Rückblick

Entschleunigung ist angesagt … Darum habe ich die letzten zwei Tage mit Sein und Sichten verbracht. Und ab und zu ein wenig geappt.
Die Bilder stammen vom Kunstzwerg-Spaziergang vom letzten Sonntag und zeigen LandArt-Kunstwerke von Karl Rudi Domidian aka Hundefänger. Ich habe im letzten Artikel davon erzählt.
Die beiden sehr unterschiedlichen Werke haben doch eines gemeinsam (außer dem Material natürlich): Sie sind Hohl- und Schutzräume. Während das eine kuppelförmig nach außen hin abgeschlossen ist, mutet das andere wie ein Boot an, das kieloben gestrandet ist und sich als Höhle eignet (in die Irgendlink geschlüpft ist).

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Noch immer ohne Netz

Als wäre ich heute Nacht in diesem großen Kinohaus gewesen, weißt du, jenes in Saarbrücken, wo es von unten bis oben einen Kinosaal neben dem anderen hat, sagte ich heute Morgen nach dem Erwachen zu Irgendlink. Als wäre ich die ganze Nacht von Raum zu Raum gegangen und hätte mir da und dort ein paar Filmsequenzen angeschaut. Bilder zogen vorüber, Dialoge … Und immer ging ich weiter und weiter.
Ja, ruhelos waren die Träume und dennoch fühle ich mich wohlig erholt und gut gelaunt. Wir haben wieder im „richtigen Bett“ geschlafen, im irgendlinkschen, nicht im (schwieger)elterlichen Wohnwagen, in den wir während des Festivals ausgewichen waren, da Irgendlink seine Wohnung „untervermietet“ hatte.
Ruhe auf dem Hof. Keine Gitarrenklänge mehr, die drei Tage wie ein Klangteppich alles untermalt hatten – Stimmen, Lachen, sphärische Musik, Geschirrgeschepper und auch das Schlagen der Axt auf den Spaltstock. Auf dass das Grillfeuer niemals ausgehe.
Ruhe in mir, trotz der Bilderflut, so dass sich all die vielen bunten Eindrücke auf dieser neu aufgeschlagenen leeren Buchseite in mir verteilen und sich eine Nische suchen können.
Schon wie wir gestern – nur noch eine kleine ungefähr zehnköpfige Gruppe – mit dem LandArtisten Hundefänger im den Wald spazieren, um seine Kunstwerke, die er aus herumliegendem Holz gebaut hat, zu betrachten, stelle ich verwundert fest, dass der dem Event vorausgegangene innere Stress auf einmal von mir abgefallen ist. Auf dem Rückweg mache ich mit vier anderen noch einen kleinen Schlenker zu einem LandArt-Kunstwerk vom letzten Jahr. Wir steigen in eine Schlucht hinunter, vier Stadtmenschen und ich. Zumindest zwei sind kaum je in der Natur und im Wald. Wie wir auf dem Rückweg darüber reden und ich ihnen dabei zuschaue, wie sie relativ mühsam auf den rutschigen Wegen in der Schlucht unterwegs sind, wird mir bewusst, dass sogar das eine Ressource ist: sich im Wald zurecht finden. Etwas für mich Selbstverständliches ist für andere überhaupt nicht selbstverständlich. Ja, gut, ich weiß, das ist nicht neu. Doch ich vergesse zuweilen, dass das, was ich kann, eben nicht einfach Allgemeingut ist. Wie oft bewundere ich andere dafür, dass sie dies und das können, sich dies und das trauen. Würde ich jedoch in ihre Haut schlüpfen, wüsste ich, dass das alles ganz einfach ihr Ding ist.
Eigentlich war das ganze 9. Mainzer Kunstzwergfestival wie ein bunter Teppich. Als Jan am Samstagabend seine Musik mit uns teilte, ich sass mit geschlossenen Augen im Raum, hatte ich den Eindruck, dass jeder Klang, den er mit seinen technischen Hilfsmitteln und Instrumenten erzeugte, eine Farbspur ist. Ein Farbtropfen, der ins Wasser fällt und sich mit den anderen Tropfen vermischt. Und er sei der Alchemist, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort den richtigen Hebel bewegte und so quasi die Töne, ihre Essenzen, miteinander vermischte. Die Töne flossen ineinander, legten sich umeinander und trugen mich mit sich fort.
Irgendwie ähnlich floss alles miteinander ineinander, was war. Auch all die vielen Gespräche. Am meisten Spuren haben wohl die politisch und philosophisch gefärbten Gespräche hinterlassen, die ich mit dem Performancer Dr. Treznok und seiner Assistentin Friederike geführt habe. Um die „postnatale Abtreibung behinderter Neugeborener“ ging es dabei vor allem, denen ja angeblich nur ein Leben voller Leid bevorstehe, wenn man dem Australier Peter Singer glauben will (dies hier mal als Stichwort/Notiz. Ich habe vor, mich damit später (vielleicht auch im Blog) eingehend zu beschäftigen).
Wie wir beide gestern, nachdem alle abgereist sind und alles mehr oder weniger wieder an seinem Platz stand oder lag, miteinander am Feuer sassen und vom übrig gegebliebenen Nudelsalat schmausten, war sie auf einmal da, die Ruhe.
Verrückt: Heute Abend schon werde ich wieder in die Schweiz zurückfahre. Jetzt aber bin ich hier. Und das ist gut so.
(geschrieben auf dem iPhone, da wir noch immer kein Internet haben)

Ohne Netz

Auf dem einsamen Gehöft in der südlichen Pfalz, wo ich bis vor ein paar Monaten gewohnt habe. Wieder hier zu sein, fühlt sich seltsam an. Die rauschenden Pappeln wie eh und je. Der Grillplatz. Der Garten. Eine frühreife Baumnuss, die knapp an meinen Ohren vorbei auf den Boden fällt.
Aber vor allem ist da der Liebste, endlich zurück von seiner langen Reise. Wie schön es wäre, jetzt einfach Zeit für einander, Zeit für eine sanfte Landung zu haben! Zeit für ein paar wenige Menschen, Zeit für dosierte Begegnungen da und dort. Zeit, um zusammen Bilder anzuschauen, Zeit, sich Geschichten und Erinnerungen an die letzten Monate hinzugeben.
Dass sich Irgendlink vor seiner Reise auf das erste Augustwochenende ein kulturelles Event auf dem Hof aufgeladen und das Datum danach schlicht vergessen hat, ist menschlich, insbesondere wenn man eine Reise macht, die einen siebentausendsechshundert Kilometer ums Meer führt.
Doch auch ein vergessenens kulturelles Event will vorbereitet sein, vor allem wenn man Gastgeber ist, eine einfache Infrastruktur zur Verfügung stellt und selbst als Kunstschaffender mitbeteiligt ist. Deshalb müsste es eigentlich nicht auch noch sein, dass das Internet aus unerfindlichen Gründen in den letzten vier Monaten „kaputt“ gegangen ist. Nicht zu alledem, was zu tun ist. Mal tragen wir es mit Fassung und weichen auf unsre iPhones aus, mit denen wir ja auch übers (hier superlangsame) Handynetz ins Internet kommen, mal nerven wir uns über das Fehlen der kabellosen Verbindung mit dem Universum. Zumal Irgendlink Kunststraßen- und andere Reisebilder nach Paris mailen müsste, damit sein Künstlerfreund die geplante Diaschau für die Ausstellung in Los Angeles bauen kann. Doch zuerst muss er ja, ganz nebenbei, seine siebeneinhalbtausend iPhone-Bilder auf den Rechner laden. So oder so, alles ist ein wenig zu viel. Die Zeit, sich langsam wieder auf dem Hof und beieinander einzufinden, wird von all den anderen To-Dos einfach aufgefressen.
Gestern Nacht sind bereits ganz überraschend die ersten Künstler angekommen. Jetzt ist das Paar, dass das Event schmeisst, zur Hälfte am Einkaufen und zur zweiten Hälfte am Diesunddasen. Und ich nehme mir eine kleine Insel voll Zeit, vor dem Sturm sozusagen, um diese Zeilen auf die Bluetooth-Tastatur zu hacken, die mit Jürgen ums Meer gereist ist. Schnell und langsam sind ganz nah beieinander. Die Sonne fällt, gefiltert vom Nussbaum, auf den Tisch, und die Hühnerclique, vom Fuchs arg dezimiert, scheint Siesta zu halten. Kein Gackern weit und breit. Nur das Rauschen der Pappeln und ferner Verkehr, der über die Sickinger Höhe rollt.

undurchdringlich # 2

Verrückt, wie das Leben grad so wirbelt. Verrückt, den Gedanken zu denken, dass Irgendlinks Reise heute Abend (oder morgen Vormittag) zu Ende ist. Diese Reise, die ihn und mich, unsere Leben und auch die Leben anderer, über vier Monate (mit)bestimmt hat. Fertig. Schluss. Aus. Und wir ab morgen wieder zusammen. Zumindest für ein paar Tage.
Wenn wir das Leben als Kreis begreifen, ist ein Ende kein Ende. Und noch nicht mal ein neuer Anfang. Es sei denn, ich stelle mir den Kreis als Ding mit Schwellen und Absätzen vor. Ende und Anfang? Kontinuum wohl eher. Raum im Raum auch. Oder kein Raum.
Ähnlich verstehe ich die Bilderserie, die ich seit vorgestern am appen bin. Angefangen hat alles mit dem Schnappschuss meiner ersten beiden reifen Tomaten. Die Lust darauf, Bilder mit verschiedenen Apps – Programme für ein Smartphone – zu bearbeiten, zu äppen auf neudeutsch, was ich letztes Jahr geradezu süchtig betrieben habe, scheint also doch nicht verschwunden zu sein. Doch unter den Schmerzen der vermeintlichen Sehnenscheidenentzündung (vom Umzug und Putzen), die sich über viele Wochen nicht heilen ließ (bis ich entdeckte, dass es ein Tennisarm ist, den ich mit gezielten Dehnungsübungen innert weniger Wochen selbst heilen konnte) – unter besagten Schmerzen jedenfalls war jede nicht zwingend notwendige Arbeit am iPhone und am Laptop schon zu viel. Was sich auf meine Schreiblust und auf meine Applust sehr unmittelbar ausgewirkt hat. Und nicht eben toll war. Es wuchs die Erkenntnis, dass ich das Schreiben brauche (ja, und auch das Bloggen, wie es aussieht).
Bevor ich mich nun auf den Weg Richtung Emmental und Bern aufmache, um meine wieder genesene Freundin B. zu besuchen und am Abend meine SchreibfreundInnen zu treffen, will ich hier mal wieder ein bisschen Farbe reinbringen.
Das Ursprungsbild und ein paar Zwischenschritte … (groß werden die Pix durch draufklicken …)
             

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt). Zum Teil mehrmals verwendete Apps: Hipstamatic, Photowizard, Blender, Decim8, ToonCamera, TurboCollage.

undurchdringlich # 1

Undurchdringlich liegen sie da, die
Folien. Undurchdringlich, un-
erträglich dicht. Blickdicht. Wenn
ich sie bewege, ein wenig nur, hin und her, und
sie neu ordne, aufschüttle wie
eine Bettdecke, neu
arrangiere … Auf einmal sehe
ich zwischendurch. Neue Farb-
mischungen an der Wand.
– Schnitt –
Kürze! Da – nimm die Schere. Das Messer. Schneide weg, was zu viel ist. Säble weg. Na, mach schon.
Ja. Aber. Was denn noch? Hab ich doch schon. Ist doch alles wichtig, was noch da steht.
Noch tausendfünfhundert Zeichen zu viel! Zu lang! Kürze!
– Schnitt –
Beim nächsten Artikel mache ich alles anders. Gaaanz anders. Zuerst schreibe ich, statt als Rohstoff und Ausgangsmaterial ein Brainstorming mit zig spontan aufgeschriebener Details zu verwenden, nur Stichworte auf. Nur die Knochen. Die Essenz. Das Gerüst. Statt mit viel fange ich das nächste Mal mit wenig an. Wie die Töpferin. Nicht wie die Bildhauerin wie bisher, die wegklopft, was zu viel ist. Weil sie sieht, was darin sitzt, was darunter, dahinter wartet und befreit werden will.
War ich nicht immer schon eher die Steinhauerin denn die Töpferin? Habe ich nicht immer schon lieber ab- statt aufgetragen?
Und jetzt? Wage Neues!

Nadelöhre

Ja, ich weiß, über Nadelöhre wurde schon viel geschrieben. Auch hier in meinem Blog. Darüber was mit mir geschieht, wenn verschiedene äußere Umstände sich (wie Folien auf dem guten alten Hellraumprojektor – uf bärndütsch Prokischriiber –) auf- und übereinander legen. Gelegt werden. Vom Leben. Umstände, auf die ich keinen Einfluss habe, jedenfalls nicht zeitlich, nicht direkt. Dennoch sind sie logische Konsequenzen davon, dass ich mich irgendwann auf irgendetwas eingelassen habe. Dass ich irgendwann den einen statt den anderen Weg gegangen bin. Dass ich eine Wahl getroffen habe.
Die eine Folie, sie liegt irgendwo in der Mitte, zeigt mich, wie ich dieser Tage an einem Artikel – es ist eine Buchbesprechung – schreibe, den ich am Mittwoch abgeben soll. Dass sie da liegt, hat damit zu tun, dass ich so bin wie ich bin. Anders gesagt, sie liegt da, weil ich vor fünf Jahren ein Beinah-Burnout und deswegen meinen damaligen Job geschmissen hatte. Bei den Recherchen über meine Krankheitssymptome fand ich heraus, dass ich nicht krank sondern einfach ein wenig anders bin. Einfach nur hochsensibel. Und dass es noch andere auf diese Art Anders-Seiende gibt. Und dass darüber zurzeit intensiv geforscht wird. Nachdem ich darüber einen kleinen Artikel verfasst und diesen mit der Bitte aufklärend über dieses „Phänomen“ zu berichten an ein paar Zeitschriften geschickt hatte, erhielt ich von einer tollen Zeitschrift den Auftrag, doch selbst einen ausführlichen Artikel darüber zu schreiben. Seit damals bin ich mit an Bord dieses Teams und genieße es, durch das Schreiben nicht nur das Schreiben selbst zu trainieren, sondern mich, gegen Bezahlung, mit äußerst spannenden Themen auseinandersetzen zu können. Wie aktuell über das neuerscheinende Buch eines amerikanischen Hirnforschers, der einige wirklich bahnbrechende Zusammenhänge erkannt hat.
Eine weitere Folie – sie liegt ganz oben – zeigt mich und Irgendlink, wie wir uns vor über drei Jahren kennen- und lieben gelernt haben. Wie wir das eine oder andere Projekt realisiert, die eine und andere Ausstellung auf die Beine gestellt und schließlich im letzten Winter das „Ums Meer 2012“-Projekt ausgetüftelt haben. Mein Part war es, die Fäden des steigenden Heißluftballons irgendwie in der Hand zu behalten, so dass dieser zwar hoch steigen, aber nicht davon treiben kann. Lange, sehr lange Fäden – bis zu den Shetlands reichen sie und bis nach Bergen. Nun rolle ich sie langsam wieder auf, damit sie am nächsten Mittwoch, wenn Irgendlink und ich uns endlich wieder sehen werden, ganz eingerollt sind. Fäden halten heißt und hieß, da und dort Türen zu öffnen, ein ziemlich buntes Blog zu pflegen, Bilder hochzuladen, Newsletters und Pressemitteilungen zu verschicken … Ein Job, der nach einer gewissen Einarbeitungszeit zu Alltag geworden ist und täglich zwischen einer halben bis zwei Stunden Zeit erfordert. Ein Job, den ich mit Leib und Seele mache. Ein Job aber auch, der nach viel Herzblut verlangt.
Auf einer ebenfalls ziemlich weit oben liegenden Folie sehe ich mir zu, wie ich an meinen eigenen Schreibprojekten arbeite. Meine vier recht unterschiedlichen Romanmanuskripte, denen eigentlich nur noch der letzte Schliff fehlt. Nein, nicht nur. Vor allem fehlt ihnen mein Mut. Die Verlagssuche zu wagen, ist ein großer Schritt. Noch zu groß. Zumal mir die Frage im Weg steht, wer denn bitteschön tiefgründige Romane über Suizid, Amok, Missbrauch und andere menschliche Abgründe lesen mag. Immer wieder höre ich das Echo eines Satzes von Hansjörg Sch.. In einem Schreibseminar bei diesem Schweizer Bestseller-Autor fiel der Satz: Wenn ihr ein Thema habt, über das ihr schreiben „müsst“, dann tut es. Sich für Themen verbiegen, funktioniert nicht. Fakt ist: Freundinnen und Freunde glauben mehr an meine Texte als ich.
Eine weitere Folie zeigt mich auf der Suche nach meinem Platz im Leben. Arbeitsstellen hatte ich schon ziemlich viele. Und ich habe – dank meiner vielseitigen Talente und meiner verschiedenen Ausbildungen – auch schon einiges gesehen und unter dem Strich waren alle Stellen irgendwie super. Aber eben: nach einiger Zeit musste ich weiterziehen. Immer auf der Suche nach dem Wahren. Hoffend, DEN Job zu finden, der mich bis in alle Ecken meines Seins befriedigt. Okay, den gäbe es ja, das wäre nämlich eine Mischform der bereits erwähnten Folien, allerdings gegen Bares. Mindestens so viel, dass ich davon leben kann. Und nicht jeden Rappen fünfmal drehen muss. Auf dieser Folie sieht man mich, wie ich zurzeit mal sehr optimistisch, mal eher skeptisch Zeitungen und Internet nach passenden Stellen absuche. Manchmal bin ich für eine Stelle über-, dann wieder unterqualifiziert. Oft schreibe ich auch einfach tolle Firmen an, die mich interessieren. Bis jetzt erfolglos.
Auf anderen Folien sehe ich mich mit Freundinnen und Freunden zusammen, sehe wie ich dies und jenes unternehme, sehe wie ich mal zweifle, mal Mut schöpfe, sehe mich gehen und stehen, sehe mich innehalten und neu anfangen, sehe mich straucheln, sehe mich fallen, sehe mich wieder aufstehen.
All diese Folien, dicht auf dicht, liegen auf der gläsernen Scheibe, angestrahlt und auf die weiße Wand projiziert. Mittendrin, irgendwo ein kleines weißes Loch. Das Nadelöhr. Ich schlüpfe hindurch, auf die andere Seite des Haarrisses.

Sie prokrastiniert mal wieder.

Manchmal frag ich mich ja schon, wie das sein wird, wenn ich wieder eine bezahlte Arbeit haben werde. Und wie ich das alles hier gemacht hätte, wenn ich bereits von Anfang an – also gleich nach dem Umzug zurück in die Schweiz vor vier Monaten – wieder einen Brotjob gehabt hätte. Doch am allermeisten frage ich mich, wie das andere machen. Wann andere all das machen, was ich Tag für Tag mache. Kurz und gut: ich bin ausgelastet.
Ich arbeite an Auftragsartikeln, ich redigiere Irgendlinks Kunst-Reise-Blog, ich schreibe Bewerbungen, ich recherchiere für zukünftige Artikel, ich bereite dies und das für den Kunstzwerg vor, ich versuche einen Leih-iPad für Irgendlink aufzutreiben*, damit er mit diesem nächsten Monat eine noch zu kreierende Flashshow seiner Kunststraße „Ums Meer 2012“ in Los Angeles zeigen kann. Dort wird ab Mitte August das bisher größte Kunstevent im Bereich iPhoneArt stattfinden. Eine einmalige Chance, das Kunststraßenprojekt einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Der erhoffte Sponsor kann leider keinen iPad zur Verfügung stellen, wie wir heute erfahren haben. Schade. Woher nehmen und nicht stehlen? Low Budget-Kunst war schon immer herausfordernd. Und kreativitätsfördernd.
Schnitt.
Heute Morgen, nach dem Erwachen, war alles da. Alles. Fast Wort für Wort. Ich hätte mich hinsetzen und losschreiben sollen. Ich hätte den ganzen Artikel, die ganze 3000 Zeichen-lange Rezension über das neuro-wissenschaftliche Buch, den ich am nächsten Mittwoch abgeben muss, jetzt schon geschrieben. Roh zumindest. Ich hätte … Doch weil mir alles Mögliche und auch einiges Unmögliches die Sicht verstellt hat und ich nicht konzentriert an einem Text arbeiten kann, wenn dieses Alles-Mögliche meine Gedanken blockiert, muss ich zuerst den Alles-Mögliche-Berg abtragen. Und das habe ich heute getan. Einiges zumindest.
Ich frag mich (oder wohl lieber nicht), was ich morgen für Ausreden zur Hand haben werden, um die Arbeit an der Buchbesprechung weiter vor mich her zu schieben, wo doch auf der langen Liste schon einiges abgehakt ist. Bald sind die Ausreden aufgebraucht und bald muss ich ins kalte Wasser springen.
Im kalten Wasser werde ich denken: Ach, wie schön! Das ist mein Element! Warum habe ich bloß solange damit gewartet?
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* Tipps und Ideen, wie ich einen iPad leihweise auftreiben könnte, bitte gerne an mich (siehe Kontakt).

Alles ist schon da.

Überraschung! Wir müssen nicht mehr länger suchen, jagen, kaufen, laufen, rennen und kämpfen, denn alles-alles ist schon da. Stattdessen können wir endlich hegen, pflegen, fürsorgen und Raum schaffen – für all das, was schon da ist. So denke ich, als ich gestern Nachmittag mit Baby-A. im Arm meiner Nichte I., der Mama des kleinen Wundern auf meinem Schoss, gegenüber sitze. Ich bin verzaubert, wie immer, wenn ich ein neues Menschenkind kennenlerne.
Alles ist da. Noch klein, aber da. Ihre wissenden Augen in meinen. Ein Blick, der standhält und mich hineinzieht. Hinein in die Ewigkeit, hinein an Orte, die ich längst vergessen habe. Orte, denen die Kleine noch viel näher ist als wir. Wie ein Bambusrohr, das in kürzester Zeit in Teleskopmanier wächst, wächst auch diese kleine Menschenkind heran und hat nun bereits ein paar Kompetenzen mehr drauf als schreien, trinken und die Windeln zu füllen als vor vier Monaten. Bereits hält es den Kopf mit der eigene Muskulatur, die vor zwei Monaten dazu noch nicht in der Lage gewesen war. Bereits kann es sich vom Rücken auf den Bauch drehen, bereits dies und bereits das. Und bald noch mehr. Bald stehen, bald gehen, bald tanzen, bald trotzen. Alles schon da. Auch das Wissen, wie wachsen geht.
Je nach Nährboden auf dem ein Samen fällt, entfaltet sich der eine und andere mehr oder weniger. Oder gar nicht. Je nachdem, ob da Raum und Platz sind, und Grenzen und Kanäle.
Für mich selbst bin ich es, die diese Räume und Zäune definiert. Heute. Früher waren es andere, früher ließ ich mir den Raum und die Erde unter meinen Füssen von anderen zuteilen. Tue ich es heute wirklich selbst? Ich könne verkümmerte oder noch nicht gekeimte Saat reanimieren und ich könne – so jedenfalls behaupten die Autoren* des Buches, das ich rezensieren werde und deshalb zurzeit lese – auch bereits Gewachsenes durch gezielte Übung formen, als Form der neuronal inspirierten Therapie. Die Gehirnforschung hat, so lese ich mit wachsendem Interesse, neurologische Zusammenhänge zwischen Emotionen und Hirnaktivitäten entdeckt und erforscht aktuell Wege, wie emotionale Stabilität und Gesundheit erreichbar sind. Ein Ausweg aus der Depression?
Alles ist schon da! Sagte ich doch. Nur sind uns eben oft die Zugänge, Schlüssel und Zusammenhänge nicht bekannt.
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* Titel und Autoren darf ich leider noch nicht nennen, da das Buch noch nicht veröffentlicht ist.

Hokus Pokus Festibus

Nichts für schwache Nerven, wie ich sie habe, war das. Und dennoch musste ich da durch. Kurz vor halb elf setzte ich mich heute Morgen das letzte Mal ans Steuer meines Sternchens, das mich seit zehn Jahren meist zuverlässig von A nach B gebracht hatte.
Gestern waren wir auf Testfahrt, denn ich musste doch feststellen, ob mein Auto nach anderthalb Monaten Nichtstun noch fahrbar sei. Zwar war die Batterie fast leer und es brauchte ein paar Anläufe, bis ich den Gang einlegen konnte, doch schließlich kamen wir laut, ruckelig und langsam vom Fleck. Puh. Nochmals Glück gehabt.
Hätte ich heute Morgen so lange üben müssen, hätte ich wohl Blut und Wasser geschwitzt. Das laute Röhren stammte vom durchgebrochenen, notdürftig und provisorisch mit Draht hochgebundenen Auspuffrohr. Das Lärmen und Ruckeln unter mir ignorierte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Halt durch, sagte ich, halt durch, Sternchen. Bald hast du es hinter dir.
Heute, wie ich so über Land fahre und mein Herz bis zum Hals schlägt, weil ich befürchte, dass unterwegs zu Garagist J. ein weiteres loses, rostiges Rohr brechen könnte und ich doch noch den Abschleppdienst beanspruchen müsste, wird mir klar, dass mein Auto mir alles gegeben hat. Zuverlässig bis zum Schluss. Alles ist mehr als genug. Ich bin dankbar und gerührt.
Wie ich auf dem Parkplatz der Werkstatt einparke und J., der draußen am Werkeln ist, zuwinke, fällt mir ein Stein vom Herzen. Geschafft, Sternchen, wispere ich, geschafft. Danke! Danke vielmal!
Kaum habe ich die letzten Dinge aus dem Auto geholt und hat Joe die Nummernschilder abgeschraubt, kommt auch schon der Aasgeier. Ein Mann mit osteuropäischem Akzent und Aussehen – sorry, manchmal stimmen Klischees eben doch – braucht eine Fotokopie meines Fahrzeugausweises. J. verschwindet kurz im Büro, der Mann geht um mein Auto herum. Begutachtend. Abschätzig. Er sieht nur das Äussere. Nein, ich will das alles gar nicht sehen. Auch die Karte nicht, die er J. zusteckt. Ich lese „Exporte“ und erkenne einer dieser Karten wieder, die ich in Bern fast wöchentlich unter die Windschutzscheibe gesteckt bekam.
Nein, das wollte ich dir doch ersparen, Sternchen!, denke ich. Dass du ausgeschlachtet wirst. Dass du von groben Händen auseinandergenommen wirst. Ich hatte mir unseren Abschied so ähnlich vorgestellt, wie wenn wir einen verstorbenen Menschen zum Krematorium begleiten. Ich hatte mir vorgestellt, dass die Metallpresse kommt und mein Sternchen ins Autonirwana befördert … Nun sowas. Nicht auszudenken. Mein Herz flattert heftig. Am liebsten würde ich dem Mann meinen Schlüssel, den ihm J. vorhin gegeben hat, aus der Hand reißen. Oder ihm zumindest das hohe und heilige Versprechen abnehmen, dass er lieb zu Sternchen sein wird. Ich weiß, dass ich kindisch denke, aber ich bin eben fest überzeugt davon, dass auch ein Auto beseelt ist. Anders als wir Menschen, aber dennoch schulde ich auch Dingen Respekt. Ich wende mich ab und versuche meinen Atem zu beruhigen und das laut bis in die Ohren klopfende Herz. Als der Mann mit (nicht mehr) meinem laut röhrenden Auto wegfährt, kann ich mich nur knapp beherrschen und das Winken unterlassen.
Ich folge J. ins Büro, wo er mir die neuen Papiere überreicht und ich ihm die Kohle. Genau um elf Uhr elf gucke ich zum ersten Mal auf die Uhr des neuen Autos, das nun mit mir ein neues Kapitel Mobilität beginnt. Zurück fahre ich einen kleinen Umweg über die Hügel um mich mit dem neuen Teilchen, das ich Festibus taufe – auf Grund einer SMS an den Liebsten, die mit den Worten „Habemus Fiestabus“ anfing – vertraut zu machen.
Hokuspokus, Fidibus und Festibus – ein bisschen Zauber im Alltag muss einfach sein.
Zuhause fülle ich Festibus mit all jenen Dingen, die ich gestern Sternchen weggenommen hatte. Benzinkanister (leer), Reserveschirm, Schneekratzer, Bürste, Fensterputzzöix …
Die erneute Mobilität macht mich ganz schwindlig. Die letzten Wochen, die ich als Zugfahrerin unterwegs gewesen war, hatten mir zwar gezeigt, dass das auch geht, doch für gewisse Dinge ist das Auto eben einfach praktischer. Ich fühle mich geborgen, wenn ich alleine im Auto unterwegs bin. Anders als im Zug, wo ich dem Lärm ausgesetzt bin. Mein Schneckenhaus habe ich es auch schon genannt.
Übermorgen fahren wir zum ersten Mal „weit weg“. Nein, so weit ist es bis ins Emmental nun auch wieder nicht. Und ja, richtig, das ist das Tal, wo der löchrige Käse, den ich allerdings nicht mag, herkommt. Zu Freundin B.. Morgen kommt Freundin U. zu Besuch, aus dem Schwarzwald. Und jetzt dann gleich meine Nichte mit ihrem Küken. Ich freue mich auf die beiden Frauen, besonders darauf, die vier Monate alte A. endlich kennenzulernen.
Ooops, ich muss ja los …!

Autos, Bücher, Brötchen und Kohle

Ich renne mir hinterher. Mir und meinen ZuTun-Dingen. Und ausgerechnet dann wird es endlich Hochsommer, zumindest für einzwei Tage. Hochsommer, den ich auskosten sollte.
Seit drei Tagen will ich Mails schreiben. Seit drei Tagen will ich über den Sinn des Lebens und so Sachen bloggen. Von Hamburg erzählen. Und seit drei Tagen will ich endlich alle Lieblingsblogs nachlesen.
Doch da ist die ganz materielle Welt, die sich in den Vordergrund drängt. Mein Sternchen* ein weiteres Mal reparieren zu lassen, übersteigt meine Schmerzgrenze – zumal ich nicht weiß, wie lange die nächste auf sich warten lassen würde. Damit herumzufahren ist eine Mutprobe. Ich weiß nicht, wann das nächste Rostrohr bricht – und ob ich das nächste Mal auch wieder das Glück haben würde, vor einer Garage** zu stehen, wenn es passiert. Ach, und zu allem habe ich mich verliebt. In ein günstiges Fiesta-Teilchen, das mir Garagist ** J., Freundin L.s Schwager, zu einem fairen Preis verkaufen würde – seine jüngere Schwester hatten wir im Urlaub gemietet. Doch weil Garagist J. bald Urlaub hat und ich gerne baldmöglichst, aber bis spätestens Ende Monat, wieder mobil wäre, drängt die Zeit. Wenn ich genau hingucke, erkenne ich, dass die Entscheidung längst gefallen ist.
Dennoch – einmal mehr begreife ich, dass ich die Sache mit der Materie weit weniger gut packe als jene mit den Buchstaben. Buchstaben sind mein Ding. Vom fast vierhundert Seiten dicken Sachbuch, dass ich bis 1. August rezensiert haben soll, hab ich zwar gerade mal vierzig Seiten gelesen, habe also auch hier einen gewissen Druck. (Nein, ich jammere nicht. Das ist bezahlte Arbeit. Lieblingsarbeit sogar.)
Doch jetzt ruf ich aber erst mal Freundin T. an, denn Beziehungen sind wichtiger als Autos, Bücher, Brötchen und Kohle.
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*Mein japanisches Auto mit seinem englischen Namen, wie Stammlesenden wissen, ist so langsam in die Jahre gekommen.
** auf deutsch-deutsch heißt dieser Beruf wohl Autowerkstattbetreiber oder so, aber sagt selbst: das schweizerische Garagist ist doch einfach schöner. Und Garage für Autowerkstatt kann ich mir auch nicht abgewöhnen. Dafür sage ich noch immer parken statt parkieren, seit ich zurück in der Schweiz bin und ernte dafür amüsierte Schweizer Blicke …