Das offene Fenster – nur kurz

Dass sie auf Drogen war, begriff ich in diesem äußerst seltsamen Traum erst ungefähr in der Mitte. Ich weiß auch nicht so genau, ob ich Mann oder Frau war, auch nicht, ob wir mehr als nur ein freundschaftliches Verhältnis hatten. Sie wohnte – wie ich – hier in der Gegend, ging aber immer nach Zürich, um sich Stoff zu beschaffen. Da ihre Wohnung einen sehr ordentlichen, um nicht zu sagen sehr bürgerlich-ordentlichen Eindruck machte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass sie H spritzt. Sie sah gut aus, hatte glatte dunkle, fast schwarze, ein wenig rötlich schimmernde Haare, die aber, wie ich später im Traum feststellte, entweder eine Perücke waren oder aber, zuweilen von einer (anderen) Perücke überdeckt wurden. Einmal war sie mit blonden Locken aufgetreten. Ich lernte sie als souveräne, kontrollierte, selbstbewusste Frau kennen …
Das Radfahren war auch so eine Sache. Sie war ausgesprochen sportlich, obwohl sie, wenn sie nicht auf dem Rad saß, um sich Stoff zu besorgen, immer ziemlich chice Kleider trug, mit Vorliebe schwarz. Auf dem Rad war sie wie ein Kind. Wild und furchtlos fuhr sie alle Wege, die ihr Mountain Bike zuließ. Da ich im Traum ein Country Bike fuhr, musste ich zuweilen absteigen, wenn es zu gefährlich wurde. Schmale, steil abfallende Uferwege waren eher die Regel als die Ausnahme. Ich fuhr immer hinten ihr. Fühlte mich ein bisschen wie ihr Schutzengel, dochl ich wäre wohl in Notfall kaum hilfreich gewesen. Da waren auch ein paar schnelle Szenen, Flashes, im Traum. Wie sie ihren Körper für Geld verkaufte.
Die feinen Risse in ihrer Fassade erkannte ich erst allmählich. Dahinter sah ich einen zutiefst verzweifelten Menschen. Einmal erzählte sie mir von ihrem Kind, das man ihr weggenommen hatte. War sie nahe dran an jenem Ort in sich drin, wo sie wirklich bei sich war, wo sie wirklich mit dem Herzen dachte und wirklich fühlte, was sie fühlte, kam die Verzweiflung. Stieg auf wie Holz aus den Tiefen eines dunklen Sees. Nur mit dem Gift war das alles zum Schweigen zu bringen.
Diese Wirkliche war sie auch, als sie mir von ihrer Wohnsituation erzählte. Während sie redete, zitterten ihre Hände, denn es war wieder Zeit für eine Radtour in die Metropole.
Das ist alles falsch!, sagte sie. Sie zeigte auf Wohnung mit Sofa und Fernseher. Es ist falsch, weil das ein Leben repräsentiert, das ich gar nicht lebe. Das bin nicht ich. Ich versuche so zu werden und darum ist es eben zugleich auch richtig. Ich versuche es so sehr, bis ich eines Tages auch so sein werde. Bis ich hierher passe. Bis ich auch dazugehöre. Bis ich richtig bin.
Wenn sie so war, war sie wahr. Liebenswert in ihrer ganzen Verzweiflung und Traurigkeit und Echtheit. Als wäre da ein kleines Fenster geöffnet worden.
Schnell genug wurde es wieder geschlossen und wir saßen wieder auf unseren Rädern und kurbelten nach Zürich.
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(((Jetzt, wo ich wach bin und den Traum aufschreibe, glaube ich, dass ich wohl eine Figur des Buches „Für den Rest des Lebens“ von Zeruya Shalev in meinen Traum geholt habe. Rochele, die Pflegerin der sterbenden Mutter, von der aus sich der Romanplot ausbreitet, erzählt Dina, der Tochter, ihre Geschichte. Rochele ist definitiv mit meiner Traumfigur verwandt.)))