Nussknacker, Rasenmäher und andere Alter Egos

Fang schon an. Drauf los, immer drauf los. Schreib! Denk nicht nach, grüble nicht, lass los, schreib los, lass fließ, halt nicht an, zögere nicht, zaudere nicht, bremse nicht. Stell dir vor, auf einer Straße zu fahren, die unendlich breit ist. Keine weißen Streifen, die dich rechts und links beschränken, stell dir vor, du kannst so schnell fahren, wie du schon immer mal wolltest. Kein Risiko, weil du nirgends rein fahren kannst. Einfach losfahren? War das nicht eine deiner Phantasien neulich, wie du von der Pfalz nach Hause gefahren bist? Einfach mal schauen, wie schnell du kannst.
Hm, willst du nicht? Musst du nicht. Aber eigentlich willst du ja doch, du traust dich nur nicht, und das gibt es ja sowieso nicht, so eine lange Straße, so eine Situation, nein, gibt es nicht. Denk sie trotzdem, verlass die Denkschranken nach links, rechts, oben und unten und stell dir mal vor, alles sei möglich, einfach weil es in deinen Gedanken möglich ist. Zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen für alle sei Realität. Was machst du dann morgen? Was machst du heute? Und auch die bedingungslose Liebe sei Realität. Für alle. Niemand ist mehr neidisch, niemand vergleicht mehr.
Weiterschreiben, nicht aufhören, weiter … keine Pause, keine Leere zulassen, nicht jetzt, kannst später wieder langsam sein, kannst später wieder grübeln, geh weiter … was noch, was noch? Was könnte sein, wenn die Grenzen nicht wären, die im Kopf, was wäre, wenn und es wäre dann wirklich so?
Schon fertig? Du hörst auf? Du weißt nicht mehr weiter? Keine Träume mehr, keine Visionen? Und das nennst du Tagträumen, das nennst du drauflos schreiben? Das nennst du …
Der Rasenmäher vor dem Haus ist schuld. Er lärmt, er lenkt mich ab. Anschließend kommt er auch auf die Rückseite des Hauses und dann guckt der Mann in mein Schlafzimmer und sieht mich auf dem Bett sitzen und schreiben. Oder er guckt mir beim Yoga zu. Ich müsste die Läden wieder halb zuziehen. Ich denke über den Mann und den Rasenmäher nach und vergesse dabei, dass ich drauflos schreiben soll. Will. So läuft das bei mir. Nix mit grenzenlos. Geht nicht bei mir so was. Ich lass mich zu schnell ablenken.
Und? Fang einfach immer wieder an. Eines Tages wird es dir gelingen und du wirst schreiben, einfach schreiben, ohne innezuhalten, ohne Tippfehler laufend zu korrigieren, einfach nur schreiben, dich ausleeren, und dann, wenn alles leer ist und groß und weit, wirst du endlich anfangen zu erzählen. Das, was du immer wieder getan hast, und neues, und anderes, und dann wirst du keinen Gedanken mehr an die da draußen verschwenden, die mit Rasenmähern und anderem dein Leben stören. Störfaktoren wird es immer geben, es ist an dir, ob du dich stören lässt.
Nun ist er auf der anderen Seite, und ich habe es verpasst die Läden zuzuziehen. Er wird vor meinem Fenster auf und ab gehen.
Na und?

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Pillangó hat mich inspiriert. Gestern hat sie einen Ausschnitt aus ihren Morgenseiten verbloggt. Andere bloggen hin und wieder Ausschnitte aus ihren Automatisch-Schreiben-Séancen. Und ich wage es heute einfach auch einmal, so was ungefiltertes zu bloggen, wie meine heutige Morgenseitenschreibe (die ich ein klitzekleinwenig redigiert habe: enttippfehlert, ein paar Satzzeichen und zwei-drei Wörter eingefügt). Neuestens schreibe ich meine Morgenseiten mit der externen Bluetooth-Tastatur ins iPhone. Ich schreibe nämlich auf Tasten schneller als auf Papier.
Das unmittelbare Schreiben soll mir helfen, ein paar Nüsse zu knacken. Ich habe ein neues Manuskript angefangen, eins wie ich es noch nie gemacht habe. Normalerweise wenn ich eine Geschichte zu schreiben beginne, weiß ich, worum es gehen wird. Den Plot. Und ich habe mich bereits mit den Figuren angefreundet, habe ihnen diese und jene Biografie angehängt und weiß, was sie mögen und was sie nervt. Noch nicht im Detail, doch das wird im Laufe des Schreibens dann immer klarer. Sie werden ihr Eigenleben entwickeln, keine Frage, doch im großen Ganzen weiß ich, was geschehen wird.
Dieses eine Mal will ich die Figur ganz bewusst eins meiner Alter Egos sein lassen. Ich – wie ich gerne wäre. Eine Figur, die vor mir hergeht, die mir die Steine aus dem Weg räumt, entschlüsselt, was ich nicht verstehe, tut, was ich nicht zu tun wage. Mein mutiges Alter Ego. Nein, weder habe ich den Plan, dass daraus ein Buch wird, das ich eines Tages veröffentlichen will, noch habe ich die Absicht, etwas „richtig gutes“ zu schreiben, ich will einfach schreiben. Mein Drehbuch? Vielleicht.
Die unmittelbare, automatische Schreibe hat den Vorteil, dass ich so schnell schreibe, dass ich mich dabei nicht zensurieren kann. Ich höre meinen Gedanken zu und schreibe sie auf noch während ich sie denke. Gut, dass mache ich auch, wenn ich an einer Geschichte schreibe … Doch bei einer Geschichte hat die Straße bereits weiße Linien. Und Leitplanken rechts und links.
Wie viele Gespräche habe ich schon mit Irgendlink über die Chancen und Grenzen des Liveschreibens und die zeitliche Verzögerung geführt! Sein aktueller Versuch gilt dem Live-Twittern, wobei das einzelne Tweet seine Leitplanke für eine spätere Vertiefung des Textes sein könnte. Sich immer näher an die Gegenwart heran tasten …

Fang schon an. Drauf los, immer drauf los. Schreib!

langsam, langsam …

Anachronismus war eins unserer Lagerfeuerthemen dieser Tage. Mit Gästen diskutierten wir über Filme und das Filmemachen. Wie gut es wäre, wenn die neuen Filme wieder langsamer würden, sagte ich. Wir werden täglich so vielen Bildern (in Worten ebenso wie in Pixeln) ausgesetzt – und dies alles in höchster Geschwindigkeit –, so dass es eigentlich toll wäre, es würden wieder andere Filme gemacht. Langsamere. Und ganz allmählich würden wir uns wieder an eine langsamere Art zu leben gewöhnen. Natürlich stimmt es, dass wir wählen können, was wir uns zuführen. Doch dass wir alleinverantwortlich im Sinne von „selbst schuld“ dafür sind, wenn wir an dieser Dauerhektik und ihren Nebenwirkungen krank werden, bezweifle ich. Die Verantwortung liegt bei uns allen, die wir diese Gesellschaftsform bewusst oder unbewusst füttern indem wir im Alles-haben-wollen-Strom mitschwimmen. Subtile Manipulation zu erkennen, ist eins, gegen diesen Strom zu schwimmen, etwas ganz anderes, denn so wie es ist, ist es ja gut und wer gibt schon freiwillig auf, was er hat? Alles. Immer. Sofort. Woher sollten wir auch wissen, wie der Rückweg geht? Unserer Gesellschaft fehlen diesbezügliche Vorbilder.
Wir  MittvierzigerInnen, die wir mit Unsre kleine Farm und den Waltons groß geworden sind und mit deren ganzer Langsamkeit, haben den Tempoanstieg gar nicht wirklich bemerkt. Wie der Frosch im Wasser nicht merkt, dass sein Badewasser im heißer wird. Bis es eines Tages zu spät ist. Und dann ist es zu spät.
Viele von uns haben sich vom Strom formen lassen. Schnell, laut und schrill sind sie geworden. Und ja, das sind genau jene, die mir sehr schnell auf den Geist gehen. Insbesondere, wenn sie sich dazu noch unreflektiert verhalten, bei allem was sie selbst betrifft. Zwar reden sie über alles Mögliche, als wüssten sie Bescheid (tun sie vielleicht sogar) über Dinge, über Politik, haben dies und das gesehen, da und dort mitgemacht, ab und an und überall ein Wort aufgeschnappt und mitgeredet und sie stehen im schönsten Licht da. Dass die andern nicht bewundernd sondern genervt schweigen, merken sie nicht. Und noch etwas können sie nicht: Still sein, hinschauen, innehalten, zuhören – wirklich meine ich –  mit dem Herzen, mit allen Sinnen.
Schnitt.
Weißt du eigentlich, dass „ein so richtig deutscher Typ“  in der Schweiz eine Art Schimpfwort ist? Wohingegen ein „untypischer Deutscher“ als Kompliment zu verstehen ist!, sagte ich zu meinem Liebsten auf einer unserer Geocache-Wanderungen dieses Wochenendes. Nein, das habe er nicht gewusst, sagt er, überrascht. Wirklich?
Ja, echt wahr. Ich glaube, wir sollten uns mal Kompendien schreiben, lache ich, Gebrauchsanweisungen für die Schweiz und für Deutschland, damit wir unsere Codes besser verstehen. Obwohl du ja eh kein typischer Deutscher bist … (((Ob ich eine typische Schweizerin bin?)))

Oh, und dann müssten wir noch je ein Wörterbuch für all die unaussprechlichen Dinge verfassen. Für all die feinen Schwingungen, die wir Menschen aussenden, denke ich beim Weiterwandern. Ich bezweifle, dass das geht. Die Sprache der Gefühle lässt sich schwer in Worte übersetzen. Und wer wollte das schon lesen? Denn genau jene Menschen, die eigentlich eins bräuchten, würden es sich bestimmt als Letzte eingestehen.

Aus der Zeit gefallen

Wenn ich auf dem einsamen Gehöft bin, beim Liebsten, habe ich nach ganz wenigen Stunden bereits das Gefühl, gar nie weggewesen zu sein. Besonders jetzt, wo es sommerlich-hochsommerlich ist und wir mehr oder weniger die ganze Zeit draußen sind.
Am Freitag wars, wo ich zu J. sagte, dass ich gestern auf dem Weg hierher darüber nachgedacht hätte, dass, und er mich unterbricht und fragt gestern?, und ich sage ja!, und er fragt, bist du erst gestern gekommen? Das Fluidum Zeit wird hier oben auf dem Berg – im Zerrspiegel der Ewigkeit – neu geformt, neu gegossen, und verspottet alle Uhren.
Wie Irgendlink gestern auf dem Dach herumklettert, um die schwarzen Wasserschläuche, die die Dusche zukünftig wieder mit Heißwasser versorgen sollen, zu befestigen, war mir, als sei eben erst noch Frühling gewesen und es werde wieder Sommer, diesmal zu zweit zu erleben. Jetzt.

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Doch als wir später auf einer Geocache-Tour durch den nahen Wald spazieren, schimmert unverkennbar frühes Herbstlicht durch die Äste. Elf Caches auf einen Streich gilt es zu finden. Zehn davon pflücken wir praktisch ohne Anstrengung, einer verbirgt sich erfolgreich vor uns.

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Hach, wie freue ich mich auf eine Dusche, Liebster, wie ich schwitze! Ein Satz, den ich unterwegs immer mal wieder mit glückseligen Lächeln ausspreche. Wie ich mich freue! Endlich hat die Dusche im schon vor Jahren zum Badehaus umgebauten Silo wieder Warmwasser – und erst noch sonnengewärmt. Wie wenig ich zuweilen brauche, um glücklich zu sein. Und wann habe ich eine Dusche je genossen als diese dreieinhalb Minuten gestern Abend.
Später eine sternklare Nacht am Lagerfeuer. Vega am Westhimmel. Zeit, die einfach irgendwann stehengeblieben ist.
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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

So-tun-als-ob

1.)
Man pflegt Beziehungen. Man bittet um Verzeihung für Dinge, die man selbst zwar nicht schlimm findet, aber bestimmt die anderen. Vielleicht. Und ja, man verhält sich anständig. Hauptsache, man ist lieb zu den anderen.
Man bewirbt sich um Stellen, von denen man sich Geld und Prestige erhofft. Dann geht man frühmorgens aus dem Haus und engagiert sich. Man spielt eine Rolle in seiner Firma. Hauptsache, man spielt eine Rolle.
Man besucht Events. Dies und Jenes. Man verhält sich kultiviert und geht in einen Verein. Egal in welchen. Hauptsache, man wird gesehen.
Man will etwas gutes vollbringen. Man will etwas beitragen, das die Welt lebenswerter, lebendiger, bunter macht. Man will gesehen, erkannt und verstanden werden. Hauptsache, man wird gehört.
2.)
Da ist diese nagende Leere, für die man noch immer keine Worte gefunden hat. Keine Worte für die Verluste. Keine Schriftzeichen, die den Schmerz sichtbar machen. Nachvollziehbar. Diese Leere, diese verdammte schwere Leere, die nichts anderes will als in sich selbst zu verschwinden, sich aufzulösen, ganz und gar nicht und nichts mehr zu sein. Diese Leere, die einige Nirwana nennen. Andere Paradies. Himmel. Nichts. Ewigkeit. Unendlichkeit. Viele Namen hat das letzte, das große Nichts. Und viele Namen die Sehnsucht nach ihm.
3.)
Liebe – fünf Buchstaben. Fünf etymologisch nachvollziehbare Buchstaben. Die Rückseite des großen Nichts. Sie ist alles. Alles – alles in sich selbst verschwunden. Tunnel. Rohr. Schlauch.
Als wäre es falsch, sich gut zu sein falsch, denkt man. Ideen aus lauter Nichts haben uns gefüttert. Haben Gehirne gewaschen und lackiert, festgeklebte, hochglanzpolierte Gedanken voll mit Wertlosigkeit. Voll Leere. Nicht, dass jede Leere wertlos wär – doch diese Leere hier ist einfach nur wert- und sinnlos. Sagt man. Abwesenheit von. Freiheit von. Freiheit um …?
Hochglanzhirn mit Hochglanzgedanken in Hochglanzwohungen inmitten von Hochglanzleben, die zerbrechen, wenn man die Seite wendet.
4.)
Heute war in der Coop-Zeitung ein richtig gutes Interview mit Linard Bardill, dem Bündner Künstler und Liedermacher, der einen achtjährigen Sohn mit Downsyndrom hat, seinen kleinen Buddha, seinen Meister, der einfach nur IST.
Bardill sagt:

„Ein Kind mit Downsyndrom meint man so, sei behindert. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass nicht das Kind behindert ist, sondern mein Denken. Nämlich: Ich meine, normal sei, wenn man zwei Personen ist, diejenige die man ist und die, über die man nachdenkt. Bin ich gut? Bin ich schön? Wer bin ich? Der kleine Buddha, der macht das nicht. Der ist einfach. Das heißt, er sucht nicht das Glück, er ist das Glück. Und in dem ist er mein Meister und mein Lehrer. Ich bin mit ihm ein Stück Weg gegangen. Es war der Weg des Glücks.“

Das Leben macht die einen glücklich die anderen zynisch.
5.)
Ist Zynismus womöglich eine Facette tiefer Traurigkeit über die Diskrepanz zwischen dem, wie wir uns das Leben erträumt haben (für uns, für die Welt)? Ist es eine Möglichkeit, die Schwere des Lebens zu ertragen? Macht Zynismus gesund? Tut er irgendjemandem gut? Außer dass wir kurz grinsen müssen und so ein paar Gesichtsmukeln trainieren, wenn wir eine zynische Aussage verdauen, wohl eher nicht. Eher das Gegenteil. Ich halte Zynismus für eine Einbahnstraße in die Bitterkeit. Für eine Waffe des Selbstschutzes. Für eine Tarnweste, um tiefere Gefühle nicht zulassen zu müssen.
Kann es das gewesen sein? Wollten und wollen wir, die wir uns heute hinter zynischen Sprüchen verstecken, im Grunde nicht etwas ganz anderes, nämlich das, wofür wir in unseren jungen Jahren auf die Straße gegangen sind? Eine bessere, eine friedlichere Welt. Eine lebenswerte Welt.
Ja, gut, inzwischen haben wir die Welt durchschaut, wir haben unsere Ohnmacht begriffen, und ja, davon kann man, wie gesagt, zynisch werden. Nur: wem hilft das? Noch mehr verbitterte, abgelöschte Menschen machen die Welt nicht lebenswerter. Ja, das sage ich auch zu mir selbst.
Vor zwanzig Jahren war ich noch ganz anders unterwegs, glaub mir!, sagte Freundin T. neulich, als ich ihr, der zwanzig Jahre Älteren, ein Kompliment für ihre Lebensenergie, ihre Initiative und ihre vielen Perspektiven gemacht hatte.
Finale
Alles kann noch anders werden. Auf jeden Fall vieles.
Nicht nachdenken. Schreiben. Den Kokon ausdehnen. Bis er platzt. Atmen. Leere. Fülle. Sie heben sich auf. Und mich. Und ich breite die Flügel aus, nehme Raum ein, stolpere ein wenig und dann hebe ich ab.

Lebensentwürfe

Der Mensch sei sein schlimmster Feind. Heißt es. Mag sein. Sehr wahrscheinlich sogar. Doch ist damit nicht auch das Gegenteil wahr? Sein bester Freund zu sein ist uns allerdings oft weniger selbstverständlich als uns mit ewiger Selbstkritik zu nerven. Wir? Ich tarne mich hinter wir? Mag sein. Alle weglesen, die hier nicht WIR sind (bitte weitersurfen!), alle, die nicht immer wieder in die Falle stolpern, dass sie ihren eigenen Erwartungen nicht genügen.
Gut? Dann sind wir jetzt also unter uns. (Jedes WIR ist eine ein- und ausschließende Schnittmenge. Zu wie vielen WIR ich wohl gehöre? Wir Frauen, wir in den Vierzigern, wir SchweizerInnen, wir …) Hier nun meine ich einfach uns, die wir auf dem Seil herum baumeln und immer mal wieder herunter purzeln, uns zusammen rappeln, wieder aufstehen, weitergehen. …
Da – die vielen Pläne, Ideen, möglichen Lebensentwürfe, hier – das Konto mit der Lebensenergie. Beides scheinbar kompatibel und doch geht nichts. Und doch treten wir an Ort. Es fehlt das Vertrauen in die eigene Kraft, vielleicht. Oder wir scheitern vermeintlich an den zu großen Zielen. Oder ist es schlicht der Mut, der fehlt?
Es sind die Erwartungen. Wie etwas zu sein hat und wie etwas werden müsste. Dinge und wir selbst. Oder auch die andern. Der Blick ist nach vorn gerichtet und wirft seinen Schatten in die Gegenwart. Das raubt uns alles, was wir brauchen um jetzt Schritte zu tun, die Auswirkungen auf später haben. Den Spieß umzudrehen und die Gegenwart Schatten in die Zukunft werfen zu lassen. Natürlich sollen wir wissen und entscheiden, wo es lang gehen soll, sollen einspuren und eine Richtung einschlagen, doch das Leben findet nur immer jetzt statt.
Das hier ist meine Zeit, meine Lebenszeit. Mein Leben. Wie also können wir das, was wir wirklich sind und wirklich wollen, ins Leben, in die Realität bringen? (Copy/Paste von meinen tollen Dokumenten auf der Festplatte geht irgendwie nicht.) Und wie können wir dabei und davon auch leben? Artgerecht leben sozusagen, wie es unserer Natur entspricht. Wie es in in uns angelegt ist. Eine Palme braucht nicht den gleichen Boden wie eine Buche und Brombeeren sind keine Erdbeeren. (Was bin ich und warum bin ich nicht mehr, was ich einst zu sein meinte?) Ja, natürlich sind wir privilegiert, doch wenn wir schon Privilegierte sind, wieso sollen wir es nicht auskosten und unser Ding tun? Ohne schlechtes Gewissen. Und ohne Vergleiche nach links und rechts. Egoistisch?
Warum vergleiche ich? Warum will ich angepepasst auf der normalen Schiene des Lohnerwerbs funktionieren und suche dazu einen Brotjob? Warum wird es in meinem selbst gestrickten Kokon immer enger? Asthmatisch eng.
Ist nicht die Treue mir selbst gegenüber das Wichtigste? Was bin ich mir schuldig (mal abgesehen von all den anderen da draußen, die mir auch sehr wichtig sind)?
Je näher ich diese Fragen betrachte, im Zoom, so sehr vergrößert, dass es weh tut, desto mehr verliere ich mich dabei aus den Augen. Und meinen Fokus auf mich. Ein irgendwie befreiender Verlust.
Schwindlig und taumelig suche ich einen gangbaren Weg.

Die Sache mit dem Lebenszeitkonto

Es war einmal, oder wäre es nur gewesen, wenn …? Konjunktiv mit Fragezeichen. Oder es ist vielleicht noch immer, ohne Anfang, ohne Ende? Egal eigentlich, denn im Grunde ist es weder relevant noch hilfreich, wenn ich weiß, ob es wirklich wahr war oder nur in unseren Köpfen. Als ob das in den Köpfen weniger wahr wäre als das Wirkliche, das Fassbare (und als das Unfassbare erst recht). Diese Sache mit der Zeit meine ich, die ja nicht nur ist, weil der Uhrzeiger sich dreht und nicht weniger wahr ist – falls sie das wäre -, wenn keine Uhr sich nach ihr richtet.
Wo etwas ist, kann auch etwas verschwinden. Verloren gehen. Wo Zeit ist, kann auch Zeit verloren gehen. Nein, verlieren ist kein aktiver Prozess. Vergessen auch nicht. Lebenszeitdiebe nennt Irgendlink jene Menschen, die ihm etwas von seiner kostbaren Lebenszeit wegnehmen (doch aktiv? oder eher passiv? warum lässt er es zu, und warum ich?), indem sie ihn volltexten, mit Bagatellen belästigen, etwas von ihm wollen …
Lebenszeitdiebstahl … seit Tagen grüble ich darüber nach, ob das Neueinrichten meines Laptops nicht Lebenszeitdiebstahl war, begangen an einem lieben Menschen, der gewiss besseres zu tun gehabt hätte.
Auf der Kehrseite des Lebenszeitdiebstahls stehen nämlich solche „besseren Dinge“. Sachen wie Radfahren, Fotografieren, Schreiben, Bilder bearbeiten, Malen, in der Aare baden und schwimmen, Tagträumen (nachts natürlich auch), die ganze soziale Palette selbstverständlich wie die Pflege von Beziehungen, guter 6, Ausflüge machen und Massagen, kurz alles was gut tut. Doch ist es denn umgekehrt so, dass das, was mich und meine Zeit bedroht, schädlich für mich ist?
Schauen wir doch mal hin, was mir meine Lebenszeit vergällt:
Mich mit Banalitäten volltexten lassen, auf andere, die sich ohne Grund und Information verspäten, warten, Tippfehler schreiben und korrigieren, sich am Telefon vertippen oder nicht für mich bestimmte Anrufen annehmen, etwas verlieren und nicht mehr finden, etwas fallen lassen und hinterher die Scherben wegwischen müssen (nein, nicht jedes Putzen ist Lebenszeitdiebstahl, nur das nach Missgeschicken), Misstritte mit Folgen, sich mit anderen vergleichen, sich ärgern über die eigene Unzulänglichkeit, Ameisen in der Wohnung, Mücken überall, Missverständnisse, Streit um Banalitäten, Powergames, Taschentücher in der Waschmaschine, Technik, die nicht funktioniert, Programme, die sich nicht selbsterklärend bedienen lassen, unverständliche Anleitungen – egal ob für Möbel oder für IT-Zöix, Ungeduld, Rushhour, vergessene Passwörter …
Beide Listen sind Momentaufnahmen. Beide Listen sind je nach Befindlichkeit mal länger, mal kürzer. Und beide Listen sind relativ. Außerdem unfassbar. Zeit ist unfassbar. Wer oder was kann mir überhaupt Lebenszeit stehlen? Ob die vermeintlich geklaute Lebenszeit nicht einfach aufs das Konto „Erfahrungen“ umgebucht wurde?
Der Mensch ist ein Risikofaktor. Der Mensch ist ein flexibles System, das sich ständig bewegt, wandelt und deshalb anfällig für Fehler, Pannen und Viren ist. Solche Dinge kosten Lebenszeit, ja, gut, doch unter dem Strich tauschen wir sie ein gegen Lebendigkeit. Wären wir perfekt, wären wir langweilig zum Abwinken. So will ich immer wieder neu JA sagen zu all diesen Unvorhersehbarkeiten des Lebens. Unwägbarkeiten, denn sind nicht alle Geschichten, die wir lesen, die Geschichten unvollkommener Menschen? Ob ich wohl deshalb so gerne lese? Inmitten all der fiktiven und realen Menschen in Geschichten, Biografien und Zeitungen finde ich mich wieder.
Ich lebe in verschiedenen Universen (du auch, vermute ich). Paralleluniversen. Jedes meiner noch unvollendeten Manuskripte ist eine Welt für sich, eins meiner Biotope. Jeder Film, den ich schaue. (Wenn ich im Schreibflow bin, an einer Geschichte schreibend, bin ich dann hier in meinem realen Leben oder dort im externen Universum? Sind meine Geschichten quasi die externen Datenspeicher meines Lebens, sozusagen meine vielen ungelebten Leben?)
Meinen „neuen Laptop“ habe ich wie ein neues Paar Schuhe so gut eingelaufen, das kaum mehr was drückt. Alles ist anders und doch ist alles gleich. Die gleiche Hülle, die gleiche Kunststoffkiste. Doch diese Kiste hat ein anderes, ein erneuertes Innenleben. Beinahe wünschte ich, mir selbst ein neues Betriebssystem verpassen zu können, das die gleichen und auch alle neue Inhalte transportiert. Eins, das gut und schnell läuft, nicht virenanfällig ist, nicht ständig wegen allem möglichen zickt, hängen bleibt oder gar abstürzt. Kurz: eins das perfekt ist und mir keine kostbare Lebenszeit klaut. Für die habe ich nämlich viel bessere Verwendungsideen.

Der fehlende Nagel

Neulich, bei Kate Atkinson, las ich ein Gedicht. Ein Zitat. Leider ist das Buch schon wieder in der Bibliothek, so dass ich es hier nicht rezitieren kann. Um einen Nagel ging es, um den fehlenden Nagel um genau zu sein. Denn eigentlich ist es ja immer nur ein fehlender Nagel, der an allem schuld ist. Im Gedicht war er schlussendlich schuld daran, dass ein Krieg ausgebrochen ist und viele ihr Leben verloren habe. Dabei hatte alles so harmlos angefangen.
Gestern auch. Irgendlink war fälschlicherweise davon ausgegangen, dass der Hauptschalter, an dem mein Laptop hängt, den er neu aufsetzen wollte, bereits eingeschaltet ist. Er legte die Windows-Wiederherstellungs-CD ein, die er neben dem Betriebssystem Linux installieren wollte (damit ich wahlweise wechseln könnte) und startete die Einspielung des Programms. Ein Kontrollblick nach einer Viertelstunde (das ist die Zeit, die wohl bei Nichtaktivität im Akkumodus programmiert ist, um das System in Schlafzustand zu versetzen) zeigt: Der Prozess ist abgebrochen.
Ein fehlender erster Nagel. Beim Neustart will und will sich die CD nicht mehr öffnen und für eine Fehlersuche war mein Liebster schlicht zu faul. Der zweite fehlende Nagel. Dann halt NUR Ubuntu? Ja, genau, so machen wir es.
Technik und Leben – so viele Analogien, dass wir längst in technischen Metaphern reden. Auch so wandelt sich die Sprache im Laufe der Zeit. Wir wählen andere Bilder als früher, um Dinge zu beschreiben.
Wenn ich unter Stress stehe und ich mir und meiner fehlenden Zeit ständig hinterher laufe, sage ich zuweilen, dass ich mich mal wieder synchronisieren muss. Oder neulich, am Kurs in Luzern, hatte ich – wie auch gebloggt – mitten im Prozess, an dem ich teilnahm, das Gefühl, dass sich mein Inneres defragmentiert, dass sich meine innere Festplatte gerade eben selbst in Ordnung brachte.
Neue Dinge, neue Systeme, die von außen kommen und mein Leben bewegen, mich umzudenken heißen, mag ich grundsätzlich. Sie holen mich aus den ewiggleichen Pfaden heraus, lehren mich Neues. Natürlich mag ich sehr, wenn alles gut läuft, wenn alles da ist, was ich brauche, wenn mir nichts fehlt. Weder Nagel noch sonst was. Veränderungen jedoch bringen mich dazu, nachzuschauen, was da ist. Bestandesaufnahme der Werkzeugkiste. Was ich wirklich brauche. Und ob das, was vermeintlich fehlt, wirklich fehlt.
Selbst wenn es nur so wenig ist wie ein Stromschalter, der gekippt werden muss.

wie neu geboren

Ubuntu is a girl’s best friend oder bin ich nun Linux? Sicher ist, dass ich jetzt an den Open Sources-Datenautobahn angedockt bin und das Window-Land verlassen habe. Meine neue virtuelle Identität, die ich meinem schlapp gewordenen Laptop verdanke – und dem technischen Geschick meines Liebsten, der mir eine neue interne Festplatte verpasst hat (ähm, meinem Laptop, meine ich natürlich) –, fühlt sich noch sehr gewöhnungsbedürftig an. Doch immerhin bin ich jetzt wieder an Bord, kann wieder mailen, bloggen, Bilder bearbeiten. Kurz: all das tun, was mensch eben so mit seiner freien Zeit anfängt.
Obwohl. Das alles ist eigentlich Nebensache. Hauptsache ist, die kurze Zeit mit Irgendlink so entspannend und inspirierend wie möglich zu verbringen. Und das tun wir.
Die tollen Spaziergänge der letzten Tage und das gestrige Aarebad machen mir bewusst, dass ich mein neues Zuhause und die neue, altbekannte Umgebung erst jetzt, wo ich es mit meinem Liebsten teilen kann, so richtig begreife. Als wäre die Wohnung erst jetzt zum Daheim geworden. Als wäre durch den zusätzlichen Blick das Leben weiter geworden.

Europia 2030

Während sich mein Liebster mit meinem neuen, desolaten Laptop abquält, weihe ich hiermit meine neue kleine 28 x 13 cm kleine externe Tastatur fürs iPhone ein, die er mir besorgt hat. Für unterwegs ist so was einfach genial. Einerseits …
Doch andererseits hatte ich vorhin echt die große Technik-Krise. Auf einmal blieben einfach alle Programme hängen – diesmal auch beim alten, zurzeit gut laufenden Laptop. Während ich mein iPhone backupte. Zum Glück nur zwischenzeitlich.
Ich glaube, ich steige wieder auf analog um!, sagte ich zu Irgendlink, der mit seinem unnachahmlichen Professorenblick herausfindet, wie genau er meine Daten retten kann, bevor er – falls notwendig – meine Festplatte samt Betriebssystem plattmacht und danach das neueste Linux-Betriebssystem installieren wird, dass er vorher aus dem Netz gefischt hat.
Mach das, gute Idee!, murmelte er, und rettet weiter meine kleine digitale Welt.
Verrückte Technik. Analog leben – ob ich das, ohne äusseren Druck meine ich, überhaupt noch könnte? Alle meine Geschichten sind auf einem Kunststoffteil abgespeichert, alle Texte, Gedichte, Notizen und Bilder habe ich in Bytes verwandelt, in Einsen und Nullen. Was bleibt von alledem, wenn ich einmal den Löffel abgebe?
Totos Geschichte, damit meine ich das in diesem Blog bereits vorgestellte Buch Vielen Dank für das Leben von Sybille Berg, das mich ein paar Tage intensiv beschäftigt hat, ist ausgelesen.
Ein Buch, das das Zeug zu einem Kultbuch hat, sagte ich gestern zu Irgendlink, als wir auf meiner neuen Holzbank saßen und etwas tranken. Ein Buch, das mich an Orwells 1984 erinnert. Visionen einer Zukunft, die niemand wirklich so will. In achtzehn Jahren, also zum Zeitpunkt, wo das Buch aufhört, könnte es erneut auf den Markt kommen. Was wird sich bewahrheiten von Sybille Bergs Visionen eines pseudofriedlichen, künstlich erzeugten und ganz und gar stinklangweiligen Europa, das die Autorin rund um Totos nach außen hin zerfallendes Leben so akribisch zeichnet? Und falls es so wird – wo werde ich darin meinen Platz finden? Werde ich? Will ich? Und warum?