Der Scheibenwischer schrabt in höchster Geschwindigkeit über die Scheibe. Gischt spritzt auf, verdeckt mir Weitsicht, egal, ob ich überholt werde oder überhole. Die ganze Welt dampft und nebelt mich ein. Zuweilen ist mir, als hätten meine Räder keinen Bodenkontakt mehr. Aquaplaning. Gefangen in meiner kleinen Blechkiste übe ich mich in Geduld und Entspannung. Meine halbe Konzentration richte ich auf die weißen Streifen, die Rand und Mitte der unsichtbaren Straße definieren, die zweite Hälfte auf die Rücklichter des Autos vor mir. Eine Art Trance stellt sich ein, die Gedanken werden still. Aufs Überleben auf der Straße konzentriert, denke ich wenig. Entscheide nur, obwohl diese Fahrt extrem an meinen Kräften zehrt, dass ich keinen Stopp einlegen werde. Wer weiß, ob ich mich sonst je wieder weiterzufahren traue?
Nun biegt das Auto vor mir ab. Schade. Das wäre ja zu schön gewesen, bis nach Hause diesen Lichtern vor mir folgen zu dürfen. Wo bin ich überhaupt? Noch dreiunddreißig Kilometer bis Basel, sagt die Tafel. Eine Viertelstunde, denke ich, doch heute dauert die Fahrt fünfundzwanzig Minuten. In grauer Dämmerung zurückgelassen, bin ich nun auf mich selbst gestellt und muss neue Anhaltspunkte finden, um schön auf meiner Spur zu bleiben und weder mich noch andere in Gefahr zu bringen. Die Scheinwerferlichter der Autos auf der Gegenfahrbahn brechen sich im Wasserfilm auf meiner Scheibe. Und schon sind sie, für den Bruchteil einer Sekunde, wieder verschwunden. Irrlichter. Weggeschrabt vom Scheibenwischerblatt. Wie schon so oft bin ich dankbar um Autobahnen, schäme mich zugleich ein wenig über diese Erkenntnis, doch Überlandstraßen mit Gegenverkehr, die ich normalerweise gerne fahre, sind bei solch heftigen Regenfällen lebensgefährlich. Was sage ich da? Autofahren IST lebensgefährlich. Die vielen Lichter, die sich im Regen vertausendfachen, sind einfach nur anstrengend und ermüdend. Wir sind einfach zu viele hier. Zu viele.
Ja, ich bin froh um die Autobahn. Und dass ich sie doch noch gefunden habe, spät, aber besser als nie. Aus Freiburg raus muss ich schon wieder irgendetwas falsch gemacht haben. Dabei hat mir M. alles so gut erklärt. Und dabei bin ich doch immer den Autobahnzeichen – blau auf gelben Tafeln – gefolgt. Bin durch zig Dörfer gefahren, zum Glück noch bei mäßigem Regen. Mein iPhone sagt, als ich kurz anhalte, dass meine Richtung die Richtige ist. Ich folge weiter den Wegweisern nach Lörrach und endlich, in der Nähe von Neuenburg (ja, auch das, ebenso wie Freiburg, gibt es nicht nur in der Schweiz), finde ich endlich die Autobahn, die ich erst bei meiner Heimausfahrt wieder verlassen werde. Zwei Drittel der Strecke fahre ich mit höchster Scheibenwischergeschwindigkeit und mit durchschnittlich um die achtzig Stundenkilometern. Was bin ich erschöpft, als ich vor meinem Zuhause einparke.
Schon die Hinreise begann abenteuerlich. Jemand hatte sich in den letzten Tagen offensichtlich an meinem linken Scheibenwischer vergangen und den Bügel verbogen, sodass er jedes Mal hängengeblieben ist und seinen Dienst nicht verrichten konnte. Da ich keine Lust auf Werkzeugsuche hatte, fuhr ich zur Tankstelle, da ich eh tanken musste, und bat bei der dortigen Werkstatt um erste Hilfe. Die mir unkompliziert gewährt wurde. Der nette ältere Mann dort wollte noch nicht einmal Geld für seine Hilfe. (Das nenn ich Kundinnendienst und werde da sicher wieder hin gehen, wenn ich Hilfe brauche.)
Breisgaus Freiburg fand ich gut, doch das DichterInnenquartier, in dem Bloggerin M. lebt, die mich zu sich eingeladen hat, finde ich leider nicht, verfahre mich mehrfach, weil ich die falsche Ausfahrt genommen und bitte sie schließlich, schon sehr desolat, mich abzuholen. Toll, dass sie das macht und toll, wie sich das anfühlt, einer folgen zu dürfen, die weiß, wo es lang geht.
Die Stunden bei M. vergehen wie im Flug. Kostbare Stunden. Lebensgeschichten sind so einzigartig. Ich fühle mich beschenkt, wie ich mich ans Steuer setze. Und ich fühle mich noch immer beschenkt, aber todmüde, als ich zwei Stunden später meine Wohnungstüre öffne.
(Oh je, und jetzt fällt mir mal wieder kein guter Schlusssatz ein … )
Zürich. Zureich.
Was wir uns alles einfallen lassen, um das Leben erträglich zu machen! Ist das Leben vielleicht wie Fleisch, dass ohne Gewürze ungeniessbar ist? Ständig erzeugen wir Geräusche, Lärm, Musik, um die Stille zu übertönen. Damit wir hinterher ruhebedürftig sein und uns Urlaub erlauben dürfen. Wir produzieren Gerüche, Düfte, Gestank, der uns davon überzeugt, dass es woanders besser riecht. Wir essen schnelle, fette Gerichte, um mehr Zeit zu gewinnen, und wir jammern hinterher über Sodbrennen. Wir trinken gegen die Leere an und rauchen gegen die Ewigkeit.
Wir lenken uns ab und dröhnen uns zu, füllen uns ab und zu ab und zu. Bloß um das Leben zu ertragen.
Wohl all jene, die bei sich zuhause sind. Frieden. Leben. Totos Geschichte (siehe gestrigen Artikel), mitten in Zürich gelesen, wo ich eine Pause zwischen zwei Terminen einlege, erschüttert mich immer mehr.
Zürich Stadelhofen. Ich suche alte Spuren. Das Haus, in dem ich vor fünfzehn Jahren für einige Monate gelebt habe. Fast erkenne ich es nicht mehr. Ein moderner Wohnblock mit Lift, ein Haus wie ich es weder vorher noch nachher je bewohnt habe. Eine vorübergehende WG war es gewesen, dazu die wohl unpassendste Kombination, die sich frau vorstellen kann und ich war sehr froh, dass ich nach ein paar Monaten zu Freund M. ziehen konnte. Seine Wohnung in der andern Ecke Zürichs war warm und gemütlich, zuoberst in einem alten Wohnhaus. Der Wohnung, dem Haus und der WG-Kollegin im Seefeld hab ich keine Sekunde nachgetrauert.
Und nun sitze ich hier, am Bahnhof Zürich Stadelhofen, meinem damaligen Stamm-Bahnhof, um gleich für eine Stunde Freund M. zu treffen. Beide sind wir unterwegs von A nach B.
Schnitt.
Im Zug nach Hause. Nachdem ich den unklimatisierten Regionalzug verpasst habe, sitze ich nun im klimatisierten Schnellzug. Zuhause gibts nun nur einen winzigen Boxenstopp vorm Yoga. Puh. Die Hitze!
Wie M. und ich vorhin durch die große Bahnhofhalle schlendern, werden wir magisch von einer langen Menschenschlange vor einem Eventzelt angezogen. Das haben Schlangen wohl so an sich. Wir nähern uns ihrem Kopf, auf der Suche nach einer Antwort: Wofür lohnt es sich – für Menschen allen Alters – den Feierabend mit Schlangestehen zu verbringen? Am Kopf der Schlange eine Drehscheibe. Zehn mögliche Felder. Scheibe drehen und schon gibt’s einen Preis. Eine kleine Tube Zahnpasta oder eine Reisezahnbürste. Oder, Chance 1:10, eine sensationelle neuentwickelte elektronische Zahnbürste. Etwa zehn Personen lang gucken wir zu. Niemand schafft den Hauptgewinn, aber alle haben Spass. Spielen, Glückspielen macht offenbar glücklich, vor allem wenn es dabei um das eigene Wohl geht.
Und nun soll ja niemand behaupten, die schweizerische Bevölkerung sei nicht um ihre Zahngesundheit besorgt … 😉
Danke fürs Leben
Zugegeben, der Titel ist verwirrend. Jener über diesem Blogartikel ebenso wie der vom neuen Buch von Sibylle Berg, das ich seit gestern lese. Vielen Dank für das Leben.
Wie ich das Buch aus dem Stapel nahm um den Umschlagtext zu lesen, war es mir wie wenn ich in den Bergen oder an einem Fluss bin und einen besonders schönen Stein aufhebe.
Willst du mit mir kommen?, frage ich. Noch bevor ich den ganzen Cover-Text gelesen habe, sagt alles in mir Ja. Und ja, die Entscheidung war goldrichtig. Bis jetzt jedenfalls, denn ich bin erst in der Mitte. Eigentlich hatte ich ja in die Bibliothek gehen und die ausgelesenen Bücher gegen neue tauschen wollen, doch die Öffnungszeiten der Stadtbibliothek B. sind gewöhnungsbedürftig. So musste ich stattdessen in den Buchladen, denn alle Bücher, also fast alle Bücher, die in meinem Gestell stehen, sind ausgelesen. Und kein Buch zu haben, ist für mich kein aushaltbarer Zustand.
Okay, Bücher kaufen ist immer so eine Sache, denn meine Gestelle sind eigentlich berstend voll. Und die Bibliothek gut bestückt. Doch Bücher kaufen ist eben auch immer Kunstförderung. So gesehen gebe ich hin und wieder gerne dreißig Franken für ein Buch aus. Ich gestehe, von Sibylle Berg kannte ich bisher nur den Namen, doch ihr Buch macht Lust auf mehr.
Der Plot ist relativ simpel. Ein zweigeschlechtiger Mensch wird in der DDR des Jahres 1966 geboren und wächst lieblos erzogen in einem Waisenhaus auf. Nichts kann jedoch den jungen Menschen Toto daran hindern, an das Gute am Menschen zu glauben. Mit Neugier und stoischer Langsamkeit entdeckt er/sie die Welt, kann in jungen Jahren von der DDR in die BRD flüchten und sucht dort – in einer Welt, die er erst mal kennen- und verstehen lernen muss – sein Glück. Nein, falsch, er sucht nicht. Er ist. Er ist unterwegs. Da ist eine große Akzeptanz dem gegenüber, was da ist. Obwohl er es kritisch betrachtet, nimmt er alles einfach an. Natürlich friert er, natürlich hungert er zuweilen und natürlich trachtet er danach, sich möglichst ohne Anzuecken den schönen Seiten des Lebens zu nähern, doch wenn etwas nicht so ist, wie es sein könnte, dann ist es halt so. Ja, die Schönheit ist es, die er sucht. Falls er denn sucht, wie gesagt. Das Lied, die Musik, die er in sich trägt, hilft ihm, den Glauben an das Gute beizubehalten.
Bergs Geschichte ist Kulturgeschichte, ist politische Aufklärung, ist Desillusionierung und ist Zeitgeschichte – Deutschland als Bühne, als Metapher für eine Menschheit, die auf der Suche nach Sinn und Bedeutung über seine eigenen Füße gestolpert ist. Gnadenlos und kraftvoll schafft die Autorin Bilder, die unter die Haut gehen.
„Keiner fühlte sich wie die anderen. Die Menschen sind doch immer zu dick, zu dünn, sie sind taub oder blind. Contergan-Opfer, die Eltern geschieden oder Trinker oder zu spießig, sie sind homosexuell oder sexsüchtig oder asexuell, zu groß, zu klein, sie haben Autismus oder Epilepsie, Herzprobleme, Schweiß, einen Buckel, Akne, keiner entspricht der Norm und selbst aus Metall gestanzte Figuren wie Bankangestellte und Versicherungsmitarbeiter, Anwälte und Mitarbeiter diverser Aufsichtsräte leiden unter Blasenschwäche. Als Teil der Welt, die doch allen gleichermaßen gehört, fühlt sich keiner.“
Toto macht sich viele Gedanken über das Unglücklichsein der Menschen. Ganz besonders nicht verstehen kann er, in einem diktatorischen Land in einem diktatorisch geführten Heim aufgewachsen und von Anfang an wegen seines nicht eindeutigen Geschlechtes zum Außenseiter gestempelt, dass diese Menschen im kapitalistischen Westen, die doch alles haben, was das Herz begehrt, nicht glücklich sind.
Wie ich gestern das Buch an der Aare, nach einem erfrischenden Bad, zu lesen angefangen habe, werde ich seltsamerweise Seite um Seite glücklicher. Dankbarer dafür, dass ich – wenngleich auch ich vieles entbehrt und erlitten habe – doch das Glück hatte, in einem Land geboren worden zu sein, das bunt ist. Und das eigenem Denken Raum gibt. Nein, auch die Schweiz ist nicht perfekt. Und nein, auch der Kapitalismus ist nicht das Wahre. Aber hier kann ich mein Leben doch in gewissem Masse selbstbestimmt leben.
Toto als mein neuer Lehrer. Er zeigt mir, so fiktiv er auch ist, dass es vor allem darum geht, mit sich selbst in Frieden zu leben. Mit sich in Kontakt zu sein. Anders als all die Verlorenen, die sich selbst verloren Habenden, die ihm, als er in einer Kneipe als Barkeeper arbeitet, ihre Leben erzählen.
Die in der DDR geborene Autorin, die nun schon viele Jahre in der Schweiz lebt, erzählt, so ahne ich, vieles aus eigener Erfahrung. Sie erzählt von den großen Träumen kleiner Menschen. Von gescheiterten Träumen. Und sie erzählt sogar dort noch liebevoll, wo feine Ironie oder gar böser Zynismus durchschimmern und sie Kritik an bestehenden Systemen übt. Vor allem aber erzählt sie ganz und gar menschlich.
Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben
Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Und doch bleibt Toto wie unberührt. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung – das Wiedersehen mit Kasimir und sein einziges Talent: das Singen. Es führt Toto bis nach Paris. Ein wütender, schriller Roman einer großen Autorin über das Einzige im Leben, was zählt.
(Quelle: http://www.sibylleberg.ch/arbeit/buecher)
was es zum Glücklichsein braucht …
Auch App-ProgrammiererInnen brauchen ein bisschen Liebe …

So gesehen, als ich heute die App Local.ch, das Schweizer Telefonbuch, öffnete. Da sage noch einer, die SchweizerInnen seien nicht freundliche Menschen … 🙂
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
nur ein einziger Tag?
Doch, doch es ist erträglich, obwohl ich verblüfft bin, so viele Menschen an einem Samstagmorgen um halb neun an einem Bahnsteig zu sehen. Vor allem so viele gutgelaunte, wache Menschen. Viele mit Wanderschuhen an den Füßen. Ich habe das Glück, die Strecke Olten-Luzern in einem Abteil mit drei andern, sich gegenseitig unbekannten, sprich schweigenden Frauen zu verbringen. Im Viererabteil vis-à-vis eine famille romande (oder sind sie aus Frankreich?). Französisch im Hintergrund kann ich besser ausblenden als schweizerdeutsche Gespräche. Auch die beiden Amerikanerinnen vorhin habe ich in meinem Kopf runter dimmen können. Zugegeben, ganz ohne mithören geht’s nicht.
Was Leute in Zügen so reden? Viele vergessen potentielle Mithörende, andern ist anzumerken, dass sie befangen sind und miteinander anders reden als in den eigenen vier Wänden. So klingen die einen Gespräche, als wären sie eingeübt, wieder andere sind mir fast peinlich intim.
Erstaunlich, dass ich heute ganz freiwillig meinen mp3-Player zuhause gelassen habe. Früher tat ich keinen Schritt aus dem Haus ohne seinen akustischen Schutz. Die Welt da draußen sollte er übertönen, ausblenden, weil es da immer so furchtbar viele Geräusche hat, die meine Filter schnell verstopfen. Heute versuche, schreibend, lesend, dösend bei mir zu bleiben und mich nicht von alledem, was rundherum abgeht, von mir weg spülen zu lassen, nicht zu sehr jedenfalls.
Mein Herz klopft schnell. So früh am Morgen bin ich einfach nicht gerne unter Menschen. Hoffentlich finde ich in Luzern rechtzeitig den richtigen Bus. Um rechtzeitig im Tagungshaus zu sein. Und hoffentlich fühle ich mich dort wohl. Und ich hoffe natürlich auch, dass ich daraus einen tollen Artikel für meine Zeitschrift weben kann.
Schnitt.
Nachmittagspause. Schon drei Blocks mit dawischen einer Mittagspause haben wir miteinander gearbeitet. Ich fühle mich wohl in der vierzigköpfigen Gruppe. Der letzte Block war besonders intensiv. Wir führten eine Loslassübung durch, in der wir uns eine Stunde lang bei rhythmischer Musik in eine heilsame Trance geatmet hatten – eine sehr emotionale Angelegenheit. Ich bin angenehm erschöpft und noch ein bisschen schwindlig, fühle mich aber sehr gut. Stillebedürftig. Die andern haben sich an die Tische im Schatten vor dem Haus gesetzt und scherzen. Ich ziehe mich zum hauseigenen Teich zurück und geniesse Wasser, Grün und Stille. Was ist da mit mir passiert? Diese Trance war wirklich ausgesprochen intensiv und fühlte sich wie eine Defragmentierung an. In Momenten wie solchen würde ich mich am liebsten auflösen und, ja, sterben. Loslassen, was ist. Neugeboren werden.
Stirb und werde sei, wie die Kursleiterin, Ethnologin und Forscherin, sagt, die Essenz aller alten Weisheitslehren. Der Stein der Weisen sozusagen. Und die Liebe. Liebe und tu was du willst, zitiert sie Augustinus. Auch Descartes‘ berühmter Satz steht im Raum, allerdings auf Herz- statt auf Kopfhöhe und ich gebe gerne zu, dass mir diese Variante noch besser gefällt: Amo ergo sum – ich liebe, also bin ich.
Schnitt.
Im Bus. Ich habe mich neben eine ältere Kursteilnehmerin gesetzt. Wir fahre zurück zum Bahnhof, am Vierwaldstättersee vorbei, und ich sage zu L., wie schade es sei, dass ich mein Badezeug nicht dabei hätte. Das Wetter lade ja regelrecht zum Bade, als eine aus den Augen verlorene Freundin mit ihrem Teenie-Sohn in den Bus steigt. Nein, das kann nicht sein, wir sind ja hier nicht in Bern, wir sind in Luzern, denke ich noch. Reibe mir wortwörtlich die Augen. Doch, das ist sie! Wir fallen uns um den Hals und erzählen uns in fünf Minuten das Neueste. Nehmen Abschied, weil die beiden noch abgemacht haben, und ich lasse mich von Regionalzügen, mit nur wenigen Fahrgästen diesmal, gemütlich nach Hause fahren.
War das wirklich erst heute Morgen, frage ich mich, als ich diese Türe hier abgeschlossen habe?
bloß Stärke
Heute zitiere ich die Gräfin, wie der 500beinige Glumm seine Liebste nennt. Er zitiert sie oft auf seinem Blog. Dies hier ist somit ein Re-Zitat, sozusagen, gefunden am 16. August auf http://500beine.myblog.de/
Wo sind eigentlich all die Memmen hin, die Weinerlichen, die ihre Gefühle zeigen, die Susen, wo sind die geblieben? Wohin man auch blickt – überall bloß Stärke.
– Die Gräfin –
Nicht ohne meinen Vater
Totale. Eine Bohrmaschine, eingespannt in ein Gestell, das eine präzise Bohrung erlaubt. Zoom. Nun sehen wir, wie der drehende Bohrer sich durch ein Stück Holz windet und Holzspäne und Holzstaub auf einer winzigen Hand hinterlässt, die das Holzstück festhält. Obwohl es natürlich mit Schraubzwingen festgemacht ist, aber man kann ja nie wissen. Die linke Hand – Kameraschwenk – liegt auf dem Hebel, der die Bohrmaschine, wie schon sein Name verrät, rauf und runter hebeln kann. Das kleine Mädchen, das zur kleinen Hand gehört, steht auf einem Schemel.
Wenn das die Mutter wüsste!, sagt sie leise zu ihrem Vater, der nebendran steht und ihr zuschaut.
Aber wenn sie doch will!, sagt dieser oft zu seiner Frau. Sie hat so geschickte Hände.
Er auch. Den ganzen Hausumbau hat er selbst gemacht. Alle Reparaturen. Fast nichts, wozu er Hilfe holen muss. Höchstens, damit es schneller voran geht. Aber da ist ja noch einer der Brüder. Zwar wäre der Vater lieber Lehrer als Handwerker geworden, doch die Zeiten waren schlecht. Vor dem zweiten Weltkrieg wurde jeder Rappen gebraucht. Jede zupackende Hand im Stall und auf dem Feld. Statt Wände hätte er dennoch lieber Bilder gemalt. Hat er auch, ein paar wenige, und gar nicht mal so schlecht. Erst später, als er pensioniert wurde, konnte er sich seinem Lebenstraum, der Ahnenforschung und der Geschichte seiner Heimat, widmen, in alten Büchern lesen, für Stammbäume, die weit zurück reichen recherchieren und sie erstellen. Sogar in amerikanischen Zeitungen wurde er erwähnt, weil er Ausgewanderten ihre Wurzeln zurück zu schenken vermocht hatte. Wenn er jedoch mit seiner jüngsten Tochter in der Werkstatt stand und kleine Möbelstücke, die sie sich für die Puppenstube oder später fürs Teeniezimmer ausgedacht und auf Papier gekritzelt hatte, mit ihr zusammen umsetzte, war er immer ganz bei der Sache.
Schnitt.
Am Anfang war die Idee. Das ist sie immer. Immer am Anfang. Denn ohne sie geht gar nichts. Kaum war ich hier eingezogen, nistete sie sich bei mir ein. Zwang mich zu Skizzen. Wollte gehört und gesehen. Gab nicht auf. Erinnerte mich daran, dass ich sie umsetzen sollte. Dass ich das kann.

Schnitt.
Im Baumarkt atme ich tief die Gerüche von Gummi, Farbe, Metall und Holz ein, als würde ich nach Hause kommen. StammleserInnen kennen sie längst, meine diesbezügliche Vorliebe. Ich schweife ähnlich narkotisiert durch die Reihe von Baumärkten wie andere Frauen vermutlich durch Modeboutiquen. Grüße da und dort ein paar Wichtel und Zwerge, die freundlich zurückgrüßen, und sehe mir dies und das an.

Bevor ich das Holz auswähle und es millimetergenau zuschneiden lasse, lese ich Beschläge aus, Scharniere und Winkeleisen. Und Schrauben? Nein, davon habe ich bestimmt genug. Ich entscheide ich mich für Massivholz, schreibe die Masse aufs Bestellformular und suche, während der Schreiner die Bretter zuschneidet, nach Pinsel und Lasur. Das Teil wird draußen stehen, zwar überdacht doch Sonne und Regenspritzern dennoch ausgesetzt. Es soll gut geschützt werden.
Zuhause angekommen schleppe ich meine Beute zum Gartensitzplatz. Wie heiß es ist! Ich setze mich kurz hin, freue mich auf die Arbeit, stehe bald wieder auf und hole Werkzeugkiste und Akkubohrer. Suche Schrauben und Unterlagscheiben. Schrauben? Uff. So kurze in der richtigen Dicke gibt’s gar nicht mal so viele. Ich zähle sie ab und begreife, dass ich wohl genau genug habe. Genau genug!
Bereits läuft der Film in meinem Kopf. Er heißt „Schritt für Schritt zur Gartenbank mit Innenleben“. Zuerst die beiden Deckel – einer davon wird die auf- und zuklappbare Lehne – mit Scharnieren verbinden. Die beiden Scharniere unten bereits an- und wieder wegschrauben, damit nachher die Schlussmontage leichter von der Hand gehen kann. Nun die schmalen Seitenteile mit Winkeleisen vorbereiten und mit je einer Rück- respektive Vorderseite verschrauben. Weil es mir draußen zu heiß ist, mache ich alles drinnen am großen Tisch. Wo habe ich bloß den Akkubohrer hingelegt?
Nun trage ich die teilmontierten Teile auf den Sitzplatz und verbinde sie (Bild eins,oben links). Die Vorbohrungen habe ich so präzise ausgeführt, dass die Schlussmontage problemlos gelingt. Als ich die letzte Schraube festdrehe, pocht mein Herz laut. (Bilder zwei, oben rechts).
Geschafft. Ich fülle die Kiste mit all dem Krempel, der bisher unter einer schützenden Tischdecke dennoch verstaubte, (Bild drei, unten links) klappe den einen Deckel herunter (Bild vier, unten rechts), den andern, die Lehne, lasse ich offen und setze mich hin. Weihe meine neue Bank ein und fühle mich reich.

Lange bleibe ich dort sitzen, noch lange nach dem Essen, bis ich kaum mehr sehen kann, was ich da überhaupt lese. Nicci Frenchs Psychothriller „In seiner Hand“ ist eins dieser Bücher, die man kaum mehr aus der Hand legen kann.
Wird Abbie es schaffen, ihren Entführer zu finden, bevor er sie – nach ihrer Flucht – umbringen kann. Und das, obwohl ihr niemand glaubt, dass sie wirklich entführt worden ist.

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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
Mama, Mama, er hat überhaupt nicht gebohrt
In meinem Kalender steht heute Zahnarzt. Vierzehn Uhr. Ein neuer, einer aus dem Telefonbuch (den Zahnarzt, meine ich). Mal schauen. Ist ja nur für die Kontrolle. Wenn er mir nicht passt, geh ich nicht mehr da hin. Die Mädels sind jedenfalls süß, ganze drei an der Zahl, die da herum wuseln und nur für mich da sind. Werde ich eigentlich immer älter oder bloß die Assistentinnen immer jünger? Wie ich so auf dem Zahnarztstuhl sitze, Kopf richtig positioniert und mit Blick vom fünften Stock über die Hügel, sehne ich mich nach meiner Berner Zahnärztin, die immer gesungen hat, wenn sie mich reparierte. Hoffentlich habe ich keine schlimmen Löcher. Während der Zahnarzt zu jedem einzelnen Zahn, den er mit seinem Testpiekser antippt, ein kryptisches Wort sagt, dass Assistentin Nummer eins umgehend im PC notiert – allesamt Wörter, die ich nicht begreife – glaube ich zuerst, dass jeder dieser Zähne kaputt ist. Als er schließlich alle Zähne durch hat, gratuliert er mir. Alles in Ordnung. Da, oben rechts, ein bisschen freier Zahnhals, da unten links eine Füllung, die nächstens repariert werden muss. Aber noch hält sie. Puh, bin ich froh.
Nun noch Dentalhygiene?
Ja, gerne, war ja so abgemacht. Ach, das macht der Chef hier selbst? Zahnstein weg und zum krönenden Abschluss eine Imprägnation.
Nein, das hatte ich nun wirklich noch nie. Obwohl ich in Bern im modernsten Zentrum war. Mein neuer Zahnarzt füllt nun vor meinen Augen eine schäumende fluorhaltige Flüssigkeit in zwei u-förmige Styroporschalen und bittet mich, den Mund zu öffnen. Zuerst kippt er die eine Schale über meine untere Zahnreihe, dann legt er die zweite Schale auf die erste, allerdings nach oben geöffnet und heißt mich zuzubeißen. Eine Minute Wirkungszeit. Ich japse. Kriege keine Luft mehr. Kann nicht schlucken. Der Schaum schäumt vor sich hin, das einzige was er gut kann. Und ich würge. Verdrehe die Augen. Leide. Er reagiert zum Glück schnell und nimmt das Zöix wieder raus. Nein, das geht so nicht. Ich würge in den Spucknapf und spüle den ekligen Schaum weg.
Das mag ich nicht, sage ich.
Da sei ich die erste. Alle hätten das viel lieber als das frühere Fluor aus der Tube, meint er.
Ich bin eben nicht wie andere, sage ich. Bitte lieber traditionell.
Ganz traditionell, also einfach das Fluor mit einer Bürste einzureiben, sei zu wenig nachhaltig. Die Zähne müssten eine Minute regelrecht im Fluor baden, sagt er, und kippt aus der großen Tube traditionelles, nicht schäumendes Fluor in zwei neue U-Schalen. Nun wird zuerst die obere, danach die untere Reihe eine Minute getunkt. Er hält dazu die Schalen fest, so dass ich den Mund offen lassen und atmen und schlucken kann. So geht es. Auch weil das neue respektive traditionelle Zöix nicht schäumt. Dafür erinnert es mich an das gute alte Schulzahnputzen.
Danke und bis zum nächsten Mal. Noch ganz benommen gehe ich anschließend einkaufen.
Ich mag es, auf dem Heimweg von der Stadt durch das Areal der großen psychiatrischen Klinik zu radeln und mich irgendwo mitten drin auf eine ruhige Bank zu setzen. Hier treffe ich die ganze Welt in klein. Alle hier sind entweder „nicht ganz normal“ oder besuchen jemanden, der hier weilt. Oder sie wandeln, wie ich, irgendwo zwischen den Welten.
Hier denke ich nie, was wohl die anderen von mir denken, weil ich wochentags Zeit für ein Buch, auf der Bank gelesen, habe. Hier kommt die Zeit zum Stillstand. Immer wieder werde ich von PatientInnen gegrüßt. Selbstgespräche führende Menschen sind hier normal. Hinter mir ein spielende Familie. Menschen mit Migrationshintergrund. Die Kinder im Vorschulalter wechseln laufend von ihrer Muttersprache zu Schweizerdeutsch, je nachdem, mit wem sie reden. Ein alter Mann, der nicht mehr gut zu Fuß ist, fragt, ob es gestattet sei, sich neben mich zu setzen. Ich sage ja und hoffe, dass er nicht reden will. Mein Buch ist grad so spannend. Unmensch ich!
Ich denke an S., die Tochter einer Bekannten, die vor Jahren für ein paar Monate hier war, um ihre Magersucht zu heilen. Heute führt S. – soviel ich weiß – ein „normales“ Leben, hat eine Ausbildung abgeschlossen und sich in der Gesellschaft integriert. Wie hilfreich bei ihrem Entwicklungsprozess die Zeit hier gewesen ist, weiß ich nicht. Meine Besuche hatten mich immer sehr deprimiert und ich fragte mich, wie und ob man in solchen Räumen wirklich gesund werden kann. Kurz darauf ist sie abgehauen, nach Thailand. Niemand rechnete damit, sie je wiederzusehen, so mager wie sie war.
Wie viel Selbstbestimmung haben wir tatsächlich? Will ich wirklich diesen Fluorpanzer um meine Zähne?
Im Kiental oder die vielen Herzen in meiner Brust
Als ich vorgestern Abend C. per Mail den spontanen Vorschlag gemacht hatte, ihren Geburtstag mit ihr zu verbringen, hatte ich nicht ahnen können, dass sie für ihren Geburtstag, gestern, mit einer Freundin eine kleine Wanderung im Kiental geplant hatte. Und noch weniger ahnte ich, dass diese Freundin ganz kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Doch wusste ich um meine Sehnsucht nach den Bergen, die ich schon fast zwei Jahre nicht mehr gestillt hatte. Diese unstillbare Sehnsucht gilt insbesondere den Bergen des Berner Oberlandes. Nein, ich war keine Lückenbüßerin, denn C. wäre auch alleine gegangen. Mein Vorschlag passte dennoch perfekt, haben wir uns doch fast drei Jahre nicht mehr gesehen (siehe mein Blog).
Als nun gestern Vormittag C., die ich für mich gerne Wahl- oder Adoptiv-Mutter nenne, anrief und nachfragte, ob mein Vorschlag noch gälte, musste ich nicht lange überlegen. Schon kurz darauf setzte ich mich ins Auto, überlebte ein paar lästige Staus und tauchte auf einmal, Thun hinter mich lassend, in die Märchenwelt des Oberlandes ein. Magie pur.
Versuche ich zu beschreiben, wie ich mich fühle, wenn ich in die Gegend der wilden, reine Bergbäche eintauche, in diese Welt der satten Wiesen, die so grün sind, dass die Augen sich erst daran gewöhnen müssen, leises Glockengebimmel im Ohr, will es einfach nicht gelingen. Diese Farben, Gerüche, das Licht – all das, was das Schweizer Klischee nährt … Nein, Worte sind so unzulänglich. Auch lässt sich nicht beschreiben, was das alles mit mir macht. Dieses freie Atmen. Dieses Glück.
Von Reichenbach aus, wo wir uns treffen um mit nur einem Auto weiterzufahren, gelangen wir über eine schmale, kurvenreiche Straße nach Kiental. C. ohne ihre Hündin Shanta zu sehen, die vor ein paar Wochen altershalber gestorben ist, tut weh. Doch zu wissen, dass Shanta ein schönes Hundeleben gelebt hat, tröstet.
Wie oft wir diese Wege hier miteinander gelaufen sind!, sagt C. . Ihre Hand zeichnet einen großen Kreis.
Und ich? Ich war ewig nicht mehr hier. Schade eigentlich. Das letzte Mal? Da war doch dieses Openair, 2006, wo meine Lieblingsband sogar gespielt hat. Ich glaube, das war das letzte Mal. Aber nicht das letzte Mal, hoffe ich.
Wir fahren hinter Traktoren her, die von jungen Burschen gesteuert werden. Bergheuet. Emd, der zweite Schnitt. Heublumenduft. Alles Handarbeit. Mit Sense und Heurechen. Die Hänge zu steil für Motormäher. Es riecht, wie es nur im Sommer in den Bergen riechen kann. Ich romantisiere. Ich schöne mir die Welt zurecht, kann nicht, will nicht glauben, dass sich diese jungen Kerle und Mädels weit weg in die Stadt wünschen. Den Geruch von Bergwiesen, Schweiß und Stall, der ihnen anhaftet, für immer abgewaschen.
Nein, auch ich könnte hier wohl nicht immer leben. Nicht wegen der Umgebung, eher wegen den Menschen oder ihren vermeintlichen Erwartungen an mich. Dennoch mag ich sie, die OberländerInnen, ich mag ihren singenden Dialekt, der sich vom stadtbernischen doch sehr unterscheidet. Eher schon nähert er sich dem noch knorrigeren der WalliserInnen an. Die Landschaft, in der wir aufwachsen und leben, formt uns. Unser Denken, unsere Sprache, unsere Gefühle. Berge prägen. Täler prägen. Auch wenn es nicht meins ist, fühlt es sich so richtig richtig und existentiell an, dieses Bauern- und Landleben, dass sich auf den ersten Blick auf Melken, Käsen und Heuen beschränkt, auf Vieh- und auf Forstwirtschaft. Erinnerungen an meine Landdienste im Oberland – ich muss 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein – tauchen auf. Wie ich täglich die Eier aus dem Stall holte, im Kuhstall half, die Kälber fütterte, die Kinder betreute. Jahre später, mit einem jungen Bauern liiert, als Hebamme bei einer Kalberete mit dabei, einer Zwillingsgeburt, bei der das erste Kalb tot zur Welt kam und wir, es war mitten in der Nacht, mit vereinten Kräften das zweite lebendig herausziehen konnten. Blut an den Händen. Das wackelige Kalb, die leckende Mutterkuh. Bilder flitzen in Sekundeschnelle vorbei. Später, mit meinem damaligen Partner H. auf B.s Alp. Ein paar Tage, an denen wir fast ausschließlich von Käse, Milch und Brot lebten. Und uns nichts fehlte. Wie anders könnten wir leben …
Im kleinen Dorfladen kaufen wir Ziegenkäse und Brot. Wie wir der Kien, diesem unbeschreiblichen, wilden Bergfluss, der durch graues Schiefergestein fließt, entlang wandern, später picknicken und weiter bergan steigen, wird mein Herz ganz still. Eine Stille, die mich noch bis heute begleitet. Dieser Stille verdanke ich es, dass ich meinen Plan, spontan noch Freundin M. oder eine andere meiner Berner Freundinnen zu besuchen – es zumindest zu versuchen –, nicht umgesetzt habe. Nur auf dem Berner Friedhof war ich noch. Frieden tanken.


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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
alles verhält sich irgendwie …
Bloggen? Hm. Ja, schon, nur wo anfangen? Nun, es ist ja nicht so, dass ich Gedanken und Gefühle nicht irgendwie in Worte fassen könnte, eher ist es ein aktuelles Unvermögen, das Gewirr in mir sichten zu können. Denn obwohl doch jetzt endlich so etwas ähnliches wie Alltag in mein Leben einkehrt, jetzt, wo ich nicht mehr in ein mich täglich herausforderndes Projekt eingebunden bin (Ums Meer 2012, Irgendlink), ist nicht automatisch alles klar, einfach und übersichtlich.
Ich fühle mich wie pensioniert, sagte ich deshalb heute Morgen zum Liebsten. Nicht, dass ich nichts zu tun hätte, ganz und gar nicht, doch jetzt „muss ich wieder das tun, was ich will“, sozusagen. Veränderte Prioritäten. Zumindest, bis wieder ein Brotjob am Horizont auftaucht, der einen Gutteil meiner Lebenszeit auftunken wird. So habe ich beschlossen, mich endlich um meine Buchmanuskripte zu kümmern. Sie zu lesen, als seien sie von jemand anderem geschrieben worden, als wäre ich die Lektorin. Ob das geht?
Mit den Recherchen für das nächste Schreibprojekt werde ich am Montag anfangen. Über eine Tagung gilt es zu schreiben, die nächsten Samstag stattfindet. Intergrale Politik heißt der Bogen über dem Ganzen. Politik – ein Wort, das mich immer wieder heiß und kalt erwischt. So oft ich auch behaupten mag, dass ich nicht wirklich politisch sei, so oft muss ich mir eingestehen, dass das nicht geht. Wie ich auch nicht keine Meinung zu etwas haben kann. Denn alles ist eine Art Standpunkt, auch die Neutralität. Sage ich als Schweizerin, mit Neutralität im Blut sozusagen. Wie wir auch nicht nicht fühlen und nicht keine Befindlichkeit haben können. Alles verhält sich zum Rest irgendwie.
Über gelebte, lebbare Anarchie grüble ich neuerdings wieder vermehrt nach. Ist Anarchie jene neue Weltordnung ohne Herrschaft, wie ich sie mir früher so oft gewünscht habe? Diesen oft genug irgendwie inszeniert wirkenden, nicht ganz überzeugend wirkenden Widerstand gegen alles Etablierte, alles Strukturierte stelle ich heute oft in Frage. Nicht aber den guten Willen, der dahinter steckt, fühlte ich mich doch vor zehn, zwanzig Jahren ziemlich anarchistisch. Also nichts gegen authentischen Widerstand, gegen Zivilcourage, aufrichtiges Umdenken, Sehnsucht nach einer lebbaren, anderen, neuen Welt für alle. Die will ich auch, nur habe ich wohl aufgehört, daran zu glauben, dass es einen einzigen gangbaren Weg für alle gibt, eine einzige polititsche Form. So wie ich längst aufgehört habe, an eine einzige Wahrheit zu glauben.
Letztlich paddle ich mit allen Querköpfen, mit allen Bös- und Gutmenschen im gleichen Schiff. In einem Schiff mit unzähligen Lecks. Und da sind Myriaden von Riffs im offenen Meer. Wie gemeinsames Paddeln gehen könnte, hat sich Cambra in ihrem Blog vorgestellt. Vielfalt und Selbstbestimmung statt Einfalt und Vergleich. Ich halte es auch gerne mit Luisa Francia, die in ihrem Internettagebuch und in ihren Büchern immer wieder die Ressourcen Eigenmacht und Mitverantwortung betont. Jene Eigenmacht und jene Mitverantwortung, die sowohl mein eigenes Wohl als auch das Wohl aller im Sinn haben. Ohne kleingedruckte Fallen. Und ohne falsche Sentimentalität.

