Fang schon an. Drauf los, immer drauf los. Schreib! Denk nicht nach, grüble nicht, lass los, schreib los, lass fließ, halt nicht an, zögere nicht, zaudere nicht, bremse nicht. Stell dir vor, auf einer Straße zu fahren, die unendlich breit ist. Keine weißen Streifen, die dich rechts und links beschränken, stell dir vor, du kannst so schnell fahren, wie du schon immer mal wolltest. Kein Risiko, weil du nirgends rein fahren kannst. Einfach losfahren? War das nicht eine deiner Phantasien neulich, wie du von der Pfalz nach Hause gefahren bist? Einfach mal schauen, wie schnell du kannst.
Hm, willst du nicht? Musst du nicht. Aber eigentlich willst du ja doch, du traust dich nur nicht, und das gibt es ja sowieso nicht, so eine lange Straße, so eine Situation, nein, gibt es nicht. Denk sie trotzdem, verlass die Denkschranken nach links, rechts, oben und unten und stell dir mal vor, alles sei möglich, einfach weil es in deinen Gedanken möglich ist. Zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen für alle sei Realität. Was machst du dann morgen? Was machst du heute? Und auch die bedingungslose Liebe sei Realität. Für alle. Niemand ist mehr neidisch, niemand vergleicht mehr.
Weiterschreiben, nicht aufhören, weiter … keine Pause, keine Leere zulassen, nicht jetzt, kannst später wieder langsam sein, kannst später wieder grübeln, geh weiter … was noch, was noch? Was könnte sein, wenn die Grenzen nicht wären, die im Kopf, was wäre, wenn und es wäre dann wirklich so?
Schon fertig? Du hörst auf? Du weißt nicht mehr weiter? Keine Träume mehr, keine Visionen? Und das nennst du Tagträumen, das nennst du drauflos schreiben? Das nennst du …
Der Rasenmäher vor dem Haus ist schuld. Er lärmt, er lenkt mich ab. Anschließend kommt er auch auf die Rückseite des Hauses und dann guckt der Mann in mein Schlafzimmer und sieht mich auf dem Bett sitzen und schreiben. Oder er guckt mir beim Yoga zu. Ich müsste die Läden wieder halb zuziehen. Ich denke über den Mann und den Rasenmäher nach und vergesse dabei, dass ich drauflos schreiben soll. Will. So läuft das bei mir. Nix mit grenzenlos. Geht nicht bei mir so was. Ich lass mich zu schnell ablenken.
Und? Fang einfach immer wieder an. Eines Tages wird es dir gelingen und du wirst schreiben, einfach schreiben, ohne innezuhalten, ohne Tippfehler laufend zu korrigieren, einfach nur schreiben, dich ausleeren, und dann, wenn alles leer ist und groß und weit, wirst du endlich anfangen zu erzählen. Das, was du immer wieder getan hast, und neues, und anderes, und dann wirst du keinen Gedanken mehr an die da draußen verschwenden, die mit Rasenmähern und anderem dein Leben stören. Störfaktoren wird es immer geben, es ist an dir, ob du dich stören lässt.
Nun ist er auf der anderen Seite, und ich habe es verpasst die Läden zuzuziehen. Er wird vor meinem Fenster auf und ab gehen.
Na und?
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Pillangó hat mich inspiriert. Gestern hat sie einen Ausschnitt aus ihren Morgenseiten verbloggt. Andere bloggen hin und wieder Ausschnitte aus ihren Automatisch-Schreiben-Séancen. Und ich wage es heute einfach auch einmal, so was ungefiltertes zu bloggen, wie meine heutige Morgenseitenschreibe (die ich ein klitzekleinwenig redigiert habe: enttippfehlert, ein paar Satzzeichen und zwei-drei Wörter eingefügt). Neuestens schreibe ich meine Morgenseiten mit der externen Bluetooth-Tastatur ins iPhone. Ich schreibe nämlich auf Tasten schneller als auf Papier.
Das unmittelbare Schreiben soll mir helfen, ein paar Nüsse zu knacken. Ich habe ein neues Manuskript angefangen, eins wie ich es noch nie gemacht habe. Normalerweise wenn ich eine Geschichte zu schreiben beginne, weiß ich, worum es gehen wird. Den Plot. Und ich habe mich bereits mit den Figuren angefreundet, habe ihnen diese und jene Biografie angehängt und weiß, was sie mögen und was sie nervt. Noch nicht im Detail, doch das wird im Laufe des Schreibens dann immer klarer. Sie werden ihr Eigenleben entwickeln, keine Frage, doch im großen Ganzen weiß ich, was geschehen wird.
Dieses eine Mal will ich die Figur ganz bewusst eins meiner Alter Egos sein lassen. Ich – wie ich gerne wäre. Eine Figur, die vor mir hergeht, die mir die Steine aus dem Weg räumt, entschlüsselt, was ich nicht verstehe, tut, was ich nicht zu tun wage. Mein mutiges Alter Ego. Nein, weder habe ich den Plan, dass daraus ein Buch wird, das ich eines Tages veröffentlichen will, noch habe ich die Absicht, etwas „richtig gutes“ zu schreiben, ich will einfach schreiben. Mein Drehbuch? Vielleicht.
Die unmittelbare, automatische Schreibe hat den Vorteil, dass ich so schnell schreibe, dass ich mich dabei nicht zensurieren kann. Ich höre meinen Gedanken zu und schreibe sie auf noch während ich sie denke. Gut, dass mache ich auch, wenn ich an einer Geschichte schreibe … Doch bei einer Geschichte hat die Straße bereits weiße Linien. Und Leitplanken rechts und links.
Wie viele Gespräche habe ich schon mit Irgendlink über die Chancen und Grenzen des Liveschreibens und die zeitliche Verzögerung geführt! Sein aktueller Versuch gilt dem Live-Twittern, wobei das einzelne Tweet seine Leitplanke für eine spätere Vertiefung des Textes sein könnte. Sich immer näher an die Gegenwart heran tasten …
Fang schon an. Drauf los, immer drauf los. Schreib!
Nun sitze ich beeindruckt hier. Nachdem ich den Text gelesen habe. Will auch. Man riet mir mal, so ganz schnell ohne Überlegung einen Traum niederzuschreiben, danach drüberlesen und die mir wichtigsten Worte zu unterstreichen und über die nochmal so „losgelassen“ zu schreiben. Das hat eingeschlagen. Scheint mir ertragreich zu sein. Hat nicht der Sigmund das mit dem Assoziieren erfunden?
Gruß von Sonja
och, der sigi?! das haben alle schon immer gemacht, behaupt ich mal.
ich glaube, wir sind alle ein bisschen zu fest/zu sehr im kopf und mit dieser möglichkeit können wir mal herz und bauch zuhören, was sie zu sagen haben. beim automatischen schreiben haben sie nämlich das wort … ich glaube, dass auch mein herz viel nachdenkt. nur haben wir in unserer gesellschaft vergessen, ihm das nötige gehör zu schenken.
viel spass beim ausprobieren … und danke für deine zeilen.
liebe grüsse, soso
Ein gutes und mutiges Vorhaben. Ich wünsche Dir gutes Gelingen.
danke! ich bin gespannt, was dabei herauskommt 🙂
weißt du was? schon beim Lesen spüre ich, wie bei dir die Knoten am Bersten sind. Toll dass du uns deine Morgenseiten lesen lässt – soviele deiner Gedanken denke ich auch und es tut gut, sie im Geschriebenen zu lesen. ich hoffe sehr dass du (und auch ich) dran bleibst – an dem automatischen Gedankenmüll-Entsorgen und an den neuen Projekten! Übrigens eine spannende Idee, eines deiner Alter Egos losszuschicken und zu sehen was passiert. Ich habe bis dato auch immer versucht die Geschichten zu umreißen, einen „Plan“ zu haben wie sich die Story entwickelt und dann währenddessen einfach die Lust verloren. Ich fand es einfach langweilig die Zukunft schon zu kennen – das Leben wäre es doch auch wenn wir seinen Fortgang wüssten, oder? Daher hege ich seit längerem einen ähnlichen Plan, eine Figur oder auch einfach nur ein Gefühl zu nehmen und beim Schreiben zu schauen, wo es sich hin entwickelt….
Alles Liebe und dir einen schönen Start ins Wochen-Ende – ohne oder vielleicht doch gerade mit Störfaktoren 😉
P.S.: Danke übrigens fürs Verlinken auf meinen letzten Artikel!
zum PS: sehr gerne 🙂
und ja, ich stecke in einem guten schwung drin grad … bin gespannt, was daraus wird.
danke für deine rückmeldung. aus der eigenen sicht ist ja selbstgeschriebenes oft „unfassbar“ in bezug auf dessen „nutzwert“ – drum sind so rückmeldungen kostbar.
liebe grüsse in den norden
soso
Das hört sich so aufregend an, Soso. Das Buch würde ich dann so gerne lesen. Sag‘ mir unbedingt, wenn es fertig ist. Und das automatische Schreiben … Daran habe ich heute auch gedacht, weil ich so unglaublich blockiert war. Einfach frei von irgendwelchen Qualitätsansprüchen drauflosschreiben; ja, ein wenig vielleicht sogar kotzen. Tut mir Leid, falls die Wortwahl dann wieder zu grob war. Auf jeden Fall toller Eintrag …
hihi, deine begeisterung tut mir gut, liebe sherry …
ob es da mal ein zu lesendes “buch” geben wird? das weiss ich nicht. es ist mir einfach mal wichtig, für niemand anders als für mich selbst zu schreiben – und doch anders als tagebuch – ich schreibe nämlich in “sie”-form und das macht das ganze doch ein wenig unvorhersehbarer … [vielleicht habe ich da ja eine neue therapiemethode erfunden? pssst, nicht weitersagen 🙂 ]
liebe grüsse, soso
Oh okay! Stimmt. Schreib‘ das nur für dich. Es wird großartig!
danke für die vorschusslorbeeren. gut wirds – für mich 🙂
Kannst du dich erinnern, dass wir mal über was Ähnliches gesprochen haben und den Namen Elke Erb genannt haben?
ja, du hast mir da sogar ein buch ausgeliehen. ist ne weile her? oder misch ich da was miteinander?
Das Buch war, so weit ich mich erinnere,was anderes Deutsch deutsch Übersetzung und „Meins“. Das andere heißt:“ Sonanz 5-Minuten- Notate“ Etwa 3 Jahre lang tägliche Notitzen, was im Kopf so abgeht-ohne Denkkontrolle. Dann noch viel Arbeit, was davon in ein Buch kommt, was sie davon halten soll usw. Besser ich würde sie selbst zitieren. Wenn Dich das interessiert, kann ich mal was scannen.
oh, da habe ich was gemischt, sorry. aber jetzt erinner ich mich wieder. ja – ein spannendes experiment! musst aber nichts scannen. ich leih es mir vielleicht dann mal aus, doch jetzt will ich „möglicht wenig eniflüsse“ 🙂
Alles klar, da wünsch ich gutes Gelingen! Ich stelle mir das nicht einfach vor. Jeder ist und denkt anders- man wird lesen….
Soso, ich nenne das ‚Seelenschreiben‘ und die meisten meiner Texte entstehen so. Auch thematisch vorgegebene. Demgegenüber steht das ‚Kopfschreiben‘ und ich glaube nachher immer, jeder Leser würde sofort unterscheiden können, was vom Kopf kommt und was von der Seele. Klar, das rede ich mir natürlich ein. Das tut man als „Sensibeli“ so 😉
Im Ernst: bei vielen Erzählungen oder Romanen merkt man schnell, ob sie Seelenprodukte oder streng nach Plotplan geschrieben sind. Letzeren fehlt etwas. Fehlt vieles. Das Sensible, der leise Humor, das Spontane, das Freie. Klingt blöde? Für mich nicht und wie ich dich einschätze, verstehst du, was ich meine.
„Herr Märchenfrau“ arbeitet übrigens als Musiker genauso. Ich höre genau, was er nach Plan komponiert/arrangiert hat und was nach Seele/Bauch/Gefühl.
Ich wünsche dir den Mut, weiter zu machen und dich nicht vom Kopf maßregeln zu lassen.
Lieber Gruß
Elke
ich verstehe sehr genau, was du meinst. bei sachartikeln, die ich für zeitschriften schreibe, probiere ich manchmal mit dem kopf zu schreiben, aber dann wird es staksig und gefällt mir nicht. bin froh, dass ich seelenschreiben kenne … wobei, das was ich hier meine, dieses unmittelbar-rohe ist wohl sogar noch eine spur unmittelbarer. weil ganz und gar ziellos.
schön, dass wir uns verstehen.
herzlich, soso
[märchenflüsterin gefällt mir als name :-)]
Oh…so ein schöner Text. Der bewegt mich. Also, ganz viel, in mir, irgendwie…
Ich glaube wir berühren etwas Wunderbares, ja, etwas Großes in uns, wenn wir uns erlauben, so zu schreiben, wie du es getan hast.
Danke fürs Lesen-lassen. (Ich hab grad nicht mehr Worte. 😉 ) LG!
oh, so ein feiner kommentar, denk ich grad, liebe meike. willkommen hier und auf baldiges wiederlesen 🙂
herzlich, soso