleich abgestoßen. Und es stößt ihn ab, wie er sich ihr gegenüber verhält. Obsession auf beiden Seiten. Das erwünschte Kind, das seine Frau nicht zu empfangen fähig ist, trägt nach sieben Jahren Ehe schließlich die ungeliebte Geliebte Iwona aus. Ungeplant allerdings. Iwonas Liebe zu Alex geht so weit, dass sie in seinen und Sonjas Adoptionsvorschlag einwilligt.

Ein Mensch, der liebt, hat immer schon gewonnen!, behauptet Alex. Rechtfertigung oder ein plumper Versuch, Iwona ein glückliches Leben anzudichten? Oder ist sie womöglich tatsächlich glücklicher als Alex und Sonja? Du bist, was du liebst, nicht wer dich liebt, lässt Stamm seinen Protagonisten sagen. … es ist schlimmer, nicht zu lieben, als nicht geliebt zu werden.

Nachdem Sonja und Alex die kleine Sophie adoptiert haben, verschwindet Iwona von der Bildfläche. Obwohl Sonja wunderschön ist, fragt sich Alex zuweilen, ob er sie wirklich je geliebt hat. Vielleicht schon? Um ihrer Schönheit willen? Sonja ist kühl und sachlich. Die beiden Architektur-Fachleute sind ein perfektes Team. Später die perfekte Familie. Und natürlich haben sie das perfekte Geschäft.

Antje, eine alte Freundin der beiden und Künstlerin, ist anlässlich einer Ausstellung zu Besuch in München. Sie war es damals gewesen, die die beiden verkuppelt hat. Nach der Vernissage beginnt Alex Antje seine Geschichte zu erzählen. Nach großen Krisen in der Beziehung und im Geschäft, das kurz vor dem Scheitern stand, scheint nun – nach achtzehn Jahren – doch alles wieder im Lot zu sein.

Und sie lebten glücklich und zufrieden, sagt Antje, nachdem Alex am übernächsten Tag endlich seine Geschichte zu Ende erzählt hat. Wenn es doch so einfach wäre wie bei ihr, die ihr Liebesleben sehr freimütig gestaltet! Antje hat einen jungen Liebhaber. Ich liebe ihn, wenn ich mit ihm zusammen bin. Aber ich vermisse ihn nicht, wenn er nicht da ist, sagt sie über diese Beziehung. Ich genieße es, so lange es dauert.

Die Abwesenheit von Schuldgefühlen beschäftigt Alex ebenso, wie seine Unfähigkeit, sich wirklich auf die Liebe einlassen zu können. Große Themen. Ein mutiges Buch. Peters Stamms dichte, knappe Sprache, die sich fast von selber liest, deswegen aber keineswegs simpel ist, lässt in mir Bilder entstehen, berührt, geht unter die Haut.

In „Sieben Jahre“ ist Stamm das Porträt eines Mannes gelungen, der trotz seiner Ambivalenz und trotz all seiner Schattenseiten sympathisch bleibt. Menschlich eben. Genau das mag ich an Stamms Figuren. Lesen! Oder es sich vom Autor vorlesen lassen! Hier die Daten.

nix – niente – rien

Bin heute Morgen mit Fieber erwacht. Nicht so hoch, dass ich an Schweinegrippe denken müsste, doch hoch genug, mir das Gefühl von Kranksein zu geben. Nein, so konnte ich nicht zur Arbeit gehen. Dabei sollte ich doch …

Nein, heute muss ich nicht. Es wird ohne mich gehen. Von meinen Kolleginnen bekam ich eben eine Gute-Besserung-SMS. Goldig.

Und ja … Ich muss heute gar nichts. Auch keine neuen Texte weben. In meiner Fadenkiste hat es genug … 🙂

*******************************************************************************************

Nichts

Filmriss. Entschleunigen. Anhalten. Die Bremse arretieren. Die lineare Chronologie, durch die ich mich, ob ich an sie glaube oder nicht, tagtäglich bewege, unterbrechen. Kugelschreiber zur Seite legen. Durchatmen. Punkt. Schlusszeichen.

Sei willkommen, klitzekleines Nichts, Pause. Denn ich werde jetzt einfach NICHTS tun, hängen bleiben, wie die Welle, bevor sie bricht.

Nicht Zeit absitzen und mit dem Blick auf den Zeiger Stunden abhaken. Nicht warten. Nicht malen. Nicht lesen. Nicht schreiben. Nicht telefonieren. Nicht sprechen. Mich nicht austauschen. Keine Kontakte knüpfen und keine Löcher stopfen. Weder essen noch trinken. Weder kreieren noch tanzen. Nichts hinein und nichts hinaus lassen. Nichts entscheiden. Mich nicht ablenken lassen. Nicht werten und nicht planen. Keine Konzepte wälzen. Nicht denken, ja!, vor allem NICHT denken! Und auch nicht abwarten und Tee trinken. Weder mich konzentrieren noch meditieren. Und schon gar nicht der Regeneration nachrennen. Auch nicht nach vorne schauen und mich fragen, was ich nach dem Nichtstun tun werde.

Ich starre Löcher in die Decke, bis der Putz sich löst. Dann schließe ich die Augen. Will nur noch Seiende sein. Hier auf dem Sofa dösen. Und träumen. Schlafen, ich gebe es zu, ist eine ziemlich gute Form des Nichtstuns.

Der Schreibblock liegt neben mir. Und schreibend tue ich nun doch etwas. Kleide das Nichtstun in Worte, forme, gestalte gewichte es, gebe ihm womöglich sogar Sinn. Oder nehme ihn ihm weg.

Sinnloses sein und tun ist gar nicht so einfach. Ist untätig und ohne Beschäftigung zu sein, wirklich schon Nichtstun oder gar sinnlos?

Absichtslose Anwesenheit meiner mindestens sieben Sinne. So ganz ohne Beschäftigung sind sie jetzt. Ruhende. Fast pausenlos sind sie sonst auf Empfang, filtern und nehmen wahr. Sehen, hören, riechen, fühlen, verbinden. Sie bieten mir alles, was es zum Lieben braucht, jenem bedeutsamsten Ausdruck des Seins, dem ich nie entfliehen will.

Während sich meine Batterien aufladen, nichts tuend außer zu sein, weiß ich auf einmal, was ich nachher tun will. Denn jedes Nichtstun ist endlich. Solange ich Mensch bin zumindest. Es dauert höchstens so lange, bis ich pinkeln muss.

Was ich nach dem Nichtstun tun werde, fragt ich euch? Ich werde mir ein Bier holen!

************************************************************************************

Diesen Text habe ich vor einem Jahr, anlässlich eines Kulturevents zum Thema Zeitverschwendung vorgelesen. Danke, dass ich, während du ihn gelesen hast, ein bisschen von deiner Zeit verschwenden durfte.

Ach ja, noch was … Heute bleibe ich bei Wasser und Tee.

Keller- und Straßenkultur

Im Rampenlicht stehen. Nein. Das ist definitiv nicht das Ziel meiner Träume. Obwohl. Na ja. Es hat, ich gebe es zu, Spaß gemacht. Meine Löwinnenseite? Faszinierend. Ambivalent. Faszinierend ambivalent.

Bühnenerfahrung hatte ich bisher keine. Außer von unten nach oben. Vor Publikum gesprochen habe ich zwar schon oft und inzwischen ja auch schon einige Male gelesen. Jedes Mal lehrreich. Doch nun das: Sofasophia auf der ONO-Bühne. Das ONO – schon lange ein Ort, den ich mag. Unzählige Konzerte und andere kulturelle Anlässe wie Lesungen habe ich hier schon besucht. (… und das Honigbier genossen. Gibt’s nur hier!) Letztes Mal habe ich hier Pippo Pollina gehört. Auf seiner À-la-Carte-Tournée.

Ich höre Roswithas Ansage. Ist echt Gold, was sie sagt. Oh. Sie redet ja von mir! Ooops. Noch nie bin ich so lieb angesagt worden. Und nun steige ich also tatsächlich selber die Stufen herauf. Nehme auf der Bühne Platz. Bitte kneifen. Ist das alles echt? Wildes Herzklopfen. Ich werde mich blamieren. Bestimmt. Nun höre ich mich ein paar Sachen über diese Bühne sagen und merke, wie das hilft, die Beklemmung aus der Kehle zu lotsen. Trotzdem: Ich sehe schwarz. Nicht dunkelgrau. Total schwarz. Ich blicke auf den riesigen Bildschirm eines abgestürzten Computers. Bin mitten im Lichtkegel und sehe nur den Tisch. Und meinen Text. Na ja. Dann sollte ich wohl …

Diese schwarze Masse vor mir ist mein Publikum. Doch ist es wirklich da? Keine Chance an der Mimik der Zuhörenden etwas über die Wirkung meines Textes herauszufinden. Nix zu sehen. Nur zu hören. Den Applaus genieße ich. Echt wahr. Tut gut. Du hättest bisschen lauter lesen sollen, meinte mein Lieblingsbruder hinterher. Ansonsten wirkte er ein klein bisschen stolz auf die Kleine und drückte mich herzlich. Die einzige Kritik, die ich gehört habe. Ansonsten Ermutigendes. Oder sowas in der Art: Schwerverdaulich. Wie oft bei dir. Meine wunderbare Freundin K. Ja, stimmt. Ich weiß. Doch in Loch im Eis gibt es nun mal nichts Leichtverdauliches. (Zum Text: hier klicken)

090808_Lesung im ONO 010_sm

Bei kommenden Lesungen werde ich deshalb Blogtexte vorlesen. Gelobte ich beim ersten Bier. Leichtere Kost, wie ich hoffe. Die Texte. Das Bier auch.

Die Qualität unserer Texte war, finde ich, wieder auf sehr hohem Niveau. Abwechslungsreich. Von verspielt bis gruselig, von Psycho bis erzählend. Wie gut, dass ich (d.h. wir) unsere beiden Schreibgruppe-Männer überredenzeugen konnte mitzumachen. Manuels Text sei eine halbe Stunde vor der Lesung fertig geworden. Neue Mangas von Helen. Auf Grossleinwand – ein Erlebnis für die Augen! Ach … jetzt könnte ich ins Schwärmen kommen … Anjas Klipp-Klapp-Text, Stefans Gruselstory, undundund … Doch unser aller Überfliegerin war Roswitha. Sie moderierte absolut sympathisch, souverän und persönlich. Schwer zu toppen! (mehr Bilder von der Lesung …)

Publikum und Stimmung waren aufgeräumt. Die nicht ganz billige Raummiete haben wir praktisch aus der Kollekte gedeckt und schon bald lockte es uns alle auf die Gassen Bern.

Straßenmusik an jeder Ecke. Buskers 2009. Wir lassen uns treiben, genießen internationalen Fastfood – einen kleiner Trip nach Mexico zum Beispiel. Schweizer Bier. Tauschen aus. Treiben weiter. Am Schluss noch zu dritt bleiben wir an den Pos einer englischen Comedy-Truppe hängen. The Cosmic Sausages. Na ja, für die schönen Pos können wir nix. Ehrlich. Und für dieses charmante Lächeln hier auch nicht. Oder doch?

090808_Buskers8a_sm

Es war eben bloß noch hinter der Truppe Platz. Das Chrüsimüsi aus Klamauk, poppigem Gefiddel, Gipsysound und Countryrock animierte zum Mitshaken und -klatschen.

Schlaftrunken, später, irgendwann, im Bett, begreife ich plötzlich, dass ich Ferien habe. Endlich! Dass ich schon übermorgen nach Schweden fliege, kann ich kaum glauben. Denn im Moment will ich einfach nur schlafen.

an die Leine genommen

Ja, ich weiß, es ist Sommer. Alle Welt tummelt sich draußen. Die Sonne scheint und die Natur ruft  … Doch der Abgabetermin für meinen Artikel rückt unaufhaltsam näher. Außerdem habe ich ein paar rohe Geschichten auf dem Feuer. Die müssen eingeköchelt und ständig mit ein bisschen Wasser abgelöscht werden. Sonst brennen sie an. Und für die Lesung in dreizehn Tagen (schon?) muss ich auch noch den richtigen Text finden.  All das vor den Ferien … es gibt viel zu tun. Es GÄBE viel zu tun …

Deshalb bin ich heute brav zuhause geblieben und sitze bei schönstem Wetter am Laptop. Allerdings so gut wie draußen. Doch was tue ich? Ich surfe! Womit wir wieder beim Thema „zu wenig Zeit“ wären. Zwei Herzen in meiner Brust. Wie der Autor im Buch, das ich lese, habe ich offenbar auch meine ganz eigene Art von Disziplin.

„Der Nichteingeweihte versteht das natürlich nicht. Es wäre ja auch kaum begreiflich zu machen, worin die Disziplin liegt, wenn einer vier bis fünf Stunden des Tages mit ruhelosem Warten im Nichtstun verbringt: aufsteht, von einem Raum in den nächsten wandert, sich irgendwo niederlässt, (…) ein Bad nimmt, zu einem Buch greift (…) Krach schlägt, wenn ein Besuch in „stört“ (…) …inzwischen ist es nachmittags um sechs oder vier Uhr früh – und mit weiterer Zeitverschwendung von zwei Stunden erfolgreich eine oder bestenfalls anderthalb Seiten vollzuschreiben.“

Sándor Márai. Mal wieder. Seit ich seine „Glut“ gelesen habe, schafft es dieser ungarische Autor immer wieder, mich zu packen. Den roten Faden in seinen Romanen sehe ich weniger in den Themen oder Figuren seiner Geschichten, als darin, wie er menschliche Banalität, menschliche Genialität, menschliche Absurdität und menschliche Brutalität, die alle irgendwie ganz nahe beieinander stehen, sich wohl oder übel gegenseitig einatmen und sich zugleich voneinander fortdrängen, in Worte kleidet. So als hörten wir seine Antiheldinnen und –helden beim Denken zu.

In der Bibliothek bin ich neulich fast zufällig über seinen „Hund mit Charakter“ gestolpert. Wie bitte? Márai schreibt einen Roman über Hunde? Jawohl! Und wie! Der Protagonist, genannt „Herr“ – Màrais Alter Ego? –, schenkt der Dame des Hauses zu Weihnachten einen Welpen. Wir schreiben das Jahr 1928. Nein, nun kommt keine süße Hundegeschichte, wie könnte es auch? Es folgt, typisch für den ungarischen Philosophen, eine Geschichte darüber, wie diese kleine Kreatur, dieses wollknäuelige Hundebaby, mit seiner Schamlosigkeit den ganzen Haushalt durcheinander- und den Autoren dazu bringt, eigenes Verhalten zu hinterfragen. So wie es eben nur Márai kann.

„Es fällt ihm dennoch schwer, den Widerstand aufzugeben; die Scham, die ihn überkommt, wenn er sich um ein Tier kümmert, wohl wissend, dass jetzt gerade hundert Millionen Menschen auf der Erde … – doch wie soll er sich mit hundert Millionen Menschen abgeben? Wie soll er sie alle lieben? Wie kann er etwas für sie tun, wenn er keinen einzigen von ihnen kennt? Vielleicht sollte man die Welt doch einfach da anpacken, wo sie einem am nächsten ist. Wo man sie zu fassen bekommt? (…) Und dann, wenn all das erledigt ist und er immer noch einen kleinen Überschuss an Gefühlen, Hingabe und Eifer hat, dann darf er diesen zum Beispiel auch an einen Hund verschwenden …“

Der Tag, an dem der Hund die Leine kennenlernt, ist kein einfacher. Zuerst flippt er beinahe aus …

„Plötzlich hält der Hund im nervösen Herumtrippeln und Wimmern inne. Jetzt hat er begriffen. Er erstarrt vor Entsetzen, und dann sagt er Nein! (…) Es bricht mit so entsetzlicher Wut und Verzweiflung aus ihm hervor, wie es nur aus jemandem hervorbrechen kann, der im Recht ist. Er hat das An-der-Leine-Sein verstanden, begriffen fürs Leben. Nein, das nicht! … kommt der Schrei. (…) … das kann doch nicht sein! Warum auch? Dann wäre ja alles aus, der Sinn des Daseins, kein Ziel mehr, für das es sich zu leben lohnte, da wäre keine Würde mehr und keine moralische Gerechtigkeit und auch kein wahres Gesetz, weder dort oben in den Sternen noch hier unten in der endlichen Welt zwischen Schlaf- und Herrenzimmer! Jetzt hat er begriffen und kann es nicht ertragen.“

Resümeehrchen

Gestern Nachmittag kamen wir in Genuss einer der kürzesten Konzertansagen, die ich je gehört habe:
„Hattet ihr schon mal Sex ohne zu schmusen?“
Das Publikum druckst an einem Ja herum.
„Na, dann wisst ihr ja, wie das ist. Es geht. Aber etwas fehlt … So ähnlich ist ein Gurtenfestival ohne sie! Es geht zwar, aber eben … etwas fehlt …  Darum sind sie dieses Jahr wieder da …
PATENT OCHSNER!

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=QAwMtjXOn4Y]

Später dann die Entdeckung des Tages für mich: Travis … Geile Bühnenpräsenz … okay, okay, Easylistening, ziemlich nett … aber dennoch: Warum auch nicht? EDIT: Hier könnt ihr mich hüpfen sehen … Pogo-Weltrekord!

Zwischen den Konzerten sammeln geschäftstüchtige Kids PET-Flaschen, Teller und Gabeln ein, denn für alles bekommen sie Depot. Supererfindung, das Cup Conzept, das seit Jahren auf allen Berner Veranstaltungen Pflicht ist. Eine weitere Supererfindung machten ein paar Teens, die mit ihrem fahrbaren PET-Containter ebenfalls Flaschen sammelten. Nicht für die eigene Tasche allerdings, sondern um ein Öko-Projekt zu unterstützen. Um den Reiz des Spendens zu erhöhen, applaudieren sie lautstark, wenn jemand eine Flasche einwarf. Nur schon ihr Applaus und ihre Begeisterung war eine Spende wert!

Geschirr kostete  temporär, dafür war Rauchen und Kiffen gratis. Jedenfalls passiv. Dauerflash garantiert? 🙂

Sofasophia über den Altersunterschied zwischen I. und E. (O-Ton):
„Ist doch gut, wenn er älter ist als sie. Dann hält er länger. Männer laufen ja eh früher ab!“

Mehr zum Gurtenfestival 2009 und hier noch mehr Gurtenfestival

EDIT:

Und noch mehr

Tag der Schlangen

warten
Stau stehen
Verdichtung
Ellbogen
rosa Gummistiefel
Schlamm
aha!

Gurten 09 017_sm
ankommen
Handys in Action
SMS
suchen
finden

Gurten 09 016_sm

himmelblau
lachen
mitsingen
Sounds voll gut

Gurten 09 024_sm

klatschen
pfeifen
schreien

Gurten 09 030_sm

Gurten 09 034_sm

Gurten 09 043_sm

viel Energie
viel Materie
Dichte

Gurten 09 048_sm
Dräcksäck überall
in gelb
viel Wasserverbrauch
und Bier
und noch viel mehr WC-Papier

viel Luft
viel Himmel

= Gurten 2009!