Endlich mal wieder satte acht Stunden geschlafen! Wertvolle Lebenszeit – in Regeneration investiert. Nie verlorene Zeit, die ich schlafend verbringe. Köstliche Zeit. Hingegeben dem Reich der Mitte, meiner Mitte. Was auch immer da, dort, wo-auch-immer, geschieht, heute war es erholsam – trotz Vollmond. Und ich war ja auch sehr müde.
Die nächtliche Rückfahrt aus dem Schwarzwald war zwar anstrengend, doch vor allem war sie magisch.
Der Vollmond wird dir den Weg zeigen, sagte Freundin U. sibyllisch beim Abschied. Und das tat er, ganz und gar wertfrei schien er für alle. Und tut es noch (oft genug unbemerkt). Nicht, dass ich ihn immer gesehen hätte. Zu sehr waberte zuweilen Nebel zwischen den Silhouetten der Tannen. Fuchs und Hase huschen über die Fahrbahn. Oder war das eben ein Dachs? Selbst als ich mich ein kurzes Stück verfahren hatte – in H. bin ich nord- statt südwärts gefahren – beleuchtete der Mond meinen Weg. Dank Kompass- und Ortungsfunktionen meines Telefons bemerkte ich meine Irrfahrt und kehrte auf „den richtigen Weg“ zurück.
Über richtige und falsche Wege wurde schon viel gesagt und geschrieben. Und dass sogar Umwege letztendlich ans Ziel führen. Wie ich die letzten Tage „Biografie des Hungers“ von Amélie Nothomb gelesen habe, die in ihrer Kindheit und Jugend eine unglaubliche Exzessivität an den Tag gelegt hat, um ihren Hunger nach Süssem, Leben, Literatur und Liebe auch nur annähernd zu stillen und sich deshalb selbst „der Inbegriff des Hungers“ nennt, so – sinnierte ich nachts im dunklen Wald –, genau so kann ich mich mit Fug und Recht „Inbegriff der Umwege“ nennen.
Gibt es einen Umweg von A nach B? Gut, den nehme ich. Wieso sollte ich auch den direkten Weg wählen? Und es ist noch nicht mal so, dass ich das immer bewusst oder absichtlich täte, nein, es passiert mir einfach. Im Wald, im privaten Leben, im Beruf. Direkte Wege faszinieren mich nun mal einfach nicht. Auch Menschen, die immer nur widerhakenlos ihre Wege gehen, interessieren mich nur mäßig. Deshalb gefällt es mir mit Freundin U. auch so gut. Deshalb mag ich den Austausch mit ihr und mit all meinen Freundinnen und Freunden, die allesamt mein Reich der Umwege mitbevölkern.
Umwege? Oft sind es auch die Abkürzungen, die mich reizen. Steil den Wald hoch, durch Unterholz, statt dem Serpentinen des Weges zu folgen. Nicht, dass die Abkürzung weniger anstrengend wäre, doch das begreife ich normalerweise erst, wenn ich oben angekommen bin. Am Donnerstag, im Yoga, haben wir Vorübungen für den Kopfstand gemacht. Shirshasana, eine Asana, der ich seit elf Yogajahren treu aus dem Weg gegangen bin. Nicht ohne immer ein wenig mit ihr zu liebäugeln. Nun will ich es wissen. Ich will sie lernen. Ich will ihre Herausforderung, ihre Aufgabe endlich annehmen. Mir neues zutrauen. Schade nur, dass meine Unterarmmuskeln aktuell zu schlaff sind. Da gibt es nur eins: trainieren. Will heißen, den Weg, der serpentinenartig durch den Wald verläuft, nehmen. Eine Abkürzung? Gibt es keine, will mir scheinen – da muss ich durch, wenn ich eines Tages den Kopfstand können will, um so meine Welt auf den Kopf zu stellen. Ausnahmsweise interessieren mich nicht mal Umwege.
Umwege? Auch in meinen Träumen gehe ich kaum je direkte Wege. Ich gehe nicht zum Traumschalter, um mein nächtliches Traumkontingent abzuholen und dieses artig durchzuträumen. Ich verliere mich bereits im Entrée des Traumladens. Studiere Aushänge und lese Erfahrungsberichte an der Pinnwand. Schiebe mich allmählich weiter Richtung Traumraum, muss aber zuvor unbedingt noch aufs Klo und überhaupt … Wer will schon im Traumraum träumen, wenn es da drüben eine Terrasse mit Blick auf den Himmel gibt? Doch zuvor noch ein kleiner Schlenker in den Wald dort hinten. Und da, diese Höhle! Muss ich mir ansehen …
Stunden später tauche ich auf. Keine Ahnung mehr, wo ich überall war. Hätte ich doch bloß mein GPS und die Kamera dabei gehabt. Noch besser: Hätte ich doch bloß den Weg aufgezeichnet! Oder nein, besser nicht. Bestimmt war ich irgendwo in illegalem Grenzland und ritt auf irgendwelchen Zäunen – weder hier noch da. Die zurückgelegte Strecke, als roter Faden auf der Landkarte meines Lebens, hätte vielleicht die Form eines Wortes. Oder eines Satzes: „Geh weiter!“ Oder : „Mach dein Ding!“ Wie wäre es mit: …
… chrrrrr …