Lebensentwürfe

Der Mensch sei sein schlimmster Feind. Heißt es. Mag sein. Sehr wahrscheinlich sogar. Doch ist damit nicht auch das Gegenteil wahr? Sein bester Freund zu sein ist uns allerdings oft weniger selbstverständlich als uns mit ewiger Selbstkritik zu nerven. Wir? Ich tarne mich hinter wir? Mag sein. Alle weglesen, die hier nicht WIR sind (bitte weitersurfen!), alle, die nicht immer wieder in die Falle stolpern, dass sie ihren eigenen Erwartungen nicht genügen.
Gut? Dann sind wir jetzt also unter uns. (Jedes WIR ist eine ein- und ausschließende Schnittmenge. Zu wie vielen WIR ich wohl gehöre? Wir Frauen, wir in den Vierzigern, wir SchweizerInnen, wir …) Hier nun meine ich einfach uns, die wir auf dem Seil herum baumeln und immer mal wieder herunter purzeln, uns zusammen rappeln, wieder aufstehen, weitergehen. …
Da – die vielen Pläne, Ideen, möglichen Lebensentwürfe, hier – das Konto mit der Lebensenergie. Beides scheinbar kompatibel und doch geht nichts. Und doch treten wir an Ort. Es fehlt das Vertrauen in die eigene Kraft, vielleicht. Oder wir scheitern vermeintlich an den zu großen Zielen. Oder ist es schlicht der Mut, der fehlt?
Es sind die Erwartungen. Wie etwas zu sein hat und wie etwas werden müsste. Dinge und wir selbst. Oder auch die andern. Der Blick ist nach vorn gerichtet und wirft seinen Schatten in die Gegenwart. Das raubt uns alles, was wir brauchen um jetzt Schritte zu tun, die Auswirkungen auf später haben. Den Spieß umzudrehen und die Gegenwart Schatten in die Zukunft werfen zu lassen. Natürlich sollen wir wissen und entscheiden, wo es lang gehen soll, sollen einspuren und eine Richtung einschlagen, doch das Leben findet nur immer jetzt statt.
Das hier ist meine Zeit, meine Lebenszeit. Mein Leben. Wie also können wir das, was wir wirklich sind und wirklich wollen, ins Leben, in die Realität bringen? (Copy/Paste von meinen tollen Dokumenten auf der Festplatte geht irgendwie nicht.) Und wie können wir dabei und davon auch leben? Artgerecht leben sozusagen, wie es unserer Natur entspricht. Wie es in in uns angelegt ist. Eine Palme braucht nicht den gleichen Boden wie eine Buche und Brombeeren sind keine Erdbeeren. (Was bin ich und warum bin ich nicht mehr, was ich einst zu sein meinte?) Ja, natürlich sind wir privilegiert, doch wenn wir schon Privilegierte sind, wieso sollen wir es nicht auskosten und unser Ding tun? Ohne schlechtes Gewissen. Und ohne Vergleiche nach links und rechts. Egoistisch?
Warum vergleiche ich? Warum will ich angepepasst auf der normalen Schiene des Lohnerwerbs funktionieren und suche dazu einen Brotjob? Warum wird es in meinem selbst gestrickten Kokon immer enger? Asthmatisch eng.
Ist nicht die Treue mir selbst gegenüber das Wichtigste? Was bin ich mir schuldig (mal abgesehen von all den anderen da draußen, die mir auch sehr wichtig sind)?
Je näher ich diese Fragen betrachte, im Zoom, so sehr vergrößert, dass es weh tut, desto mehr verliere ich mich dabei aus den Augen. Und meinen Fokus auf mich. Ein irgendwie befreiender Verlust.
Schwindlig und taumelig suche ich einen gangbaren Weg.