Böse ist es

Tatort mutiert zum Psychothriller. Ab und zu jedenfalls. Jener neulich aus Saarbrücken zum Beispiel und auch jener gestern aus Frankfurt.
Der Plot ist simpel und ganz und gar nicht neu im Psychothrillerbereich: Sexuell frustrierter, von der Schöpfung ästhetisch arg benachteiligter und deshalb (?) von der Gesellschaft und der bösen Mutter geplagter Mann bringt Frauen um. Immer nach dem gleichen Muster. In diesem Fall sind es vier Sexarbeiterinnen, die mit dem Leben bezahlen. Die Mordserie stoppt erst, nachdem der den Zuschauenden bekannte Täter von seiner sehr dominanten Partnerin verlassen wird und nach einem missglückten Suizidversuch in der Psychiatrie landet. Zwar stand er bereits unter dringendem Mordverdacht, durfte aber mangels Beweisen nicht länger festgehalten werden und ermordete danach eine weitere Frau.
Das Leben eines zweiten Tatverdächtigen wird ganz nebenbei ruiniert, weil dessen Doppelleben auffliegt. Obwohl verheirateter Familienvater, besuchte er regelmäßig Prostituierten, war davon geradezu besessen. Unter Tatverdacht geriet er, weil alle vier Frauen kurz nach seinen Besuchen ermordet aufgefunden wurden. Seine Frau verlässt ihn, während er vernommen wird, Hals über Kopf. Der Mörder, der im gleichen Haus lebt, beschattete seinen Nachbarn schon eine Weile. Nach dessen Besuchen suchte er hinterher die gleichen Frauen auf. Von Kopf bis Fuß in Haushaltfolie eingewickelt, um keine Spuren zu hinterlassen und weil sich so – so interpretiere ich – seine Hässlichkeit verbergen lässt und es ihn anturnt, tötete er seine Opfer. Er übertötet sie sogar, denn nachdem sie längst tot sind, schneidet er ihnen den Kehlkopf  durch. Den Sitz der Stimme, wie er in der Fast-Schlussszene gesteht. Diese böse weibliche Stimme, die ihn immer drangsaliert und überfordert hat.
Der Plot, die Täter-Opfer-Story, ist, wie ich schon sagte, simpel gestrickt. Eine weitere Missbrauchsgeschichte mit ihren vielen Gesichtern. Nein, simpel ist so eine Geschichte trotzdem nicht. Nie. Zumal diese Geschichte auf wahren Begebenheiten basiert.
Die eigentliche Geschichte baut sich um die junge, ehrgeizige Hauptkommissarin und Ermittlungsleiterin Conny Mey auf, die die Leitung des Falls beinahe einem erfahreneren Kollegen, Seidel, abtreten muss, der, nach einem beruflichen Unterbruch, in den Dienst zurückgekehrt ist und den sie verabscheut. Sie kämpft darum, die Untersuchungsleitung zu behalten und kniet sich in den Fall rein, als ginge es um ihr Leben.
Im Laufe der Geschichte kann sich die attraktive Kommissarin – Typ groß gewachsenes Superwoman mit Cowboystiefelchen, die trotz Dekolleté und viel Sexappeal recht machohafte Züge zeigt – jedoch immer weniger abgrenzen und wird deshalb vom Fall abgezogen, kurze Zeit sogar krankgeschrieben und in den Bereitschaftsdienst um geteilt. Dort überführt sie mit ihrem neuen Kollegen einen Frauenschänder aus der Oberklasse, den sie in ihrer Wut über seine Brutalität zu Boden tritt. Seine Frau habe ihn eben provoziert, hatte der Mann als Ausrede für seine Prügel gesagt. Paralysiert sitzt sie danach im Polizeiauto, unfähig ihren vorherigen Wutausbruch zu verstehen. Immer wieder wird in eingeblendeten Sequenzen die innere Qual der Kommissarin veranschaulicht.
Unterdessen ist die Mordserie aus erwähnten Gründen abgebrochen. Die Untersuchungen des Falls sind stagniert, der mutmassliche Mörder verschwunden. Im Gespräch mit dem ehemaligen Fahndungskollegen Steier, dem dritten im Team, einem netten älteren Kommissar, der für das Täterprofil zuständig war, denkt die Kommissarin über den Verbleib des Tatverdächtigen nach. Einer Intuition folgend finden ihn die beiden, endlich geständig, in der Psychiatrie.
Ich bleibe ratlos auf dem Sofa sitzen. Was war das jetzt? Die schauspielerischen Leistungen, besonders der Kommissarin und des Psychopathen, fand ich beachtlich. Echt stark fand ich Kamera, Schnitt und Drehbuch, speziell all die Einstellungen, die das Innenleben besonders dieser beiden Figuren sichtbar machten. Glaubwürdige Dialoge. Beklemmend nah an der Realität. Beklemmend auch jene Szene, wo die Kommissarin unerlaubt im Heimbüro eines Klatschjournalisten herumstöbert und entsetzt die Bilder an der Wand betrachtet – Zeitungsausrisse von verstümmelten Frauenleichen. Ohnmacht in ihren Augen, aber nur kurz. Dann Entsetzen. Schließlich Unverständnis und Wut.
Trotz allem ist dieser Film auch nur eine weitere gesellschaftliche Momentaufnahme. Nicht das Ganze, nur ein Ausschnitt – wie alles.
Ein schales Gefühl bleibt zurück. Immer wieder und beinahe überall findet dieser sinnlose Krieg zwischen Frau und Mann statt (Krieg ist notabene immer sinnlos). Im Film hier sind es starke Frauen und schwache Männer. Ehemalige Opfer können TäterInnen werden. Nichts neues. Nein, nichts neues. Deswegen nicht weniger schlimm. Und deswegen auch keine Ausrede.
Finden wir wohl den Weg zurück ins Miteinander?

Copy & Paste

Was für ein wunderbares Geschenk uns die programmierende Zunft mit der Kopierfunktion der Schreibprogramme gemacht habe, schrieb ich neulich. Du kannst einfach einen Textabschnitt markieren, ausschneiden und an einer anderen Stelle wieder einfügen. Du kannst Linkadressen von A nach B verschieben, du kannst Bilder kopieren oder ausschneiden und woanders wieder einfügen. Kopieren ist was tolles. Ein Geschenk der Technik.
Ich erinnere mich an die Schnapsmatrizen – ein anderes Wort oder gar den Fachausdruck für diese Kopiertechnik kenne ich leider nicht – die wir früher an der pädagogischen Fachhochschule verwenden haben, um Texte zu kopieren. Vorträge, Elterninformationen und der ganze Kram. Erst kurz, bevor ich mit der Ausbildung fertig war, gab es da und dort die ersten öffentlichen Fotokopierer. Und so lang her ist das nicht mal – oder bin ich möglicherweise nur einfach schon ziemlich alt?
Bis dahin schrieben wir alle zu kopierenden Texte von Hand oder mit der mechanischen Schreibmaschine auf diese wunderbar riechenden violetten Durchschlagdoppelbögen. Das Negativ davon wurde nachher in eine Art Walze eingeklemmt und mittels einer ganz bestimmten Technik mit Schnaps befeuchtet. Durch das Drehen einer Kurbel wurde das vorbereitete Spezialpapier, es war relativ glatt und saugfähig, bedruckt. Blatt für Blatt. Für ungefähr vierzig Bögen reichte eine Vorlage, nachher war sie ausgelutscht, doch reichte das in der Regel. Wer hätte damals von Copy & Paste geträumt?
Ähnlich wie ich mir zuweilen die Suchfunktion des Rechners ins wirkliche, nicht virtuelle Leben wünsche – wo ist bloß mein Schlüsselbund schon wieder? Und das Portemonnaie? – wäre so eine Kopiertaste zuweilen auch nicht schlecht. Ich würde mir, wenn es ginge, gerne ein bisschen von Freundin M.s Weisheit kopieren und bei mir einfügen. Oder von Irgendlinks Ausdauer und Gleichmut. Das Talent zur Heiterkeit von Freundin T. und die Liebe zum Leben von Freund M.. Oder dies oder das und warum nicht gleich noch jenes?
Im Geo-Interview, das Irgendlink für die Geo-online-Podcast-Serie gegeben hat, antwortete er auf die Frage, ob er die Absicht habe, dass andere seine Reise, anhand der von ihm gemachten Route, nachreisen können, dass dies absolut nicht seine Absicht sei. Es sei nicht möglich, dass jemand identische Reiseerlebenisse haben könne. Jeder und jede muss letztlich seinen eigenen Weg finden. Erfahrungen anderer sind bestenfalls Anhaltspunkte.
Ich erinnere mich, wie wir in Bern einmal einem Track, den jemand auf Everytrail im Internet veröffentlicht hatte, nachvollziehen wollten. Mit den Rädern fuhren wir also zum ersten Punkt der Route und von da von Wegpunkt zu Wegpunkt, nur um nach einer Stunde völlig frustriert festzustellen, dass es a.) überhaupt keinen Spaß macht und b.) wir überhaupt nichts anderes anschauten als diesen kleinen Kartenausschnitt auf dem Display unserer iPhones. Wir brachen das Experiment ab, machten dafür eine wunderbare Kunsttour durch die Altstadt und ein mir noch unbekanntes Stadtquartier und genossen die Erkenntnis des Nichtmüssens.
Nein, die Sache mit dem Kopieren ist so einfach nicht. Selbst zweimal den gleichen Haarschnitt gibt es nicht, auch wenn viele Jugendliche auf eine für mir nicht nachvollziehbare Art und Weise nach Gleichförmigkeit streben. Um bloß nicht aufzufallen.
Copy & Paste in Ehren, aber im echten Leben mag ich das Original. Und das darf sogar Fehler haben. Womit wir bei der Frage sind, was denn ein Fehler ist. Doch das, liebe Leute, das ist ein anderes Thema.

Da und dort …

Bei Luzia tanzen war gestern (siehe dazu meinen Artikel vor fünfzehn Monaten) und in den Zirkus Monti gehe ich heute … so viel Kultur wie die letzten Wochen hatte ich das ganze Jahr in Deutschland nicht. *lach* stimmt natürlich ganz und gar nicht.
Doch was stimmt, ist, dass ich ständig da und dort sein könnte.
Doch der Sonntag gehört mir. Morgen schreibe ich den neuen Rundbrief/Newsletter über Irgendlinks Radtour-Kunstreise-Abenteuer.
Gleich kommen meine Freunde und wir fahren los. Ich freue mich so. Mein Lieblingszirkus. Hier im Ort! Juhu! Da werde ich wieder Kind. Da BIN ich wieder Kind!
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Die Antwort und die Siegerin

Bei dem Bildausschnitt im Blogartikel Die Preisfrage handelt es sich, wie Herr und Frau Hirsch&Haus richtig geschrieben haben, tatsächlich um das Spiel Keltis, das vor vier Jahren Spiel des Jahres war. Bravo, Frau Freihändig.

Keltis hat relativ einfache Spielregeln, ist eine schlaue Mischung zwischen Glück und Strategie und bleibt dadurch, dass das Spielfeld in jeder Runde neu definiert wird, immer spannend. Ziel ist, deine fünf Steine oder einen Teil davon, als erste ans Ziel zu bringen. Du hast fünf Wege, für jeden Weg aber nur einen Stein, den du auf diesem Weg vorwärtsschieben kannst. In Ein-Feld-pro-Runde-Schritten. Außer wenn du Glück hast. Es gibt Felder, die Doppelsprünge ermöglichen. Oder Edelsteine, die dein Punktekonto füttern. Und vielleicht betrittst du sogar ein paar Punktevermehrungsfeld?
Drei Ebenen sind es, die dein eigenes Vorwärtskommen beeinflußen. Zum einen ist da das jedes Mal veränderte Spielfeld, das eben auch deine Punktzahl mitbeeinflußt, zum zweiten sind es deine immer wieder anderen Karten, die du bekommst und nachziehst und zum dritten beeinflussen auch deine Mitspielenden mit, welche Karten du in der Hand hältst und ausspielen kannst.
Kurz gesagt: Ein Spiel wie das richtige Leben. 😉
Warum das Spiel Keltis heißt, weiß ich nicht. Natürlich, es ist ganz im Trend „auf keltisch“ gepimpt, hat ein sehr schönes, ansprechendes Layout und angenehm-griffige Spielelemente (kein Plastik). Mit den Kleeblättern aus Karton lässt es sich winken, wie Frau Samtmut gezeigt hat. Was mir bei diesem Spiel aber ein bisschen fehlt, ist eine Geschichte drumrum. Das wäre echt das Sahnehäubchen.
Kennengelernt haben wir das Spiel, als wir bei Freund QQlka zu Besuch waren. In Mainz. Im März. Während der Kunstmesse, als wir dort nächtigen durften. Ewig her, ich weiß. Seine WG hortet einen ganzen Schatz an Spielen, doch dieses hier ist zurzeit besonders beliebt.
Dass ich zwei von drei Partien gewonnen und eine dafür haushoch verloren habe, weiß ich auch noch. Und dass bei der ersten Runde das Wort Welpenschutz in meinen und in Irgendlinks Wortschatz flutschte, ebenfalls. In der ersten Runde durften wir nämlich noch tausend Fragen stellen. Welpenschutz eben.
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Kommen wir zur Preisverleihung … 🙂

Mitgemacht haben: Irgendlink, Li Ssi, Samtmut, Sherry, Frau Freihändig sowie die zwei Hausundhirsche. Richtig geraten haben: Samtmut, Frau Freihändig und die beiden H.
Irgendlink hat nicht geraten, sondern gewusst.
Da ich geschrieben habe, dass bei mehreren richtigen (oder falschen) Antworten das Los entscheidet, sind logisch alle zur Verlosung zugelassen. 🙂
Zettelschreib, Zettelzerschneid, Zettelchenzerknitter, Zettelchenmisch, Einzettelchenzieh …
Gewonnen hat … *trommelwirbelein*
>>> Licht aus, Spot an … Die Siegerin des heutigen Tages heißt Frau Freihändig – Applaus, Applaus! Herzliche Gratulation, Madame!!! <<<

1. Preis: Die Anthologie „Nachtfalter“ mit zwei Geschichten von mir drin, signiert oder/und einen gemütlichen Spielabend mit mir/uns.
2. – 6. Preis: je eine iDogma-Kunstpostkarten von Touchnote, kreiert von mir (bitte die Postadresse mailen, damit ich die Karten versenden kann).
Die Verlosung fand notariell beunglaubtigt statt und wird anhand dieser Bilder hier glaubwürdig dokumentiert:

Über das Schreiben zu schreiben

Am liebsten schreibe ich die Rohform. Ich liebe das weiße Blatt vor mir auf dem Bildschirm, das mich lockt, umschmeichelt, verführt, es schreibend mit meinen in Worte, Sätze und Lücken gepackte Gedanken zu füllen. Ich liebe den kreativen Rausch, den ein leeres Blatt in mir auslöst. Ich liebe es, ganz neue Sätze zu formulieren. Schlichte Hauptsätze. Wichtige Nebensätze. Klammern. Leerschläge.
Schreiben ist wie weben. Ich nehme neue Fäden zur Hand, die genau so, genau in diesem Rhythmus, genau in dieser Konstellation noch nicht geschrieben worden sind. Natürlich stand das Wort Konstellation schon hinter dieser und vor noch. Aber die Vorvorwörter sind so, ich meine genauso mit ihren eigenen Vor- und Vorvorwörtern, noch nie genau so gewesen. Und obwohl es diese Wörter schon ewig gibt, fast ewig jedenfalls, lagen sie noch nie so auf einem Blatt Papier nebeneinander.
Falsch, der erste Satz stimmt so nicht. Die Rohform ist mir nicht die liebste, denn genau genommen ist mir das Überarbeiten genauso lieb, auch wenn es die Fleissarbeit des Schreibprozesses ist. Und weniger kreativ. Oder wohl besser gesagt anders kreativ.
Ich schreibe verschiedene Textstile. Meine persönlichen Genres fließen zuweilen fast nahtlos ineinander über und doch unterscheide ich vier Hauptgefäße.
1.) Das ganz und gar unzensierte Tagebuch, das nur für mich selbst bestimmt ist. Wo ich sehr assoziativ schreibe und ohne jegliche Überarbeitung.
2.) Literarische Texte (Romane, Kurzgeschichten, Lyrik), die später (möglicherweise) veröffentlicht werden sollen oder worden sind. Oder auch nicht. Das entscheide ich allerdings erst, wenn der Text fertig ist.
3.) Blogartikel
4.) Journalistische Artikel. Das sind in der Regel Aufträge zu Sachthemen, die mich interessieren und über die ich Bescheid weiß. Meistens sind dies Sachartikel, Interviews und Buchbesprechungen.
Wenn ich einen Auftrag erhalte, ein bestimmtes Thema zu bearbeiten, so und so viele Zeichen zu schreiben und den Text dann und dann abzugeben, pulsiert sofort das Adrenalin durch meine Adern. Ich liebe solche Herausforderungen.
Ich werde zum Hamster. Assoziiere. Brainstorme. Mappe meinen mind. Drehe Schneebälle und recherchiere. Finde. Verknüpfe. Denke-denke-denke. Nach und über.
Wenn ich alles Material beisammen habe, das ich erwähnen will, ist der Rohtext meistens viel zu schnell geschrieben, der Genuß viel zu schnell vorbei. Die Praline ist wie immer viel zu schnell gegessen, denn ein solcher Text entsteht längst vor dem Schreiben im Kopf. Nicht im Detail, aber das Rauschen seines Fluss ist unüberhörbar. Ich schreibe also am Rechner nur auf, was bereits da ist. Kleide es in Worte, auch wenn es noch wild ist, was aus den Tasten auf die weißen Seiten purzelt. Ungezähmt und voller Tippfehler ist das neue Wortgespinst.
Ein derart unzensiert und intuitiv geschriebener Text hat zwar bereits eine Form, doch gleicht diese eher einem verschlungenen Waldpfad denn einem schönen Rad- oder Fußweg und ist für Außenstehende verwirrend und nicht nachvollziehbar. Meine Rohtexte zeige ich niemandem. Seid froh.
Bereits beim ersten Durchlesen merze ich die in der Eile gemachten Tippfehler aus, da ich oft schneller denke als ich schreiben kann – obwohl ich, zugegeben, ganz schön schnell schreibe. Im gleichen Zug wie ich erste Tippfehler korrigiere, merke ich mir auch Unstimmigkeiten in der Reihenfolge. Manchmal ist es nur ein Satz, der am falschen Ort steht, weil ich ihn einfach aufgeschrieben habe, als er mir einfiel. Darauf vertrauend, dass ich ihm später den richtigen Platz zuweisen werde. Häufig passiert es mir, dass ich Verben innerhalb eines Satzes wiederhole – am Anfang und am Schluss –, weil ich vergessen habe, dass ich das Verb bereits geschrieben habe. Oder ich habe dem Satz während des Schreibens einen anderen Verlauf als den zuerst gedachten geben und es ist auf einmal noch ein Neben- oder Nachsatz aufgetaucht. Beim ersten Schreiben unterbreche ich mich selten für solche Berichtigungen, weil sie den Schreibfluss stören. Manchmal stelle ich beim Durchlesen fest, dass ganze Abschnitte besser woanders hinpassen. Copy&Paste ist eine tolle Erfindung der Schreibprogramme kreierenden Zunft.
Auch Abschnitte mache ich erst beim Überarbeiten. Sie gestalten den Text fürs Auge mit, denn ein Text ohne Abschnitte erschlägt uns. Abschnitte sind die Pausen in der Melodie. Ohne sie geht es nicht. Atemholen. Kurz innehalten. Nachdenken. Wirken lassen.
Ganz wichtig: Kürzen nicht vergessen! In der Regel bekomme ich von der Redaktion ein Zeichenlimit. Sagen wir dreitausendfünfhundert Zeichen mit Leerschlägen. Natürlich habe ich immer viel zu viel zu einem Thema gefunden und zu sagen. Da gibt’s nur eins: einköcheln, verdichten bis die Zeichenzahl stimmt.
Füllwörter? Raus. Minus vier bis fünf Zeichen. Das Wort und am Anfang eines Satzes? Weg damit. Schon wieder drei Zeichen weniger. Das Wort und in der Mitte eines Satzes lässt sich oft durch ein Komma ersetzen. Drei Zeichen weg! Wenn ich Substantive durch Verben ersetze, habe ich stilistisch und zeichenzahltechnisch ebenfalls viel gewonnen, da der Satz sich hinterher flüssiger liest. Er wird aktiver und leichter. Doch all das lässt sich in einschlägigen Büchern und im Internet nachlesen.
Erfahrung, Sprachgefühl, Kenntnis der Werkzeuge in der Kiste – Grammatik, Rechtschreibung und vieles mehr – und zu wissen, wie ich mit ihnen umgehe, sind wichtig, sicher, doch bei aller Kenntnis von Schreibtechniken und Regeln wünscht sich jede Geschichte der Welt, jedes Thema der Welt, jede Idee der Welt von uns Schreiberlingen vor allem eins: Sie will so erzählt werden, dass wir sie lesen wollen. Nenn es Talent.
Ist der Text schließlich zwei- oder dreimal überarbeitet, lasse ich ihn, wenn es die Zeit zulässt, ein paar Tage liegen. Gerne gebe ich in dieser Phase meine Entwürfe auch textsensiblen FreundInnen zum Lesen. Von ihnen erhoffe ich mir vor allem Rückmeldungen zu Stimmigkeit, Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit. Ist der Artikel schließlich fertig, wird er meistens noch von der jeweiligen Redaktion ein klein bisschen bearbeitet.
Zugegeben, ich mag es, meine Texte anschließend in gedruckter Form zu sehen. Nenn es eitel. Ich nenne es Freude am eigenen Schaffen. Freude am kreativen Tun. Und da ist auch große Dankbarkeit für dieses Talent und dass ich in einem Land lebe, wo ich es ausleben kann.
Gedruckte Texte zählen mehr, haben wir verinnerlicht. Gedruckte Texte haben mehr Gewicht. Ich habe ein Buch geschrieben, zählt mehr als zu sagen: Ich schreibe seit acht Jahren ein Webtagebuch. Was ist schon bloggen? Wer liest schon Blogs und wer hat schon Lust, seine Freizeit auch noch am Rechner zu vergeuden – schreibend oder lesend?
Fragen und Gedanken, die mich schon eine ganze Weile beschäftigen. Immer wieder anders. Dieser Tage starte ich mit der Arbeit an einem Auftragsartikel über das Bloggen als neues Genre der Gegenwartsliteratur und der Kunst. Da freu ich mich schon riesig drauf!

Tradition

Das machen wir bald wieder mal!, sage ich beim Abschied und umarme Freundin T., meine Beinahe-Nachbarin, herzlich. Sie wohnt ja nur fünf Radminuten entfernt. Ein Katzensprung. Das könnte zur Tradition werden, wenn es nach mir geht. Wir lachen.
Ein wunderbarer Spaziergang auf den nahen Hügel, durch die Wälder, an Wiesen vorbei, auf denen alles gelb leuchtet. Sonnentrunkene Löwenzahnblüten dicht an dicht. Wir zwei auf den Spuren des Frühlings. Sonne und kalter Wind, der uns um die Ohren fegt. Überall grün.
Schafe. Bienen. Blüten. Ach, wie habe ich es die letzten Tage vermisst, lustvoll nach draußen gehen zu können. Ich habe den Regen so satt, noch vielmehr die Kälte. Es müsste wärmer sein. Es müsste sonniger sein.
Die Bienen müssten fliegen können, um die Obstbäume, die in Blüte stehen, zu befruchten,
denken wir laut. Sonst haben wir im Juni keine Kirschen und im September keine Äpfel.
Stell dir vor, sie tun es nicht? Nur so als Möglichkeit,
sage ich. Mich schaudert.
Wie abhängig wir von diesen kleinen Tierchen sind, sagt T., und von der Erde. Und wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen. Ein altes, ein deswegen nicht weniger wahres Bild.
Über Hingabe an die eigenen Projekte reden wir, als wir den nächsten Hügel hochsteigen. Und darüber, wie alle möglichen Pendel in der Gesellschaft immer von einer Seite auf die andere schlagen. Nie zur Ruhe kommend, nie in der Mitte bleibend. Extreme gab es immer. Früher war es das „Wir“, das über allem stand und dem alles geopfert wurde. Insbesondere die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung. Heute ist es das „Ich zuerst!“ mit fettem Ausrufezeichen.
Selbstverwirklichung – ja, gut, will ich ja auch, bin ich dran. Ich finde, es ist eine wichtige Aufgabe, wirklich die zu werden und zu sein, die ich bin. Mich selbst. Doch welchen Preis bin ich und sind wir bereit dafür zu zahlen? Wie viele Opfer dürfen wir bringen, als einzelne, als Gesellschaft?
Ich sehe so viele Kinder ohne Vorbilder, ohne Orientierung, die auf dem Egotrip ihrer Eltern mitsurfen und alles haben, doch nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt.
Da, guck, die Schafe! Ganz zahm sind sie. Wir füttern sie mit dem fetten, blumenreichen Gras von der andern Seite des Zauns. Denn da, ach wir wissen es alle, ist das Gras immer besser, grüner, saftiger.
(Bilder folgen)

Synchronizität

Nach nur fünf Stunden Schlaf – selbst schuld, wieso geht sie auch so spät ins Bett? Nein, nicht selbst schuld, das Buch war’s! – werde ich kurz vor halb acht schon wieder wach. Geweckt von der Stille womöglich und von der inneren Uhr. Ganz langsam. Ich schaue mir zu, wie ich innendrin langsam, wie ein Rechner, hochstarte und wie sich das eine oder andere Programm öffnet und zu arbeiten beginnt. Allen voran das Denken. Denken denken. Immer denkt es.
Kurz nach dem Erwachen sprudeln die Gedanken einfach los. Bilden Sätze, die beinahe spruchreif sind, hochdeutsch meist, so dass ich sie nur noch aufzuschreiben bräuchte. Nur dumm, dass der Akt des Aufschreibens den weichen Gedankenkreis, mein inneres Brainstorming, jedes Mal brüsk unterbricht. Oder auch das Licht. Und der Wecker sowieso. Heute probiere ich etwas neues aus. Ich bleibe ganz ruhig liegen, taste nach der Lesetaschenlampe und lege sie mir auf den Hals und den kleinen ertasteten Notizblock aufs Herz, von einem Kissen gestützt. Wieder schließe ich die Augen. Sie sind meine Türen zwischen innen und außen. Ich will das, was innen ist, nach außen locken, darum horche ich hin und höre, wie die aufgescheuchten Gedanken wieder ruhig werden und sich, wie ich, hinlegen. Kellerasseln unter dem Stein der Nachtgeheimnisse. Ich höre mir zu. Das erste bewusste Wort ist Kopf…mühle. Nur den Anfang und den Schluss des Wortes kann ich lesen. Gekritzelt im Licht der kleinen Lesetaschenlampe bin ich noch schwerer zu lesen als bei Tag. Ich schließe die Augen und atme ruhig.
Auf einmal erinnere ich mich daran, wie ich hin und wieder mit Irgendlink, der dieses Phänomen auch kennt (du und du bestimmt auch?!), diskutiert habe, dass wir uns ein inneres Aufnahmegerät ins Hirn plantieren lassen müssten. Er träumte von einem Gedankenlese-Chip, der ihm die mühsame Notizarbeit abnehmen würde. Nun kritzle ich das Wort Aufnehmen auf den Block und schließe von neuem die Augen. Augenblicklich überfallen mich handfeste Dinge, Pflichten, Zu-tuns, die schon seit Tagen diffus im Hintergrund lauern und darauf warten, gesehen, notiert, umgesetzt zu werden. M. anrufen, schreibe ich. Und mit S. einen Termin ausmachen. Das Fahrrad zum Mech bringen, der unten an der Straße ein Geschäft hat, weil der größte meiner drei Kettenkränze röchelt wie ein asthmatischer Drache. Die anderen Wörter kann ich nicht mehr lesen. Auch sind da keine Erinnerungen mehr, was ich gemeint haben könnte. Was ich da wohl alles verloren habe? Wichtiges? Und dies jeden Tag.
Die Übung ist nicht schlecht, befinde ich, vermerke aber innerlich, dass ich schöner schreiben muss, wenn ich sie wiederholen will. Und mich noch weniger bewegen. Damit die Wörter nicht aus- und davonlaufen.
Nach Yoga und Dusche frühstücke ich und öffne beim Müesliessen Irgendlinks Blog auf dem kleinen iPhone-Display. Mir bleibt die Spucke weg, als ich seinen heutigen Text lese. Wie kann das sein, dass er das gleiche Phänomen – diese Gedankenmühle im Kopf, die wir aufnehmen können sollten – beschreibt, wo wir doch seit Wochen nicht mehr darüber spinntisiert haben?
Synchronizität zum zweiten, oder wohl eher zum ersten war es, als wir uns gestern, praktisch gleichzeitig, selbst fotografiert und uns diese Bilder ebenfalls fast zeitgleich zugemailt haben. Ohne Absprache versteht sich.
Schon früher habe ich über das Phänomen der Synchronizität gebloggt. Darüber, dass ich manchmal an jemanden denke, und er oder sie ruft bald darauf an. Nein, erklären, wissenschaftlich, kann ich das nicht.
Ich stelle mir alles, was es gibt, internetähnlich miteinander verbunden vor. Alle Gedanken und Ideen in unseren Köpfen sind für mich eine Art Energiefäden, die ganz und gar frei sind. Irgendwann finden sie Affinitäten zu Menschen und lassen sich von diesen Menschen dann bereitwillig denken, finden und weiterentwickeln. Ohne aber ihre Freiheit zu verlieren, auch von anderen Menschen gedacht,gefunden und weiterentwickelt werden zu dürfen. Open Source-Programme des inneren Kosmos sozusagen.