Schätze finden

Gib mir Lieblingsmenschen, gib mir eine schöne Landschaft, gib mir Wald und schon bin ich glücklich. Ich sollte vielleicht mal eine Gebrauchsanweisung schreiben, eine für mich, sage ich heute, auf dem Bruggerberg, zum Liebsten. Damit die dann im Altersheim wissen, was ich mag.
Wir sind auf der Suche nach dem letzten der fünf Geocaches dieses Tages. Da einige Multis und ein paar Tradis ganz in der Nähe voneinander liegen, konnten wir auf unserer Tour gleich einige Fundstücke miteinander verbinden. Einzig den einen Final ließen wir für heute liegen, da das noch zweieinhalb Kilometer Luftlinie zusätzlich gewesen wären.
Vor drei Jahren, ich gestehe es, hätte ich vom letzten Textabschnitt knapp die Hälfte verstanden. Am allerwenigsten die Motive, die Menschen zu GeocacherInnen machen, zu Erdverstecke-Suchenden. Mein Liebster hat mich jedoch vor knapp drei Jahren, bei unserem Urlaub in den südfranzösischen Bergen, in den Pyrénées, infisziert. Auf unsern Skandinavienreisen haben wir uns zeitweilig vor allem an diesen Wegmarken orientiert und so wunderbare, nirgends verzeichnete Plätze gefunden. Kurz: Wer diesen Virus einmal hat, bekommt ihn nicht so schnell wieder weg. Geocaching, Erdverstecke suchen und finden, gleicht einer Art Schnitzeljagd, die dank GPS-Geräten und Internet zu einer weltweiten Bewegung geworden ist. Bei Tradis wird mit einer einzigen Koordinate verraten, wo sich das genaue Versteck befindet – mit einer Genauigkeit von ungefähr zehn Metern. Je nach der Qualität des Satellitenempfangs des Gerätes. Multis bestehen, wie klassische Schnitzeljagden, aus mehreren Stationen, wo jedes Mal ein bisschen mehr über die Endstation, den Final, zu erfahren ist.
Der Reiz, eine simple unterschiedlich große Tupperwaredose irgendwo in einem besonders schönen Waldstück oder einer besonders spannenden Ecke einer Stadt aufzusuchen, besteht nicht in der Dose selbst, nicht in deren Inhalt und nicht im Logbuchschreiben, sondern darin – jedenfalls für mich – in neuen oder auch bekannten Landstrichen oder Stadtteilen mit andern Augen unterwegs zu sein. Mit jeder gefundenen Dose wächst die Erfahrung und jedes besonders originelle Versteck – wie jenes heute beim Brugger Hexenplatz – lässt eine Art Sammlerfreude aufkommen. Die gefundenen Dosen allerdings bleiben, wo sie sind. Genauso gut versteckt, werden sie schon bald wieder von anderen GeocacherInnen gefunden. Einzig das Logbuch in der Dose erhält eine Bereicherung: meine Unterschrift.
Auch gestern, am spätern Nachmittag, radelten wir los, die Aare abwärts, um Schätze zu finden. Statt wie geplant nach Zürich zu fahren und das Theater „Gipfeltreffen CH – D“ anzuschauen. hatten wir beschlossen, den vielleicht letzten warmen Spätsommerabend mit Feuer und Picknick zu geniessen.
Den Platz, an dem wir uns schließlich niederließen, war ganz in der Nähe eines Geocaches, den wir aber vorerst noch nicht suchen konnten, weil Muggel – so heißen nicht in Geocaching eingeweihte Menschen – in der Nähe saßen.
Auf einer Kiesbank direkt am Fluss finden sich ein paar selbstgebaute Feuerstellen.
Hier habe ich als Jugendliche jeweils meine Samstagabende mit meiner Clique verbracht. Auf einmal tauchen Erinnerungen auf, wie wir mit Gitarren und Grillsachen hier unzählige laue Sommerabende erlebt hatten.
Schon bald hatten wir genug Holz für ein kleines Feuer beisammen um unsere Vegischnitzel sowie die Paprikas und Tomaten zu grillen. Zum Glück hatten wir überhaupt Streichhölzer – in früheren Noch-Raucherinnen-Zeiten war das nie ein Thema gewesen, gestern aber hatten wir noch schnell an einem Kiosk anhalten müssen, um uns welche zu besorgen. An Papier jedoch hatten wir beide nicht gedacht. Ich durchforstete darum mein Portmonnaie nach entbehrlichen Brennbarkeiten. Nein, Geld habe ich keins verbrannt, dafür fand ich ein paar von Irgendlinks kostbaren Visitenkarten, die seit der Mainzer Kunstmesse da ihr Dasein fristeten.
Die brennen bestimmt gut, meinte der Liebste. Mit dürrem Gras, kleinen Zweigen und den wenigen Papierfetzen entfachten wir ein tolles Feuer und genossen das Zigeunerleben.
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Schon dunkelte es ein, als wir uns wieder an den noch ungefundenen Geocache erinnerten, der uns hierher geködert hatte. Die Muggel waren weg. Wann also, wenn nicht jetzt …? Ich watete durch ein herrlich duftendes Impatiens-Feld, während Irgendlink sich von der Wegseite her dem Baum näherte, den unsere beiden iPhone-GPS unisono als Versteck anzeigten. Im Halbdunkel erkannte ich eine Art Vogelnest in zwei Meter Höhe, kletterte hoch, barg die Dose und im letzten Licht konnten wir unsere Namen ins Logbuch setzen. Keine fünf Minuten später hätten wir nichts mehr gesehen.
Auf dem Rückweg setzt leichter Fahrregen ein, doch so richtig fängt es erst an, als wir zuhause im Trockenen sind.
Was für Glückspilze wir mal wieder sind! Noch immer müssen wir uns über Irgendlins Glück-im-Unglück staunen, der wegen einer Unachtsamkeit vom Rad gestürtzt war, sich aber – trotz der nicht sehr weichen Landung – nicht wehgetan hat.
Fast ein Wunder eigentlich!, versichern wir uns immer wieder. Da fährst du 7663 Kilometer rund ums Meer und stürzst beinahe vor meiner Haustüre vom Rad.
Heute nieselte es nur noch ein klein wenig, als wir mit den Rädern zum Fuße des Bruggerberges fuhren. Schließlich hörte es ganz auf und wir konnten eine richtig schöne Wanderung mit herrlicher, wenn auch wolkenverhangener Aussicht geniessen. Bis zum Alpenzeiger hoch und zurück zum Hexenplatz.
Gib mir einen Wald und ich bin zufrieden. Gib mir einen lieben Menschen und alles ist gut. Eigenlich wäre es doch ganz einfach, das Leben …
Collage des Tages …
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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).