Sonntagmorgen

Guten Morgen, Liebste, gehts dir besser?
Mmh … (vage)
Dein Hals?
Mmh … (vage)
Tut er noch weh?
Mmh … (traurig bejahend)
Mehr?
Mmh … (erleichtert verneinend)
Weniger?
Mmh … (bedauernd verneinend)
Bereits gestern Nachmittag, auf unserer kleinen Radtour Richtung Limmat, fing ich zu schlottern an. Gänsehaut und Zähneklappern. Obwohl es nicht kalt war. Der Hals rau, die Füße kühl. Für ein paar Bilder hat es aber doch gereicht.
Collage aus Details vom Siggenthaler Jugendtreff-Haus
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Als Irgendlink mir zuhause anbot, alleine zu kochen, derweilen ich ein heißes Bad genießen solle, zögerte ich deshalb nicht lange. So ein Schatz!
Dank ein paar Grogs (das Geheimrezept meines Berner Scheffs gegen aufziehende Erkältungen), konnte ich – so hoffe ich – das Schlimmste abwenden. Nachts mit Lutschtabletten und Rachespray leidlich geschlafen … Das geht vorbei!, gedacht, in der Endlosschleife, und davon geträumt, ein UFO-Landeplatz zu sein, der Erkältungsbakterien (oder sind es Viren?) temporäres Asyl bietet.
What did you do @ work 2day? (zu Irgendlinks gleichnamigem UFO-Bild: hier klicken!)
Krank mag ich jetzt nicht sein. Nicht, wenn ich sozusagen „Ferien zuhause“ samt dem Liebsten an Bord habe.
Krank mag ich auch nicht sein, weil Freund M. und seine Liebste heute ihre Hochzeit mit einem Ritual im Freundeskreis zelebrieren. Das wollen wir uns doch nicht entgehen lassen.

fremdes Selbst

Was sehe ich nicht, was andere sehen? Was bin ich, das andere nicht sehen? So authentisch ich zu sein glaube, deckt sich doch das, was mir andere über mich rückmelden nie mit meiner eigenen Perspektive. (Ja, ich weiß, der größte Teil unserer Persönlichkeit ist unbekannt, aber trotzdem …)
Du stellst dein Licht unter den Scheffel, sagte Kurskollege P., der ein fiktives Bewerbungsgespräch lang meinen zukünftigen Chef gemimt hatte. Du kannst so viel, doch du zeigst es nicht. Zwei 5,4 in zwei verschiedenen Abschlusszeugnissen sagen viel über deine Qualitäten aus. (Für meine deutschen LeserInnen: Das nennt sich bei euch, so meine ich verstanden zu haben, wohl Einserzeugnis. In der Schweiz gilt: Je näher bei Note 6 desto besser …)
Mit deiner Stimme schaffst du eine Stimmung, die – obwohl du nicht laut sprichst – unsere volle Aufmerksamkeit erhält. Man muss dir einfach zuhören, sagt Kollege G.. Ich spüre, wie mir das Blut in den Kopf schießt.
Zum Rotwerden habe ich auch allen Grund. Göttin, war das peinlich! Die ersten fünf Minuten des imitierten Vorstellungsgespräches mit meinen beiden gefakten Personalverantwortlichen  Kollegin S. und Kollege P.  und einem Beobachter  Kollege G.  hatte ich das totale Blackout. So nervös war ich selten in meinem Leben und das, obwohl ich doch hier, in der vertrauten Runde, gar nichts zu verlieren hatte. Wie gut, dass ich in der kameralosen Gruppe gelandet bin! Hätten sie mich gefilmt, wäre es noch schlimmer gewesen. Dreimal hintereinander stoppte ich verzweifelt meine Rede. Sagte:
Delete. Ich fange noch einmal an. Klappe die nächste. Erst allmählich gewann meine Professionalität – oder was auch immer – wieder die Oberhand und das Gespräch machte sogar Spaß.
Kollegin S. meinte hinterher, dass ich bei ihr nach meiner offenbar überzeugenden Performance auf jeden Fall in die zweite Runde käme. Authentisch sei ich. Das lass ich gelten. So fühle ich mich. Dennoch. Die vollständige Kongruenz zwischen Fremd- und Selbstbild will und will sich nicht einstellen. Selbst wenn ich mir Komplimente gerne anhöre, lieber möchte ich endlich in mir das sehen, was andere sehen.
Trotz vielem Denken, Reden und Arbeiten – die zwei letzten Kurstage mit den intensiven „Rollenspielen“ haben total Spaß gemacht. Nun stehen uns Stellensuchenden bloß noch zwei Kurstage bevor. Bis dahin gilt es, das Gelernte konkret umzusetzen.
Juhu, zwei Wochen Pause. Verdauen. Und wer weiß, vielleicht habe ich bis dahin meinen Traumjob bekommen, für den ich ja bereits heute das Vorstellungsgespräch geübt habe. Wenn die Hauptprobe missglückt, wird die Première erfahrungsgemäss ein großer Erfolg … 😉
Was kann DA noch schief gehen?

Aller Anfang ist Traum

Ich sitze im sonnigen Park des Pflegezetrums B.. In einer halben Stunde werde ich mich hier vorstellen, denn das Thera-Team braucht administrative Unterstützung. Mich?
Mein Kopf summt ob all der Eindrücke aus dem Kurs, von der Zug- und von der Busfahrt. Ich bin nervös. Obwohl ich nichts zu verlieren habe. Vermutlich ist die Stelle nichts für mich. So einen langen Arbeitsweg möchte ich nicht. Sollte die Stelle wider Erwarten super sein, müsste ich wohl ernsthaft darüber schlafen. Muss ich eh, will ich eh. Am liebsten wäre mir, wenn ich sofort merken würde, ob ich sie will oder nicht. Während des Gesprächs. Oder gleich hinterher.
Natürlich MUSS ich die Stelle nicht nehmen. Das heißt, ich müsste natürlich, denn sie ist zumutbar. Doch mein Berater ist ja kein Unmensch. So betrachte ich dieses Gespräch als Übung. Ich sammle Erfahrungen. Kein schlechter Ansatz.
Später.
Noch immer brummt der Kopf. Das Gespräch ist verlaufen wie alle meine bisherigen Vorstellungsgespräche. Nämlich gut. Offen. Transparent. Die Nervosität hat mich fünf Minuten vor dem Gespräch verlassen. Auch gut. Nur Klarheit habe ich keine. Der Lohn stimmt, doch die Arbeit ist relativ einseitig, zahlenlastig. Weiteres (großes) Minus ist der Arbeitsweg. Zu lang. Fünfundsiebzig Minuten oder länger. Das Team? Kann ich nächste Woche beschnuppern, falls ich nicht absage. Das Büro würde ich mit meiner direkten Vorgesetzten teilen. Sie sei etwa so alt wie ich. Mutter eines sieben Jahre alten Kindes. Sehr lebendig. Leider in den Ferien, also unbeschnupperbar.
Ich könnte natürlich einfach mal anfangen (falls die mich überhaupt wollen). Innerhalb der Probezeit abspringen geht ja immer, falls ich erkenne, dass der Job nicht mein Ding ist. Doch das ist nicht meine Art. Keine gute Voraussetzung. Zudem würde ich da weder ihnen noch mir einen Gefallen tun. Absagen? Auf die Traumstelle warten? Ja, gerne. Da läuft schließlich eine hoffnungstriefende Bewerbung. Fast um die Ecke. Oder soll ich gar einen Schritt in die Selbständigkeit wagen?
+++
STOPP! Was ist das für ein langweiliger Artikel, Sofasophia? So etwas kannst du deinen Leserinnen und Lesern nicht zumuten. Erzähl lieber vom Kurs!
Na ja, ob das interessanter ist?! Okay …
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Wir haben heute eine typische Sequenz aus dem ebenso typischen Vorstellungsgespräch geübt. Vor laufender Kamera. Vor der ganzen Klasse. Mit Feedback-Möglichkeit. Jene Sequenz nämlich, die auf die berühmt-berüchtigte Aufforderung folgt, die da heißt:
Erzählen Sie uns bitte von Ihrem Werdegang! Ganz schön tricky, muss ich sagen. Zum Glück war ich bisher erst Zuschauerin. Puh …
Parallel dazu gab’s Einzelcoaching-Gespräche mit dem zweiten Kursleiter. Dort wurde mir klar, dass ich mehr kann, als ich denke. Licht unter dem Scheffel und so. Wie oft denke ich:
Das können doch alle, das hier ist ja nix Spezielles. Doch das stimmt so nicht. Fachlich mag ich ja durchschnittlich sein (oder?). Doch ich kann mehr als nur Fachliches – ich kann das Fachliche vernetzt einsetzen. Ich kann verbinden, innerhalb von Teams Brücken bauen, ich kann Ansprechperson sein. Ich bin saugut in Recherche. Und ich bin Generalistin statt Spezialistin. Und so, wie ich das kann, kann nur ich es. Jawohl.
Und immer wieder die Träume von der Selbständigkeit. Apropos … Da sagt doch in der Pause R. in die kleine Runde vor dem Aschenbecher ( ja, genau! Jener R., der mich letzte Woche mit seinen unausgesprochenen Pünktchen im Ungewissen gelassen hat), dass er eine Vision von Selbständigkeit habe. Dass es in ihm gäre und immer konkreter werde. Ich könne ihm dann die Webpage erstellen, wenn ich wolle.
Gerne! Brauchst du auch gleich noch eine gute Managerin?, fragte ich.
Durchaus, ich muss einfach erst anfangen, sagte er.
Träumen darf doch erlaubt sein. Zumal jede Wirklichkeit mit so was (Unfassbarem) angefangen hat.

Umwege und Abkürzungen

Endlich mal wieder satte acht Stunden geschlafen! Wertvolle Lebenszeit – in Regeneration investiert. Nie verlorene Zeit, die ich schlafend verbringe. Köstliche Zeit. Hingegeben dem Reich der Mitte, meiner Mitte. Was auch immer da, dort, wo-auch-immer, geschieht, heute war es erholsam – trotz Vollmond. Und ich war ja auch sehr müde.
Die nächtliche Rückfahrt aus dem Schwarzwald war zwar anstrengend, doch vor allem war sie magisch.
Der Vollmond wird dir den Weg zeigen, sagte Freundin U. sibyllisch beim Abschied. Und das tat er, ganz und gar wertfrei schien er für alle. Und tut es noch (oft genug unbemerkt). Nicht, dass ich ihn immer gesehen hätte. Zu sehr waberte zuweilen Nebel zwischen den Silhouetten der Tannen. Fuchs und Hase huschen über die Fahrbahn. Oder war das eben ein Dachs? Selbst als ich mich ein kurzes Stück verfahren hatte – in H. bin ich nord- statt südwärts gefahren – beleuchtete der Mond meinen Weg. Dank Kompass- und Ortungsfunktionen meines Telefons bemerkte ich meine Irrfahrt und kehrte auf „den richtigen Weg“ zurück.
Über richtige und falsche Wege wurde schon viel gesagt und geschrieben. Und dass sogar Umwege letztendlich ans Ziel führen. Wie ich die letzten Tage „Biografie des Hungers“ von Amélie Nothomb gelesen habe, die in ihrer Kindheit und Jugend eine unglaubliche Exzessivität an den Tag gelegt hat, um ihren Hunger nach Süssem, Leben, Literatur und Liebe auch nur annähernd zu stillen und sich deshalb selbst „der Inbegriff des Hungers“ nennt, so – sinnierte ich nachts im dunklen Wald –, genau so kann ich mich mit Fug und Recht „Inbegriff der Umwege“ nennen.
Gibt es einen Umweg von A nach B? Gut, den nehme ich. Wieso sollte ich auch den direkten Weg wählen? Und es ist noch nicht mal so, dass ich das immer bewusst oder absichtlich täte, nein, es passiert mir einfach. Im Wald, im privaten Leben, im Beruf. Direkte Wege faszinieren mich nun mal einfach nicht. Auch Menschen, die immer nur widerhakenlos ihre Wege gehen, interessieren mich nur mäßig. Deshalb gefällt es mir mit Freundin U. auch so gut. Deshalb mag ich den Austausch mit ihr und mit all meinen Freundinnen und Freunden, die allesamt mein Reich der Umwege mitbevölkern.
Umwege? Oft sind es auch die Abkürzungen, die mich reizen. Steil den Wald hoch, durch Unterholz, statt dem Serpentinen des Weges zu folgen. Nicht, dass die Abkürzung weniger anstrengend wäre, doch das begreife ich normalerweise erst, wenn ich oben angekommen bin. Am Donnerstag, im Yoga, haben wir Vorübungen für den Kopfstand gemacht. Shirshasana, eine Asana, der ich seit elf Yogajahren treu aus dem Weg gegangen bin. Nicht ohne immer ein wenig mit ihr zu liebäugeln. Nun will ich es wissen. Ich will sie lernen. Ich will ihre Herausforderung, ihre Aufgabe endlich annehmen. Mir neues zutrauen. Schade nur, dass meine Unterarmmuskeln aktuell zu schlaff sind. Da gibt es nur eins: trainieren. Will heißen, den Weg, der serpentinenartig durch den Wald verläuft, nehmen. Eine Abkürzung? Gibt es keine, will mir scheinen – da muss ich durch, wenn ich eines Tages den Kopfstand können will, um so meine Welt auf den Kopf zu stellen. Ausnahmsweise interessieren mich nicht mal Umwege.
Umwege? Auch in meinen Träumen gehe ich kaum je direkte Wege. Ich gehe nicht zum Traumschalter, um mein nächtliches Traumkontingent abzuholen und dieses artig durchzuträumen. Ich verliere mich bereits im Entrée des Traumladens. Studiere Aushänge und lese Erfahrungsberichte an der Pinnwand. Schiebe mich allmählich weiter Richtung Traumraum, muss aber zuvor unbedingt noch aufs Klo und überhaupt … Wer will schon im Traumraum träumen, wenn es da drüben eine Terrasse mit Blick auf den Himmel gibt? Doch zuvor noch ein kleiner Schlenker in den Wald dort hinten. Und da, diese Höhle! Muss ich mir ansehen …
Stunden später tauche ich auf. Keine Ahnung mehr, wo ich überall war. Hätte ich doch bloß mein GPS und die Kamera dabei gehabt. Noch besser: Hätte ich doch bloß den Weg aufgezeichnet! Oder nein, besser nicht. Bestimmt war ich irgendwo in illegalem Grenzland und ritt auf irgendwelchen Zäunen – weder hier noch da. Die zurückgelegte Strecke, als roter Faden auf der Landkarte meines Lebens, hätte vielleicht die Form eines Wortes. Oder eines Satzes: „Geh weiter!“ Oder : „Mach dein Ding!“ Wie wäre es mit: …
… chrrrrr …

einfach schreiben

Schreiben ist nicht einfach schreiben.
Malen ist nicht einfach malen.
Ist nicht einfach Buchstaben oder Farben mischen.
Ist nicht einfach beliebig auftragen.
Vielfach ist es …
vielerlei …
Ist hinsehen, ist hinhören, ist hinfühlen.
Ist wahrnehmen, ist filtern, ist abbilden, Und ja, ist auch verfremden.
Ist bewerten (immer. Auch wenn wir das nicht wollen). Ist Stellung beziehen (bin ich Beobachterin, Beteiligte?) Ist betroffen sein. Ist Zähne zeigen und Krallen (manchmal). Ist lachen (manchmal). Ist verarbeiten.
Ist die eigene Sprache finden (eine, die niemand so spricht. Eine auch, die niemand genau so versteht. Mein Gelb ist anders als deins). Ist übersetzen.
Ist auflösen …
Ist ankommen und weitergehen …

bedingungslos

Ein Wort, das mich wohlig schnurren lässt (wäre ich eine Katze). Ein Anti-Reiz-Wort. Eins, das mich ruhig schlafen lässt. Eins, das mich einhüllt wie eine warme Decke im Winter und wie wärmende Sonnenstrahlen im Sommer.
Für alle. Egal wie du bist. Egal warum. Einfach, WEIL du da bist. Bedingungslos. Gibt es schöneres? In der Liebe und in Freundschaften gewiss nicht.
Und wie sieht es im Alltag aus? Nur ein leeres Wort? Das bedingungslose Grundeinkommen wird ja schon viele Jahre, Jahrzehnte sogar, rund um den Globus rauf und runter diskutiert.
Nun ist es endlich so weit! Seit kurzem sammelt die basisdemokratische Schweiz Unterschriften. Die Volksinitiative läuft bis Oktober 2013. Bis dahin brauchen wir hundertzwanzigtausend gültige Unterschriften. Schaffen wir das, wird die Initiative im Sinne einer Volksabstimmung dem Volk vorgelegt.
[Bist du SchweizerIn, lade doch für deine Wohngemeinde (NachbarInnen) oder auch für deine ArbeitskollegInnen Initiativbögen runter und verbreite die Idee. Du wirst dir später dankbar sein! :-)]
Utopie? Nein. Das Initiativ-Komitee und nicht wenige politisch und sozial engagierte Menschen – auch solche mit bekannten Namen – setzen sich für die Initiative ein, WEIL die Umsetzung machbar ist.
Seit Tagen spielt meine Phantasie verrückt. Sie denkt sich Geschichten von neu gewonnener Lebensqualität ohne Brotjob-Druck aus. Schöne Geschichten allesamt!
Und du? Was würdest du tun, so fragte ich neulich schon, wenn du morgen und für den Rest deines Lebens nicht zur Arbeit gehen MÜSSTEST (du darfst aber natürlich weiterhin gehen, wenn du das WILLST und Kohle kriegst du auch) um das Überleben zu sichern? Was würdest du tun, wenn du wählen könntest?
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Folgende Links führen die Idee und die Initiative detaillierter aus, als ich es hier in aller Kürze tue.
www.grundeinkommen.ch
Zum Unterschriftenbogen: www.bedingungslos.ch
Argumentarium: www.bedingungslos.ch > Rückseite

Scharfe Kanten

Ich erwache perversfrüh. Sechs Uhr. Lange vor dem Wecker. Wildes Herzklopfen. Der fünfte Kurstag. Halbzeit schon. Die Aufgaben habe ich mehr oder weniger erledigt. Bis auf die Blätter mit den beruflichen Visionen, die es auszufüllen galt. Doch ob ich die im Kurs breitschlagen will, weiß ich nicht so genau.
Ich wünsche mir schlicht und einfach und ganz (un)bescheiden ein Arbeitsumfeld, das hinsichtlich Arbeitsinhalten, Arbeitsweg, Arbeitszeit und -pensum, Teamenergie und Lohn „perfekt“ ist – so wie ein paar neue Schuhe oder Hosen, die einfach wie angegossen zu mir passen. Nicht nur in der Größe, sondern eben auch in Bezug auf den Tragekomfort und den Stil sozusagen. Doch eine inhaltliche Definition dieser Arbeitstelle, eine Vision, zu formulieren, fällt mir verdammt schwer. Zumal sich immer öfter die Frage in den Vordergrund drängt, wie (und ob) ich mich als Selbständige ernähren könnte. Alles, was ich sehr gerne mache und gut kann, ist auf dem „Markt“ (wer oder was immer das ist!) wenig wert oder schlecht verkäuflich. Auch müsste ich zuerst von der No-Name zur With-Name werden … (Werde erst mal was! Werd erst mal groß!, haben sie gesagt, früher.) Will ich das, kann ich das? Und: wie geht das überhaupt?
Fakt eins ist, dass ich Geld brauche.
Fakt zwei: Ich kann vieles, will aber nicht alles, was ich kann und gelernt habe, beruflich ausüben.
Fakt drei, vier, fünf und so weiter: Ich will nicht den Rest meines beruflichen Lebens fremdbestimmte Hamsterrad-Runden drehen, sondern mich mit dem Inhalt meiner Arbeit (und der potentiellen Arbeitsgeberin) größtmöglich identifizieren können.
Fakten versus Träume. Scharfe Kanten treffen auf Ungefähres. Dahinter ein Abgrund im Nebel – das Schreckensgespenst von uns NonkonformistInnen. Das Nichts. Der freie Fall. [Habe ich an dieser Stelle bereits gesagt, dass mir das Leben (in Bezug auf das existentielle Überleben sprich Auskommen und Einkommen) manchmal mehr Angst macht als der Tod?]
Der Wecker klingelt und das Rad dreht sich erneut, das ein paar Stunden ruhen durfte. Das Rad in meinem Kopf.
Anderthalb Stunden später. Auf dem Bahnhof. Habe um fünf Sekunden den Zug verpasst, das Ticket noch nicht entwertet. Habe gebummelt auf dem Weg. Geträumt. Macht nichts. In acht Minuten fährt der nächste – zwar ein bisschen knapp, aber die meisten meiner KurskollegInnen sind nicht wirklich pünktlich. Vier Minuten Verspätung sind normal.
Eine junge Mutter mit ihrem vielleicht anderthalbjährigen Kind will auf den gleichen Zug. Ich überhole sie in der Unterführung. Das Kind will partout nicht mit dem Lift fahren, so gehen sie die Treppe hoch. Geht doch. Dem Kind gefällt der neue Morgen noch nicht wirklich. Nicht heute. Es will sein Nuscheli, ein witziges oranges Wundertüchlein-Tier, das sofort seine Tränen trocknet. Nun will es auf Mamas Arme, von wo aus es die Welt mit neuer Gelassenheit betrachtet. Sein weiser Blick bleibt an mir hängen. Ich kämpfe mit den Tränen. In solchen Momenten vermisse ich meinen Sohn am allermeisten.
Im Zug liegt „20 Minuten“ auf der Fensterbank.
Nein, das tut mir nicht gut!, denke ich noch. Zeitung lesen am Morgen ist Gift für mich. Doch schon lese ich. Wer tut schon, was gut für ihn oder sie ist? Ich lese von Mord (drei Wochen nicht vermisste Frau wird ermordet in der Wohnung gefunden), Totschlag, Betrug, Tratsch, Intrige. Bin froh, dass der Zug nur acht Minuten braucht bis ans Ziel und lege das Blatt angewidert zurück.
Im Schulungsgebäude angekommen, fühle ich mich beinahe fiebrig. Zwei Plätze sind leer. Auch der Kursleiter ist krank, obwohl physisch anwesend. Er unterrichtet und mir ist, als sitze ich hinter einer Art Nebelwand. Ich höre und höre doch nicht. Auch mein Tinnitusohr sirrt mal wieder ziemlich laut, zur Feier des Tages sozusagen. Irgendwie beteilige ich mich sogar am Unterricht, beantworte Fragen richtig, doch alles ist weit weg von mir und ich fühle mich wie ein Roboter (falls sich Roboter irgendwie befinden können). Weil wir am Nachmittag Bewerbungswerkstatt haben und dabei an den Laptops arbeiten, beschließe ich, heimzufahren. Ich lasse mir die Aufgaben erklären und schon bald sitze ich im nächsten Zug nach Hause.
Kaum daheim fühle ich mich bereits fast wieder gut. Ein wenig fiebrig, ja, das schon, aber die Watteschicht ist wieder weg. Ich brauchte wohl einfach meine vier Wände. Im Zug, wie angeflogen, der Gedanke: wir müssen uns mit dem, was wir sind und was wir tun, größtmöglich identifizieren, sonst gehen wir kaputt. Ich zumindest.
Inzwischen ist es Abend geworden, ich habe geschlafen und nun fühlt sich mein Kopf zwar noch immer schwer und heiß an, doch nicht mehr ganz so arg. Doch müde bin ich, unendlich müde …

Noch mehr Schätze

Seit Tagen haben wir den Plan gefasst, eine Wanderung der Reuss entlang zu unternehmen, denn da sind ziemlich viele Geocaches versteckt (siehe letzten Artikel). Eine Tour über ungefähr acht Kilometer. Einen Multi habe es dort, sagt geocaching.com, eine Schatzsuche mit mehreren Stationen. Doch weil uns von einer gestern gefundenen Multiserie noch die Zielstation, das Final, fehlte – ohne den eine Schatzsuche nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann –, beschlossen wir, zuerst diesen zu suchen, also wieder, wie gestern, zum Bruggerberg zu radeln, diesmal allerdings von der andern Seite her kommend. Nicht zuletzt auch, weil Irgendlink dort in der Nähe Hinweise auf einen Mystery entdeckt hatte.
Mystery? In meiner gestrigen Aufklärung über unsere Geocaching-Leidenschaft habe ich diese Gattung bewusst bei der Aufzählung ausgelassen. Ich gestehe, dass ich vor Mysterys einigermaßen Respekt habe. Schnell mal überfordern mich die kniffligen Rätsel, die es zu lösen gilt, um an die Zielkoordinaten und somit an den Schatz zu gelangen.
Auch heute stellte sich uns ein beinahe unlösbares Rätsel. Wir mussten einen Code knacken, der es in sich hatte. Nach einer halben Stunde Geländebegehung und einem kleinen Apfelwähe-Picknick wollten wir schon beinahe aufgeben. Doch wir wären nicht die, die wir sind, wenn wir es nicht noch einmal versucht hätten. Zurück zum Start. Wie beim Leiterspiel sozusagen. Das Muster, wir müssen das Muster finden, sagten wir wiederholt zueinander. Es muss so und so aussehen.
Wir gehen um das kleine Häuschen und auf einmal wissen wir die Lösung. Was für ein tolles Team wir sind, doch wir haben mal wieder viel zu weit gesucht. Und wir haben zu viel und zu groß überlegt, statt einfach nur genau hinzuschauen. Schnell haben wir nun den Code entschlüsselt und just als wir beim Versteck eintreffen, fährt eine Mountain-Bike-Familie vorbei. Die Frau ruft schon von weitem, ob wir den Geocache suchten. Wir bejahen. Gelb, sagt sie, sucht nicht zu weit. Gut sichtbar! Sie winkt und schon sind alle wieder weg. Und wir? Um ein weiteres originelles Cacheversteck bereichert!
Weiter gehts zum Final von gestern, der Endstation eines Geocaches zum Thema Wasserschloss. Kleine Heimatkunde gefällig? Bei Brugg, meinem Nachbarort, fließen die drei großen Flüsse der Schweiz zusammen und heißen fortan nach dem größeten der drei, nämlich Aare. Dieses Naturschauspiel heißt Wasserschloss. So, wie die Reuss und die Limmat aufeinander treffen, inspirieren sie den Liebsten schon bald zu verrückten Geschichten, die zu erzählen ich ihm aber gerne selbst überlasse.
Was für eine tolle Aussicht! Blick aufs Wasserschloss, vom Bruggerberg aus.

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Schätze finden

Gib mir Lieblingsmenschen, gib mir eine schöne Landschaft, gib mir Wald und schon bin ich glücklich. Ich sollte vielleicht mal eine Gebrauchsanweisung schreiben, eine für mich, sage ich heute, auf dem Bruggerberg, zum Liebsten. Damit die dann im Altersheim wissen, was ich mag.
Wir sind auf der Suche nach dem letzten der fünf Geocaches dieses Tages. Da einige Multis und ein paar Tradis ganz in der Nähe voneinander liegen, konnten wir auf unserer Tour gleich einige Fundstücke miteinander verbinden. Einzig den einen Final ließen wir für heute liegen, da das noch zweieinhalb Kilometer Luftlinie zusätzlich gewesen wären.
Vor drei Jahren, ich gestehe es, hätte ich vom letzten Textabschnitt knapp die Hälfte verstanden. Am allerwenigsten die Motive, die Menschen zu GeocacherInnen machen, zu Erdverstecke-Suchenden. Mein Liebster hat mich jedoch vor knapp drei Jahren, bei unserem Urlaub in den südfranzösischen Bergen, in den Pyrénées, infisziert. Auf unsern Skandinavienreisen haben wir uns zeitweilig vor allem an diesen Wegmarken orientiert und so wunderbare, nirgends verzeichnete Plätze gefunden. Kurz: Wer diesen Virus einmal hat, bekommt ihn nicht so schnell wieder weg. Geocaching, Erdverstecke suchen und finden, gleicht einer Art Schnitzeljagd, die dank GPS-Geräten und Internet zu einer weltweiten Bewegung geworden ist. Bei Tradis wird mit einer einzigen Koordinate verraten, wo sich das genaue Versteck befindet – mit einer Genauigkeit von ungefähr zehn Metern. Je nach der Qualität des Satellitenempfangs des Gerätes. Multis bestehen, wie klassische Schnitzeljagden, aus mehreren Stationen, wo jedes Mal ein bisschen mehr über die Endstation, den Final, zu erfahren ist.
Der Reiz, eine simple unterschiedlich große Tupperwaredose irgendwo in einem besonders schönen Waldstück oder einer besonders spannenden Ecke einer Stadt aufzusuchen, besteht nicht in der Dose selbst, nicht in deren Inhalt und nicht im Logbuchschreiben, sondern darin – jedenfalls für mich – in neuen oder auch bekannten Landstrichen oder Stadtteilen mit andern Augen unterwegs zu sein. Mit jeder gefundenen Dose wächst die Erfahrung und jedes besonders originelle Versteck – wie jenes heute beim Brugger Hexenplatz – lässt eine Art Sammlerfreude aufkommen. Die gefundenen Dosen allerdings bleiben, wo sie sind. Genauso gut versteckt, werden sie schon bald wieder von anderen GeocacherInnen gefunden. Einzig das Logbuch in der Dose erhält eine Bereicherung: meine Unterschrift.
Auch gestern, am spätern Nachmittag, radelten wir los, die Aare abwärts, um Schätze zu finden. Statt wie geplant nach Zürich zu fahren und das Theater „Gipfeltreffen CH – D“ anzuschauen. hatten wir beschlossen, den vielleicht letzten warmen Spätsommerabend mit Feuer und Picknick zu geniessen.
Den Platz, an dem wir uns schließlich niederließen, war ganz in der Nähe eines Geocaches, den wir aber vorerst noch nicht suchen konnten, weil Muggel – so heißen nicht in Geocaching eingeweihte Menschen – in der Nähe saßen.
Auf einer Kiesbank direkt am Fluss finden sich ein paar selbstgebaute Feuerstellen.
Hier habe ich als Jugendliche jeweils meine Samstagabende mit meiner Clique verbracht. Auf einmal tauchen Erinnerungen auf, wie wir mit Gitarren und Grillsachen hier unzählige laue Sommerabende erlebt hatten.
Schon bald hatten wir genug Holz für ein kleines Feuer beisammen um unsere Vegischnitzel sowie die Paprikas und Tomaten zu grillen. Zum Glück hatten wir überhaupt Streichhölzer – in früheren Noch-Raucherinnen-Zeiten war das nie ein Thema gewesen, gestern aber hatten wir noch schnell an einem Kiosk anhalten müssen, um uns welche zu besorgen. An Papier jedoch hatten wir beide nicht gedacht. Ich durchforstete darum mein Portmonnaie nach entbehrlichen Brennbarkeiten. Nein, Geld habe ich keins verbrannt, dafür fand ich ein paar von Irgendlinks kostbaren Visitenkarten, die seit der Mainzer Kunstmesse da ihr Dasein fristeten.
Die brennen bestimmt gut, meinte der Liebste. Mit dürrem Gras, kleinen Zweigen und den wenigen Papierfetzen entfachten wir ein tolles Feuer und genossen das Zigeunerleben.
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Schon dunkelte es ein, als wir uns wieder an den noch ungefundenen Geocache erinnerten, der uns hierher geködert hatte. Die Muggel waren weg. Wann also, wenn nicht jetzt …? Ich watete durch ein herrlich duftendes Impatiens-Feld, während Irgendlink sich von der Wegseite her dem Baum näherte, den unsere beiden iPhone-GPS unisono als Versteck anzeigten. Im Halbdunkel erkannte ich eine Art Vogelnest in zwei Meter Höhe, kletterte hoch, barg die Dose und im letzten Licht konnten wir unsere Namen ins Logbuch setzen. Keine fünf Minuten später hätten wir nichts mehr gesehen.
Auf dem Rückweg setzt leichter Fahrregen ein, doch so richtig fängt es erst an, als wir zuhause im Trockenen sind.
Was für Glückspilze wir mal wieder sind! Noch immer müssen wir uns über Irgendlins Glück-im-Unglück staunen, der wegen einer Unachtsamkeit vom Rad gestürtzt war, sich aber – trotz der nicht sehr weichen Landung – nicht wehgetan hat.
Fast ein Wunder eigentlich!, versichern wir uns immer wieder. Da fährst du 7663 Kilometer rund ums Meer und stürzst beinahe vor meiner Haustüre vom Rad.
Heute nieselte es nur noch ein klein wenig, als wir mit den Rädern zum Fuße des Bruggerberges fuhren. Schließlich hörte es ganz auf und wir konnten eine richtig schöne Wanderung mit herrlicher, wenn auch wolkenverhangener Aussicht geniessen. Bis zum Alpenzeiger hoch und zurück zum Hexenplatz.
Gib mir einen Wald und ich bin zufrieden. Gib mir einen lieben Menschen und alles ist gut. Eigenlich wäre es doch ganz einfach, das Leben …
Collage des Tages …
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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Iu-Es-Pi und Eitsch-Ar

Am Tisch. Viertel nach acht. Ich trinke Tee und löffle Joghurt. Ethik in der Berufswelt, tippe ich in die externe Bluetooth-Tastatur, die mir und meinem iPhone längst eine unentbehrliche Freundin geworden ist.
Ethik in der Berufswelt also. Ein roter Faden in meinem Leben. Wenn ich in den Pausen meine KurskollegInnen frage, in welchen Branchen sie am liebsten arbeiten möchten, zucken sie fast unisono die Schultern.
Egal. Hauptsache ich kann diese oder jene Fähigkeit einsetzen. Und ich verdiene gut. Vielleicht nennen sie Lieblingsbranchen im Handel oder im Gewerbe, aber eigentlich ist es egal. Hauptsache sie verdienen gut. Da war gestern kurz im Zusammenhang mit einer spannenden Stelle die Rede von einem „Nur-so-wenig-Jahresgehalt“. Ich rechnete kurz auf einen Monat um, weil ich mich mit Jahresgehalten nicht auskenne. Wow, sooo viel!, dachte ich. Wie käuflich bin ich? Was würde ich für viel Geld alles tun? Was nicht?
Ooops, halb neun, ich muss los. Auf den Zug. Mich in den PendlerInnenstrom einspeisen.
Fünf vor neun. Ich sitze an meinem Platz. Im Kurs. In einer Ecke des großen U.. Mit bester Aussicht in alle Richtungen. Komisch drauf bin ich heute, fühle mich mal wieder latent im falschen Film. Weniger, was den Kursinhalt betrifft, als in Bezug auf die Kolleginnen und Kollegen und ihre Ziele und Berufe. Nicht, dass ich sie nicht mag, doch mir ist zuweilen, als redeten sie in einer Fremdsprache. Seltsame Wörter. EitschAr – für HR – für Human Resources – für Personaldienst. Na ja, ist ja auch viel kürzer. Und ZiVi – für CV – für Curriculum Vitae – für Lebenslauf. Klingt halt schon viel cooler. Abkürzungen aus der Welt der Teppichetage. Ich muss mich dann ermahnen, dass ich in einem sogenannten Kaderkurs bin. USP kannten allerdings auch die anderen noch nicht. USP – für Unique Selling Proposition – für Alleinstellungsmerkmal oder herausragende Einmaligkeit. Das gefällt mir sogar. Mit gemischten Gefühlen allerdings.

ich finde es schade die eigene einzigartigkeit dadurch zu verlieren, dass man sich ständig mit anderen vergleicht.

(Quelle: Luisa Francia am 16.9.2012 in ihrem Webtagebuch)
Ja, ich bin einmalig, ganz klar, und du auch, doch diese Einmaligkeit einer Firma zu verkaufen? Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Meine anarchistisch-sozialistischen Innereien würgen hin und wieder am Futter, das mir vorgesetzt wird.
Ich bin hier, in diesem Kurs, um Feldforschungen am Menschen zu betreiben. Ich sammle Lebenserfahrung!, sage ich mir in solchen Momenten. Und frage mich, ob es wohl schon bald solche Standortbestimmungskurse für Menschen aus künstlerischen Berufen gibt. Für unformatierte, unformatierbare Menschen wie mich. Ist doch echt eine Marktlücke!
Schnitt.
Gebt mir ein Stück Papier und ich bin glücklich. Gebt mir eine Tastatur und ein Schreibprogramm und lasst mich in Ruhe. Hauptsache ich kann schreiben.
Schnitt.
Mittagspause. Mit R. spaziere ich aus dem Gebäude Richtung City, wo ich mich, wie auch an den letzten Tagen, auf eine Bank an der Sonne setzen will. Meine Brote essen und mich vom Rest der Gruppe absetzen, die im Großen M-Restaurant essen geht. Wie wir den Bahnhofshalle durchqueren, an Läden vorbei, die vielerlei Fastfood anbieten, reden wir über sein Burnout. Fast jeder der anwesenden Männer(!) hatte schon eins und hat sich deswegen aus dem bisherigen Beruf ausgeklinkt. Und orientiert sich neu.
Sieh es als Chance!, sage ich plattitüd.
Ich will etwas ganz anderes machen, sagt er. Mit Kindern. Mit Jugendlichen.
Probiere es aus. Ich hoffe, du findest etwas als Quereinsteiger. Damit du herausfinden kannst, ob das für dich passt.
Ach, ich habe so viele Ideen …
sagt er. Führt diese aber nicht aus, seine Pünktchen gehen im Seufzer baden.
Bis später!, sage ich, guten Appetit. Und schon sitze ich inmitten anderer PicknickerInnen auf einer Bank. Hinter mir BuisnessluncherInnen, über Marktstrategien diskutierend.
In der zweiten Hälfte meiner Pause spaziere ich treppab der Limmat entlang, die grünblau in der Herbstsonne funkelt, in die Altstadt.
Das folgende Bild von Nelly Frei, mit dem iPhone in einem Schaufenster mit der Überschrift www.atelierk12.ch aufgenommen, hat es mir angetan. Mit dem Ubuntuprogramm Pinta habe ich es dank Relieffilter ein wenig überzeichnet, um meine Gedanken zu unterstreichen.

Wären wir alle gleich, sagt mir das Gemälde, wären wir alle gleichförmig,wären wir alle gleich geschaltet, dann wäre das Bild, das unsere Gesellschaft abgibt, verdammt langweilig. Darum braucht es die schrägen Typen im linken Bildteil. Ich wäre, sagen wir mal, das rote Feld, das fünfte von links … Und du? Wir sind das Auge des Bildes und dank uns wird es ein spannendes und dennoch harmonisches Bild. Dass es schön ist, kann ich nicht unbedingt behaupten. Aber faszinierend. Wie die Menschen. Die Silhouette steht für die Betrachterin von außen. Für mich. Für dich. Selbstsicht. Fremdsicht …
Wie ich die Halde hinauf spaziere, zurück ins Zentrum, sehe ich schon von weitem eine Surprise-Verkäuferin – gut positioniert mitten auf einer FußgängerInnenkreuzung. Ich mag diese Arbeitslosenzeitschrift sehr und kaufe sie darum immer mal wieder.
Habe ich überhaupt noch Geld im Säckel?, sage ich zu ihr. Ich bin auch arbeitslos. Wir lächeln uns verstehend zu. Mit meinen letzten Zehn- und Zwanzigrappenstücken (mit Plastikgeld geht das leider nicht) kaufe ich ihr eine Ausgabe ab (es geht darin um Flüchtlinge und die geplanten Verschärfungen des Asylgesetzes). Ich freue mich, einen kleinen Beitrag zum Lebensunterhalt eines Menschen geleistet zu haben, der sich in dieser Gesellschaft aus irgendwelchen Gründen neuorientiert.
Wer ist sie eigentlich, wer ist diese genormte Gesellschaft, diese angeblich homogene Masse, der es sich anzupassen gilt? Ein Mythos nur, das in unseren Köpfen – ähnlich wie der Liebe Gott – eingebaut ist, damit wir einigermaßen manipulier- und formbar sind? Eine Erfindung schlauer WerberInnen oder der grauen Männer bei Michael Ende gar?
Im Kurs bearbeiten wir heute unsere Lebensläufe nach neusten Gesichtspunkten, will heißen nach schnellstmöglicher Lesbarkeit, und die Zeit vergeht zum Glück dabei wie im Flug. Feierabend. Ein Gefühl, als würde eine Klammer aufgehen. (Montag: Kurs) (Dienstag: Kurs), (Mittwoch: Kurs), (Donnerstag: Kurs) (Donnerstagabend … Klammer auf … Wochenende. Liebster-Besuch … Alltag. Freiheit.