Ein paar Sätze nur

Vertrauen ist gut – vernichten ist besser
(gelesen im Büro in einer Werbung für Schredder)

Irre! Wir behandeln die Falschen – unser Problem sind die Normalen
„Um die Normalen zu verstehen, muss man erst die Verrückten studiert haben.“
(gelesen in einer Buchbesprechung zu gleichnamigem Buch)

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Ach ja, so Sätze. Überall lauern sie und warten darauf gesehen zu werden. Kein schlechtes Blogthema: Ich lese was, was du nicht liest. Und ja, auch über meine Delete-Taste könnte ich bloggen. Über die Macht einer kaputten Delete-Taste auf ihren Menschen. Was frau erst so richtig merkt, wenn das Kunststoffteilchen fehlt, das diese Taste bis dahin behütet hatte. Bis neulich ein Buch auf den Laptop gefallen ist. Über die Wichtigkeit des Löschvorganges … Ja, darüber könnte ich bloggen. Könnte. Aber eigentlich bin ich zu müde. Muss außerdem noch packen, für morgen, fürs Pfalzweekend. Und Tagebuchschreiben will ich auch endlich mal wieder. Die Atemlosigkeit der letzten Tage – sie lässt mich nach Luft schnappen, heißt mich inne halten, heißt mich, in mich zu gehen, heißt mich Tagebuch schreiben wollen. Und heißt vor allem, mich innerlich zu entschleunigen. Rückblicken. Stillstehen. Anlauf holen fürs nächste Stück. Leben fühlt sich im Moment sehr prall, sehr schnell, sehr lebendig, sehr farbig an.

So farbig wie die letzte Viertelstunde heute kurz vor Feierabend. Kollegin A.s Gäste trudeln ein, Programmteilnehmende. Aus Afrika, aus Sri Lanka, aus Palästina sind sie gekommen. Nicht heute, früher irgendwann, mit kaum mehr als dem, was sie auf dem Leibe trugen. Da ich noch im Büro bin, begrüße ich die teils bekannten, teils unbekannten Menschen. Frage V., ob er in sechseinhalb Wochen Zeit und Lust hat, mir beim Umzug zu helfen, beim Laden. Eben aus Indien zurückgekehrt, wo er, vermutlich ein letztes Mal, seine sterbende Mutter besucht hat, ist er nun froh um jeden noch so kleinen Job, der ihm hilft, sein privates Darlehen für die Flugkosten zurückzuzahlen. Seine Frau J., über deren leuchtende Augen ich bereits an anderer Stelle gebloggt habe, freut sich, dass sie mir Ende März beim Putzen meiner Wohnung helfen und einen Batzen dazuverdienen kann. Bald werde ich ebenfalls Ausländerin sein, denke ich, als ich auf dem Rad nach Hause fahre und mich freue, dass es um halb sechs noch hell ist.

Zuhause – auf meinem Crosstrainer den übervollen Tag und den Kater vom gestrigen weinseligen Abend mit G. und S. abschüttelnd – denke ich seltsam dankbar über meine kleinen Probleme nach. Über kaputte Delete-tasten uns so Sachen.

Häppchen nur

Mit Stairway To Heaven im Ohr zur Post gefahren. Glücklich pfeifend das Postfach geleert. Im Büro relativ lustvoll das Lektorat eines Jahresberichtes angepackt und sonst ein paar nützliche Dinge erledigt. In der Mittagspause an den vom Liebsten gedeckten Tisch gelotst worden, der für eine Stunde mit mir extra seine heutige Strassen-von-Bern-Fotoarbeit unterbrochen hat. Danach die zweite Hälfte des Nachmittags frei gefeiert, denn Irgendlink und ich hatten uns in der Lorraine verabredet, um noch mehr Bilder zu sammeln.

Ach, könnte ich doch jedes Ding, das mir gefällt, einfach ablichten, seufze ich später auf dem Heimweg. Es ist blue hour und ich bin eigentlich ganz froh, dass das nicht geht. Diese ganz speziellen Schlagschatten eines Wegweiserkreuzes, von der Abendsonne an die Wand gemalt, auch J. hat sie gesehen. Andere laufen achtlos an ihnen vorbei, an diesen Alltagskunstwerken, die sich genau so wie jetzt und hier niemals mehr zeigen. Spinnerin ich, sehe überall Perlen, wohin ich auch blicke!

Wieso fotografiere ich?, frage ich vorhin, während wir beide an unseren Notebooks sitzen und die Bilder des Tages auf unsere Speichermedien laden.
Weil es dir Spaß macht,
sagt Irgendlink und klickt weiter, baut Panoramen und sortiert die Bilder des Tages.
Hm, ja, schon …, sage ich, aaaber … da ist mehr. Es ist wie mit dem Schreiben. Es ist dieser Wunsch, die große weite Welt ein klein bisschen besser zu verstehen, in dem ich sie fasse, s
ie zu zähmen versuche. Als großes Ganzes ist sie unerträglich. In kleinen Portionen wunderbar.

Hier ein paar Häppchen von gestern und heute … allesamt mit dem iPhone aufgenommen. Für die Sichtung der Nikon-Bilder ist der Feierabend zu kurz … 🙂

Bild oben: Gestern, bei der Großen Schanze …

Heute im Lorrainequartier …

Gleich um die Ecke vom Eisbärchen, auf der Eisenbahnüberführung …

Im Breitenrain, gegenüber der Johanneskirche …

Ali und die Tannenbäume

Wenn ich mit dir unterwegs bin, erlebe ich ständig irgendwelche schrägen Sachen!, hatte ich neulich mal zu Irgendlink gesagt. Und kaum hatten wir heute Nachmittag das Haus verlassen, ging es auch schon wieder los.

Bereits im Treppenhaus hatte ich eine laute Stimme gehört. Woher sie kam, wurde mir allerdings erst klar, als ich das Haus verließ. Ein junger Mann telefonierte unmittelbar neben dem Fahrradabstellplatz bei unsern Rädern. Lautstark und in gebrochenem Deutsch. J. stand neben seinem Fahrrad, das er nur unter Verrenkungen hatte aufschliessen können, da der junge Typ keinen Zentimeter Platz gemacht habe, sagte er später. Nun erzählte der junge Mann seiner Gesprächspartnerin, was er für ein toller Hecht sei, wie trinkfest und gegenüber Schlägereien geradezu immun. Nein, nein, alles sei in Ordnung. Während ich mein Fahrradschloss öffnete, hielt er J. sein Handy ans Ohr. Ohne zu zögern improvisierte mein Liebster und parlierte mit der Lady am anderen Ende der Welt. Sagte, dass er ein Passant sei und dass er Ali, so hatte sich der junge Mann vorgestellt, nicht kenne. Und tschüss. Schon plauderte Ali weiter und weiter, halb ins Telefon, halb mit uns, und begleitete uns sogar bis zur Straße. Er pries J. seine Schwester an – die Frau am anderen Ende? –, die mindestens ebenso gutaussehend sei wie er. Sie suche einen gute Mann. Hier mischte ich mich doch endlich ins Männergespräch ein und klärte Ali darüber auf, dass Irgendlink doch schon eine Partnerin habe. Von ihm nur ein resigniertes Schulterzucken …

Noch immer grinsend durchquerten wir zehn Minuten später das Länggassquartier. Was ist denn das? Wandelnde Tannenbäume, die die Straße überqueren? Aber hallo, was haben wir denn heute gefrühstückt? Wir reiben uns die Augen. Tannenbäume auf Beinen? Was haben bitte sehr Tannenbäume im Februar mitten in der Stadt verloren?

Vor dem Hallerbistro nahmen sie schließlich Stellung auf, die Tannenbäume, samt Beinen und Köpfen darunter und dahinter. Mit Gitarren- und Bassgeigebegleitung wurde nun gar ein ziemlich schräges Liedlein dargeboten, das eine junge Frau hingebungsvoll dirigierte. Eine auf der gegenüberliegenden Straße aufgebaute Kamera nahm die kleine Performance auf. Samt unserm Applaus.

Lachend. Kopfschüttelnd. Grinsend … So fuhren wir weiter. Das Ziel unserer Radtour war klar: Neue Eindrücke von Bern und weitere Bilder für Irgendlinks Bern-Kunstprojekt „Die Straßen von Bern“ sammeln. Auf der Großen Schanze wer-weißten wir, ob wir heute nochmals in die Lorraine oder einfach drauflos fahren sollten. Wir beschlossen, uns laufend, bei jeder Gabelung, neu zu entscheiden. Rechts, links, mittendurch. So ließen wir uns treiben und ich entdeckte einmal mehr in meiner vertrauten Stadt unbekannte Ecken und ein noch nie begangenes Stück Aareweg. Wir blieben auf der linken Aareseite und stiegen Richtung Rossfeld auf um über die Felsenau, den Seftausteg und die Neubrügg schließlich wieder in bekanntere Gefilde, den Bremgartenwald, einzutauchen.

Ach, was haben wir für tolle Bilder gemacht! Vielleicht zeige ich demnächst ein paar …
Für heute erst einmal ein paar wandelnde Tannenbäume …

Draufklick macht das Bild groß.

Zu Irgendlinks Artikel: hier klicken!

Einmal Himmel retour, bitteschön …

Nach einem Besuch in Lenzburg lockt die Sonne Irgendlink und mich auf den nahen Berg Hügel … In den Himmel, besser gesagt, wir wollen ja nicht untertreiben. … doch zuerst gilt es, auf der Erde ein Stück voranzukommen. Hierlang:

Nein, wirklich … das ist alles gaaanz anders, als du es dir denkst!

Da hoch zu steigen ist fast ein bisschen wie nach Santiago pilgern …

… und so ist die Sicht vom selbsternannten Himmel aus … (gegenüber das Schloss Lenzburg …)
(mit der HDR-App auf dem iPhone fotografiert …)

Schade nur, dass wir den Himmel wieder verlassen mussten … Nein, die haben uns nicht rausgeschmissen da oben, wir sind selbst geflüchtet. Die Kälte drängte uns zum Abstieg. Und zu essen gab es auch nichts. Was für ein Himmel aber auch …!

Tipp: Bilder werden durch Anklick groß.

heute

Eigentlich, sagt meine Freundin C., eigentlich ist niemand wirklich frei. Niemand! Alle sind wir doch an unsere im Laufe des Lebens heruntergeladenen Programme gebunden. Sie diktieren unser Handeln. Wir alle sind eben irgendwo irgendwie aufgewachsen und alle sind wir irgendwo und irgendwie imprägniert mit christlichen, ethischen, sozialen, asozialen oder sonst wie scheinheiligen Verhaltensmustern, nach denen wir handeln oder ein Handeln verweigern. So ist niemand frei von irgendeiner Doktrin. Freie Meinungsbildung ist eine Illusion.

Ja, eigentlich wäre wirkliche Freiheit das totale Wegfallen jeglicher Prägungen, denke ich. Ob eine solche Freiheit erstrebenswert ist oder nicht, ist eine andere Frage. Wie frei wären wir wirklich ohne jegliches Grundgefühl für Werte?
Aufpassen, Sofasophia, nicht werten ist das Gebot des Zeitgeistes, nicht verurteilen! Was weißt du schon, wie andere ticken?

Urteilen oder gar verurteilen will ich nicht, nein, mich nicht und andere auch nicht, dennoch will ich meinen Werten, meiner Spur von Gut und Böse, von Richtig und Falsch, weiterfolgen. Ob sie nun richtig oder falsch ist. Wer anders als ich, kann das für mich bewerten? Schon wieder Wertung? Nein, nicht aus Prinzip folge ich meiner Spur, das nicht, doch mit einer mir eigenen Konsequenz, die wohl zu meinem Überlebensstrategien-Repertoire gehört, handle ich, ruhe ich, lebe ich so gut ich kann. Auch auf die Gefahr hin, deshalb nicht wirklich, nicht ganz frei zu sein. Ja, mir selbst will ich gehorchen. Und gehören. Gleicher Wortstamm. Diese Unfreiheit gönne ich mir. So ähnlich debattiere ich in unserer Unfreiheitsdebatte mit C. und bestätige damit ihre These.

Und ich weiß auch, dass ich eben – wie sie sagte – nicht nur mein Lied, sondern auch jenes meiner Gesellschaft, jenes meines Umfeldes zwitschere. Habe ich denn eine Wahl? Und ist die Aussage, dass ich lebe, wie ich lebe, ist, weil ich so leben will, wirklich wahr oder ein fauler Kompromiss?

Früher haben solche Gedankenketten wahre Abgründe in mir aufgerissen und sind zu immer neue Aspekten herangewachsen, die mich von innen und von außen zugleich aufgefressen und sich gar angemessen haben, zu bahaupten, stärker zu sein als ich. Heute kann ich solcherlei denken ohne zu stolpern. Neu gewonnene Freiheit oder eher Resignation und Kompromissbereitschaft? Können wir wirklich kompromisslos leben?

Ist vielleicht wahre Freiheit der Verzicht darauf, jederzeit zu tun und zu lassen, was ich will, stattdessen das zu tun, was jetzt genau die Situation, die Umstände, das Leben um mich her und in mir drin verlangen? Freiheit sei der freie Wille, jederzeit auf das aktuelle Leben zu reagieren.

Vielleicht.

Ist Erfahrung alles?

Erfahrung ist alles, sagst du?, sagte er und zuckte die Schultern. Abschätzig ein bisschen, ein bisschen arrogant auch und überheblich war sie, diese Geste. Erfahrung? Pah, Erfahrungen! Das ist es, was zählt. Weißt du, ich habe da so meine Erfahrungen. Ein zweideutiges Zwinkern, dann ein noch mehrdeutigeres Grinsen.

Erfahrung ist alles, hast du gesagt?, sagte sie. Ihre grauen Haare schimmerten im Winterlicht, das hinter ihr durchs Fenster drang und verliehen ihr eine Art Heiligenschein. Nicht unpassend, dachte Veronika.
Erfahrungen sammeln ist tatsächlich viel. Und wichtig.
Sie verlieh ihren Worten Nachdruck, in dem sie auf die Bilderahmen an der Wand deutete. Zeitungsartikel, die sie geschrieben hatte, hinter Glas. Damals. Früher, als sie noch Erfahrungen sammeln konnte. Als sie noch reisen konnte. Noch nicht auf dieses Zimmer hier reduziert war. Obwohl … sammelte sie denn heute keine Erfahrungen mehr? Ein kleines Lächeln nur. Zuerst zuckte es bloß in ihren Mundwinkeln. Dann zerfurchte es die Wangen und die Augenwinkel und erfüllte schließlich den ganzen Raum. Erfahrungen, ja, Erfahrungen sind viel wert. Gute. Schlechte. Die letzte wartet noch. Aber noch wichtiger ist, glaub mir, meine Liebe, noch wichtiger ist, was wir mit ihnen anfangen.

Ausgleich

An jedem Monatsersten zähle ich das Geld in unserer Kasse, vermerke feinsäuberlich alle Ausgaben im Kassenbuch, alle Ein- und Ausgänge im Postkonto-Buch und stelle eine abschließende Kostenrechnung für den vergangenen Monat auf. Ertrag. Aufwand. Alles feinsäuberlich nach zig Konten und sieben Kostenstellen getrennt. Alles feinsäuberlich gezählt und feinsäuberlich geordnet. Und es geht immer auf. Ehrlich! Immer! Darum liebe ich Buchhaltung ja so: sie ist vorhersehbar. 🙂

Außer gestern. So kurz vor dem freien Nachmittag hätte ich gerne gesehen, wie meine kleine doppelte Buchhaltung – einer Schalenwaage  gleich – in der Mitte stehen bleibt, aufgeht. Wie immer. Für einmal blieb mir dieses Glück verwehrt und ein hartnäckiges Minus von hundertzweiundneunzig Franken ließ meine Waagschalen heftig wanken. Es tauchte seltsamerweise sowohl bei der Soll-Haben-Aufstellung als auch in der Kasse auf.

Heute Vormittag zählte ich also erneut das Geld in der Kasse. Ein drittes, ein viertes Mal. Und ich überprüfte die Eingänge, die Ausgänge, die Richtigkeit aller Belege. Rechnete alles mit dem Taschenrechner nach, weil ich Excel misstraute. Ich überprüfte alle automatischen Formeln und überlegte, ob wohl Merkur rückläufig durch die Himmel kurve, aus purer Langeweile, um mich zu narren. Tut er aber beides nicht. Schließlich zweifelte ich ein klein bisschen an meinem Verstand, dann fragte ich bei allen Kolleginnen nach, ob sie mir wirklich alle Belege abgegeben hätten. Ja, sagten alle und überschütteten mich mit Tipps. Und ich suchte, forschte, grübelte, überlegte weiter und weiter …

Irgendwann kam ich auf die Idee, mir die Konsolidierung des letzten Monats anzuschauen. Auf einmal die Erkenntnis: Bei der Eröffnung des neuen Kassenbuches hatte ich – wie immer – das alte File von letztem Jahr geleert und überschrieben. Geleert? Eben nicht! Die eine, die alles entscheidende, die allererste Zahl, die erste Einlage hatte ich eben genau nicht gelöscht. Ich hatte gestern nicht die letzte Zahl vom letzten Tag des alten Jahres eingetragen, sondern den Übertrag vom vorherigen Jahr stehen lassen. Aus unerfindlichen Gründen. Und so ging ich beim aktuellen Monatsabschluss von einem falschen Guthaben aus. Dem alten statt dem neuen. Zufällig lag jenes hundertzweiundneunzig Franken höher als das vom ersten Januar dieses Jahres.

Eine falsche Annahme, eine falsche Voraussetzung, eine falsche Basis … und alles verschiebt sich. Alles wird falsch und lässt uns falsche Schlüsse ziehen.

Nachdem ich allen meinen Fauxpas gebeichtet hatte und wir uns über das Fehler-machen-dürfen ausgelassen hatten, meinte mein Scheff: Das wird dir fehlen! Du wirst das Detektivin-spielen-dürfen vermissen, wenn du nicht mehr hier bist. Diese alltäglichen Thrills, Recherchen und Feuerlöscheinsätze …

Du wirst uns vermissen! Nein, genau das sagte er nicht, obwohl er genau das meinte. Und als ich ihm später beibrachte, wie sich ein farbig geschriebener Text schwarz färben lässt, meinte er, er wäre ohne mich längst untergegangen. Was ich ihm in eben diesem Moment irgendwie glaubte und mich ernsthaft fragte, wie es jemand so weit bringen kann, ohne zu wissen, wie sich ein Text umfärben lässt*. Vermutlich nur eine weitere falsche Annahme …

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*Zur Ehrrettung meines Scheffs muss angemerkt werden, dass er normalerweise Texte umfärben kann. Nur heute nicht. Blackout. Kann vorkommen. Falsche Annahme seinerseits, dass er das Icon für Feldfärben statt jenes für Schriftfärben angeklickt hat. Doch über seine weiteren IT-technischen Kenntnisse schweige ich mich hier besser aus.

Erfahrung ist alles

Erfahrung ist alles! Letzten Donnerstag war es, bevor ich in die Pfalz fuhr. Ich tankte gerade, als ich mich auf einmal an mein allererstes Tankerlebnis, meine erste Tankerfahrung – meine Unerfahrung quasi – erinnerte. Wie ich damals den Benzindeckel, den zuletzt mein damaliger Partner festgeschraubt hatte, kaum hatte aufschrauben können. Wie peinlich mir das gewesen war. Und wie unsicher ich mich gefühlt hatte.

Erleben wir etwas zum ersten Mal, signalisiert unser Körper erhöhte Aufmerksamkeit. Er ist alarmbereit und schüttet das eine oder andere Hormon aus, die Schweißdrüsen arbeiten auf Hochtouren. Das Herz klopft kräftiger, der Atem geht stockender oder schneller. Unsicherheit – ob aus Vorfreude oder aus Angst – weckt alle unsere Sinne, macht uns neugierig, macht uns klar. Wir sehen Dinge, denen gegenüber andere längst blind sind, und übersehen Dinge, die im Moment nicht wichtig sind, nicht überlebenswichtig. Kurz: Neues versetzt uns in einen Ausnahmezustand. Novitätssucht – bestimmt längst erforscht … muss ich mal googlen. Erleben wir etwas bereits zum zweiten Mal, gehen wir bereits mutiger voran und beim dritten Mal kommt schon ein bisschen Routine auf. Sicherheit. Erfahrung. Coolness. Wir schauen nicht mehr genau hin. Die vierte Zigarette zündete ich bereits so routiniert an, dass es von außen aussehen musste, als hätte ich schon immer geraucht. Dachte ich als Sechszehnjährige.

Die Erfahrung, wie sich ein Bankomat bedienen lässt, ein Busticketautomat, ein Zahlenschloss, ein Wasserkocher, ein Fahrrad … sie hilft uns, zu leben, uns sicher zu fühlen. Die den Dingen innewohnende Logik erfahren wir, indem wir ausprobieren. Nur so können wir Erfahrung sammeln: Wir brauchen Raum. Und den Mut, etwas noch nicht können und darum ausprobieren zu dürfen. Damit wir irgendwann all das, was wir da und dort wissen, können und erkennen sollten, auch wirklich zu wissen, zu können und zu erkennen vermögen. Und weil lernen spannend ist und Freude macht.

Erfahrung ist alles. Die Basis auch, Neues zu lernen, denn weil ich aus Erfahrung weiß, wie ich Neues anpacken kann, kann ich mich immer wieder mutig auf Neues einlassen. Erfahrung frisst Angst.

Und Erfahrung kann abstumpfen („Ich habe eh schon alles gesehen!“). Erfahrung kann aber auch beleben („Wie schön, was es da noch alles zu entdecken gibt!“). Freund M. sagte mal, er lebe, um Erfahrungen zu sammeln, unter anderem.

Nein, ein Synonym für Weisheit ist Erfahrung dennoch nicht, obwohl Windows zu beiden Wörtern das Wort Erkenntnis als Synonym vorschlägt. Als gemeinsamer Nenner quasi.

Also ist wohl Erkenntnis alles. Fast alles. Ein bisschen. Wenig? Viel? Vielleicht immer genug.