Gegenvorschlag

Von Franz Hohler

AusländerInnenrecht

(erschienen im Tagesanzeiger vom 1.11.10)

Die Bundesverfassung wird wie folgt geändert:
Art. 121 Abs. 3–5 (neu)

I

3 Im Wissen darum, dass ohne sie

a. weder Häuser, Strassen noch Tunnels gebaut würden,

b. weder Spitäler, Alters- und Pflegeheime, Hotels und Restaurants betrieben würden,

c. weder Abfall, Reinigung, Verkehr und Informatik bewältigt würden, bedankt sich die Schweizerische Eidgenossenschaft bei allen Ausländerinnen und Ausländern, die hier arbeiten. Sie gibt ihrer Freude darüber Ausdruck, dass sie mit ihrer Tätigkeit das Leben in unserem Lande ermöglichen, und heisst sie als Teilnehmer dieses Lebens willkommen.

4 Sie hofft, dass es ihnen gelingt, sich mit den hiesigen Gebräuchen vertraut zu machen, ohne dass sie ihre Herkunft verleugnen müssen.

5 Sollten sie straffällig werden, unterliegen sie denselben gesetzlichen Bestimmungen wie die Schweizer Bürgerinnen und Bürger.

II

Übergangsbestimmungen: Dieser Gegenvorschlag bedarf nicht der Volksabstimmung. Er tritt für jedermann vom Moment an in Kraft, da er dessen Richtigkeit erkannt hat.

Quelle: Tagesanzeiger. Bild ist eingestellt im öffentlicher Bereich von Facebook (hier klicken), wo für eine Aktion geworben wird, die die Ausschaffungsinitiative kreativ bekämpfen will. Zur Aktion bitte hier klicken.

Punkt

Kaum erwacht mein Laptop – den ich  mit dem Vorsatz, eine Idee, die sich auf einem Notizzettel niedergelassen hat, in Worte zu fassen, wachgedrückt habe – aus dem Tiefschlaf, werde ich von allen Seiten abgelenkt. Bunte Icons ringen um meine Aufmerksamkeit. Zu gut wissen sie um meine Ablenkbarkeit. Soll ich nun doch zuerst Mails lesen oder vorher noch schnell meine Lieblingsblogs besuchen? Mausklick hier, Mausklick da. Oh, K. hat geschrieben, obwohl ich ihr doch noch eine Antwort schuldig bin. Und S. sollte ich antworten. Wegen der Geburtstagsüberraschung für M. Spätestens morgen. Hach, und was soll ich bloß C. schreiben? Mit Worten Mut machen fordert mich jedes Mal heraus. Aber nein, halt, ich will doch jetzt nicht Mails schreiben. Bloggen will ich. Und ich erinnere mich, wie ich heute Morgen großkotzig Kollegin A. erzählt habe, dass ich im Grunde doch eine recht disziplinierte Person sei (na ja, verglichen mit wem auch immer, wohl sehr; aber verglichen mit wem auch immer, überhaupt nicht).

So. Und darum blogge ich jetzt. Diese Zeilen hier, denn ein Bild spaziert seit Stunden im Dunkel meiner unerleuchteten Hirnwindungen und ich versuche es einzukreisen und in Worte zu fassen.

Sieh den Faden, das Netz. Nein, halt, fangen wir von vorne an: Denke einen Satz, doch nicht bloß denken: fühle ihn. Dann sieh zu, wie er Faden wird. Denke zum Beispiel: Wenn es doch bloß schon morgen wäre und mein/e Liebste/r bei mir. Der Faden fängt bei dir an und windet sich irgendwo fünf Meter über der Erde in Luftgeschwindigkeit zu ihm/r, dem/r Liebsten. Weil er ein Sehnsuchtsgedanke ist, ist er grün. Und weil er ein Sehnsuchtsgedanke ist, hat er eine Art Zugkraft. Von dir aus gehend. Nenn es Energie. Ich nenne es, um hier im Bild zu bleiben, das ich mir auf den Notizzettel gekritzelt habe, ich nenne es Faden.

Und jetzt kommt es bunt. Alle Gedanken, die ich denke plus alle Gedanken, die du denkst plus deine da draußen – und deine und deine auch –, seien, ein wirres, buntes Netz. Erlauben wir nun allen Fäden die ihnen eigenen Farbe und Zugkraft. Antagonistische Fäden in großer Zahl mit eingeschlossen.

So weit so gut. Doch nun wird es erst richtig spannend: Fast jeder Gedanke wird nämlich aus einer Art Mangel geboren. Fast jeder steht im Zusammenhang mit etwas, das wir tun sollten um einen ihm zu Grunde liegenden Mangel zu kompensieren. Konjunktiv und Futur. Pflichten denken wir, Unerledigtes, Erwartungen und Erhofftes. Dazu Erinnerungen, doch auch sie bewegen sich oft im Dunstkreis von Sehnsucht und Mangel.

Stell dir bitte das beschriebene Netz vor. Wie es ist, wie es sich bewegt. Zugkraft sei Bewegung. Das Netz wackelt ganz schön. Es vibriert. Und weißt du auch wieso? Weil jeder einzelne Faden, weil das ganze große Netz, das alle und alles verbindet, nach Ausgleich schreien. Nach Harmonie, um es vereinfacht zu sagen. Nicht zu verwechseln mit „Heile Welt“.

Ich meine den Punkt. Die Mitte. Die Null. Alles sei Null, heißt es in einem meiner Lipogramme, die ich früher mal gebloggt habe.

So stelle ich mir das Ende manchmal vor. Meins. Und deins auch. Alle Enden: Punkte. Viele Worte, viele Gedanken, viele Handlungen, viel Lachen und viel Leben … und dann ein Punkt.

Wettbewerb

Da war dieser Artikel, neulich, in der wöchentlich erscheinenden Konsumentenzeitung, die das Große M herausgibt. Nein, kein Artikel wars, sondern der Aufruf zu einem kreativen Wettbewerb. Einem weiteren kreativen Wettbewerb. Einem von den vielen, die es neuerdings überall gibt. Musikalische oder andere Projekte sind gefragt. Es lebe die Kunst. Fotowettbewerbe, Schreibwettbewerbe … Der Individualität und Phantasie sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.

Bring deins! Und weiter geht’s nach dem Motto, wer sich am besten selbst darstellen UND am meisten Stimmen fischen kann. Das Publikum soll entscheiden, wer gewinnt. Wir. Die Macht der Basis. Wer‘s glaubt. Ich bezweifle, dass der oder die beste gewinnt, denn letztlich geht es vor allem darum, wer am meisten Fans sammeln kann. Wer sich am besten verkaufen kann. Wie im richtigen Leben. Was sage ich da? Wie? Das IST das richtige Leben!

Und wir sind alle nett zueinander und klopfen uns auf die Schultern. Solange zumindest bis wir uns gegen eine Konkurrenz behaupten sollen. Immer und überall. Selektion. Auslese. Autsch. In der Wochenzeitung des Großverteilers mit den vier orangen Buchstaben war heute von einem Kindercasting für ein Musical die Rede. Hach, diese hübschen Mädchen aber auch! Nicht größer als einsvierzig dürfen sie sein. Und singen müssen sie können. Und das taten sie. Mit großen Hoffnungen. Vor der Jury und vor laufenden Kameras. Wie sie sich wohl fühlten? Voller Träume. Große Träume, rosa Träume. Träume von Ruhm und Ehre, von Anerkennung … tja.

Selbstdarstellung – dein Name ist Illusion.

Ich sei bloß frustriert, weil ich selbst keine sehr gute Selbstdarstellerin sei? Nein, glaube ich nicht, denn ich will ja auch keine gute Selbstdarstellerin sein. (Notiz an mich: Falle ich bloß nur immer wieder in die Falle der Selbstverars..ung?)

Schnitt.

Nun treffen täglich neue Bewerbungen ein. Meine Stelle ist zu haben. Und sie scheint begehrt zu sein. Ebenfalls täglich erhalte ich Mails und Anrufe von Kolleginnen und Kollegen, die meine Kündigung für Ende März sehr bedauern. Ein schöner Verlust, meinte Kollege A.. Dennoch beglückwünschen mich alle zum Mut zum neuen Schritt und wünschen alles Gute (nein, mehr verrate ich hier noch nicht).

Mein Scheff leidet und betont bei jeder unpassenden Gelegenheit, dass ich unersetzlich sei. Und wie! Und dass die Neue bestimmt nicht … so wie ich … Nein, das wird sie nicht. Sage ich. So nicht, aber anders, anders gut. Sage ich ebenfalls. Keine wird mich so gut verstehen, sagt er, so gut wie du. Ich grinse. Männer!, denke ich.

Ooops, also doch. Selbstdarstellerin, ich, was zu beweisen war.

Dabei wollte ich doch bloß von diesem Wettbewerb in der Konsumentenzeitung vom Großen M erzählen. Da sollen nämlich wir weichgekochten Konsumenten (Frauen vermutlich auch mit gemeint, wie ich mal annehme) ein neues Produkt erfinden. Cleverer Trick, echt clever. Hut ab vor diesen Werbefuzzis. Da dürfen wir alle also neue Bedürfnisse erfinden! Jippie, was für eine Ehre! Und wir dürfen auch gleich noch das Produkt dazu erfinden, um den neugeschaffenen Hunger zu stillen. Einen Hunger, notabene, der noch nie da war. Clever, wirklich, die Typen. Und die Erde dreht sich doch.

Konsumenten (Frauen wohl auch mit gemeint), rufen sie, wenn ihr wacker weiterkonsumiert, dreht sie sich immer schön weiter (und wir merken dabei gar nicht, dass wir alle vor die Hunde gehen).

Wer hat da „Wir wollen ja bloß deine Seele!“ geflüstert?

Tja, da möchte ich doch glatt ein tolles Produkt erfinden, dass es noch nicht gibt. Ein Serum, das uns hilft, wirklich zu leben, wahre Emotionen und Bedürfnisse zu fühlen, klare Gedanken zu denken und sich selbst treu zu sein. Genau. Doch die Zutaten dazu gibt weder im Großen M noch im orangen Vierbuchstaben. Unbezahlbar sind sie. Und ganz und gar kostenlos …

Wie haben Sie denn die geschenkte Stunde verbracht?

Nörgler: … mir schenkt doch nie jemand was!

Penner: Stunde? Geschenkt? Öhm, mus ich verpennt haben …

Tussi: Oh, Sie stellen aber persönliche Fragen!

Macho: Na, das ist doch wohl klar!

Uhrensammler: Sie Witzbold. Ich bin noch immer mit Uhren umstellen beschäftigt. (*)

Kommissar: Sie haben das Problem erkannt! In dieser Stunde passieren weltweit doppelt so viele Morde wie sonst…

Jakobswegpilger: Ich versuchte zu pennen, natürlich. Aber mit Rucksack am Rücken gar nicht mal so einfach. Muss ich noch üben.

(… unter Kommentare dürft ihr gerne weiterspinnen …)

_____________________________________

(*) = Gastbeitrag von Irgendlink

Wir alle haben die Wahl

Ihr erinnert euch bestmmt alle an die Minarettinitiative und an das peinliche Signal, das wir damals nicht nur nach innen, sondern auch nach außen gesetzt haben, wir stimmberechtigten Schweizer und Schweizerinnen.

Bald haben wir die Gelegenheit, ein neues, anderes Signal zu setzen und Gegensteuer zu geben.

Die SVP will uns mit allen Mitteln der „Illusionskunst“ neue falsche Feindbilder einimpfen, die leider oft durch ihre Wort- und Bildsprache nicht hinterfragt werden: Ausländer sind alle kriminell, heißt das lauteste.

Als Angestellte eines Hilfswerks weiß ich, dass dieses Bild einseitig ist. Lassen wir uns also bitte nicht Sand in die Augen streuen! Tatsache ist, dass das gängige Gesetz bereits restriktiv genug ist!

Sogar im Gästebuch von Patent Ochsner werden Fragen zur Abstimmung diskutiert. Büne nimmt dazu in seiner gewohnt poetischen Sprache wie folgt Stellung:

LIEBE FREUNDE

DIE STATISTIKER HABEN ES UNS IN DEN LETZTEN TAGEN DEUTLICH UNTER DIE NASE GERIEBEN. WÜRDE HEUTE ÜBER DIE VON DER SVP LANCIERTE AUSSCHAFFUNGSINITIATIVE ABGESTIMMT, WÜRDE SIE ERSCHRECKEND DEUTLICH ANGENOMMEN. DASSELBE GILT AUCH FÜR DEN GEGENVORSCHLAGT.

LASSET MICH RUFEN MIT DER GANZEN KRAFT MEINER LUNGEN INS HELVETISCHE VATERLAND:

„GEHET HIN, IHR DIE DA REINEN HERZENS SEID, UND WERFET EIN IN DIE URNEN EURE STIMMZETTEL MIT ZWEIFACHEM NEIN!!! DENN WIR WOLLEN NICHT SEIN EIN LAND VON INTOLERANTEN, RASSISTISCHEN UND UNFLÄTIGEN SCHOFSECKEL. ÜBERLASSET NICHT DAS FELD DEN DUMPFBACKEN UND DEN ANGSTHASEN, DIE DA SEICHEN IN IHRE KUTTEN VOR LAUTER HERRJESSES.“

BITTE!

Quelle: http://www.patentochsner.ch/gaestebuch.php

Weitsichtig

Endlich kann ich wieder halbwegs normal gehen. Die Verstauchung meines linken Fußes ist dank Kohlwickel, Schonung und Stützverband nun fast verheilt und so hält mich nichts mehr drin. Zumal das Wetter heute Nachmittag schlicht genial war. Joggen geht zwar noch nicht, doch ein ausgiebiger Spaziergang zum Stern auf dem Könizberg ist schon mal ein guter Anfang.

Per EveryTrail könnt ihr auch gleich ein bisschen Sonne tanken … (hier klicken…)

Bild 1: Mit der Pro HDR-App aufgenommen, die das Bild ausgewogen zu belichten versteht.

Bild 2: Mit der Pro HDR fotografiert und mit AutoStich zu einem Pano montiert.

Von Schattenrissen und Dämonen

(Da war diese Klammer am Anfang des Textes. Was drin stand hatte ich vergessen). Mit diesem Satz bin ich heute erwacht und schrieb ihn sofort auf. Vielleicht ist es der Anfang einer neuen Geschichte.

Schnitt.

Am letzten Wochenende bei Irgendlink habe ich in meinem Notizbuch gekritzelt: Wie schnell wir uns doch an neues gewöhnen. Vor einem Jahr stand hier noch der alte, nun steht da der moderne Holzofen, Etna genannt, und weder J. und ich können uns erinnern, wie es vorher war. Höchstens ein bisschen noch, aber nur theoretisch. Neues schiebt sich so schnell in unseren Alltag. Neues wird sofort normal. Wir sind unglaublich mutationsbegabt.

Schnitt.

Heute Morgen, noch im Bett, las ich im Krimi „Eine ganz andere Geschichte“ von Hakan Nesser, den ich eigentlich schon mal gelesen, nun von einer Kollegin ausgeliehen und erst beim Lesen wiedererkannt hatte. Ich lese das Buch stellenweise quer, dennoch will ich nochmals durch die Story gehen, weil ich mich nicht mehr an die Lösung erinnere. Und weil mich der Fall fasziniert. Und weil ich Nesser gerne lese. Auch mag ich den Barbarotti und wie seine Liebe zu Marianne, diese reine und beide verwirrende Emotion, beschrieben wird. Mein Scheff fand das Buch „na ja“. Ich habe es schon beim ersten Mal verschlungen, doch leider vergessen, wie der Fall gelöst wurde. Ob ich wohl zu viel lese?

Ich zitiere Kommissar Barbarotti: Den Feind zu dämonisieren gehört zu den üblichsten, den allerbilligsten Fehlern. Das war der Bodensatz jedes Rassismus, jeder Fremdenfeindlichkeit. (S. 149, TB-Ausgabe)

Schnitt.

Gestern habe ich eine spezielle App aufs iFöun geladen, eine App, die das Bild automatisch richtig belichtet. Funktionieren tut das so: der in die App integrierte Fotoapparat misst zuerst, manuell oder automatisch, den dunkelsten und den hellsten Punkt auf dem geplanten Sujet. Danach nimmt er kurz nacheinander zwei Bilder auf. Die werden miteinander verglichen und kurz darauf wird mir ein Bild mit den mittleren Werten angezeigt, das ich sogar noch nachbearbeiten kann. Über die Gegensätze, über die Extreme finden wir in die Mitte, zum Gleichgewicht.

Als ich das meiner Freundin K. in einer Mail erzählte, da mich das Prinzip fasziniert, schrieb sie zurück: So wird nun nicht nur die Technik von uns entwickelt, nein wir lernen auch von der Technik. Also immer zwei Bilder machen, das Schönste und das Schlimmste, und dann in der Mitte leben. Weise Frau, meine liebe Freundin K..

Ob Freund oder Feind, hell oder dunkel, alt oder neu, ungewohnt oder vertraut: Erst Schatten und Licht zusammen machen ein Bild – und das Leben – dreidimensional und lebendig. Alte FotografInnen-Weisheit …

Schöne Aussichten

Bild 1: Letzten Sonntagabend beim Geocachen die Aussicht genossen.

Zur Technik: Mit der Panorama-App AutoStich aus zwei Bildern eins gemacht. Tolle Software! AppStore sei Dank! 🙂

Bild 2: Mit PS Express-App nachbearbeitet

Wer genau hinschaut, sieht den Ewigen Birnbaum. Mitten in der Bauminsel rechts (im Hintergrund, am Horizont) liegt das Einsame Gehöft, seines Zeichens Zuhause meines Liebsten 🙂

EDIT: Eben habe ich einige auf dem iPhone gefundene Bilder mit AutoStich bearbeitet und so ein paar witzige Panos gebaut. Seht selber auf meiner Galerie.

Noch ein EDIT: FreundInnen des Ewigen Birnbaums von und zu Zweibrücken müssen unbedingt hier klicken!