Ich erwache perversfrüh. Sechs Uhr. Lange vor dem Wecker. Wildes Herzklopfen. Der fünfte Kurstag. Halbzeit schon. Die Aufgaben habe ich mehr oder weniger erledigt. Bis auf die Blätter mit den beruflichen Visionen, die es auszufüllen galt. Doch ob ich die im Kurs breitschlagen will, weiß ich nicht so genau.
Ich wünsche mir schlicht und einfach und ganz (un)bescheiden ein Arbeitsumfeld, das hinsichtlich Arbeitsinhalten, Arbeitsweg, Arbeitszeit und -pensum, Teamenergie und Lohn „perfekt“ ist – so wie ein paar neue Schuhe oder Hosen, die einfach wie angegossen zu mir passen. Nicht nur in der Größe, sondern eben auch in Bezug auf den Tragekomfort und den Stil sozusagen. Doch eine inhaltliche Definition dieser Arbeitstelle, eine Vision, zu formulieren, fällt mir verdammt schwer. Zumal sich immer öfter die Frage in den Vordergrund drängt, wie (und ob) ich mich als Selbständige ernähren könnte. Alles, was ich sehr gerne mache und gut kann, ist auf dem „Markt“ (wer oder was immer das ist!) wenig wert oder schlecht verkäuflich. Auch müsste ich zuerst von der No-Name zur With-Name werden … (Werde erst mal was! Werd erst mal groß!, haben sie gesagt, früher.) Will ich das, kann ich das? Und: wie geht das überhaupt?
Fakt eins ist, dass ich Geld brauche.
Fakt zwei: Ich kann vieles, will aber nicht alles, was ich kann und gelernt habe, beruflich ausüben.
Fakt drei, vier, fünf und so weiter: Ich will nicht den Rest meines beruflichen Lebens fremdbestimmte Hamsterrad-Runden drehen, sondern mich mit dem Inhalt meiner Arbeit (und der potentiellen Arbeitsgeberin) größtmöglich identifizieren können.
Fakten versus Träume. Scharfe Kanten treffen auf Ungefähres. Dahinter ein Abgrund im Nebel – das Schreckensgespenst von uns NonkonformistInnen. Das Nichts. Der freie Fall. [Habe ich an dieser Stelle bereits gesagt, dass mir das Leben (in Bezug auf das existentielle Überleben sprich Auskommen und Einkommen) manchmal mehr Angst macht als der Tod?]
Der Wecker klingelt und das Rad dreht sich erneut, das ein paar Stunden ruhen durfte. Das Rad in meinem Kopf.
Anderthalb Stunden später. Auf dem Bahnhof. Habe um fünf Sekunden den Zug verpasst, das Ticket noch nicht entwertet. Habe gebummelt auf dem Weg. Geträumt. Macht nichts. In acht Minuten fährt der nächste – zwar ein bisschen knapp, aber die meisten meiner KurskollegInnen sind nicht wirklich pünktlich. Vier Minuten Verspätung sind normal.
Eine junge Mutter mit ihrem vielleicht anderthalbjährigen Kind will auf den gleichen Zug. Ich überhole sie in der Unterführung. Das Kind will partout nicht mit dem Lift fahren, so gehen sie die Treppe hoch. Geht doch. Dem Kind gefällt der neue Morgen noch nicht wirklich. Nicht heute. Es will sein Nuscheli, ein witziges oranges Wundertüchlein-Tier, das sofort seine Tränen trocknet. Nun will es auf Mamas Arme, von wo aus es die Welt mit neuer Gelassenheit betrachtet. Sein weiser Blick bleibt an mir hängen. Ich kämpfe mit den Tränen. In solchen Momenten vermisse ich meinen Sohn am allermeisten.
Im Zug liegt „20 Minuten“ auf der Fensterbank.
Nein, das tut mir nicht gut!, denke ich noch. Zeitung lesen am Morgen ist Gift für mich. Doch schon lese ich. Wer tut schon, was gut für ihn oder sie ist? Ich lese von Mord (drei Wochen nicht vermisste Frau wird ermordet in der Wohnung gefunden), Totschlag, Betrug, Tratsch, Intrige. Bin froh, dass der Zug nur acht Minuten braucht bis ans Ziel und lege das Blatt angewidert zurück.
Im Schulungsgebäude angekommen, fühle ich mich beinahe fiebrig. Zwei Plätze sind leer. Auch der Kursleiter ist krank, obwohl physisch anwesend. Er unterrichtet und mir ist, als sitze ich hinter einer Art Nebelwand. Ich höre und höre doch nicht. Auch mein Tinnitusohr sirrt mal wieder ziemlich laut, zur Feier des Tages sozusagen. Irgendwie beteilige ich mich sogar am Unterricht, beantworte Fragen richtig, doch alles ist weit weg von mir und ich fühle mich wie ein Roboter (falls sich Roboter irgendwie befinden können). Weil wir am Nachmittag Bewerbungswerkstatt haben und dabei an den Laptops arbeiten, beschließe ich, heimzufahren. Ich lasse mir die Aufgaben erklären und schon bald sitze ich im nächsten Zug nach Hause.
Kaum daheim fühle ich mich bereits fast wieder gut. Ein wenig fiebrig, ja, das schon, aber die Watteschicht ist wieder weg. Ich brauchte wohl einfach meine vier Wände. Im Zug, wie angeflogen, der Gedanke: wir müssen uns mit dem, was wir sind und was wir tun, größtmöglich identifizieren, sonst gehen wir kaputt. Ich zumindest.
Inzwischen ist es Abend geworden, ich habe geschlafen und nun fühlt sich mein Kopf zwar noch immer schwer und heiß an, doch nicht mehr ganz so arg. Doch müde bin ich, unendlich müde …