Montagabend kurz nach sechs. Irgendwo in der südlichen Pfalz. Während sich zwei mit dem Leben zufriedene Menschen auf einem Bahnsteig voneinander verabschieden, beschließt woanders ein Mensch, dass er genug vom Leben hat. Er – oder sie – macht sich auf den Weg. Dem letzten. Legt sich auf die Schienen. Stirbt.
Was sind gemessen an der Länge und Tiefe eines Menschenlebens jene Stunden Verspätung, mit denen ich heute Nacht um viertel vor zwei zuhause eintraf?
Zwischen H. und Mannheim ließ ich die vergangenen Tage Revue passieren. Ab Mannheim dann Ausnahmezustand. Bereits da die erste Verspätung. Sechsundzwanzig Minuten. Bauarbeiten. Karlsruhe. Wir stehen bereits eine Viertelstunde, als uns erklärt wird, dass wegen eines Personenschadens der Zug erst in einer halben Stunde fahren würde.
Nach einer Stunde hieß uns die Stimme aus dem Off den Zug verlassen und jenen gegenüber besteigen. Den eine Stunde später eingetroffenen. Es war kurz vor zehn, als ich neben einer sympathisch aussehenden deutschen Frau, die in Zürich lebt, Platz nahm. Schon bald unterhielten wir uns über Gott und die Welt. Und über Pannen. Über das Scheitern auch. Und über Erfolge. Über das Reisen und Ankommen, Umziehen und die Heimat, die nirgends ist. Und überall. Stellten fest, dass wir uns in ähnlichen Kreisen aufhielten. Gemeinsame Bekannte wurden geortet und schließlich packte ich meinen Reiseproviant aus: Zwetschgen aus der Pfalz. Irgendwann fuhr der Zug los. Halb elf oder so. Wir Reisenden jubelten. Feststimmung. Und irgendwann unterwegs wurden wir von einer Schaffnerin darüber ausgeklärt, dass es ab Basel Badischem Bahnhof Taxis gäbe. Darauf hatte ich ab Karlsruhe bereits vertraut. Und darauf, dass ich wohlbehalten zuhause anlangen würde. Irgendwann.
Viertel nach Mitternacht. Badischer Bahnhof. Hundert Menschen drängen sich zum Service Point. Ellbögeln diskret. Ich auch, ich geb es zu. Bin müde. Nach Zürich?, ruft der Typ hinter der Theke. Die Zürcherinnen und Zürcher drängen in den Raum und werden Taxifahrern zugeteilt. Vier pro Fahrer. Viererpakete. Nach Luzern kommt Bern. Artig folgen wir zu viert unserem Chauffeur. Eine zufällige Mischung von Menschen, die sich unter anderen Umständen nie – nie so – getroffen hätten. Ich darf vorne sitzen. Plaudere mit dem türkischen Fahrer, der einen Rosenkranz hat. Und braucht. Scheint müde zu sein, der Mann. Hinter mir zwei Marathonlaufende. Eine Bernerin und ein Zugezogener, wenn ich den Dialekt so höre. Gopf, wieso kommt mir das Gesicht der Läuferin bloß so bekannt vor. Ich spitze die Ohren. Aha, jetzt fällt der Groschen: Gring ache u seckle.
Was alles in Bewegung gesetzt wird, wenn ein Mensch beschließt zu sterben.
Ich dagegen lebe gern. Und gut. Und aktuell sehr genussvoll. Ein Wochenende voller Kunst liegt hinter mir – mit allen ihren Facetten.
Am Samstag die Ausstellung im Restaurant Zett, für die Irgendlink Fotos für S. zu machen versprochen hatte. Danach einkaufen. Später, beim Joggen, stelle ich fest, dass ich meinen Flow wiedergefunden habe. Meine schwedische Ruhe und Gegenwärtigkeit. Während ich dem Grat entlang renne, begreife ich – wie immer mal wieder – , dass Glück immer gegenwärtig ist. Einfach da. Im Sein. Und eigentlich brauche ich dazu nicht etwas – nicht Menschen, nicht Dinge. Einzig meine Sinne. Weit offen. Auf Empfang. Seit ich nicht mehr rauche, kann ich noch besser riechen als zuvor. Wie wunderbar Zitronenmelisse doch duftet. Zum Beispiel.
Der Sonntag machte – zumindest vorerst – seinem Namen alle Ehre. Yoga im Garten. Glück dauert länger als drei Minuten. Eindeutig. Sonne kitzelt mich an der Nase, als ich sie begrüße.
Wir beschließen beim späten Frühstück – Nachstück könnte es auch heißen, finde ich – eine Fahrradtour nach Rosenkopf zu unternehmen. Artur Bozem, seines Zeichens Kunstmaler, hat Tag des Offenen Ateliers. Über Hügel und durch Täler fahren wir. Wald und Wiese. Sonne. Allmählich ziehen Wolken auf.
Während wir Arturs Bilder bestaunen, entlädt sich ein heftiges Gewitter über die Landschaft. Monika, ebenfalls mit eigenen Bildern anwesend, bietet uns an, uns heimzufahren. Wird nicht nötig sein, sagen wir. Es wird aufhören. Tut es dann auch. Doch bis dahin genießen wir das Ambiente, Kaffee und Kuchen und tauschen uns über Kunst aus. Über das Finden im Unabsichtlichen. Artur sagt, dass seine Bilder eine Begegnung von Absicht und Idee sowie jenem nicht machbaren Moment der Inspiration sind. Zufall. Musekuss. Sternstunde. Der Name ist egal. Das Ding, das Kunst von Künstlichkeit unterscheidet.
Arturs Bilder sprechen für sich. Besonders seine Akte und Halbakte sprechen mich an. Und diese Komposition hier, die in meinen Augen zu klingen beginnt, wenn ich davor stehe.

© Pic by Mösiö Irgendlink
In der Nacht darauf träume ich, wie ich ein paar von Arturs Bildern in meinem Wohnzimmer aufhänge. Im Reallife schenke ich mir immerhin zwei Miniaturen von Artur und eine von Monika. Irgendlink haben es ebenfalls zwei Bilder aus dieser auch für Sterbliche wie uns erschwinglichen Sammlung angetan. Gut verpackt überstehen die Bilder sogar unsere Heimfahrt bei Luftfeuchtigkeit 90. Nein, regnen tut es nicht mehr. Wie frisch gewaschen tut die Welt. Dunst steigt auf. Atmen lässt sich leicht, trotz der Hügel.
Wie schnell doch die Zeit vergeht. Floskelfloskelblablabla. Vergehen nicht eher wir? Auf der Zeitachse der Illusion vorwärts schreitend? Am Sonntag noch hatte ich geglaubt, auf dem einsamen Gehöft zeitlose Ewigkeit gefunden zu haben. Tricksendes Gehöft. Irgendwie und irgendwann am Montagnachmittag behaupten nämlich die Zeiger auf der Uhr, dass es nun viertel nach fünf sei. Dass ich schon bald im Zug sitzen soll. Packen ist angesagt. Spuren verwischen. Es wird aussehen, als wäre ich nie dagewesen.
Mein Gastgeber erntet Zwetschen, Äpfel und Nüsse für mich, während ich mir ein Sandwich schmiere. Reiseproviant.
Während sich in H. zwei Menschen zum Abschied umarmen, beschließt woanders ein Mensch, dass er genug vom Leben hat. Er – oder sie – macht sich auf den Weg. Den letzten.
Ein Gedanke zu „to be or not to be“