Guete Morge! Morgen …, Guten Tag! Mooorge. Guets Mörgeli (igitt) … Im Zug fängt es schon an. Nicht für mich zum Glück. Weiter geht es im Treppenhaus des Kursgebäudes. Und im Klassenzimmer, wo heute das erste Mal die Neonröhren an sie. Aus allen Ecken wird ein toller Tag proklamiert. Ich hoffe, die wissen, was sie sagen. Im grummle zurück, zu müde um wirklich kommunikativ und adäquat reagieren zu können. Habe kaum geschlafen heute Nacht. Habe gegrübelt.
Auch um neun Uhr früh ist es noch dunkelgrau. Herbst, sei mir willkommen! Temperatursturz um fast zehn Grad. Herbstregen.
Heute habe ich mein Erstgespräch mit dem Kursleiter. Bin nervös. Was wird er zu meinem Dossier sagen? Zu meiner Strategie? Zu meinem Lebensweg? Ich versuche immer, auch hier im Kurs, authentisch zu sein. Hier sind wir gläserne Menschen, mehr noch als sonst wo. Müssen wir auch, wenn wir aus diesem Kurs etwas mitnehmen wollen und die Zeit hier keine Lebenszeitvergeudung sein soll.
Wieder erfüllt mich ein schon oft gedachter Gedanke: Wie es wohl wäre, wenn wir unsere Lebenszeit parallel leben könnten. Wir gehen sowohl brav zur Arbeit und verdienen Kohle für die Brötchen, als auch tun wir zeitgleich andernorts das, was wir am liebsten tun. Da wüsste ich vieles.
Über Weiterbildungen denke ich nach. Die halbe Nacht. Wie wäre es mit Erwachsenenbildung? In einer Welt, in der Papiere so verdammt wichtig sind, musst du ja für alles einen Wisch haben. Früher, als Überall-Quereinsteigerin, war das für mich kein großes Thema. Die Welt verändert sich ständig. Zum einen sind wir (fast) alle sensibler auf Umweltthemen geworden, kaufen Bio und versuchen dies und das, um Gutes zu tun und auch, um das Gewissen zu beruhigen, doch zum anderen wird das Tempo (wer immer das macht, wir machen mit!) immer schneller. Wir rennen und hasten und kommen doch nirgends an. So wird der Graben immer größer, die Diskrepanz unerträglicher und wir Menschen werden krank. Und noch kränker. Und irgendwann knallt’s. Vielleicht.
Doch nun geht’s los. Alle sind da.
Später. Feierabend. Ich sitze im Zug. Nudelfertig. Mein Kopf ist schwer, die Augendeckel kämpfen mit der Schwerkraft. Zwischen den Schulungsblocks haben wir wieder in Kleingruppen zu vier oder fünf Personen je ungefähr eine Dreiviertelstunde lang über unsern jeweiligen Ressourcen-Pool erzählt, während immer einer oder eine der Gruppe mitgeschrieben hat. Seitenweise kann ich nun nachlesen, was ich alles in meinem Leben schon gemacht habe, was ich alles kann, was ich alles beherrsche. Vorlieben, Talente, Gelerntes, Wissen, Können. Eine Liste, die wir sporadisch ergänzen sollen und auch in Krisenzeiten als Ermutigung hervorholen können … Am Rand bemerkt sei, dass ich mich und meinen Wert nicht ausschließlich über mein Können definiert wissen möchte. Die Liste, die mein Kurskollege von mir angelegt hat, fasziniert mich dennoch.
In der sehr intensiven Austauschrunde lernte ich vier mir gänzlich unbekannte, mir gänzlich unvertraute Branchen und Berufsbilder aus Handel und Gewerbe kennen. Neue Welten, die sich mir auftaten, doch nein, keine dieser Welten hat wirklich etwas mit mir zu tun, keine lockt mich. Faszinierend sind sie trotzdem. Wie wenig ich im Grunde über all die vielen anderen Welten weiß!
Erschöpft lasse ich mich zuhause aufs Sofa sinken. Ein kleines Nickerchen bevor Freundin M. Kommt, denke ich, doch dann schlafe ich auch schon ein. Tief und fest. Ich erwache erst um halb sieben wieder, genau fünf Minuten vor M.s Eintreffen. Ganz dusselig vor Müdigkeit öffne ich unsere Bierflaschen. Proscht! Ufs Läbe. Wie gut so ein ganz und gar „anderer Mensch“ doch tut …
((Morgen noch ein Tag Kurs, dann geht’s nächste Woche weiter und die folgenden Wochen – je ein Tag pro Woche … ))