Grad Glücksrad vom Zettel gelesen statt
Glück grad, das ich am
Morgen sah. Roch. Fühlte.
Ahnte. Zwischen den Sätzen,
Zeilen, Wörtern. Die Stelle, wo es
still und weiß ist. Warum weiß ich
allerdings nicht. Das Weiß ebenso
wenig wie das Glück und am
allerwenigsten wie alles miteinander
wirkt. Aufeinander, in-
einander, zueinander, nach-
einander, gegeneinander.
Wirkt. Alles. Ursache
heißt nur der erste Dominostein. Alle
anderen Wirkung. Alle. Das Glücks-
rad zuerst. Auf dem Zettel.
Kategorie: Sofalyrik
tiefgekühlt
Mein Herz wie schockgefroren. Diese
Zeit zwischen den Jahren ist
mir diesmal, als sei ich zwischen die Zeilen
gefallen. Ohne Netz. Freier Fall irgend-
wie. Ohne Strom. Ausgefallen.
Eingefroren. Die Anspannung und
Anstrengung der letzten Monate ver-
dichtet sich in Nichts. Fällt wie ein
Schneeball, an die Wand geworfen,
auseinander. Zurück
bleibt ein Klecks Brackwasser.
Ich. Oder nicht. Um erneut im
Wasserkreislauf mit zu fließen. Ein-
mal mehr.
untauglich
Alle alten Texte, durch
die ich mich blättere, taugen
nicht. Nähren nicht. Nicht
jetzt. Will keine alten
Geschichten lesen. Jetzt nicht. Ich
suche nach Worten, finde
Konserven. Was ich
brauche, jetzt, sind Worte wie
frisches Gemüse. Wie jener
Traum heute Nacht. Der Traum vom
Meer. Es sei
das Rote, sagt jemand im
Off. Mir egal. Nur
wichtig, dass ich da durch
muss. Es gibt keinen anderen Weg auf
die andere Seite. Neues Land.
Tief ist es zwar nicht, das
Wasser, doch ich trage Kleider und die
Wellenberge sind drei
wildschäumende Meter hoch. Oder noch
mehr. Mehr Meer
als ich je gesehen habe.
Und ich gehe.
Gehe barfuß mittendurch. Jedes
Mal rechtzeitig unter-
wandere ich eine hinter mir ein-
brechende Welle. In trockenen
Kleidern erreiche ich das Ufer
im neuen Land. Nein, alte Texte taugen
nicht. Nicht
immer. Nicht
jetzt und nicht
hier.
Möglichkeiten
Wäre ich ein Tintentropf, ließe ich
mich schreiben. Ein paar
Wörter, einen
Satz, eine Geschichte, ein
Gedicht. Oder
ich würde mich für
immer im Wasser-
glas, da drüben auf dem Tisch, auf-
lösen.
unfertig angestoßen
Grenzen
Schon wieder stoße
ich mir den Kopf. Da
sind sie, die
Grenzen, die ich mir selbst
setze. Immer wieder
enge
ich mich ein. Mein
Verstand tut, als verstehe
er. Mich – alles – fremdes –
unverständliches. Heute
zweifle ich an ihm. Er
an mir ebenso. Ob die
Macht des Verstehens
Grenzen setzt oder auflöst?
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Fertig
Nein, warte! Bin noch
nicht so weit. Morgen vielleicht. Oder
nie. Möglicherweise
nie. Besser
nie, denn wäre
ich fertig, wäre
ich
ja fertig. Und
was dann?
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voran
Du kommst
nur voran, wenn du
gehst, kritzelte der Stift, der
in meiner Hand liegend
eigentlich lieber
malen wollte, aufs
weiße Papier.
am Ofen
Zeitmanagement
In der neuen „Federwelt“ dies hier gelesen:
ich höre Santana lese die Bibel
überbrühe Kaffee lasse ihn kalt werden
koche Reis zu Brei
schreibe Briefe
ich habe noch drei Stunden Zeit bis zur Schicht
nach der Schicht habe ich sechzehn Stunden Zeit bis zur nächsten
so kann ich hundert Jahre alt werden wenn ich nicht vergesse
zu essen
Birgit Herkula (1960)
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Nicht in der Federwelt gelesen – dies hier:
nachmittags
Ich will nicht auf dich
warten, nein, will nicht in der
Schlaufe hängen, nicht auf deine
Nachricht fiebern. Nein-nein-nein.
Schließlich habe ich Pläne. Will
die freie Zeit sinnvoll nutzen.
Sinnvoll?
Nutzen?
Autsch!
Mit einkaufen und mit Klo putzen.
Und schreiben. Malen. Lesen.
Schlafen.
Nutzt alles nichts. Ich hänge
in der Schlaufe fest. Ich drehe im Kreis.
Genauso wie ich – wenn du
bei mir bist – meine Zeit unendlich
in die Länge dehnen will (und kann), so, genau-
so will ich diese Länge
verkürzen, jetzt, sie verdichten, einrollen
wie ein Garn-
knäuel. Zeit wird Punkt und du an der Schnur.
Nur. Komm.
Endlich.
Sofasophia (heute)
wenn ich alt sein werde, vielleicht
Der Countdown läuft. In einer Stunde bin ich schon fast im Büro. Ich sitze an meinem Schreibtisch und versuche mich abzulenken und die Nervosität auszutricksen, indem ich die Zeit, bis ich gehe, gut nutze. Geschlafen habe ich zwar gut, aber wenig. Lag schon früh wach. Kopfkino, wie meine Freundin U. das nennt.
Was muss noch getan werden, was habe ich noch vergessen? Das Fest stampft wie ein Elefant auf mich zu. Ich fühle mich klein und überfordert. Schreibe schließlich Zettel mit letzten ToDos, nehme eine Baldriantablette und Notfalltropfen. Bringt nicht viel. Später Yoga. Tut gut. Dann ein Entspannungsbad am Morgen – ein Novum. Hat gegen Nervosität nicht viel genutzt. Puls 85 oder so. Eine SMS vom Scheff, dass ich doch bitte noch …, trägt auch nicht eben zu meiner Entspannung bei.
Schließlich Tagebuchschreiben, Schreibtischzettelaufräumen und Minuten zählen. Wann muss ich mich bereit machen? Wann ziehe ich mich um? Wann fahre ich los? Im Büro muss ich noch den Laptop samt Beamer holen. Und die Blume, die bestellten, unterwegs. Worstcase wäre, denke ich, wenn jemand mein Auto überfallen hätte. Was ich nicht hoffe. Natürlich nicht. Wäre schade für den Grappa. Und so.
Auf dem Schreibtisch Traumnotizzettel, die ich abtippe. Mich erinnernd und zusammenreimend, was ich mit den wochenalten Stichworten gemeint hatte.
In einer Traum-Szene, die ich auf einem Zettel festgehalten habe und nun entziffere, war ich verwirrt. Ich hatte sogar vergessen, meine Briefkästen – es waren gleich zwei, die mir gehörten und einander gegenüber angebracht waren – zu leeren. Sie waren allerdings auch wegen Gitterdrähten sehr schwer zugänglich und steckten voller Zeitungen. Überbordende Ungelesenheit.
Während ich diese Zeilen in mein Tagebuch abtippe, frage ich mich, ob ich das je einmal lesen werde.
Werde ich, wenn ich alt bin, meine Tagebücher hervorkramen, auch die fehlenden aus meinen ganz schwierigen Jahren, die ich vielleicht irgendwann irgendwo wiederfinden werde?
Werde ich später Lust haben in mein heutiges Leben einzutauchen?
Vielleicht werde ich mich erinnern wollen.
Vielleicht werde ich alle Bücher verbrennen.
Vielleicht schreibe ich – wie in einem Gedicht, das ich am Dienstag vorgelesen habe – wirklich nur für das große schwarze Loch, für den Augenblick.
Und weil mir schreiben Spaß macht.
So what?
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Ich schreibe für das große schwarze Loch.
Für den Augenblick.
Für das Vergessen.
Für mich.
Für dich.
Für jetzt.
Schwupps. Und schon vorbei.
Die Dichte der Dichtung
an der Webkante meiner Gewebe gebrochen
scheiβt Buchstaben
die wir verschlingen
noch und noch
und noch
ohne Punkt
und
ohne Komma
ohneLeerschlagsogar
Schnell
schneller
noch schneller
verdauen wir
kaum noch
all die
Buchstabenbilder
Buchstabengebilde
Buchstabengewebe
schlucken sie herunter
würgen manchmal
weil sie
uns
im Hals stecken
bleiben
und uns
danach
schwer im Magen liegen…
Sorry, doch dieses undichte Gedichte muss hier fertig sein,
denn ich muss mal …
(2.9.200(EDIT)9, ebenfalls in diesem Blog)
Lipogramm V
u-entleert
Am Grab saß sie lieb, sang
Lieder, trank Tee, schenkte
Kaffee ein. Wein manchmal. Bier. Vielleicht. Deswegen
war sie nicht gerne gesehen, da,
wo sie hinging. Jetzt. Anschreien wollte
sie sie. Die anderen, die nicht
verstanden, dort. Das Kissen noch immer
am Kamin. Weil sie holperige
Worte stotterte, ging sie weiter. War sich lieb. Er sich, ich
mir, andere sich selbst – immer so, von
oben. Sang sie am Grab. Wieder.
Lipogramm III
i-entleert
Kater, komm, komm und löffle
das Telefon vom Boden. Knurre dazu und tanze
von Anfang an. Tanze elegant – ohne Hohn
und Spott – dafür dankbar
ob der maßlosen Gnade der losen
Buchstaben den Abhang herunter.
Abrupt
stoppte er, unser Kater, und hüpfte
zurück, an den
tanzenden Enden der
Schnur.
Nur.
Wo?
