Punkt

Kaum erwacht mein Laptop – den ich  mit dem Vorsatz, eine Idee, die sich auf einem Notizzettel niedergelassen hat, in Worte zu fassen, wachgedrückt habe – aus dem Tiefschlaf, werde ich von allen Seiten abgelenkt. Bunte Icons ringen um meine Aufmerksamkeit. Zu gut wissen sie um meine Ablenkbarkeit. Soll ich nun doch zuerst Mails lesen oder vorher noch schnell meine Lieblingsblogs besuchen? Mausklick hier, Mausklick da. Oh, K. hat geschrieben, obwohl ich ihr doch noch eine Antwort schuldig bin. Und S. sollte ich antworten. Wegen der Geburtstagsüberraschung für M. Spätestens morgen. Hach, und was soll ich bloß C. schreiben? Mit Worten Mut machen fordert mich jedes Mal heraus. Aber nein, halt, ich will doch jetzt nicht Mails schreiben. Bloggen will ich. Und ich erinnere mich, wie ich heute Morgen großkotzig Kollegin A. erzählt habe, dass ich im Grunde doch eine recht disziplinierte Person sei (na ja, verglichen mit wem auch immer, wohl sehr; aber verglichen mit wem auch immer, überhaupt nicht).

So. Und darum blogge ich jetzt. Diese Zeilen hier, denn ein Bild spaziert seit Stunden im Dunkel meiner unerleuchteten Hirnwindungen und ich versuche es einzukreisen und in Worte zu fassen.

Sieh den Faden, das Netz. Nein, halt, fangen wir von vorne an: Denke einen Satz, doch nicht bloß denken: fühle ihn. Dann sieh zu, wie er Faden wird. Denke zum Beispiel: Wenn es doch bloß schon morgen wäre und mein/e Liebste/r bei mir. Der Faden fängt bei dir an und windet sich irgendwo fünf Meter über der Erde in Luftgeschwindigkeit zu ihm/r, dem/r Liebsten. Weil er ein Sehnsuchtsgedanke ist, ist er grün. Und weil er ein Sehnsuchtsgedanke ist, hat er eine Art Zugkraft. Von dir aus gehend. Nenn es Energie. Ich nenne es, um hier im Bild zu bleiben, das ich mir auf den Notizzettel gekritzelt habe, ich nenne es Faden.

Und jetzt kommt es bunt. Alle Gedanken, die ich denke plus alle Gedanken, die du denkst plus deine da draußen – und deine und deine auch –, seien, ein wirres, buntes Netz. Erlauben wir nun allen Fäden die ihnen eigenen Farbe und Zugkraft. Antagonistische Fäden in großer Zahl mit eingeschlossen.

So weit so gut. Doch nun wird es erst richtig spannend: Fast jeder Gedanke wird nämlich aus einer Art Mangel geboren. Fast jeder steht im Zusammenhang mit etwas, das wir tun sollten um einen ihm zu Grunde liegenden Mangel zu kompensieren. Konjunktiv und Futur. Pflichten denken wir, Unerledigtes, Erwartungen und Erhofftes. Dazu Erinnerungen, doch auch sie bewegen sich oft im Dunstkreis von Sehnsucht und Mangel.

Stell dir bitte das beschriebene Netz vor. Wie es ist, wie es sich bewegt. Zugkraft sei Bewegung. Das Netz wackelt ganz schön. Es vibriert. Und weißt du auch wieso? Weil jeder einzelne Faden, weil das ganze große Netz, das alle und alles verbindet, nach Ausgleich schreien. Nach Harmonie, um es vereinfacht zu sagen. Nicht zu verwechseln mit „Heile Welt“.

Ich meine den Punkt. Die Mitte. Die Null. Alles sei Null, heißt es in einem meiner Lipogramme, die ich früher mal gebloggt habe.

So stelle ich mir das Ende manchmal vor. Meins. Und deins auch. Alle Enden: Punkte. Viele Worte, viele Gedanken, viele Handlungen, viel Lachen und viel Leben … und dann ein Punkt.

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