Synchronizität

Nach nur fünf Stunden Schlaf – selbst schuld, wieso geht sie auch so spät ins Bett? Nein, nicht selbst schuld, das Buch war’s! – werde ich kurz vor halb acht schon wieder wach. Geweckt von der Stille womöglich und von der inneren Uhr. Ganz langsam. Ich schaue mir zu, wie ich innendrin langsam, wie ein Rechner, hochstarte und wie sich das eine oder andere Programm öffnet und zu arbeiten beginnt. Allen voran das Denken. Denken denken. Immer denkt es.
Kurz nach dem Erwachen sprudeln die Gedanken einfach los. Bilden Sätze, die beinahe spruchreif sind, hochdeutsch meist, so dass ich sie nur noch aufzuschreiben bräuchte. Nur dumm, dass der Akt des Aufschreibens den weichen Gedankenkreis, mein inneres Brainstorming, jedes Mal brüsk unterbricht. Oder auch das Licht. Und der Wecker sowieso. Heute probiere ich etwas neues aus. Ich bleibe ganz ruhig liegen, taste nach der Lesetaschenlampe und lege sie mir auf den Hals und den kleinen ertasteten Notizblock aufs Herz, von einem Kissen gestützt. Wieder schließe ich die Augen. Sie sind meine Türen zwischen innen und außen. Ich will das, was innen ist, nach außen locken, darum horche ich hin und höre, wie die aufgescheuchten Gedanken wieder ruhig werden und sich, wie ich, hinlegen. Kellerasseln unter dem Stein der Nachtgeheimnisse. Ich höre mir zu. Das erste bewusste Wort ist Kopf…mühle. Nur den Anfang und den Schluss des Wortes kann ich lesen. Gekritzelt im Licht der kleinen Lesetaschenlampe bin ich noch schwerer zu lesen als bei Tag. Ich schließe die Augen und atme ruhig.
Auf einmal erinnere ich mich daran, wie ich hin und wieder mit Irgendlink, der dieses Phänomen auch kennt (du und du bestimmt auch?!), diskutiert habe, dass wir uns ein inneres Aufnahmegerät ins Hirn plantieren lassen müssten. Er träumte von einem Gedankenlese-Chip, der ihm die mühsame Notizarbeit abnehmen würde. Nun kritzle ich das Wort Aufnehmen auf den Block und schließe von neuem die Augen. Augenblicklich überfallen mich handfeste Dinge, Pflichten, Zu-tuns, die schon seit Tagen diffus im Hintergrund lauern und darauf warten, gesehen, notiert, umgesetzt zu werden. M. anrufen, schreibe ich. Und mit S. einen Termin ausmachen. Das Fahrrad zum Mech bringen, der unten an der Straße ein Geschäft hat, weil der größte meiner drei Kettenkränze röchelt wie ein asthmatischer Drache. Die anderen Wörter kann ich nicht mehr lesen. Auch sind da keine Erinnerungen mehr, was ich gemeint haben könnte. Was ich da wohl alles verloren habe? Wichtiges? Und dies jeden Tag.
Die Übung ist nicht schlecht, befinde ich, vermerke aber innerlich, dass ich schöner schreiben muss, wenn ich sie wiederholen will. Und mich noch weniger bewegen. Damit die Wörter nicht aus- und davonlaufen.
Nach Yoga und Dusche frühstücke ich und öffne beim Müesliessen Irgendlinks Blog auf dem kleinen iPhone-Display. Mir bleibt die Spucke weg, als ich seinen heutigen Text lese. Wie kann das sein, dass er das gleiche Phänomen – diese Gedankenmühle im Kopf, die wir aufnehmen können sollten – beschreibt, wo wir doch seit Wochen nicht mehr darüber spinntisiert haben?
Synchronizität zum zweiten, oder wohl eher zum ersten war es, als wir uns gestern, praktisch gleichzeitig, selbst fotografiert und uns diese Bilder ebenfalls fast zeitgleich zugemailt haben. Ohne Absprache versteht sich.
Schon früher habe ich über das Phänomen der Synchronizität gebloggt. Darüber, dass ich manchmal an jemanden denke, und er oder sie ruft bald darauf an. Nein, erklären, wissenschaftlich, kann ich das nicht.
Ich stelle mir alles, was es gibt, internetähnlich miteinander verbunden vor. Alle Gedanken und Ideen in unseren Köpfen sind für mich eine Art Energiefäden, die ganz und gar frei sind. Irgendwann finden sie Affinitäten zu Menschen und lassen sich von diesen Menschen dann bereitwillig denken, finden und weiterentwickeln. Ohne aber ihre Freiheit zu verlieren, auch von anderen Menschen gedacht,gefunden und weiterentwickelt werden zu dürfen. Open Source-Programme des inneren Kosmos sozusagen.

0 Kommentare zu „Synchronizität“

  1. Sehr treffend beschrieben, diese immer wieder zuschlagende Tür, zwischen innen und außen, und wie man sie doch immer wieder einen Spalt breit öffnen kann. Dann werde ich jetzt mal schauen, was synchron dazu geschrieben wurde 😉

  2. Die morgendliche Gedankenmühle, seufz, wie gut ich das kenne. Von einer Art Eciture Automatique habe ich auf Grund meiner saumäßigen Schrift bis dato abgesehen, aber der Gedanke ist mir schon gekommen. Ich versuche es einfach einmal.
    Im Großen und Ganzen hast du meinen Morgen beschrieben. 🙂 Alles Liebe Karin

  3. danke ihr beiden.
    ach, diese türen aber auch immer und immer wieder. diese grenzen.
    mützenfalterin, ich habe irgendwie, beim korrekturlesen, ganz fest an dich gedacht. weil du neulich über was Wer? deiner sprache nachgedacht hast.
    denken ist schon was ganz und gar verrücktes irgendwie.
    liebe grüsse euch
    soso

  4. SO, wie du es beschreibst schreibe ich manchmal des nächtens meine träume auf… und am morgen sind es eben die morgenseiten… es braucht manchmal den flow aufzugreifen, weil sich anderes dazwischenschiebt, und dann rollt es eben doch und ja, manchmal ist sogar etwas brauchbares dabei – augenzwinkerndlach –
    wie gerne ich dich doch immer wieder lese!!!
    ach ja und die synchronizitäten… die neurobiologie weiß sie doch tatsächlich mittlerweile zu erklären. weil die wiisenschaftlerInnen immer feineres, immer kleineres messen können… da hörte ich einst einen vortrag, der ungefähr so ging: wenn menschen besonders miteinander verbunden sind, aber im realen leben viele tausend kilometer voneinander entfernt sind, aber just an einen denken, dann registriert doch tatsächlich unser gehirn, die nervenzellen, in einem millionstenbruchteil dieses an-mich-denken und umgekehrt und so entstehen die anrufe und bilder zur gleichen zeit… den liebenden zur freude… nun, ist das natürlich auch zwischen anderen menschen (also nicht nur liebespaaren) so, die, wie auch immer noch miteinander verbunden sind… und so hast du selbst doch ein wunderbares bild geschaffen, für das, was wissenschaftlerInnen messen…
    eigentlich sind sie ja wunderdiebe, denke ich gerade… was eben noch für uns unerklärbar und einem wunder gleich war, bekommt gerade nun eine nüchterne erklärung… schade eigentlich ;o)

    1. morgenseiten hab ich lange auch geschrieben. hm. meistens mag ich es ja einfach, ganz langsam und ganz achtsam zu erwachen … das festhaltenwollen/-müssen hab ich nicht täglich.
      daanke 😉

  5. Hast Du beim Aufwachen das Teledings schon neben Dir? Sprachaufzeichnung ist damit doch auch möglich, oder?
    (Ich mach das manchmal mit meinem OGG-Player – Ogg is sowas wie mp3, nur frei.)

  6. Diese Gedankenblitzgewitter kommen bei mir oft abends, da hab ich die besten Einfälle und schreibs inzwischen auch schnell auf. Deshalb hab ich in allen Zimmern hier irgendwo ein Notizbüchlein herumliegen. Dass du aber – selbst auf die Entfernung hin – die selben Gedanken über die Gedanken hast wie Irgendlink – das erlebt man ja manchmal, und es ist immer ein bezauberndes Gefühl. Zu manchen Menschen gehört man, auch wenn die Körper getrennt sind, und das – wie schön – kann einem niemand nehmen. 🙂

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