Am liebsten schreibe ich die Rohform. Ich liebe das weiße Blatt vor mir auf dem Bildschirm, das mich lockt, umschmeichelt, verführt, es schreibend mit meinen in Worte, Sätze und Lücken gepackte Gedanken zu füllen. Ich liebe den kreativen Rausch, den ein leeres Blatt in mir auslöst. Ich liebe es, ganz neue Sätze zu formulieren. Schlichte Hauptsätze. Wichtige Nebensätze. Klammern. Leerschläge.
Schreiben ist wie weben. Ich nehme neue Fäden zur Hand, die genau so, genau in diesem Rhythmus, genau in dieser Konstellation noch nicht geschrieben worden sind. Natürlich stand das Wort Konstellation schon hinter dieser und vor noch. Aber die Vorvorwörter sind so, ich meine genauso mit ihren eigenen Vor- und Vorvorwörtern, noch nie genau so gewesen. Und obwohl es diese Wörter schon ewig gibt, fast ewig jedenfalls, lagen sie noch nie so auf einem Blatt Papier nebeneinander.
Falsch, der erste Satz stimmt so nicht. Die Rohform ist mir nicht die liebste, denn genau genommen ist mir das Überarbeiten genauso lieb, auch wenn es die Fleissarbeit des Schreibprozesses ist. Und weniger kreativ. Oder wohl besser gesagt anders kreativ.
Ich schreibe verschiedene Textstile. Meine persönlichen Genres fließen zuweilen fast nahtlos ineinander über und doch unterscheide ich vier Hauptgefäße.
1.) Das ganz und gar unzensierte Tagebuch, das nur für mich selbst bestimmt ist. Wo ich sehr assoziativ schreibe und ohne jegliche Überarbeitung.
2.) Literarische Texte (Romane, Kurzgeschichten, Lyrik), die später (möglicherweise) veröffentlicht werden sollen oder worden sind. Oder auch nicht. Das entscheide ich allerdings erst, wenn der Text fertig ist.
3.) Blogartikel
4.) Journalistische Artikel. Das sind in der Regel Aufträge zu Sachthemen, die mich interessieren und über die ich Bescheid weiß. Meistens sind dies Sachartikel, Interviews und Buchbesprechungen.
Wenn ich einen Auftrag erhalte, ein bestimmtes Thema zu bearbeiten, so und so viele Zeichen zu schreiben und den Text dann und dann abzugeben, pulsiert sofort das Adrenalin durch meine Adern. Ich liebe solche Herausforderungen.
Ich werde zum Hamster. Assoziiere. Brainstorme. Mappe meinen mind. Drehe Schneebälle und recherchiere. Finde. Verknüpfe. Denke-denke-denke. Nach und über.
Wenn ich alles Material beisammen habe, das ich erwähnen will, ist der Rohtext meistens viel zu schnell geschrieben, der Genuß viel zu schnell vorbei. Die Praline ist wie immer viel zu schnell gegessen, denn ein solcher Text entsteht längst vor dem Schreiben im Kopf. Nicht im Detail, aber das Rauschen seines Fluss ist unüberhörbar. Ich schreibe also am Rechner nur auf, was bereits da ist. Kleide es in Worte, auch wenn es noch wild ist, was aus den Tasten auf die weißen Seiten purzelt. Ungezähmt und voller Tippfehler ist das neue Wortgespinst.
Ein derart unzensiert und intuitiv geschriebener Text hat zwar bereits eine Form, doch gleicht diese eher einem verschlungenen Waldpfad denn einem schönen Rad- oder Fußweg und ist für Außenstehende verwirrend und nicht nachvollziehbar. Meine Rohtexte zeige ich niemandem. Seid froh.
Bereits beim ersten Durchlesen merze ich die in der Eile gemachten Tippfehler aus, da ich oft schneller denke als ich schreiben kann – obwohl ich, zugegeben, ganz schön schnell schreibe. Im gleichen Zug wie ich erste Tippfehler korrigiere, merke ich mir auch Unstimmigkeiten in der Reihenfolge. Manchmal ist es nur ein Satz, der am falschen Ort steht, weil ich ihn einfach aufgeschrieben habe, als er mir einfiel. Darauf vertrauend, dass ich ihm später den richtigen Platz zuweisen werde. Häufig passiert es mir, dass ich Verben innerhalb eines Satzes wiederhole – am Anfang und am Schluss –, weil ich vergessen habe, dass ich das Verb bereits geschrieben habe. Oder ich habe dem Satz während des Schreibens einen anderen Verlauf als den zuerst gedachten geben und es ist auf einmal noch ein Neben- oder Nachsatz aufgetaucht. Beim ersten Schreiben unterbreche ich mich selten für solche Berichtigungen, weil sie den Schreibfluss stören. Manchmal stelle ich beim Durchlesen fest, dass ganze Abschnitte besser woanders hinpassen. Copy&Paste ist eine tolle Erfindung der Schreibprogramme kreierenden Zunft.
Auch Abschnitte mache ich erst beim Überarbeiten. Sie gestalten den Text fürs Auge mit, denn ein Text ohne Abschnitte erschlägt uns. Abschnitte sind die Pausen in der Melodie. Ohne sie geht es nicht. Atemholen. Kurz innehalten. Nachdenken. Wirken lassen.
Ganz wichtig: Kürzen nicht vergessen! In der Regel bekomme ich von der Redaktion ein Zeichenlimit. Sagen wir dreitausendfünfhundert Zeichen mit Leerschlägen. Natürlich habe ich immer viel zu viel zu einem Thema gefunden und zu sagen. Da gibt’s nur eins: einköcheln, verdichten bis die Zeichenzahl stimmt.
Füllwörter? Raus. Minus vier bis fünf Zeichen. Das Wort und am Anfang eines Satzes? Weg damit. Schon wieder drei Zeichen weniger. Das Wort und in der Mitte eines Satzes lässt sich oft durch ein Komma ersetzen. Drei Zeichen weg! Wenn ich Substantive durch Verben ersetze, habe ich stilistisch und zeichenzahltechnisch ebenfalls viel gewonnen, da der Satz sich hinterher flüssiger liest. Er wird aktiver und leichter. Doch all das lässt sich in einschlägigen Büchern und im Internet nachlesen.
Erfahrung, Sprachgefühl, Kenntnis der Werkzeuge in der Kiste – Grammatik, Rechtschreibung und vieles mehr – und zu wissen, wie ich mit ihnen umgehe, sind wichtig, sicher, doch bei aller Kenntnis von Schreibtechniken und Regeln wünscht sich jede Geschichte der Welt, jedes Thema der Welt, jede Idee der Welt von uns Schreiberlingen vor allem eins: Sie will so erzählt werden, dass wir sie lesen wollen. Nenn es Talent.
Ist der Text schließlich zwei- oder dreimal überarbeitet, lasse ich ihn, wenn es die Zeit zulässt, ein paar Tage liegen. Gerne gebe ich in dieser Phase meine Entwürfe auch textsensiblen FreundInnen zum Lesen. Von ihnen erhoffe ich mir vor allem Rückmeldungen zu Stimmigkeit, Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit. Ist der Artikel schließlich fertig, wird er meistens noch von der jeweiligen Redaktion ein klein bisschen bearbeitet.
Zugegeben, ich mag es, meine Texte anschließend in gedruckter Form zu sehen. Nenn es eitel. Ich nenne es Freude am eigenen Schaffen. Freude am kreativen Tun. Und da ist auch große Dankbarkeit für dieses Talent und dass ich in einem Land lebe, wo ich es ausleben kann.
Gedruckte Texte zählen mehr, haben wir verinnerlicht. Gedruckte Texte haben mehr Gewicht. Ich habe ein Buch geschrieben, zählt mehr als zu sagen: Ich schreibe seit acht Jahren ein Webtagebuch. Was ist schon bloggen? Wer liest schon Blogs und wer hat schon Lust, seine Freizeit auch noch am Rechner zu vergeuden – schreibend oder lesend?
Fragen und Gedanken, die mich schon eine ganze Weile beschäftigen. Immer wieder anders. Dieser Tage starte ich mit der Arbeit an einem Auftragsartikel über das Bloggen als neues Genre der Gegenwartsliteratur und der Kunst. Da freu ich mich schon riesig drauf!
Die Preisfrage
Heute bei Freundin L. dies hier gespielt:

Rätsel: Worum handelt es sich? Bei mehreren richtigen (oder falschen) Antworten entscheidet das Los – oder so 🙂
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Bild: iDogma –
Fotografiert mit dem iPhone (Hipsta).
Sinne wach. Sonne ach.
Collage des Tages – siehe vorherigen Artikel.

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
Tradition
Das machen wir bald wieder mal!, sage ich beim Abschied und umarme Freundin T., meine Beinahe-Nachbarin, herzlich. Sie wohnt ja nur fünf Radminuten entfernt. Ein Katzensprung. Das könnte zur Tradition werden, wenn es nach mir geht. Wir lachen.
Ein wunderbarer Spaziergang auf den nahen Hügel, durch die Wälder, an Wiesen vorbei, auf denen alles gelb leuchtet. Sonnentrunkene Löwenzahnblüten dicht an dicht. Wir zwei auf den Spuren des Frühlings. Sonne und kalter Wind, der uns um die Ohren fegt. Überall grün.
Schafe. Bienen. Blüten. Ach, wie habe ich es die letzten Tage vermisst, lustvoll nach draußen gehen zu können. Ich habe den Regen so satt, noch vielmehr die Kälte. Es müsste wärmer sein. Es müsste sonniger sein.
Die Bienen müssten fliegen können, um die Obstbäume, die in Blüte stehen, zu befruchten, denken wir laut. Sonst haben wir im Juni keine Kirschen und im September keine Äpfel.
Stell dir vor, sie tun es nicht? Nur so als Möglichkeit, sage ich. Mich schaudert.
Wie abhängig wir von diesen kleinen Tierchen sind, sagt T., und von der Erde. Und wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen. Ein altes, ein deswegen nicht weniger wahres Bild.
Über Hingabe an die eigenen Projekte reden wir, als wir den nächsten Hügel hochsteigen. Und darüber, wie alle möglichen Pendel in der Gesellschaft immer von einer Seite auf die andere schlagen. Nie zur Ruhe kommend, nie in der Mitte bleibend. Extreme gab es immer. Früher war es das „Wir“, das über allem stand und dem alles geopfert wurde. Insbesondere die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung. Heute ist es das „Ich zuerst!“ mit fettem Ausrufezeichen.
Selbstverwirklichung – ja, gut, will ich ja auch, bin ich dran. Ich finde, es ist eine wichtige Aufgabe, wirklich die zu werden und zu sein, die ich bin. Mich selbst. Doch welchen Preis bin ich und sind wir bereit dafür zu zahlen? Wie viele Opfer dürfen wir bringen, als einzelne, als Gesellschaft?
Ich sehe so viele Kinder ohne Vorbilder, ohne Orientierung, die auf dem Egotrip ihrer Eltern mitsurfen und alles haben, doch nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt.
Da, guck, die Schafe! Ganz zahm sind sie. Wir füttern sie mit dem fetten, blumenreichen Gras von der andern Seite des Zauns. Denn da, ach wir wissen es alle, ist das Gras immer besser, grüner, saftiger.
(Bilder folgen)
Synchronizität
Nach nur fünf Stunden Schlaf – selbst schuld, wieso geht sie auch so spät ins Bett? Nein, nicht selbst schuld, das Buch war’s! – werde ich kurz vor halb acht schon wieder wach. Geweckt von der Stille womöglich und von der inneren Uhr. Ganz langsam. Ich schaue mir zu, wie ich innendrin langsam, wie ein Rechner, hochstarte und wie sich das eine oder andere Programm öffnet und zu arbeiten beginnt. Allen voran das Denken. Denken denken. Immer denkt es.
Kurz nach dem Erwachen sprudeln die Gedanken einfach los. Bilden Sätze, die beinahe spruchreif sind, hochdeutsch meist, so dass ich sie nur noch aufzuschreiben bräuchte. Nur dumm, dass der Akt des Aufschreibens den weichen Gedankenkreis, mein inneres Brainstorming, jedes Mal brüsk unterbricht. Oder auch das Licht. Und der Wecker sowieso. Heute probiere ich etwas neues aus. Ich bleibe ganz ruhig liegen, taste nach der Lesetaschenlampe und lege sie mir auf den Hals und den kleinen ertasteten Notizblock aufs Herz, von einem Kissen gestützt. Wieder schließe ich die Augen. Sie sind meine Türen zwischen innen und außen. Ich will das, was innen ist, nach außen locken, darum horche ich hin und höre, wie die aufgescheuchten Gedanken wieder ruhig werden und sich, wie ich, hinlegen. Kellerasseln unter dem Stein der Nachtgeheimnisse. Ich höre mir zu. Das erste bewusste Wort ist Kopf…mühle. Nur den Anfang und den Schluss des Wortes kann ich lesen. Gekritzelt im Licht der kleinen Lesetaschenlampe bin ich noch schwerer zu lesen als bei Tag. Ich schließe die Augen und atme ruhig.
Auf einmal erinnere ich mich daran, wie ich hin und wieder mit Irgendlink, der dieses Phänomen auch kennt (du und du bestimmt auch?!), diskutiert habe, dass wir uns ein inneres Aufnahmegerät ins Hirn plantieren lassen müssten. Er träumte von einem Gedankenlese-Chip, der ihm die mühsame Notizarbeit abnehmen würde. Nun kritzle ich das Wort Aufnehmen auf den Block und schließe von neuem die Augen. Augenblicklich überfallen mich handfeste Dinge, Pflichten, Zu-tuns, die schon seit Tagen diffus im Hintergrund lauern und darauf warten, gesehen, notiert, umgesetzt zu werden. M. anrufen, schreibe ich. Und mit S. einen Termin ausmachen. Das Fahrrad zum Mech bringen, der unten an der Straße ein Geschäft hat, weil der größte meiner drei Kettenkränze röchelt wie ein asthmatischer Drache. Die anderen Wörter kann ich nicht mehr lesen. Auch sind da keine Erinnerungen mehr, was ich gemeint haben könnte. Was ich da wohl alles verloren habe? Wichtiges? Und dies jeden Tag.
Die Übung ist nicht schlecht, befinde ich, vermerke aber innerlich, dass ich schöner schreiben muss, wenn ich sie wiederholen will. Und mich noch weniger bewegen. Damit die Wörter nicht aus- und davonlaufen.
Nach Yoga und Dusche frühstücke ich und öffne beim Müesliessen Irgendlinks Blog auf dem kleinen iPhone-Display. Mir bleibt die Spucke weg, als ich seinen heutigen Text lese. Wie kann das sein, dass er das gleiche Phänomen – diese Gedankenmühle im Kopf, die wir aufnehmen können sollten – beschreibt, wo wir doch seit Wochen nicht mehr darüber spinntisiert haben?
Synchronizität zum zweiten, oder wohl eher zum ersten war es, als wir uns gestern, praktisch gleichzeitig, selbst fotografiert und uns diese Bilder ebenfalls fast zeitgleich zugemailt haben. Ohne Absprache versteht sich.
Schon früher habe ich über das Phänomen der Synchronizität gebloggt. Darüber, dass ich manchmal an jemanden denke, und er oder sie ruft bald darauf an. Nein, erklären, wissenschaftlich, kann ich das nicht.
Ich stelle mir alles, was es gibt, internetähnlich miteinander verbunden vor. Alle Gedanken und Ideen in unseren Köpfen sind für mich eine Art Energiefäden, die ganz und gar frei sind. Irgendwann finden sie Affinitäten zu Menschen und lassen sich von diesen Menschen dann bereitwillig denken, finden und weiterentwickeln. Ohne aber ihre Freiheit zu verlieren, auch von anderen Menschen gedacht,gefunden und weiterentwickelt werden zu dürfen. Open Source-Programme des inneren Kosmos sozusagen.
Sofasophia tut sich gut
oder Sofasophia genießt das Leben
– Heute habe ich keine Schmerzen! (Dank der vom Arzt verschriebenen Symptomtherapie, der meine Schmerzen als ernstzunehmende Entzündung diagnostizierte, mehrheitlich als Folge einer Erstentzündung, die durch Verkrampfung und Schonhaltung weitergestiegen ist – bis in den Nackenbereich. Therapie: Entkrampfung und Entzündungshemmung durch Schmerzmittelkur … Ich springe über meinen Schatten und nehme die Mittel. Mal gucken, ob mein Körper, so ganz ohne Schmerzen, die entzündeten Teilchen von alleine wieder ent-entzündet und selbstheilt. Er kann das.)
– Heute bekam ich tollen Besuch von Freund M. (1), meinem guten alten WG-Kumpel, und seiner Liebsten S. Schöööön, dass sie nun (wieder) so nahe wohnen. Oder wohl eher ich. 🙂
– Mit tollen Gesprächen mit Irgendlink nach und aus Good Old England.
– Mit Lesestunden auf dem Sofa
– Und jetzt? Winkewinke und ab in die Wanne. Auch eine gute Therapie für Entspannung und Entkrampfung … dazu die neue Züri West-Scheibe hören!
GÖTEBORG … jiippie!
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So eine Art Doppelleben
Nein, Doppelleben ist nicht richtig. Dreifachleben? Hm. Auch nicht, denn das alles bin ich. Viele bin ich, um mal wieder Pessoa zu zitieren.
Ich bin die, die Dokumente verschusselt. Meine Anmeldebestätigung der Einwohnergemeinde habe ich seit Tagen nicht mehr gesehen und schulde sie doch, als Kopie, meiner neu-alten Krankenkasse. Vermutlich bleibt mir nichts anderes übrig, als auf der Gemeinde *göttinwiepeinlich* ein Doppel zu verlangen. Schussel ich!
Ich bin die, die heute nach einem kleinen Einkauf und einem kurzen Besuch auf der Post total erschöpft nach Hause kommt und eine Runde schlafen muss. Die Schmerzen haben mich heute, nach eingehender Internetrecherchen über meine Symptome, doch davon überzeugt, dass ich meinen Nacken, meine Schulter, meinen rechten Arm und mein Handgelenk, die seit Wochen schmerzen und einfach nicht bessern wollen, einem Arzt zeigen sollte. Männlich. Den erstbesten habe ich genommen, nachdem die favorisierte Ärtzin ferienabwesend ist. Mal gucken, was er meint. Hoffentlich ist es nichts chronisches. Ich möchte mich einfach gerne mal wieder normal bewegen können. Und das Fieber ist auch nicht so toll.
Ich bin die, die heute endlich einen richtigen und sogar rechten (nicht linken) Autospiegel erhalten hat (Stammlesende erinnern sich vielleicht an Murphys Tag und Nachspiel). Nun muss er nur noch eingebaut werden. Ach Liebster, wieso bist du auch so weit weg? 🙂
Ich bin die, die ihr eigenes Blog und die eigenen Kommentare beinahe vergisst, weil sie sich so sehr in das Blogprojekt Irgendlinks reinkniet.
Ich bin die, die eigentlich Lust auf Gesellschaft hätte, aber nicht wirklich rausgehen mag. Umso froher bin ich, wenn die Leute zu mir kommen. Wie Freund M. (1) morgen mit seiner Liebsten S.. Da freu ich mich schon sehr drauf.
Ich bin die, die jetzt Feierabend macht. Mit Buch ins Bett, wenn schon der Liebste nicht da ist. Auf den Flügeln der Buchstaben und Wörter reise ich mit Rebecca Gablé durch das England des zwölften Jahrhunderts.
Hiobs Brüder.
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Ein Tag im Leben von …
Gestern habe ich die letzte Umzugskiste ausgepackt, platt gemacht und mit ihren Schwestern und Brüdern zusammengeschnürt in den Speicher unter dem Dach gestellt. Meine Wohnung sieht schon fast gemütlich aus, wenn auch noch ohne Bilder.
Endlich ist das Leben aus Kisten vorüber. Schon beinahe vergessen sind die ersten Tage, wo ich ständig etwas suchte und Kistenberge umstapeln musste, um das Ersehnte zu finden. Zum Glück waren die Dinger angeschrieben. Nicht im Detail, aber nach Thema und Raum. Ein nächstes Mal könnte ich eine Exceltabelle von den Kisteninhalten machen und die Kisten entsprechend der Liste einfach nummerieren, denke ich. Wenn ich etwas suche, kann ich einfach die Liste mittels Suchfunktion scannen um das Ding zu finden. Denke ich. Denn die Zeit zum Listenschreiben hat frau definitiv nicht, wenn sie im Umzugsflow gefangen ist. Gefangen vom Takt der Zeit. Ticktackticktack. Noch zwei Wochen. Noch eine Woche. Noch zwei Tage. Und auf einmal saß ich im Auto Richtung Schweiz. Und nun sitze ich hier und habe heute Morgen die letzte Lampe aufgehängt.
Dass ich nach einem Umzug so viel Erholungszeit brauche, ist neu. Auch dass ich vierzehn Tage brauche, um alles auszupacken. Was nicht mit der Menge, sondern mit meinem Tempo zu tun hat. Zugegeben, die Langsamkeit hat auch mit meinem Zweitjob zu tun. Neben dem Job als Wohnungseinrichterin auf Zeit bin ich ja – wie Stammlesende wissen – auch Kunst-Reise-Blog-Redakteurin auf Zeit. Im Irgendlink-Blog. Das erfüllt mich noch immer mit großer Freude, einen besseren Job gibt es kaum. Am schönsten jedoch ist es, wenn ich grad dabei bin, einen Artikel mit Bildern zu gestalten und just dann der Liebste kostenloses Wlan entdeckt und dank Skype von seinem iPhone aus meins anrufen kann. Hallo, hörst du mich? Nach etwa zehn Sekunden Rauschen und Geknister in der Leitung können wir beide ja sagen.
Ja, ich höre dich, wo bist du?
Ja, ich höre dich, wie geht es dir?
Mein Herz klopft jedes Mal (wild, laut, heftig, rosarot und so) wenn ich seine Stimme höre und noch immer, auch nach bald drei Jahren noch, weiß ich mich in solchen Momente siebzehnjährig, alterslos, glücklich.
Kaum haben wir uns, eine ganze Weile später, wieder verabschiedet, klingelt das Telefon von neuem. Freund M. (2) sagt hallo und erzählt sonst noch ein paar Sachen aus seinem Leben. Wir haben uns lange nicht mehr gehört. Gesehen noch viel länger. Eine ganze Stunde geht so vorbei und die Bilder aus England, die ich für Irgendlink bloggen wollte, hängen noch immer im Bearbeitungsmodus fest. Soeben wird mir vom Stellensuchsystem eine offene Stelle zugemailt. Ich schreibe eine Bewerbung und verschicke sie online, damit das auch vom Tisch ist.
Auf einmal fühle ich mich fiebrig. Da ruft Lieblingsbruder P. zum zweiten Mal an und gibt Entwarnung. Er arbeitet in der Nähe und hatte eine Autopanne. Ob ich ihm allenfalls mein Auto leihen oder ihn von S. nach B. fahren könnte, hatte er vor zwei Stunden gefragt. Kann ich, natürlich, hatte ich gesagt. Inzwischen hat der Pannendienst ein Ventil ausgewechselt, sagt er, und alles ist wieder gut. Gut, sage ich. Denn mit Fieber ist nicht gut autofahren.
Die Mail von Freundin R., die ich nun öffne, berührt mich sehr. Sie arbeitet an einem Buch, das unter anderem ein Interview mit mir enthält. Ich dürfe den rohen Text über unser Gespräch, den sie mir zur Kontrolle des Inhalts gemailt hat, gerne nach Gusto lektorieren und redigieren, bietet sie mir an. Und die anderen Texte, wenn ich wolle, auch gleich. Gerne. Nur leider könne sie mir nichts zahlen. Hm. Sie ist auch nur eine arme Schriftstellerin wie ich, denke ich. Schlaf drüber, sagt eine innere Stimme. Okay, sage ich. Mache ich. Schlafen. Später aber erst, denn noch immer hängen die Bilder von England in der Leitung. Ich stehe kurz auf und hole Wasser. Das Probe-Yoga habe ich zum Glück verschoben, auf nächste Woche. Will da nicht mit Fieber und entzündeten Sehnenscheiden hin, sage ich mir, während ich endlich Irgendlinks Bilder publiziere.
Dabei wollte ich doch bloß ein kleines Artikelchen bloggen, als ich heute Mittag den Laptop startete. Und jetzt ist schon sechs Uhr vorbei. Und der Blogtext, den ich schreiben wollte? Grad war der Zettel doch noch da, worauf ich mir notiert hatte, worüber ich bloggen will. Parallelen stand drauf, meine ich mich zu erinnern. Was noch? Vergleichen?
Vergessen, so las ich gestern irgendwo, vergessen sei überlebenswichtig. Oder so. Weil wir uns gar nicht alles merken können. Und auch nicht müssen, vermutlich, doch den Rest des Textes habe ich … schon wieder vergessen.
Die rote Bank
Genau hier war es. Vor zweiunddreißig Jahren muss es gewesen sein.

Hier, auf dieser Bank, die inzwischen bestimmt einige Male frisch gestrichen worden ist, habe ich damals gehockt. Ein bisschen geschlottert habe ich. Vor Müdigkeit und weil es so früh war. Hier, auf dieser roten Bank, schrieb ich damals jenen vermaledeiten Schulaufsatz. In der dritten Bez. muss es gewesen sein (was ungefähr der neunten Gymiklasse in Deutschland entspricht).
Maimorgen war der Titel dieses zu schreibenden Aufsatzes und eine Bedingung dazu war unumstößlich: vor Sonnenaufgang sollte der Schreibplatz, draußen in der Natur, aufgesucht werden. Und dort sollen wir mindestens eine Stunde sitzenbleiben. Beobachten und beschreiben, wie die Natur erwacht. Ein edles Ansinnen unsres Deutschlehrer, doch ein Rudel Fünfzehnjährige für solcherlei zu begeistern? Na ja. Hätte ich nicht den Aufsatz meiner drei Jahre älteren Schwester lesen dürfen, die – man ahnt es – beim gleichen Deutschlehrer ihre Zeit abgehockt hatte, wäre die Sache womöglich übel ausgegangen, denn ich hatte verschlafen. Die Sonne war schon aufgegangen, als ich auf dieser roten Bank hier Platz nahm. Mit dem Schreibblock in der Hand (nicht mit dem iPhone, in das ich jetzt diese Zeilen hacke und von dem ich damals noch nicht mal träumte) schrieb ich über die Geräuschkulisse und das sich verändernde Licht. All dies hat sich seither wohl kaum verändert.
Dörfer und Bäume sind einfach da. Zuweilen wachsen sie, wie mein Dorf hier, ein wenig oder viel. Und da und dort stirbt ein Baum, wird ein Haus abgerissen. Seltsam ist es mir zumute, die ich heute, als Bluestherapie, auf meinen alten Wegen gehe.
Die riesige Tanne, zu deren Füßen wir damals die Urnen unserer Eltern beigesetzt haben, ist gefällt worden. Ich erkenne den Platz nicht mehr mit Sicherheit. Kurz macht mich das traurig, doch schon schieben sich Erinnerungen an Sonntagsspaziergänge durch diesen Wald hier vor meine geistigen Augen. Das nächste Dia. Spaziergänge, bei welchen mir mein Vater, ziemlich erfolglos allerdings, versuchte die Namen der Bäume beizubringen. Erfolgreich war nur sein nicht deklarierter Wunsch, mir seine Liebe zu den Bäumen und zum Wald zu vermitteln.
Ich bleibe immer wieder stehen, spüre hin, was diese altbekannten Wege mit mir machen, die ich mit unsern Hunden früher fast täglich gegangen bin. Und nun schon so lange nicht mehr. Auf einmal bin ich wieder fünfzehn und schaue mich nach unserem Hund um. Komm her, komm bei Fuß. Das Waldstück, wo wir unsere Baumhütte gebaut und Niele geraucht haben, besuche ich das nächste Mal.
Oh weh, das Hexenhäuchen und das Haus vom alte Pfiifejokeb sind weg. Beide abgerissen worden und Neubauten gewichen. Das Rad der Zeit. Das „Neue Schulhaus“ feiert auch schon bald vierzigjähriges Jubiläum, rechne ich vor mich hin. Und die Hühnerfarm gackert zwar noch immer, hat aber längst auf nette Tierhaltung umgestellt.
Was wohl aus Freundin U. geworden ist, mit der ich meine erste Zigarette geraucht habe. Und Ch., mein Erstgeküsster – ob es ihm gut geht?
Eben hatte ich mich unversehens in „meinen“ geliebten Berner Könizberg-Wald versetzt gefühlt und vor mir, links zwischen den Bäumen, den Gurten, Berns Hausberg, zu sehen erwartet. Ein universelles Gefühl macht sich in mir breit. Gerade eben könnte ich überall sein. Doch durch meine Wahl bin ich genau hier. Wo der Gurten wäre – wenn ich jetzt woanders wäre, meine ich – sehe ich nun die drei Schlösser. Eins nah, die beiden ein bisschen weiter weg. Auf sanften Hügeln. Weichhügliges Juraland auf hartem, kalkigem Gestein.
Ich nehme Abkürzungen, als wäre ich nur ein paar Wochen weg gewesen. Atme tief, sauge das Grün und die Waldluft in mich auf.
Meistens kritele ich ja an meiner verkorksten Kindheit herum, doch wie ich heute betrachte und mich erinnere, wie idyllisch ich im Grunde aufgewachsen bin, weicht meine innere Zensorin ein paar Meter zurück und macht Dankbarkeit Platz. Die Erinnerungen ein bisschen zu schönen, schadet hier sicher nicht.
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
Von Tee, Wein und Tabubrüchen
Wie ich gestern mit dem Rad zum nahen orangefarbenen Groß-M fahre, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen, treffe ich Freundin T..
Komm doch auf eine Tasse Tee vobei!, sagt sie, was ich nach dem Einkaufen auch tue. Angeregte Gespräche, wie immer, auch mit ihrem Mann P.. Auf dem Heimweg bringe ich das Schmunzeln in meinem Gesicht nicht mehr weg. So nahe von zwei so tollen Menschen zu wohnen, ist einfach ein Geschenk. Und macht meine zeitliche Trennung vom Liebsten, mein Stohwitwentum, ein bisschen erträglicher.
Tun und lassen, was ich will, ja das kann ich!, sage ich einige Stunden später. Ob das eher einfach oder eher schwierig ist, fragt Freundin R., die in der nahen Kleinstadt wohnt und mich spontan am Abend besucht. Wir trinken Wein und sofasophieren über Göttin, die Welt und die Männer. Wie früher oft, doch nun schon eine ganze Weile nicht mehr. Die Männer, ja. Und nein, keine Details, nur dies: R. orientiert sich in ihrer langjährigen Beziehung neu, so neu, dass das Alleinsein für sie zur neuen, ungewohnten, großen Herausforderung wird.
Ich, die ich neben aller geschätzten Geselligkeit, Alleinsein unbedingt für mein Wohlergehen brauche, verstehe dennoch, wenn sie sich wundert, dass ich einen Sonntag, dazu einen Ostersonntag, allein mit mir verbringen will. Als Familienfrau natürlich eine berechtigte Frage. Ob es nun einfach oder schwierig ist, nirgends angebunden zu sein – freiwillig oder durch familiäre Verpflichtungen – ist nicht so einfach zu beantworten. Ich bin jedenfalls lieber freiwillig allein als unfreiwillig ständig mit Menschen zusammen. Und ebenso gerne bin ich freiwillig mit tollen Menschen zusammen.
Ich frage mich, warum sogar ich besonders an Feiertagen mein selbstgewähltes Alleinsein eher seltsam finde. Nein, nicht schwierig, jedenfalls nicht aus meiner Sicht. Nur, wenn ich mein Leben von außen betrachte. So wie andere mich sehen. Obwohl das ja eigentlich egal ist. Sein sollte. Ach, jetzt bin ich wieder in die Falle des Michrechtfertigenmüssens gepurzelt.
Fakt ist: Alleinsein ist ein kleines Tabu in unserer Gesellschaft. Ein Makel. Auch Stille. Wir tun so vieles, um ja bloß nicht ein paar Stunden still und mit uns allein sein zu müssen. Dabei nährt mich doch beides so sehr.