Ausgleich

An jedem Monatsersten zähle ich das Geld in unserer Kasse, vermerke feinsäuberlich alle Ausgaben im Kassenbuch, alle Ein- und Ausgänge im Postkonto-Buch und stelle eine abschließende Kostenrechnung für den vergangenen Monat auf. Ertrag. Aufwand. Alles feinsäuberlich nach zig Konten und sieben Kostenstellen getrennt. Alles feinsäuberlich gezählt und feinsäuberlich geordnet. Und es geht immer auf. Ehrlich! Immer! Darum liebe ich Buchhaltung ja so: sie ist vorhersehbar. 🙂

Außer gestern. So kurz vor dem freien Nachmittag hätte ich gerne gesehen, wie meine kleine doppelte Buchhaltung – einer Schalenwaage  gleich – in der Mitte stehen bleibt, aufgeht. Wie immer. Für einmal blieb mir dieses Glück verwehrt und ein hartnäckiges Minus von hundertzweiundneunzig Franken ließ meine Waagschalen heftig wanken. Es tauchte seltsamerweise sowohl bei der Soll-Haben-Aufstellung als auch in der Kasse auf.

Heute Vormittag zählte ich also erneut das Geld in der Kasse. Ein drittes, ein viertes Mal. Und ich überprüfte die Eingänge, die Ausgänge, die Richtigkeit aller Belege. Rechnete alles mit dem Taschenrechner nach, weil ich Excel misstraute. Ich überprüfte alle automatischen Formeln und überlegte, ob wohl Merkur rückläufig durch die Himmel kurve, aus purer Langeweile, um mich zu narren. Tut er aber beides nicht. Schließlich zweifelte ich ein klein bisschen an meinem Verstand, dann fragte ich bei allen Kolleginnen nach, ob sie mir wirklich alle Belege abgegeben hätten. Ja, sagten alle und überschütteten mich mit Tipps. Und ich suchte, forschte, grübelte, überlegte weiter und weiter …

Irgendwann kam ich auf die Idee, mir die Konsolidierung des letzten Monats anzuschauen. Auf einmal die Erkenntnis: Bei der Eröffnung des neuen Kassenbuches hatte ich – wie immer – das alte File von letztem Jahr geleert und überschrieben. Geleert? Eben nicht! Die eine, die alles entscheidende, die allererste Zahl, die erste Einlage hatte ich eben genau nicht gelöscht. Ich hatte gestern nicht die letzte Zahl vom letzten Tag des alten Jahres eingetragen, sondern den Übertrag vom vorherigen Jahr stehen lassen. Aus unerfindlichen Gründen. Und so ging ich beim aktuellen Monatsabschluss von einem falschen Guthaben aus. Dem alten statt dem neuen. Zufällig lag jenes hundertzweiundneunzig Franken höher als das vom ersten Januar dieses Jahres.

Eine falsche Annahme, eine falsche Voraussetzung, eine falsche Basis … und alles verschiebt sich. Alles wird falsch und lässt uns falsche Schlüsse ziehen.

Nachdem ich allen meinen Fauxpas gebeichtet hatte und wir uns über das Fehler-machen-dürfen ausgelassen hatten, meinte mein Scheff: Das wird dir fehlen! Du wirst das Detektivin-spielen-dürfen vermissen, wenn du nicht mehr hier bist. Diese alltäglichen Thrills, Recherchen und Feuerlöscheinsätze …

Du wirst uns vermissen! Nein, genau das sagte er nicht, obwohl er genau das meinte. Und als ich ihm später beibrachte, wie sich ein farbig geschriebener Text schwarz färben lässt, meinte er, er wäre ohne mich längst untergegangen. Was ich ihm in eben diesem Moment irgendwie glaubte und mich ernsthaft fragte, wie es jemand so weit bringen kann, ohne zu wissen, wie sich ein Text umfärben lässt*. Vermutlich nur eine weitere falsche Annahme …

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*Zur Ehrrettung meines Scheffs muss angemerkt werden, dass er normalerweise Texte umfärben kann. Nur heute nicht. Blackout. Kann vorkommen. Falsche Annahme seinerseits, dass er das Icon für Feldfärben statt jenes für Schriftfärben angeklickt hat. Doch über seine weiteren IT-technischen Kenntnisse schweige ich mich hier besser aus.

Erfahrung ist alles

Erfahrung ist alles! Letzten Donnerstag war es, bevor ich in die Pfalz fuhr. Ich tankte gerade, als ich mich auf einmal an mein allererstes Tankerlebnis, meine erste Tankerfahrung – meine Unerfahrung quasi – erinnerte. Wie ich damals den Benzindeckel, den zuletzt mein damaliger Partner festgeschraubt hatte, kaum hatte aufschrauben können. Wie peinlich mir das gewesen war. Und wie unsicher ich mich gefühlt hatte.

Erleben wir etwas zum ersten Mal, signalisiert unser Körper erhöhte Aufmerksamkeit. Er ist alarmbereit und schüttet das eine oder andere Hormon aus, die Schweißdrüsen arbeiten auf Hochtouren. Das Herz klopft kräftiger, der Atem geht stockender oder schneller. Unsicherheit – ob aus Vorfreude oder aus Angst – weckt alle unsere Sinne, macht uns neugierig, macht uns klar. Wir sehen Dinge, denen gegenüber andere längst blind sind, und übersehen Dinge, die im Moment nicht wichtig sind, nicht überlebenswichtig. Kurz: Neues versetzt uns in einen Ausnahmezustand. Novitätssucht – bestimmt längst erforscht … muss ich mal googlen. Erleben wir etwas bereits zum zweiten Mal, gehen wir bereits mutiger voran und beim dritten Mal kommt schon ein bisschen Routine auf. Sicherheit. Erfahrung. Coolness. Wir schauen nicht mehr genau hin. Die vierte Zigarette zündete ich bereits so routiniert an, dass es von außen aussehen musste, als hätte ich schon immer geraucht. Dachte ich als Sechszehnjährige.

Die Erfahrung, wie sich ein Bankomat bedienen lässt, ein Busticketautomat, ein Zahlenschloss, ein Wasserkocher, ein Fahrrad … sie hilft uns, zu leben, uns sicher zu fühlen. Die den Dingen innewohnende Logik erfahren wir, indem wir ausprobieren. Nur so können wir Erfahrung sammeln: Wir brauchen Raum. Und den Mut, etwas noch nicht können und darum ausprobieren zu dürfen. Damit wir irgendwann all das, was wir da und dort wissen, können und erkennen sollten, auch wirklich zu wissen, zu können und zu erkennen vermögen. Und weil lernen spannend ist und Freude macht.

Erfahrung ist alles. Die Basis auch, Neues zu lernen, denn weil ich aus Erfahrung weiß, wie ich Neues anpacken kann, kann ich mich immer wieder mutig auf Neues einlassen. Erfahrung frisst Angst.

Und Erfahrung kann abstumpfen („Ich habe eh schon alles gesehen!“). Erfahrung kann aber auch beleben („Wie schön, was es da noch alles zu entdecken gibt!“). Freund M. sagte mal, er lebe, um Erfahrungen zu sammeln, unter anderem.

Nein, ein Synonym für Weisheit ist Erfahrung dennoch nicht, obwohl Windows zu beiden Wörtern das Wort Erkenntnis als Synonym vorschlägt. Als gemeinsamer Nenner quasi.

Also ist wohl Erkenntnis alles. Fast alles. Ein bisschen. Wenig? Viel? Vielleicht immer genug.

Am Anfang war …

Das Chaos? Oder doch lieber die Leere?

Bild: Minus zehn Fotoalben. Die Epoche von 1965 bis 2003 hat in einer einzigen Kiste Platz …

Doch dieses eine Büchergestell hat bloß noch elf weitere solche Fächer. Alle davon randvoll mit noch mehr Alben und vor allem mit Büchern (dreireihig hintereinander und zum Teil doppelstöckig). Dass dies nicht das einzige Büchergestell ist, muss ich wohl nicht extra erwähnen … Umziehen ist wirklich nicht so einfach …

Hat da jemand was von Leere gerufen?

manchmal … II

das leben ist
manchmal zum grübeln und manchmal zum stöhnen (seufzen?)
manchmal zum weinen (vor freude? vor trauer?) und manchmal zum schreien (vor schmerz? vor lust?)
manchmal zum flüstern und manchmal zum schreien (vor freude? vor übermut? vor entrüstung?)
manchmal zum schimpfen (zetern?) und manchmal zum (wie übersetze ich bloß gögge ins hochdeutsche? erbrechen? brechreiz haben?)
manchmal zum dran rum fingern und manchmal zum angestrengt arbeiten (gibt’s dafür keine passenderen verben?)
manchmal zum rülpsen und manchmal zum – na, was wohl? – furzen natürlich …
manchmal zum hungern und manchmal zum kotzen
manchmal zum kichern und manchmal zum jauchzen
manchmal zum spinnen und manchmal zum seufzen
manchmal zum tanzen und manchmal zum stolpern
manchmal zum fliegen und manchmal zum kriechen
manchmal zum schmusen und manchmal um genau dort ein klein bisschen weiter zu machen
und manchmal zum stehenbleiben
und manchmal um einige schritte rückwärts zu gehen
und manchmal, ja manchmal, würde ich am liebsten von vorne anfangen

Wie versprochen der Versuch den gestern gebloggten Text ins Deutsche zu übersetzen. Ich habe dabei die Satzstellung aus dem schweizerdeutschen Text beibehalten … Da ich als Eingewanderte nicht wirklich perfekt berndeutsch spreche, wage ich nicht den Text als berndeutsch zu bezeichnen.

Einmal mehr begreifen ich, dass sich eine Sprache nicht eins zu eins übersetzen lässt. Die kraftvollen Schweizer Ausdrücke verlieren unterwegs ihre Melodie. Wörter transportieren eben mehr als nur einen Begriff, sie transportieren Emotion. Außerdem ist der berndeutsche Dialekt unendlich reich an vielschichtigen Wörtern, die, je nach Anwendung, mal so mal so verwendet werden. Nur schon für schreien (ob aus Lust oder aus Frust) gibt es unzählige Varianten. Als ob in Bern besonders viel geschrien würde … und ob ich wohl darum so gerne hier lebe? 🙂

Übrigens: Ein Online-Wörterbuch für Interessierte gibt’s hier (klicken).

manchmal …

s’läbe-n-isch
mängisch zum chnüble u mängisch zum byschte
mängisch zum gränne u mängisch zum bbäägge
mängisch zum köschele u mängisch zum mögge
mängisch zum chiffle u mängisch zum gögge
mängisch zum chafle u mängisch zum chnorze
mängisch zum gorbse u mängisch zum furze
mängisch zum hungere u mängisch zum chotze
mängisch zum giggele u mängisch zum juuchze
mängisch zum schpinne u mängisch zum süüfzge
mängisch zum tanze u mängisch zum schtoggle
mängisch zum flüüge u mängisch zum schnoogge
mängisch zum schmuuse u mängisch zum gnau dert
grad echli wiiterzmache
u mängisch zum bliiebe schtoh
u mängisch zum es paar schritt hinderzi go
u mängisch, ja, mängisch, würdi am liebschte vo vore aafoh …

Übersetzung folgt demnächst in diesem Theater 🙂

Von wichtigen Büchern und andern Geschichten III

(Teil 1 – hier klicken)
(Teil 2 – hier klicken)

Erzähl mir ein Märchen!, sagte das Kind. Ja, es war die Stimme eines Kindes, ohne Zweifel, die unser Märchenbuch in den Ohren gekitzelt und aus dem Dämmerzustand geweckt hatte. Kaum hatte es den Satz gehört, machte sein staubtrockenes Herz einen Sprung. Einen klitzekleinen nur, denn da wo es saß, war es eng. Seine Augen richteten sich nach innen, dorthin, wo die Essenzen der Märchen lebten und blinzelten sie wach. Vibrierend öffneten diese ihre Sinne, die wir uns am besten wie Blütenknospen vorstellen, welche vom Sonnenlicht berührt werden.

Erzähl mir ein Märchen, Onkel Marcel! Biiitteee!, sagte das Kind nun wieder. Hartnäckiger diesmal.

Schritte im Raum. Sie kamen näher. Das Märchenbuch pulsierte. Die anderen Bücher drängten sich in den Vordergrund und boten sich den Händen dar, die über die Buchrücken strichen.

Da muss doch noch mein altes Märchenbuch sein. Irgendwo. Einen Moment. Aha, da! Als das Märchenbuch die Hände seines Menschen an seinem Rücken ziehen fühlte, war alles wieder da. Hellwach. Diese Hände würde es nie vergessen. Der Mann und das Kind, es war ein kleines Mädchen, hatten es sich im Sessel bequem gemacht.

Schau, aus dieses Buch hat mir meine Mama vorgelesen. Deine Oma. Jeden Abend. Das Mädchen klatschte vor Aufregung in die Hände und streichelte über das Bild auf der Vorderseite. Ein Schloss. Bäume. Ein Hirsch im Hintergrund, der seinen Blick auf das Schloss gewandt hat.

Marcel öffnete das Buch. Er blätterte sich von Seite zu Seite, atmete den Duft aus Bücherstaub und Kindheit ein und schien vergessen zu haben, dass seine Nichte auf seinem Schoss saß. Ich werde dieses Buch wieder lesen, dachte er. Wieder und wieder.

Erzähl mir ein Märchen …, bettelte das Mädchen zum dritten Mal. Und Marcel erzählte.

Die zertanzten Füße und das Glück später Züge

Noch ein Intermezzo

Samstagmorgen. Noch ziemlich früh. Nach fünf Stunden wunderbar tiefem Schlaf bin ich erholt erwacht. Schlafen geht nicht mehr. So gut habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Auch der erwartete Muskelkater hält sich in Grenzen.

Genau vor zwei Wochen hatte ich zu meiner Freundin C. gesagt, dass ich mal wieder tanzen gehen möchte. Ich will mal wieder so richtig richtig richtig abtanzen!

Einen oder zwei Tage später erhielt ich die Anfrage für einen Schreibauftrag für meine Zeitschrift. Wenn du willst, kannst du mal wieder tanzen gehen, schrieb Redakteurin E.. Und dann darüber schreiben. Trancetanz. Wie wärs? Zwar musste ich dazu einen Termin verschieben, doch sagte ich nach kurzem Zögern zu. Da wollte ich hin. Über Dinge und Erfahrungen schreiben dürfen, die mir selbst so viel Freude machen, ist schon ein totales Privileg.

Trancetanz? Woran denkst du wohl, wenn du das liest? Ein Wort, das unweigerlich bei allen irgendwelche Bilder hervorruft. Klischees bei den einen, denen Trance, Spiritualität und auch Schamanismus fremd sind, ein Kopfschütteln vielleicht bei andern, ein skeptisches Stirnrunzeln oder auch ein freudiges „Ja, das kenn ich!“ bei anderen. Jenen unter euch, die selbst tanzen oder die joggen oder sonst wie Sport treiben, ist bestimmt jener Zustand bekannt, denn mensch irgendwann erreicht, wenn der Körper Dopamin auszuschütten beginnt. Ihr könntet nun immer weitertanzen, -laufen, -schwimmen. Ich würde mal pragmatisch behaupten, dass dieser chemische Prozess allen Erfahrungen, die eine getanzte Trance auslösen kann, zugrunde liegt. Ohne diese Hormonausschüttung wäre wohl alles andere nicht möglich, das möglich wird, wenn wir trancetanzen … Nein, ich will hier gar nicht erst anfangen zu erklären. Zerreden, was ein Mensch erleben kann, wenn er sich auf den Schlag der Trommel einlässt, will ich nicht. Viele Dinge auf dieser Erde sind nicht in Worte zu packen. Wer kann schon die Seele erklären? Die Liebe? Eben, geht nicht.

Trommel und Trance sind schon seit jeher eng verknüpft miteinander. Die Trommel ist und war in vielen Kultur ein Gefährt in die Trance. Trance meint einen Zustand schlafähnlicher Wachheit. Nein, das greift zu kurz. Eine bewusstseinsöffnende Entspannung? Nein, stimmt auch nicht ganz. Ach. Mir fehlen schon wieder die Wort. Ausprobieren!

Ich war bereits um sieben im Raum am Zürcher Sihlquai, wo das Tanzfest stattfand. So hatte ich Zeit, die sympathische Veranstalterin Luzia und die tolle Live-Percussion-Band somos organicos kennenzulernen. Diese vier jungen Männer durfte ich alsbald beim Einspielen fotografieren. Wunderbarer Rhythmus, der in die Beine geht. Meine Vorfreude wuchs nun erst recht und sie wurde nicht enttäuscht.

Schon bald saßen wir alle im Kreis. Ungefähr fünfundzwanzig Männer und Frauen zwischen zwanzig und sechzig, die sich auf sich selbst, den Rhythmus der Trommel und auf das gemeinsame Erlebnis der getanzten Trance einlassen würden. Mit Ober- und anderen gesungenen Tönen eröffneten wir das meditative Erlebnis, um später, nach einem mantrischen Tanz im Kreis und einer liegenden Meditation, den Innen(t)räumen tanzend Ausdruck zu geben.

Und wie! Anderthalb Stunden haben wir getanzt. Abgetanzt. Pausenlos. Wild. Meist mit geschlossenen Augen. In den Körper hinein horchen, dem Körper gehorchen, die Seelenfenster öffnen, Gedanken kommen und gehen lassen, Sorgen heraus- und abschütteln. Zarte Bewegungen fließen in wilde und werden wieder ruhig. Zuweilen kann ich nur noch wie ein Kind hüpfen und vor Freude jauchzen. Es tut so gut. Und obwohl ich niemanden kenne, fühle ich mich wie zuhause. Ich weiß mich ganz, so umfassend ganz wie sonst nur beim 6. Nein, erleuchtende Erkenntnisse habe ich keine. Auch hebe ich nicht ab. Ich spüre den Boden unter mir. Er trägt mich.

Nach der Schlussrunde entdecke ich ein bekanntes Gesicht. Ein Doppelgänger? Schließlich finden wir den gemeinsamen Nenner über den gemeinsamen Dialekt. Bei A. ging ich eine Weile in die Schwitzhütte. Witzig: Vor nicht mal einer Woche hatte ich zu Freundin M., als wir zusammen in der Alpensauna schwitzten, gesagt, dass ich mal wieder in eine Schwitzhütte wolle. Keine Woche später werde ich schon von A. in seine nächsten Schwitzhütten eingeladen. Wie schnell sich doch Gedanken zuweilen manifestieren! Wir beschließen, den gleichen Zug zu nehmen. Er muss nach Lenzburg und meine Züge fahren da lang. So habe ich noch genügend Zeit, Luzia zu fotografieren und mit dem einen oder der anderen ein paar Worte zu wechseln.

Angeregt mit A. austauschend und noch immer vom Tanzen erhitzt, stelle ich erst nach ein paar Minuten Fußweg Richtung Bahnhof fest, dass ich Mütze und Handschuhe an der Garderobe vergessen habe. Zum Umkehren reicht es nicht, der Zug wird kaum auf uns warten. Doch mein Halstuch wärmt gerne auch Ohren. Ins Gespräch vertieft, verpassen wir Lenzburg beinahe. Nach dem Abschied lasse ich den Abend Revue passieren und verpasse dabei, in Olten auszusteigen. Ich kann mich nachträglich nicht erinnern, dass der Zug nach Aarau überhaupt je angehalten hat. In Olten hätte ich eine Dreiviertelstunde warten müsse. So aber fahre ich einfach Richtung Basel weiter. In Sissach kann ich schließlich aussteigen um eine halbe Stunde später zurück nach Olten zu fahren. Im einzigen noch offenen und geheizten Raum auf dem Bahnhof, einem türkischen Imbiss, läuft Fernsehen, türkisch natürlich. Mangels guter Teeauswahl bestelle ich, um die kalten Hände wärmen zu können und weil ich das mag, eine Tasse Heißwasser-Wasser, wie mein Liebster das nennt. Die freundliche Türkin fragt, ob mit oder ohne Zucker und ich kann nur grinsen. Während ich auf der iFon-Tastatur eine Mail schreibe, spüre ich dem inneren Vibrieren nach, dass Tanz und Trommelsound in mir zurückgelassen haben. Später, im Zug nach Olten, begreife ich grinsend, dass ich für diese Strecke kein Ticket habe. Zum Glück wird nicht kontrolliert.

In Olten, so sagt die Fahrplan-App meines iFons, werde ich eine Stunde auf den nächsten, den letzten Zug nach Bern warten müssen. Das iFon weiß zu diesem Zeitpunkt noch nichts von meinem Glück, dass der vorletzte Zug, der zeitgleich mit dem Eintreffen meines Zuges hätte fahren sollen, noch steht. Jener Zug, den ich gemäß Fahrplan eh genommen hätte. Er muss einen Anschluss abwarten. Ich springe glücklich auf und finde einen Sitzplatz zwischen einem iBook samt Mensch und einem iPad samt anderem Mensch. Auf dem iPhone schreibe ich meine Mail für J. zu Ende und erzähle ihm von meinem Glück.

Die Glückssträhne hält an. In Bern, so sagt besagte App, fahre um 1:15 der Nachtbus auf dem Bahnhofplatz. Ich hatte nach Hause zu spazieren erwogen, doch Bus wäre eine echt geniale Alternative. Allerdings fährt der Zug erst Punkt 1:15 in Bern ein. Was nun? Spurten? Gilt die Meldung, dass die Züge die viertelstündige Verspätung abgewartet hätten, wohl auch für den Nachtbus? Ausprobieren! Ein langer Spurt durch die Halle. Lachend. Mit anderen, die ebenfalls durch die noch immer sehr belebte Halle rennen, bin ich um viertel nach eins nachts in bester Gesellschaft. Die Rolltreppe hoch, über den FußgängerInnenstreifen streifen – trotz roter Ampel. Ja! Da steht er noch, der gelbe Bus. Ein letzter Sprint und … geschafft!

Und eben singt Freddy Mercury von Heaven For Everyone in meine Kopfhörer. Ja … heute Nacht ist wohl alles möglich.

Intermezzo II

Genießen, was ist. Einfach so. Das kleine
Holzscheit, das das Feuer
nährt. Das sündhaft
teure Teppichstück vom Sperr-
müll, das dem eisigkalten
Fußboden in der Werkstatt
die kalte Spitze bricht. Das
schöne Bild an der
Wand, das die Augen weiden lässt und
die neuen Socken (auch
wenn sie ein bisschen zu groß sind), die
die kalten Füße wärmen. Dankbarkeit ist
der kleine Stein, der am Boden liegt und
sagt: Heb mich auf, und dir erst in
deiner Hand seine wahre
Gestalt offenbart. Und die
Orchidee, die nicht duften kann. Es
genügt ihr,
schön zu sein.

 

Für J.